Direkt zum Hauptbereich

Paruthiveeran (Ameer Sultan, Indien 2007)


"We will spend our lifes here in jails down south!" (Paruthiveeran)

Bei einem turbulenten Dorffest kommt es zu einer Messerstecherei. Ameer Sultan inszneiert das minutiös, präzise und höchstspannend mit einer Kamera, die mitten im Getümmel ist, inmitten des Geschreis, der Songs, der Vielzahl der bespielten und geschlagenen Instrumente. Die Menschen tanzen und toben, Frauen kochen mittendrin auf der Erde oder in den Zelten, eine Ziegenherde läuft durchs Bild. Alle sind geschminkt, verkleidet, maskiert, getarnt also. Da kann es schnell zum Aufruhr kommen. Die Polizei ist da, vermutet was, aber die Mörder sind nicht doof. Messer wechseln schnell den Besitzer, werden versteckt, hervorgezogen, Kinder sind auch dabei. Ein Opfer ist hier nirgends sicher, ganz klar, selbst wenn man am Boden liegt merkt das keiner, erstmal.

Der Ort ist Paruthiyur, irgendwo auf dem Land nahe der Stadt Madurai in Tamil Nadu, Südindien. Der Held, hier deutlich: ein Anti-Held, Paruthiveeran. Er ist derjenige, der mit dem Messer zugestochen hat, doch das Gesetz fürchtet er nicht. Er kommt sowieso wieder schnell aus dem Gefängnis raus, die Kaution bezahlt der Clanchef. Überhaupt hier wieder diese Clans, die sich bekriegen seit Generationen. Da ist bei jedem Streit gleich Blutrache angesagt, kommuniziert wird ausdrücklich nur durch Anschreien, trifft man sich, dann nur mit einer Mannschaft Schläger zur Unterstützung. Und deswegen auch wieder ein ideales Feld für Romeo & Julia-Stoffe. Zwei die sich lieben und nicht zusammen finden dürfen. Väter, die ihre Töchter schlagen, Väter, die ihre Söhne schlagen, Männer, die sich gegenseitig schlagen. Und weil tamilisches Kino: sich meterweit durch die Luft werfen.

Die Luft ist ganz klar hier auf dem Land zwischen dem Fluß und den goldenen Kornfeldern unter blauem Himmel. Die Landschaft ist atemberaubend. Umso krasser der Gegensatz: diese brutalistische Schönheit der Panoramen und die Hässlichkeit und latente Brutalität des menschlichen Gegeneinander-Lebens. Die Kameraarbeit ist großartig in diesem Film, wie sie die Gewalt der Erzählung in die Gewalt der Bilder übersetzt; aber auch wie sie Gesichter einfängt, um die Figuren herumkreiselt und durch die Luft schwebt, über Anhöhen hinweg und dann in die Ferne hinein, das ist alles ganz wunderbar oder eben auch sehr schwer erträglich, beides zugleich. Das geht bis zu völlig deformierten Bildern in den Splitscreens, die offensichtlich dem Bildformat nicht angepasst wurden. Hier wird dem eigenen Film Gewalt angetan. Auch die Musik, sehr tribalistisch und minimalistisch in ihren Melodien, sehr schön gelungen. Lange Songs, zu den Trommeln setzt plötzlich noch eine langstilige Trompete ein, die Leute tanzen und hüpfen mehr in der Ekstase denn in einer Choreographie. Die Musik überwältigt die Leute, übertönt für diesen Moment die Gewalt in ihren Herzen - ist sie vorbei, kehrt direkt die Gewalt zurück. Während des Tanzes wird auch die Machete nicht aus der Hand gelegt.

Immer wieder auch Rückblicke in schwarz-weiß, in die Jugendtage von Veeran (das Spielfilmdebut des großartigen Schauspielers Karthi) und seiner Nachbarin und Freundin Mathutagu (nicht weniger toll gespielt von Priyamani), die er nach einem Sturz in einen tiefen Brunnen rettet. Sie verspricht ihm da, seine Frau zu werden, und eisern hält sie daran fest, auch wenn er aus der anderen Familie ist, auch wenn er ein Krimineller ist, der sein Leben in südlichen Gefängnissen verbringt. Sein Onkel scherzt einmal, ob sie nicht etwas so Schlimmes anstellen wollen, dass sie es bis ins Gefängnis von Madras (Chennai) schaffen, und Karthi lacht sich tot darüber, bevor er den nächsten vorbeiziehenden Straßenhändler überfällt. Ganz am Ende allerdings, wo er endlich die Liebe Matathagus annehmen kann, da geschieht etwas sehr Grausames, was alles verändert. Das sind nachtdunkle Bilder, die einem den Schlaf rauben können und Karthi löst diese Sackgassensituation mit der ihm eigenen Konsequenz, also mit der Machete. Ein großartiges Ende für einen großartigen Film, der mit etlichen Preisen ausgezeichnet wurde und 2008 auf der Berlinale lief - ein Film aus einer anderen Welt.

Michael Schleeh

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

Banshiwala (Anjan Das, Indien 2010)

The sixth film of Bengali film director Anjan Das is a slowly moving arthouse film which features good actors and beautiful music. It is a literary adaption from the novel The Flautist by Shirshendu Mukhopadhyay and that instrument obviously has been one of the inspirations for the very lyrical, melodical songs here. Anjan Das already died in 2014 after directing eight feature films - for Banshiwala he was awarded two prices at international film festivals.

 The film basically asks the moral question if a house as a building is merely a property (of investment) or if it's somehow a sacred place of remembrance. In this case, the house even is a little bit run-down but still an impressive ancestral manor which bears memories of multiple generations of the family. So, selling it would be the equal to giving away the familial heritage. But there's a dark and hidden secret, too, which has to be challenged as the story comes to a close. In some abstract scenes, the fil…

In Bong Joon-hos OKJA (2017) rettet die Liebe eines Mädchens zu seinem Hausschwein eine kleine Welt

Am Beginn von OKJA, Bong Joon-hoos neuestem creature feature für netflix, öffnet sich die koreanische Landschaft auf die schönste Weise. Man staunt über die grünen Hügel und Wälder, die steilen Schluchten und Täler, die einen großen Kontrast setzen zu den allerersten Minuten des Films im Herzen der zubetonierten Metropole Manhattans. Dort nämlich befindet sich die Mirando Corporation, ein Nahrungsmittelhersteller, der mittels Gen-Food seinen Aktienindex hochjubeln möchte. Dazu braucht es Fleisch. Viel Fleisch, und besonders leckeres. Und viel kosten darf es auch nicht. Deswegen werden Riesenschweine gezüchtet (optisch geht das Richtung Seekuh), die Qualitätsfleisch versprechen. Eines der Versuchsschweinchen durfte in den Wäldern und Bergen Koreas aufwachsen, und es ist freilich das Prachtexemplar schlechthin, das dem Film den Titel gibt. Möglicherweise ist es aber vor allem die Liebe, die das Tier erfahren hat, das es so gut gedeihen ließ. Geliebt wird es heiß und innig von dem 13-j…