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Ochazuke no aji / The Flavor of Green Tea Over Rice Yasujiro Ozu, Japan 1952

Der Film beginnt als Komödie: Taeko (Michiko Kogure) konstruiert eine windige Geschichte um einen ärztlichen Notfall, der ihre Anwesenheit bei der Nichte erfordere um ihren Mann zu täuschen und so ihr Ausbleiben zu erklären. Denn eigentlich möchte sie mit ihren Freundinnen ein Wochenende in einem Badeort verbringen. Männer will man dabei natürlich nicht dabei haben, und die „Notlüge“ soll ihn nicht vergrätzen. Als die Nichte dann plötzlich gesund und munter im Raum steht, versucht sich Taeko herauszuwinden mit schnell hingeworfenen und unklar formulierten Sätzen. Dann dreht sie sich auf dem Absatz um und geht einfach hinaus. Ihr nachsichtiger Ehemann fragt nicht weiter nach. Bei Setsuko (Keiko Tsushima) steht allerdings auch einiges an, denn als Frau Mitte 20 ist sie immer noch Single. Sie soll in den Hafen der Ehe geführt werden, zur Not auch mit Hilfe der Eltern, die den von ihnen auserwählten Bräutigam zum „Interview“ laden – Setsuko jedoch hat ihren eigenen Willen und hält überhaupt nichts von arrangierten Ehen in denen die Liebe zu kurz kommt. Da ist sie ganz moderne, unabhängige Frau. Ein schlechtes Beispiel sind eben genau Taeko mit ihren Freundinnen, die in der Ehe zum Lügen gezwungen sind, wenn es um die eigenen Bedürfnisse geht.

Die Familie als Baustelle und der Umbruch der Traditionen- Themen, die nach dem Krieg, Mitte der 50er einige Filmemacher Japans beschäftigt haben. Dieser Konflikt speist sich aus einer Kontroverse von Tradition und Moderne, und hier hauptsächlich aus dem aufkommenden Selbstbestimmungsbedürfnis der Frauen, die die männliche Dominanz abzuschütteln suchen.


Und da schlägt die amüsante Komödie auch in ein nie tragisches, aber doch emotional wirkmächtiges Drama um: Denn das Auseinanderleben und -driften der Ehepartner wird als schmerzlicher Prozeß dargestellt; zumindest für den sanftmütigen Ehemann Taekos, der sein Los mit stoischem Gleichmut zu ertragen versucht. Als seine Frau endlich ihre harte Konfrontationsposition aufgibt und ihm -symbolisch- erlaubt, das Arme-Leute-Essen des mit grünem Tee übergossenen Reises zu essen, ist eine Versöhnung in Sicht, die auf einem Miteinander basiert, auf einer gemeinsamen, gestaltbaren Zukunft des gegenseitigen Vertrauens mit dem Ziel Einschränkungen, woher immer sie auch kommen, zu überwinden.

Ozus Kamera ist für seine Verhältnisse sehr dynamisch: es gibt 2-3 Kamerafahrten und eine Fahrt im Automobil, sowohl eine im Zug, die in ihrer Bewegung eine im sonst statischen Kontext große Wirkung entfalten. Fast stockt einem der Atem.

Und doch wird die Bewegung, wenn sie etwa ganz sanft und langsam auf die Personen zugleitet (nur wenige Meter und nie zu weit) nie aufdringlich, oder kommt den Personen zu nah. Es ist eine sanfte Annäherung, die ganz so, wie sich auch die Personen aneinander annähern, gestaltet ist. Mit Zurückhaltung und Würde.

Ansonsten sind wieder streng komponierte Bilder zu bewundern, die sich häufig an den Wohnraumarchitekturen orientieren (Zimmer, Flure) oder den Gebäuden (Stadt) und Fluchtpunkten (Eisenbahn). Die Kamera findet dadurch immer stark strukturierte und geordnete Bilder, die das Gefühl transportieren, einem System, einer Ordnung zugehörig zu sein. Veränderung, die kann nur von innen kommen.

Selbstredend entspricht auch dies einer japanischen Ästhetik, die im Westen mit dem Schlagwort „Minimalismus“ tituliert wird, welche esoterisch verbrämt ist und naturgemäß an der Sache vorbeigeht. Die Reichhaltigkeit im Anblick des Reduzierten wird so eben genau nicht betont. Es ist auch ein menschlich Geschaffenes, diese Obkekthaftigkeit, und in seiner Fülle eine Einladung zur Reflektion.

Dazu natürlich Ozus Kamera- Blick aus der Untersicht. Er betreibt das bis in die letzte Konsequenz: als die Kamera auf Sitzhöhe am Rücken des Ehemanns vorbeischießt, kommt die Bedienstete herein, die Kamera bleibt statisch. Da sie ja noch steht, ist der Kopf abgeschnitten - erst als sie sich setzt, ist sie voll im Bild. Auch diese Reduktion, die eine Klarheit des Bildes erschafft, wirft uns förmlich aus dem Rezeptionsprozeß, da man es schlicht anders gewohnt ist. So zu sehen, ist ungewöhnlich. Dieses Neue, das weg nimmt und Dinge nicht tut in seiner Statik (vgl. Schnitt/Gegenschnitt in Dialogen) macht den Raum frei für ein Sehen und ein Reflektieren über die Bilder, die einem ein geführteres Sehen (durch die Kamera), nicht ermöglichen würde. Die oft strenge Ozusche Stilistik befreit uns aus den Zwängen der Konvention und macht so die Augen auf für eine neue Art der Filmrezeption, für eine neue Art des eigenen Dialogs mit Film.

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