Direkt zum Hauptbereich

Kattradhu Thamizh aka. Kathratu Tamil / Learning Tamil (Ram, Indien 2007)


Man kann nun nicht gerade behaupten, dass der Tamilische Film in Westeuropa irgendeine Rolle spielen würde. Woran das liegt? Vermutlich an der üblichen kulturimperialistischen Impertinenz, die wie immer lieber Bauchnabelbeschau hält, als mal über den Tellerrand hinauszublicken. Die asiatischen Kinostarts 2015 in Deutschland zum Beispiel sprechen für sich: es ist dieses Jahr wieder einmal ein veritables Desaster, was cinephile Grenzgänger zu entnervend langen Wartezeiten auf punktuelle DVD-Veröffentlichungen zwingt, und weniger hemmungslose Ungeduldige zu den netzwärtigen Torrentseiten. Entweder kann man mit diesen Filmen tatsächlich hier  überhaupt kein Geld verdienen, oder man traut ihnen nichts zu. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Drei, vier einsame Seelen hätte es für diesen Nervenzertrümmerer in Berlin oder Köln vermutlich schon ins Kino getrieben, aber wer sonst sollte kommen? Das hier ist schließlich nicht LUNCHBOX mit Irrfan Khan.

Ram ist ein Regieneuling, der mit diesem Film ein fiebrig-nervöses Brett vorlegt. Es geht um einen jungen Mann (Jiiva), der sich entgegen aller Karriereprognosen darauf verlegt, Lehrer für tamilische Literatur und Sprache zu werden. Im aufkommenden IT-Boom in Indien ist man allerdings schnell desillusioniert und  auch bald abgehängt: während er gerade mal 2000 Rupien verdient, geht es seinen ehemaligen Studienkollegen blendend mit monatlich 200.000 Rs auf dem Konto. Daraufhin sieht er irgendwann rot, denn eine korrupte Gesellschaft treibt ihn in den Wahnsinn: ein verkommener Cop, der ihn schikaniert, ein Freier, der seine Jugendliebe (Anjali) misshandelt, Menschen, die ihn ausnutzen und einem Elternlosen keine Chance bieten. Aus Selbstschutz landet er als Tramp auf der Strasse und nach dem ersten, wie zufällig begangenen Mord, besorgt er sich eine Knarre und nimmt das Schicksal selbst in die Hand. Nicht als cooler Killer mit Todestrieb, sondern als am Wahnsinn entlang streifender Getriebener, der um sein Überleben kämpft.

Der Film über diesen Irrsinnigen ist demnach - folgerichtig - nicht linear erzählt. Der Inhalt wird zur Form. Er beginnt mit einem versuchten Selbstmordversuch, später dann eine lange Sequenz mit einem Interview. Dort blättert er seine Lebensgeschichte auf, die dann in Flashbacks erzählt wird. Aber immer wieder driftet der Film auch ab, tief in seine verschiedenen Erzählstränge hinein, verläuft sich auch manchmal, kämpft im zweiten Drittel trotz des Geweses um die Aufmerksamkeit des Zuschauers. Am Ende ein geradezu klassischer Rahmen auf der endgültigen Reise ins Jenseits. Toll wie Ram das alles zusammenfügt, die fiebrigen Bilder, die zerrüttete Narration, die moderne, ekstatische Musik, die ganz anders als das übliche Kino von diesem Kontinent vor allem mit verstörenden Elementen zu begeistern weiß, oder auch mal mit loungigen Beats aus der Elektromaschine. Eine beeindruckende Leistung von allen Beteiligten, den Protagonisten, dem Bild, dem Schnitt, dem Buch. Die politische Dimension wäre etwas, das bei Zweitsichtung mein Interesse stärker auf sich zöge, wo etwas Recherche und Vorarbeit vonnöten wäre. Geht aber auch so, als Affektstimulans, als aufwühlendes Zeugnis einer zerrütteten Seele in moderner kapitalistischer Gesellschaft. Die zwar ein paar Gewinner, aber vor allem viele Verlierer produziert.

Michael Schleeh

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

Banshiwala (Anjan Das, Indien 2010)

The sixth film of Bengali film director Anjan Das is a slowly moving arthouse film which features good actors and beautiful music. It is a literary adaption from the novel The Flautist by Shirshendu Mukhopadhyay and that instrument obviously has been one of the inspirations for the very lyrical, melodical songs here. Anjan Das already died in 2014 after directing eight feature films - for Banshiwala he was awarded two prices at international film festivals.

 The film basically asks the moral question if a house as a building is merely a property (of investment) or if it's somehow a sacred place of remembrance. In this case, the house even is a little bit run-down but still an impressive ancestral manor which bears memories of multiple generations of the family. So, selling it would be the equal to giving away the familial heritage. But there's a dark and hidden secret, too, which has to be challenged as the story comes to a close. In some abstract scenes, the fil…

Mad World - Hong Kong's entry for the foreign language Oscar (Wong Chun, 2016)

Wong Chun's debut feature film is not really part of the Hong Kong International Film Festival, but one I did see during my stay here at Mongkok's Broadway Circuit outlet as a regular screening on a sunday morning.

It's a quiet and atmospheric film that is quite beautifully shot and extremely well acted by Eric Tsang (kudos!) and Shawn Yue, his son suffering from bipolar disease. It's a film about fatherhood and responsibilities, about getting old in financially difficult times. They both live in a shared flat with three other parties. No one seems to be able to pay rent anymore in Hong Kong. It's really depressing.

Mad World is definitely worth watching, as it has been screened in Busan and in Toronto. It got mixed reviews overall, but I really don't understand why. There are no loose ends, the plot is fragmented with flashbacks to family history, but that always makes sense and adds to the depth of the characters. I really liked it and recommend…