Direkt zum Hauptbereich

Haider (Vishal Bhardwaj, Indien 2014)


Es sind diese schönen Schneebilder, eigentlich auch sehr stürmisch sind sie, die den Film gegen Ende immer noch entrückter, dunkler und beglückender werden lassen. Das Finale dann auf einem Friedhof zwischen Grabsteinen, beinahe wie in einem Italo-Western: überall liegen die Leichen herum, Blut im Schnee. Deckung hinter den Grabsteinen. Angefangen hatte alles viel früher, als die Sonne noch schien - und bevor sich Haider im Wahnsinn verlor (den er nur vorspielt, vielleicht, die Verzweiflung ist aber echt) um seinen Vater zu rächen. Hier in dieser indischen Shakespeare-Adaption ein Arzt, der dem Rebellenkämpfer einer Separatistengruppe eine lebensnotwendige Operation angedeihen lässt, obwohl er sich selbst und seine Familie damit kompromittiert. Und just an diesem Tag fällt die indische Armee ein, in diesem kleinen Dorf in Kaschmir, um es zu durchforsten. Es ist Mitte der 90er, der Höhepunkt des Kaschmir-Konflikts zwischen Indien und Pakistan, der auf dem Rücken der Zivil-Bevölkerung ausgetragen wird. Haider, der Sohn, Student und Dichter, kehrt nach Hause zurück, da nun auch sein Vater zu den verschwundenen Zivilisten gehört. Seine Mutter hat beim nach Macht strebenden Onkel allzu schnell Unterschlupf gefunden, aber das eigene Haus liegt auch in Trümmern. Haider stolpert durch die Ruine, sinnbildlich durch die Überreste seiner Familie.

Shakespeares's Hamlet wurde von Vishal Barwaj und Basharat Peer, einem Journalisten aus Kaschmir, zu einem zeitgenössisch-historischen crime drama geformt, das seinesgleichen sucht. Es ist schon die dritte Adaption von Bardwaj, nach MAQBOOL (Macbeth) UND OMKARA (Othello). Und es ist ein großartiger Film. Hochspannend, toll gefilmt, großartige Musik und mitreißend gespielt. Dabei ist der sehr zurückhaltend agierende Hamlet, Shahid Kapoor, noch nicht einmal die Trumpfkarte. Viel eher noch seine Mutter Ghazala (Gertrud), gespielt von der sagenhaften Tabu, und der aus dem Gefängnis zurückkehrende Geist seines Vaters, hier als weltliche Person manifest, dabei aber dennoch ein teuflischer Einflüsterer und in einem ausgedehnten Cameo: Irrfan Khan als Roohdaar. Die beiden dominieren jede Szene - wenn das nicht sowieso die Action, die Landschaft, oder die Dialoge bereits tun. HAIDER entwickelt sich dann mit laufender Spielzeit immer mehr zu einem Vewirrspiel um Macht, Schuld und Rache, bei dem zwangsläufig früher oder später einige Figuren auf der Strecke bleiben müssen.

Eindrucksvoll dann auch die berühmte Theater-im-Theater-Szene, in der Haider/Hamlet bei der Hochzeit des Onkels mit der Mutter die Intrige dem Publikum als Theaterszene - hier als Song- und Tanznummer (Bismil) - vorführt. Der Familienkonflikt, das Herzstück des Films, in einen schrägen Song mit ungewöhnlichem Rhythmus verpackt, draußen im Schnee, in einer Ruine, aufgeführt mit einer zweigesichtigen Riesenpuppe. Diese soll das wahre Gesicht der teuflischen Verschwörung veranschaulichen und beschuldigt Claudius/Khurram Meer, den eigenen Bruder beiseite geschafft zu haben. Auf die volle Spielfilmlänge von 2.40 Stunden gesehen hat HAIDER dann doch mit ein paar wenigen Unebenheiten zu kämpfen, worauf die recht frühe Intervals-Pause nach bereits einer Stunde hinweist (allerdings ist hier die Welt ja auch aus den Fugen geraten). Im zweiten Teil dann mehr Dialog- und Musikszenen, mehr Charakterentwicklung. Im ersten wird dankenswerterweise recht viel Zeit auf die Erklärung der politische Lage veranschlagt, mit der vielleicht nicht jeder Zuschauer so vertraut ist. Eine sehr gelungene Adaption, wie ich finde, die mit einem stärkeren Hamlet womöglich ein echtes Meisterwerk geworden wäre. Dennoch ein völlig großartiger Film.

Michael Schleeh

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Solang ich lebe / Jab Tak Hai Jaan (Yash Chopra, Indien 2012)

Der stille Eigenbrötler Samar (Shah Rukh Khan) arbeitet für das indische Militär als Bombenentschärfer, wo er sich einen legendären Ruf als "Mann, der nicht sterben kann" erworben hat. Im Gegensatz zu seinen Kollegen trägt er bei seinen Einsätzen nämlich keinen der dicken, unförmigen Schutzanzüge und Gesichtsmasken, sondern geht mit bloßen Händen und im Grünzeug an die Sache ran. Weshalb nun der schöne Unzugängliche so rücksictslos mit seinem Leben spielt, diese Geschichte erzählt JAB TAK HAI JAAN.
Es ist freilich die Geschichte einer unerfüllten Liebe, die hinter seinem persönlichen Unglück steht. Die eines Schwurs im Geiste der Religion, die seine Geliebte von ihm fernhält. In einem Rückblick blättert der Film die Geschichte der beiden ungleichen Liebenden auf: in London soll die schöne Meera (Katrina Kaif), Erbin eines Supermarkt-Tycoons (Anupam Kher), an einen erfolgreichen Karrieremenschen verheiratet werden. Da sie der Augapfel des Vaters ist, wagt sie nicht zu widers…

The Handmaiden / Die Taschendiebin (Park Chan-wook, Südkorea 2016)

Das ungute Gefühl, vom Regisseur an der Nase herum geführt zu werden, das kann man bei Filmen mit Twists sehr schnell bekommen. Wenn sich nun einer, der dafür bekannt ist, jeden Millimeter seiner filmischen Erzählung genau zu vermessen wie eine architektonische Zeichnung, dann wundert es nicht, dass sich dieser Mann einen Roman wie Sarah Waters' The Handmaiden zur Vorlage seines neuesten Filmes nimmt. Der Roman, der im viktorianischen London des 19. Jahrhunderts spielt (und dann auf einem Landgut draußen im Themsetal) wird von Park ins Korea des 20. Jahrhunderts versetzt, in eine Zeit in den 30ern, in der die japanischen Truppen sich im Land breit gemacht haben. Offensichtlichste Referenz ist das Gebäude, in dem The Handmaiden dann erstmal die erste Filmhälfte über spielt. Das Haupthaus ist ein westliches Herrschaftsgebäude, das durchaus auch in Europa stehen könnte oder in den Hammer Studios, die Anbauten aber sind koreanischer und japanischer Art. Besonders auffällig wird das …

The Ebb of Forgetting (Liryc Dela Cruz, Philippinen 2016)

Liryc de la Cruz is a young filmmaker from Mindanao, the Philippines, and was an assistant to Lav Diaz a couple of times (e.g. duringNorte, the End of History)."Like walking through an endless dream"is a line that preludes the opening scene and what follows is the meanderings of a woman through woods and brushland, until she finally arrives at some kind of seashore - in search of another person which might exist only in her own troubled mind. You can obviously see and feel the influence of Lav Diaz in the imagery and the pictures of the first half of this 17 minute short film. So, this starts like a tribute to him, a continuation maybe that might give the filmmaker its own place in cinematic history. 
It definitely is film about remembrance aswell, which is more obvious in the second half. It is very open in its structure and towards a possible meaning. I guess, you could read some political meaning into it, too, as the Philippines have got a heavily burdenend history of po…