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HKIFF: Will You Still Love Me Tomorrow? (Arvin Chen, Taiwan 2013)


Ironischerweise ist es ausgerechnet Weichung (Richie Jen), der leitende Angestellte eines Brillenfachgeschäfts, der die Dinge in seinem Leben unscharf sieht. Und das, obwohl er keine Brille benötige, wie er an einer Stelle sagt. Er hat sich eingerichtet in seinem Leben mit Ende 30, Anfang 40. Er hat einen ordentlichen Job, eine hübsche, beruflich erfolgreiche Frau (die umwerfende Mavis Fan) und einen kleinen Sohn Namens Awan. Man führt ein gesittetes, modern bürgerliches Leben in Taiwan und regt sich allenfalls über die Schwester auf, die unentschlossen durchs Leben taumelt, da sie sich in Liebesdingen nie wirklich entscheiden kann. Immerhin will sie jetzt San San heiraten, einen harmlosen aber liebevollen Eigenbrötler mit Trottelfrisur. Dass Weichung immerzu melancholisch und wie in einem ruhigen Fluß durch den Tag geht, daran hat er sich gewöhnt. Dass ihm etwas fehlen könnte, das bemerkt er erst, als ein junger Mann (Lawrence Ko) in seinem Geschäft auftaucht, und in den er sich direkt verkuckt. Da erinnert er sich daran, wie er früher, vor seiner Hochzeit einmal, Gefühle für Männer hatte – und diese scheinen wiederzukehren. Hatte er sein Schwulsein nur unterdrückt?

Der Film, der den Oldie von den Shirelles im Titel führt, wird dann auch einmal in einer zentralen Stelle des Films bei einem Karaoke-Abend von der Gattin gesungen, volltrunken und erkennend, dass ihr bisheriges Leben vorbei ist und ein neues auf sie wartet. Und dieser Film, der wie der gestern gesehene THE GREAT PASSAGE mit seinem stillen Humor begeistern kann – hier beinahe noch zurückhaltender – und der zugleich ein Feelgood-Movie ist, schwingt sich dann herrlich auf bis zum Träumerischen, wenn die Figuren plötzlich überglücklich wie Mary Poppins in den Himmel entschweben. Doch zugleich begeht Chen den Fehler nie, allzu seicht zu werden. Denn stets bleibt klar, was auf dem Spiel steht und wie groß die Angst ist, das alte Leben hinter sich zu lassen und gemeinsam wie getrennt zugleich auf Neues zuzuschreiten. Und so ist das Finale zwar kein eigentliches Happy End, aber dennoch versöhnlich. Mit einem dezidiert offenen Ende.

Als Arvin Chen mit seinem Team und den Schauspielern vor die Leinwand trat, brach ein Jubelsturm los. Der Regisseur von AU REVOIR, TAIPEH wurde begeistert begrüßt, die Mädchen in der Reihe hinter mir sind fast zusammengebrochen vor Exstase. Kein Wunder, schafft es der Regisseur erneut, intelligente und leichtfüßige, dabei durchaus tiefgehende Unterhaltung abzuliefern. Es ist überhaupt eine große Kunst, das Schwere wie mit leichter Hand zu inszenieren – dem danach gesehenen Europäer APRÈS MAI von Olivier Assayas ist das eindeutig nicht gelungen, da drückt es gewichtig durch alle Poren des Films, trotz der Drogen und der Blumenpüppchen.

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