Direkt zum Hauptbereich

Death Note / Desu nôto (Shusuke Kaneko, Japan 2006)


 Der Jurastudent Light (sprich: „Raito“) findet ein Heft mit dem Titel „Death Note“ des Nachts auf der Straße liegend. Schreibt man einen Namen hinein, so wird die Person Sekunden später an einer Herzattacke sterben. Sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und seine Fähigkeiten als Computerhacker vereinen sich: er bricht in das Computersystem der Polizei ein, und läßt „Gerechtigkeit“ walten: denn die Namen davongekommener oder zu milde bestrafter Verbrecher finden ihren Weg ins tödliche Notizbuch. Keine Frage, die vielen Toten erwecken Unruhe, und schon bald ist der Held des Films selbst ein gesuchter Mann. Der Zufall will es, daß ausgerechnet sein Vater die Ermittlungen gegen Kira (den „Killer“) führt. Dieser bekommt vom zunächst unerkannt bleibenden Computerspezialisten „L“ Unterstützung, der mit seinen analytischen Fähigkeiten und seiner Ausdauer den ermittelnden Polizisten überlegen ist.

Was lernen die Juristen an der Uni in Japan eigentlich? Kurios, diese Handlung. Doch Light, der Gerechtigkeit nicht von Recht unterscheiden will, gerät dann ziemlich schnell in die moralische Sackgasse, auch wenn er zum Helden der Boulevardpresse hochgejubelt wird. Als Korrektiv muß die hübsche Freundin herhalten, die, ohne zu wissen, wer er ist, recht schnell Zweifel an der Legitimation von Kiras Handeln anmeldet. Der böse Einflüsterer jedoch, der Light förmlich auf der Schulter sitzt, das ist der Gott des Todes selbst. Eine Art Geisterfigur, ein Dämon, eine animierte Mischung aus Batmans Joker und Geier, der direkt aus MAD MAX einzufliegen scheint und sich ausschließlich von Äpfeln ernährt (…?). In Opposition dazu dann „L“, der sich nur von Süßigkeiten zu ernähren scheint, in weißem Longsleeve und Kajal um die Augen: das optimale Love-object für alle 16jährigen „Emo-“Gören.
Interessant ist an diesem Film vor allem auch, wie mit den Zuschauererwartungen gespielt wird. Scheint doch zunächst Light der Sympathieträger zu sein, nur um später von L abgelöst zu werden. Und so schlägt der Plot einige spannende Haken, sodaß letztendlich ein durchaus suspensehaltiger Fantasythriller dabei herauskommt.

Auch die Frage, aus wessen Perspektive die tolle Eröffnungssequenz eigentlich gefilmt ist, klärt sich auf (ein Kameraflug am nächtlichen Himmel, dann der Durchstoß durch die Wolken, das Überfliegen der Megalopolis, zwei, drei Jump-cuts, das Herabsegeln des Heftes aus der Untersicht gefilmt). Es ist natürlich die subjektive Sicht des Todesdämons, der sich der Stadt nähert und das Heft fallen läßt. Da sich der Blick mit dem des Zuschauers synchronisiert, wird elegant darauf angespielt, wer hier eigentliches Movens der Handlung ist: wir, die Rezipienten, die Actionsüchtigen, die etwas Dramatisches sehen wollen.

Noch eine abschließende Einschränkung: Diese Manga-Verfilmung krankt vor allem an der recht durchschnittlichen Schauspielleistung des Hauptdarstellers (Tatsuja Fujiawara), der seiner Figur nicht die nötige Tiefe und Komplexität verleihen kann. Ansonsten jedoch ist DEATH NOTE ein ordentlicher Film mit toller blockbusternder Inszenierung (auch wenn sich das eine oder andere Fernsehbild einschleicht) mit –natürlich- dickem Cliffhanger am Ende. Das läßt unbefriedigt zurück: und ja, wir wollen Teil 2 sehen!

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die neue Freundin des Sohnes - Masaki Kobayashis Debut-Film YOUTH OF THE SON (1952)

Wenn man in die Filmgeschichte hineinsticht gibt es immer wieder Momente, die einen völlig verblüffen können. So mag einem Masaki Kobayashis Debut-Film als völlig irre vorkommen, wenn man den Regisseur nur von seinen ernsten, gravitätischen Meisterwerken her kennt, die er dann Anfang der 60er gemacht hat: BARFUSS DURCH DIE HÖLLE und HARAKIRI (den ich für den vielleicht besten japanischen Film überhaupt halte, aber das nur nebenbei). Aber Kobayashis Werk ist viel mehr, deutlich vielgestaltiger, als "nur" diese ernsten Schwarzweiß-Dramen, in denen es der menschlichen Existenz an den Kragen geht und schlichtweg alles auf dem Spiel steht. Oder wie in BARFUSS gleich die komplette conditio humana. Weshalb der englische, internationale Titel THE HUMAN CONDITION nicht nur weniger reisserisch ist, als der deutsche, sondern auch genauer am treffenden Originaltitel (Ningen no joken). Hier, in diesem Film, ist die Situation im Vergleich geradezu lächerlich läppisch: es geht um die ers…

Von Kriegsschuld und Verzweiflung: Masaki Kobayashis THE THICK-WALLED ROOM (1953)

Japan, vier Jahre nach dem Ende des verlorenen Weltkriegs: ein Erzähler aus dem Off spricht mit ernster Stimme von schlimmen Kriegsverbrechen und verspricht schonungslose Aufklärung. Hinter den Mauern dieses Hochsicherheitsgefängnisses befänden sich die Männer, die sich schlimmster Verbrechen schuldig gemacht hätten. Die Kamera lässt daran keinen Zweifel: bevor wir überhaupt den ersten Gefangenen sehen, haben die schwarz-weißen, hartkontrastigen Bilder bereits ihre Wirkung erreicht. In diesem Szenario der Bedrohung aus unterirdischen Gängen, Gittern, Betonwänden und rechteckigen Linien, scharfen Kanten und bewaffneten Soldaten der amerikanischen Militärpolizei kann sich nur Unvorstellbares abspielen.
 Kurz darauf: tragische Musik und vor Schmerzen verzerrte Gesichter der zusammengepferchten Insassen, ein jeder hängt seinen eigenen Alpträumen nach. Heimlich versucht sich einer im Abort zu erhängen. Aber auch am Tage gibt es keine Erlösung: da wird erbarmungslos im Steinbruch geschuft…

Samurai *Gerupftes Huhn*: Takashi Miikes Manga-Adaption BLADE OF THE IMMORTAL (Japan, 2017)

Der Film beginnt mit Verve und einer Eleganz wie ein Film vom Säulenheiligen Kihachi Okamato: hartkontrastige Bilder in schwarz-weiß fügen sich zu einer Oper des stählernen Totschlags. Diese Schwerter sind so scharf wie keine anderen zuvor - die Leichen drapiert wie in einer Choreographie von Akira Kurosawa. So ist der Samurai, der zum Ronin geworden ist, auch ein Bodyguard for hire ein Yojimbo. Diese Anspielung ist sicherlich bewusst gewählt. Und so klassisch dieser Film beginnt, so modern geht es weiter. Wie in einem New Wave - Film entblättert sich der Plot erst nach und nach, wenig wird erklärt. Übersicht stellt sich erst mit der Zeit ein. Dann die Farbenexplosion und die Manga-Adaption, die sich vor allem in den exotischen Waffen und der exaltierten Figurenzeichnung offenbart. Das ist ziemlich toll, wie das alles hier zusammengeführt wird.



 Manji-san ist der zerzauste, unsterbliche Wurm-Samurai (Takuya Kimura), der wie ein zerrupftes Huhn durch diesen Film rennt und sich wie ei…