Direkt zum Hauptbereich

Der weiße Tiger / The white Tiger (Aravind Adiga, Indien 2008)


 Ein indischer Zuckerbäcker aus der Provinz steigt sozial auf und wird der Fahrer eines reichen Industriellen in Delhi. Er beobachtet, lernt schnell und als sich ihm schließlich die Gelegenheit bietet, begeht er ein Verbrechen um selbst Unternehmer zu werden. Der Clou des Buches aber ist der, dass der Ich-Erzähler mitsamt seiner gewonnenen Souveränität aus der Rückschau auf seinen Werdegang einen Briefroman schreibt, nun als etabliertes Mitgleid der Gesellschaft. Das fügt der Erzählung eine weitere Reflektionsebene hinzu - genauso wie die etwas hanebüchene Prämisse, dass der Empfänger der Briefe der chinesische Ministerpräsident ist, welchem er sich bei dessen Indien-Besuch empfehlen will. Wen Jiabao möchte nämlich an das Geheimnis des "indischen Unternehmertums" gelangen, und Balram Halwai, der Erzähler, meint nun ganz selbstbewußt, er könne daraus Ruhm und Profit schlagen.  

 Der weiße Tiger ist ziemlich lustig erzählt und man bekommt eine Vielzahl von thematischen Einblicken in ein Indien, das einem normalerweise verborgen bleibt: etwa in die Gegensätze der unteren und oberen Gesellschaftsschichten, also in das indische Kastensystem, das der Erzähler mit einem Hühnerkäfig vergleicht ("the rooster co-op"); In ihm sind die Hühner so darauf konditioniert, zu gehorchen, dass sie nie an einen Ausbruch aus den Schranken denken würden - und das sogar freiwillig ablehnen würden, würde man ihnen die Gelegenheit dazu bieten; In das System der alles beherrschenden Korruption; In die strengen Familienstrukturen, und vieles mehr. Aber, und das ist eine der großen Leistungen des Romans, alles bleibt frei von jedem pädagogischen Zeigefinger oder moralischem Ballast, von sich anbiederndem Exotismus oder vom pseudoliterarischen, ironisch-schmunzelnden Blick. Auch biedert sich der Roman nicht an jene Sehnsucht nach Arbenteur und Exotik an, die ihm im Westen vielleicht einen Literaurpreis einbringen könnte. Dafür ist er viel zu schmutzig und schockierend. Der weiße Tiger ist ein sehr authentisch wirkender Roman, der zudem enorm viel Spaß macht.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Drug War / Du zhan (Johnnie To, China/Hongkong 2012)

Viel Aufhebens wird gemacht um Johnnie Tos "erste" Mainland-Action-Produktion (obwohl der Film durchaus HK-co-produziert ist und auch teilweise in Hong Kong selbst spielt, die zweite Hauptfigur Honk Kong-Superstar Louis Koo ist und To die Romcom DON'T GO BREAKING MY HEART (2011) ebenfalls schon in China drehte) - und damit soll einerseits darauf abgehoben werden, dass das Filmemachen in Hong Kong (wieder mal) in einer Krise stecke, und andererseits der chinesische (Absatz-) Markt, alles dominierend, die habgierigen Krallen ausstreckt. Und in gewisser Weise sind die Befürchtungen auch berechtigt, denn was wird aus dem "unabhängigen" Filmland Hong Kong, wenn sogar schon Johnnie To, eine Ikone der Stadt, seine Filme nach den zensurkonformen Mainlandbedingungen ausrichtet! Aber man darf sich beruhigen: DRUG WAR ist ein echtes Johnnie To-Brett geworden. DRUG WAR wird dominiert von formalen Strukturen, die über zwei Knotenpunkte die Entwicklung des Films steue...

Nippon Connection 2016: Ken and Kazu (Hiroshi Shoji, Japan 2015)

Der Konflikt, der in KEN TO KAZU das Leben der Hauptfiguren ruiniern wird, ist der Spagat zwischen dem Lebensentwurf des kriminellen Kleingangsters und dem einer bürgerlichen Existenz. Als Saki schließlich schwanger wird, setzt sie ihren Freund Ken mächtig unter Druck: endlich mit Kazu zu brechen und ein ordentliches Leben zu beginnen. Etwas, was Ken ihr wohl schon mehrfach versprochen hat, aber anscheinend nicht einhalten wollte. Die Spuren seines unsteten und kriminellen Lebenswandels werden ihm während des Films mehrfach entlarvend ins Gesicht geschrieben: Kratzer auf den Wangen, eine blutige Nase, Schwellungen und blaue Flecken von Prügeleien. Und so muss sich Ken entscheiden, ob er eine Familie gründen und es bei den Einkünften aus seiner Autowerkstatt belassen will, oder ob er dem ständigen Drängen des penetrant grenzüberschreitenden, brutalen Kazu nachgibt und weiterhin Drogen verhökert. Doch Ken kommt nicht gegen ihn an, er wirkt eingeschüchtert und scheint zuviel Angst vo...