Direkt zum Hauptbereich

Megane / Brillen / Glasses (Naoko Ogigami, Japan 2007)


Als eine junge, gestresste Professorin ihren Frühjahrsurlaub auf einer kleinen Insel zu verbringen gedenkt, ist sie bei Ankunft in ihrer Ferienpension überrascht: außer ihr gibt es keine anderen Gäste in dieser Idylle. Die Frage nach dem warum, klärt sich schnell: es gibt hier absolut nichts zu tun. Die Menschen verbringen ihre Zeit mit Morgengymnastik am Strand, gutem Essen und ansonsten mit ausgiebigem Dahindämmern. Also etwa stundenlang auf das Meer zu schauen, zu angeln (obwohl an dieser Stelle noch nie ein Fisch angebissen hat), und faszinierend lecker aussehendes, geraspeltes Eis zu essen. Die Dame ist verzweifelt, will sie ihren Urlaub doch auch "nutzen" - und außerdem rückt ihr, der Sozialphobikerin, der Familienanschluß zu sehr auf den Pelz.

Regisseurin Ogigami fragt mit diesem sehr ruhigen Film wie nebenbei danach, was man vom Leben erwartet, mit was man zufrieden ist, wo man seinen Platz in der Gesellschaft findet. Da ähnelt MEGANE sehr dem Vorgänger KAMOME SHOKUDO, in der die Protagonistin als Exilantin ein kleines Lokal in Finnland aufgemacht hatte. MEGANE ist jedoch noch etwas ruhiger, dabei betörend stilsicher und vor allem in seinem lakonischen Humor unglaublich charmant. Nicht nur wachsen einem die Charaktere ans Herz, die langen Einstellungen und minimalen Kamerabewegungen verdeutlichen dem Zuschauer auch auf formaler Ebene die Gemächlichkeit der Ereignisse, welche so erst den Blick frei machen für die Schönheit der alltäglichen Dinge.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Und dann friert die Pfütze zu: Liebe am Papierrand (Yoko Ogawa, 1991/2005)

Abgesehen vom obligatorisch esoterischen Asien-Coverbild auf dem Buchdeckel, das die Erwartungshaltung in eine völlig falsche Richtung lenkt, ist dieses Buch, eine Kranken- und Liebesgeschichte einer Frau zu einem mysteriösen Stenographen mit schönen Händen, vor allem aber eines für Ohrenfetischisten. Laut Wikipedia war dieses der erste große, erfolgreiche Roman der Autorin und vielleicht ja auch eine Hommage an Murakami Haruki, dessen Ohren-Obsession hinlänglich bekannt ist. Es hagelte jedenfalls Literaturpreise in Japan.
 Es ist ein leises Buch, noch viel leiser als die Eulersche Formel, und ein präzises in der Beobachtung des Alltäglichen. Die Figuren sind noch behutsamer und rücksichtsvoller gegen sich selbst und die Umwelt. Hier wird viel in Erinnerungen geschwelgt und in Gefühlszuständen, die nur mit ständig eingeschaltetem Seismographen wahrgenommen werden können. So ziemlich das Gegenteil von einem Ryu Murakami-Roman, aber keinesfalls besser. Und dann fällt Schnee, oder es l…

Afterlife / Wandâfuru raifu (Hirokazu Kore-eda, Japan 1998)

Angekommen in einem nüchternen Zwischenreich, müssen zehn Verstorbene den schönsten Moment ihres Leben auswählen, um mit dieser Erinnerung anschließend ins Jenseits einzugehen.

Kore-eda ist ein Regisseur der vom Dokumentarfilm kommt. Das sieht man ihm auch bei seinen filmischen Mitteln im feature film an. Die Kreation irrwitziger Filmwelten ist nicht sein Ding. Stets führt die ruhige Kamera in langen Einstellungen "reales" Leben vor, das sich nicht den Gesetzen des Entertainments unterwirft. Lange Einstellungen, Stille, Respekt vor den Menschen, dem kleinen Moment des Besonderen.
Seine Mittel der Authentizitätserzeugung wählt er gründlich: neben den bereits erwähnten technisch-strukturellen Komponenten ist es auch die Wahl der Schauspieler und Laiendarsteller, für die er sich enorm viel Zeit genommen hatte. So werden die Toten (etwa 10 Personen) allesamt von Laien dargestellt, die Kore-eda nach 500 geführten Interviews ausgewählt hatte. Zudem waren nur die Dialoge der profe…

Violent Virgin aka Gewalt! Gewalt: shojo geba-geba (Kôji Wakamatsu, Japan 1969)

Ein verstörender Film: die beiden Protagonisten, ein Mann namens Hoshi (gespielt von Toshiyuki Tanigawa) und eine Frau (Hanako, gespielt von Eri Ashikawa - doch die Namen spielen wieder mal eigentlich keine Rolle) mit Sack über dem Kopf, werden offensichtlich von einer Gruppe sadistischer Yakuza und ihren kreischenden Gespielinnen entführt. Man gelangt über holprige Wege in eine Einöde, wo die Frau nach einigen Misshandlungen an ein großes Holzkreuz gefesselt wird. Blut läuft ihr über die Brust, sie ist beinahe nackt. Der Mann wird auf verschiedene Arten misshandelt, bevor er von den Peinigern zum Verkehr mit den prolligen Weibern gezwungen wird. In seiner Wut und Hilflosigkeit geht er jedoch äußerst ruppig mit ihnen zur Sache. Er beginnt sich aufzulehnen und erwürgt eines der Mädchen. Später kommt dann heraus, dass die Gräueltaten von einer Anhöhe aus vom Yakuza-Boss beobachtet werden, der seine sadistische Freude daran hat, das Liebespaar zu quälen. Denn Hoshi ist sein untreu gewo…