Direkt zum Hauptbereich

They who Step on the Tiger's Tail / Tora no o wo fumu otokotachi (Akira Kurosawa, Japan 1945)


Der ruhmreiche Feldherr Yoshitsune flieht vor seinem Bruder Yoritomo mit seinen engsten Gefolgsleuten durch die Berge und Wälder in die Nachbarprovinz. Sie haben sich als Mönche verkleidet und gelangen an der Provinzgrenze an einen Kontrollposten, der sich in den Händen Yoritomos befindet. In einem fulminanten Wortduell muss nun Benkei, der Anführer der Gruppe, die den General in der Tarnung eines Lastenträgers beschützt, den Kommandanten Togashi von ihrer falschen Identität überzeugen; ein gefährliches Spiel, hat Togashi doch einen scharfäugigen und äußerst mißtrauischen Assistenten an seiner Seite, und Benkei einen gutmütigen Kasper von Träger im Schlepptau (der comic relief-Charakter im Film), der etwas schwer von Begriff ist, jede Emotion hinausbrüllen muss und mit seiner schreckhaften Natur das ganze Unterfangen gefährdet. Ein Auffliegen würde die Ermodung Yoshitsunes nach sich ziehen.

Kurosawas dritter, 58 Minuten kurzer Spielfilm ist ein sehr überschaubarer Dreiakter, der im Mittelalter spielt, und sich aus einem historischen Noh-Stück sowie dessen Kabuki-Adaption speist. Sowohl verschiedene Lieder und Singstücke als auch Sprechakte verweisen in ihrer Performanz auf diese Quellen.
Für den heutigen Betrachter ohne Vorkenntnisse japanischer Theaterkultur ist das durchaus problemlos goutierbar, denn das Performative des Theaters ist eine universelle Kommunikationsform. Dass sich das Medium Film in unserer westlichen Hemisphäre eher der Tradition der Photographie zuschlagen läßt, das der japanischen aber der Theaterbühne, spielt bei der Rezeption keine Rolle. Verwunderung mag allenfalls beim Eindruck einer gewissen Geschlossenheit der Räume aufkommen (obwohl sich die komplette Handlung im Freien abspielt): etwa durch den engen Baumbestand der Wälder im ersten Drittel oder in der zentralen Szene am Kontrollpunkt, in der mit dem gespannten Flaggenbanner im Hintergrund ein künstlich abgetrennter Raum geschaffen und in ein Innen und Außen geschieden wird. In dieser Hauptszene des Films, dem mitleren Akt, gleicht die Raumorganisation der Figuren einer Anordnung auf einer Bühne. Die Konfrontationssituation am Kontrollpunkt sowie die Hierarchien innerhalb der beiden gegnerischen, sich abtastenden Gruppen betonen diesen für den Zuschauer gut einsehbaren horizontalen Raum, der kaum in die Tiefe gestaffelt ist.

Eine Frage, die in der Rezeption des Filmes immer wieder gestellt wurde, ist die, ob der Kommandant des Postens, Togashi, wußte oder vermutete, wer sich unter dem Hut in der letzten Reihe als Träger verkleidet befindet. Ich meine: ja. Doch die Kunstfertigkeit Benkeis in Sprachfertigkeit und souveränem Auftreten nötigen ihm Respekt ab. Und noch sicherer kann davon ausgegangen werden, dass nach den ausgeteilten Prügeln Benkeis an Yoshitsune, welche verdeutlichen sollen, dass dies niemals ein Edelmann sondern nur ein gemeiner Packesel sein kann, Togashi die Ehre des Würdenträgers schützen wollte und eine Entlarvung umging, aus Respekt vor der Autorität (wie auch der anschließend als Entschuldigung Togachis überbrachte Sake verdeutlicht). Denn dessen heißsporniger Adjutant mit dem europäischen Bärtchen hätte beinah den adligen Edelmann beleidigt. Also, das lehrt uns DIE MÄNNER, DIE DEM TIGER AUF DEN SCHWANZ TRATEN: Schnäuzer bitte abnehmen.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...

Sleep Has Her House (Scott Barley, GB 2016)

"And the dark is always hungry." (Scott Barley) Scott Barley's apocalyptical drone-room of a film is a fascinating experience. Not only a film to watch, but definitely one to listen to, as the audio is almost as impressive as its pictures. Very often, the images are blurred in the beginning, but with the slightest movements of the camera, the picture does get clearer, more concrete, focused, but sometimes nothing happens at all, too. Nevertheless, the film feels very dynamic - it's a weird state of an inherent Bildspannung , a suspense (and tension that might rip apart) inside of the images themselves that keeps you totally immersed.  Static movement  of the camera might be the term of technique to describe the process of capturing those dreamlike images, which are almost incomprehensive at first, always hard to grasp. As there seems to be no plot, no dialogue, no actors, there are none of the usual narrative anchors that guide us through a film, or movie. O...

Berlinale: A Legend or Was It? / Shito no densetsu (Keisuke Kinoshita, Japan 1963)

Und dann plötzlich kommt diese unerwartete, völlig großartige Szene des Widerstandes: die junge Frau ergreift in Panik das Gewehr, eine Schrotflinte, die Kamera plötzlich von unten aus Kniehöhe, zeigt uns den neuen Helden des Films: sie schreit die Männer an, die gekommen sind um zu morden - und macht dann kurzen Prozeß, drückt ab, verjagt die Dämlacken, diese Dorfbewohner. Plötzlich also ein Bild, wie wenn Meiko Kaji aus einem der Exploitationfilmen der 70er auf der Leinwand erschienen wäre, die sich dazu entschloßen hat, sich nun endlich nichts mehr gefallen zu lassen. Konnte das nur eine Frau tun, die aus Tokyo stammt? Keisuke Kinoshitas A LEGEND or WAS IT? aus dem Jahr 1963 ist keines der shomingeki - Familiendramen, die mit Leichtigkeit und etwas Bitternis von scheinbar alltäglichen Katastrophen im Kleinen erzählen - er beginnt nur so. Eine Idylle auf Hokkaido, Landarbeiter, Farbfilm. Dann ein Bruch, Schwarzweiß, die Familie aus Tokyo, die vor dem Krieg nach Hokkaido geflücht...