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1Q84, Teil 1&2 (Haruki Murakami, 2010)



 In der Vergangenheit, der Schulzeit liegt das eindrücklichste Erlebnis ihrer Jugend für die beiden Außenseiter Tengo und Aomame: nach der hämischen Attacke eines Mitschülers ist Aomame der schüchterne Tengo beigesprungen. Zum Dank drückt sie ihm für einen kurzen Moment die Hand, ein Erlebnis, das sich dem Jungen für immer ins Gedächtnis einbrennen wird. Etwa zwanzig Jahre später spielt nun die Handlung des Buches 1Q84, das auf George Orwells dystopischen Roman verweist (Q kann in seiner japanischen Aussprache lautlich mit 9 verwechselt werden). Denn in dieser Welt hat sich etwas verändert - als Aomame in einem Stau auf der Autobahn aus dem Taxi steigt und über eine Treppe die Hochtrasse verlässt, ist es, als ob sie über eine Schwelle geht. Plötzlich erscheinen zwei Monde am Himmel, und auch sonst haben sich Details verändert, Verhältnisse verschoben. Minimal, aber unübersehbar. Aomame ist Auftragskillerin und auf dem Weg zu einem Job. Die verschobenen Verhältnisse lassen sie erst zögern, doch dann funktioniert sie wie eine Maschine. Tengo hingegen lehrt Mathematik an einer Mittelschule und ist in seiner Freizeit Gelegenheitsschriftsteller. Von seinem Agenten bekommt er den Auftrag, einen mysteriösen Text einer 16jährigen umzuschreiben: den Roman Die Puppe aus Luft. Tengos Fassung wird ein Bestseller, doch verschweigt der Verlag Tengos Eingriffe. Es ist ein junges Mädchen, das hier ihren Erstlingserfolg haben soll. Dass hinter der fiktiven Erzählung ein dunkles, reales Geheimnis um eine religiöse Sekte lauert, ist nicht nur eine stetig wachsende Bedrohung, sondern führt Tengo auch überraschenderweise zu seiner Jugendliebe Aomame...

 Das ist viel Plot in einem Buch, das in seinem Text dennoch schlank wirkt. Teil 1 und 2 nehmen gut 1000 Seiten ein und es liest sich rasend, da es wieder in einfacher, schlichter Sprache gehalten ist. Besonders die Dialoge wirken, etwas, was mich auch schon an anderen Romanen Murakamis gestört hat, manchmal sehr simpel, beinah etwas naiv - allerdings hat man es hier mit zwei Protagonisten zu tun, die nicht gerade die kommunikativsten Menschen sind. Dennoch wirken sie oft behäbig, verstockt, und ganz so, als hätten sich die Menschen in diesem Roman eigentlich nichts oder zumindest nicht viel zu sagen. Murakami wendet erneut das von ihm schon öfters angewandte erzähltechnische Prinzip der zwei parallelen Erzählstränge an, die immer wieder aufeinandertreffen um sich schließlich zu vereinen. Das hat viele Vorteile: man bekommt als Leser kleine, anspielungsreiche Häppchen serviert, die stets auf etwas Größeres, der Geschichte Dahinterliegendes verweisen. Und man ist stets bemüht, die Konnexionen herzustellen. Außerdem hat der Autor es relativ einfach, eine abwechslungreiche Story zu generieren (da er ja eigentlich zunächst deren zwei erzählt), die mit Cliffhangern gespickt, den Leser am Ball bleiben lässt. So ist 1Q84 natürlich auch Genreliteratur, ein Kriminalroman innerhalb der Liebesgeschichte. Was die Welt zusammenhält, zumindest die der Protagonisten, ist das emotionale, aber noch leere Zentrum - das nur mit dem Gegenüber gefüllt werden kann. Das Ich als Puzzle, sozusagen. Die Kriminal- und Verschwörungselemente sind dabei die bedrohenden Aspekte des zunächst beruflichen Alltags, der freilich auch das Privatleben der beiden Protagonisten dann so stark beeinflusst, das die beiden Sphären nicht mehr zu trennen sind. Das Leben der Akteure verläuft auch hier in parallelen Bahnen: zunächst sind sie aktive Subjekte, die die Dinge in Gang setzen. Später dann aber müssen beide untertauchen, werden zu den Bedrohten und Verfolgten, die sich, hier kommt die Liebesgeschichte wieder ins Spiel, wieder finden müssen. Der zweiten Band schließt dann auch mit einer solchen Szene auf einem Kinderspielplatz, auf dem sich Aomame und Tengo beinahe begegenen. Und später dann vielleicht auch richtig? Und obwohl ich zunächst wenig Lust hatte, an diesem Mammutwerk weiterzulesen, muss ich mittlerweile gestehen: ich komme wohl nicht drum herum, das schließende, dritte Buch doch noch nachzuschieben. 

Michael Schleeh

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