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A Wicked Woman / Dokufu takahashi oden (Nobuo Nakagawa, Japan 1958)

[this entry is part of the Japanese Film Blogathon 2010]


Nobuo Nakagawas Werk ist bis auf den großartigen JIGOKU im Westen kaum bekannt. Leider, muss man sagen. Und die Frage bleibt: Wie kann das Werk eines Regisseurs, dessen bekanntester Film eine Criterion-Adelung bekommen hat, hier so unterrepräsentiert sein? Lediglich SNAKE WOMAN'S CURSE (KAIDAN HEBI-ONNA, 1968) ist noch bei Synapse erschienen. Bis auf zwei Retrospektiven auf dem amerikanischen Kontinent und vereinzelten Screenings auf Filmfesivals oder japanischer Kultureinrichtungen sind seine Filme bislang kaum zu sehen. Immerhin ist beim Japanischen Kulturinstitut in Köln noch die Broschüre ACHT ANSICHTEN DES BLUTSEES (2006) verfügbar / bestellbar. Ansonsten muss sich der Filmfreund auf dubiose Onlinehändler verlassen, die den einen oder anderen Film Nakagawas als DVD-9 Kopie verscherbeln. Wenn man Glück hat, bekommt man auch ein photokopiertes Cover dazu.

War mit THE CEILING AT UTSONOMIYA im Werk Nakagawas bereits die Horrorgeschichte in den Chambara-Streifen eingezogen, so sollte sich diese Tendenz in seinem weiteren Werk, bis zum bekannten JIGOKU hin, noch verstärken. Auch in seinem letzten Film, KAIDAN: IKITEIRU KOHEIJI / KAIDAN; THE LIVING KOHEIJI (1982), den ich vor Jahren in besagtem JKI in Köln sehen durfte, bekommt man die bekannte Sumpf-Mord-Rache-Geschichte wundervoll atmosphärich dargeboten.

In THE WICKED WOMAN wartet man also nun die ganze Zeit auf Geistererscheinungen und den Grusel, allein - sie wollen nicht kommen. In diesem Film begnügt sich Nakagawa noch einmal damit, einen klassisch-rationalen Ursprung für die Fährnisse und Missgeschicke O-dens, so die Hauptfigur, zu installieren. Das Unheil entstammt der eigenen Biographie, in der Wahl des individuellen Lebensweges.
Meiji-Ära, 1870: O-den erscheint zunächst als "wicked woman", als (Trick-)Betrügerin und Beischlafdiebin mit unmoralischer Vergangenheit. Sie wird beim Diebstahl eines Diamanten geschnappt und kann sich nur durch die Verführung des Polizeibemten aus der Bredouille retten. Dieser verliebt sich in sie, und sie sich auch in ihn. Zumindest behauptet sie das. Eines Tags allerdings steht der Liebende vor verschlossener Tür. O-den hat sich aus dem Staub gemacht.

Im weiteren Verlauf der Handlung aber erhält der Zuschauer einen Einblick hinter die Fassade der dämonisierten Frau: schnell wird klar, dass sie eine Frau ist, die nach katastrophaler Ehe mit einem Tagedieb und Trunkenbold auf sich alleine gestellt war und sich fortan selbst durchschlagen mußte. Zudem hatte der ehemaliger Gatte ihr auch das gemeinsame Kind entrissen, welches er fürderhin hauptsächlich dazu mißbrauchte, es frischen Sake holen zu lassen und das armselige Quartier in Ordnung zu halten. Es findet also ein Umschwung in der Figurengestaltung und der Sympathielenkung statt. Die zunächst verteufelte, böse Frau wird zur Protagonisten, die durch die Umstände zu dem gezwungen wurde, was sie nun ist. Ein gelungener Kniff, um gesellschaftliche Zustände zu kritisieren. Ansonsten ist der Film flüssig inszeniert, beinahe zurückhaltend, wenn man an die expressionistische Bildgestaltung JIGOKUs denkt. A WICKED WOMAN ist ein sehenswerter "kleiner" Film, der in seinen besten Momenten zu überraschen und in den Szenen mit der wiedergefundenen Tochter zu Tränen zu rühren weiß.

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