Direkt zum Hauptbereich

HKIFF 2013: Outrage Beyond (Takeshi Kitano, Japan 2012)


Direkt an den ersten Teil anknüpfend, beginnt OUTRAGE BEYOND mit der Entlassung Otomos (Takeshi Kitano) aus dem Knast. Eingeleitet wird dieser Film, in dem es ausschließlich um Intrigen geht, mit einem Mord. Eine Leiche findet sich in einem im Hafen versenkten schwarzen Wagen. Dann knallt in großen roten Lettern der Filmtitel über den chromschwarzen Hintergrund. Und Otomo, der eigentlich aussteigen will, wird wieder hineingezogen in die Malaise. Sein ehemaliger Rivale Kimura mit den Narben im Gesicht wird zum Aniki, zum Bruder, und gemeinsam planen sie gegen Kato, den Kopf des Sonno-Yakuza-Kartells vorzugehen. Soweit, so klassisch. Und wie im ersten Teil, der schon durch seine ungewöhnlich verlaberte Art etliche Zuschauer vor den Kopf stieß, geht es hier mit der Enttäuschung von Erwartungshaltungen weiter.

OUTRAGE BEYOND braucht ewig, bis es mal knallt. Und das ist gut so. Kitano, der hier wieder in Personalunion das Drehbuch verfasste, den Film gedreht hat, und anschließend auch für den Schnitt verantwortlich war, hat einen erstklassigen Autorengangsterfilm gedreht. Genau darum geht es ihm: um die Sabotage eines Genres. So, wie er schon seit jeher sich nicht hat einfangen lassen von den Konventionen. Kitano geht es nicht um Macht (die er im Film an einer eindrücklichen Stelle sogar freiwillig abtritt), sondern um die Mechanismen der Macht.

Um das Geschachere und die Betrügereien; mit dem Ziel, aufzuzeigen, dass dieser ganze Komplex vollkommen ausgehöhlt, hohl ist. Vor allem, und das ist der Clou (kein Spoiler! – der Zuschauer weiß das von Anfang an), weil hinter allem die Karrieregeilheit eines Polizisten steckt. Und dann heißt es wieder markant an einer Stelle in diesem Spätyakuzafilm, der Ehrenkodex der Yakuza sei nichts mehr wert, es ginge nur ums Geld. Und in der Tat, so ist es. Am Ende wendet sich ein Cop angewidert vom anderen ab. Denn auch auf dieser Seite, sind alle Ideale obsolet geworden. Ein finsteres Gangsterrequiem hat Kitano da geschaffen, mit einem, um es wenigstens kurz anzusprechen, absolut fantastischen Score. Das muß man gehört – und gesehen – haben.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Nippon Connection 2016: Ken and Kazu (Hiroshi Shoji, Japan 2015)

Der Konflikt, der in KEN TO KAZU das Leben der Hauptfiguren ruiniern wird, ist der Spagat zwischen dem Lebensentwurf des kriminellen Kleingangsters und dem einer bürgerlichen Existenz. Als Saki schließlich schwanger wird, setzt sie ihren Freund Ken mächtig unter Druck: endlich mit Kazu zu brechen und ein ordentliches Leben zu beginnen. Etwas, was Ken ihr wohl schon mehrfach versprochen hat, aber anscheinend nicht einhalten wollte. Die Spuren seines unsteten und kriminellen Lebenswandels werden ihm während des Films mehrfach entlarvend ins Gesicht geschrieben: Kratzer auf den Wangen, eine blutige Nase, Schwellungen und blaue Flecken von Prügeleien. Und so muss sich Ken entscheiden, ob er eine Familie gründen und es bei den Einkünften aus seiner Autowerkstatt belassen will, oder ob er dem ständigen Drängen des penetrant grenzüberschreitenden, brutalen Kazu nachgibt und weiterhin Drogen verhökert. Doch Ken kommt nicht gegen ihn an, er wirkt eingeschüchtert und scheint zuviel Angst vo...

The Warped Ones aka The Wild Love-Makers / Kyonetsu no kisetsu (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)

THE WARPED ONES ist die totale Tayozoku-Madness, ein Film über jugendliche Rebellen im Nachkriegsjapan: zwei "juvenile delinquents" kommen aus dem Gefängnis heraus und beginnen direkt mit ihrer Hatz auf Vergnügungen, auf Mädchen, Alkohol und Befriedigung der Primärbedürfnisse. Wenn die Strecke zu weit ist, klaut man eben kurz einen Wagen. Hat man Hunger, klaut man was am nächsten Straßenstand. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß steht auf der Stirn, der Jazzbeat treibt voran, die Artikulation geschieht hauptsächlich durch Grunzen, Brüllen, Knurren und sonstige animalische Laute. Wird gegessen, dann wird geschlungen. Gebratene Hühnchen werden zerrissen, Reis wird gestopft. Wasser wird aus der Kanne direkt in den Mund gegossen und läuft über den von Schweißtropfen perlenden, entblößten Körper. Dieser prototypische Suntribe-Film (die man als Vorläufer der "Neuen Welle" in Japan verstehen kann) ist ein einziger, rasender Exzess der Respektlosigkeit. Die beide...