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Afraid to Die / Karakkaze yarô (Yasuzo Masumura, Japan 1960)


Auch dieser Film beginnt - wie schon bereits KISSES - mit einer Ankunft am Gefängnis; der Wagen fährt langsam die graue Wand entlang, bis er das Tor erreicht. Der Besucher ist diesmal aber nicht der Sohn, sondern ein angeheuerter Killer, der im Auftrag einer Yakuza-Bande Takeo (Yukio Mishima) umlegen soll. Dieser ist aber gerade bei einem Ballspiel und schickt einen befreundeten Insassen an seiner statt. Und kommt so nochmal davon. Später allerdings, als er wieder draußen ist, wird er der Gejagte sein.

Das Gejagt-sein ist auch das zentrale Motiv des Filmes - denn Yukio findet keine Ruhe. Dies liegt aber nicht nur an den äußeren Umständen, etwa daß ihm der Gangsterboss Sagara (Jun Negami) einen weiteren Killer auf den Hals hetzt. Es liegt auch an Takeos sprunghaftem Charakter, an seiner Art, sich nicht für etwas entscheiden zu können. Als ihm sein Onkel und Boss Gohei Hirayama (Takashi Shimura (!) mit fantastischem Ganzkörpertattoo) die Pistole auf die Brust setzt, warum er seine Gegner nicht auslösche, kann er keine Antwort liefern und druckst herum. Auf die Frage seines Freundes, warum er sich nicht für ein Leben entscheide - das des Gangsters oder das des Geschäftsmanns - weiß er nichts zu erwidern. Er scheint von allem etwas abhaben zu wollen, und nirgends die Verantwortung zu übernehmen. Nie ist er mit dem Herzen bei der Sache. So auch gegenüber den Frauen: seine eigene Braut läßt er sitzen, nachdem er sie nochmals durchgenudelt hat, als er aus dem Knast kam. Die süße und unschuldige Kartenabreißerin des Kinos, Yoshie (Ayako Wakao), vergewaltigt und schwängert er. Sie nimmt dieses Schicksal, auch das Kind, mit einer merkwürdigen Mischung aus Nächstenliebe und Masochismus an, und muß ihn zur Annahme der Konsequenzen zwingen. Auch sie handelt aus egoistischen Motiven, und nimmt es auf sich, wiederholt von Takeo geschlagen zu werden.
Der kometenhafte Aufstieg Mishimas als Schriftsteller zu Beginn der 50er Jahre hat der Publicity des Filmes sicher gut getan, ebenso das Mitwirken Ayako Wakaos, die der Star des Studios war und auch mit Mizoguchi, Ichikawa und Ozu gedreht hat. Masumura zeigt uns auch in diesem Film wieder Charaktere, die sich in einem gewalttätigen System der Abhängigkeiten beweisen müssen. Doch anders als in KISSES oder in GIANTS AND TOYS scheint in AFRAID TO DIE das Dunkle und Brutale, das Andere, vielleicht 'Abartige' nun aus den Menschen selbst zu kommen. In diesem Film gibt es eigentlich keine Sympathiefiguren, ganz sicher nicht die Protagonisten. Allenfalls der alte Boss, von Shimura mit Menschlichkeit gespielt, erscheint noch mit postiver Ausstrahlung (auch wenn er selbst den Gesetzen der Banden gehorcht); er gehört aber bereits deutlich auf's Abstellgleis. Takeos Unentschiedenheit ist auch gleichzeitig eine Unkontrollierbarkeit - man weiß nie, was man von diesem Heißsporn in Lederjacke halten soll. In einem Moment küßt er die Angebetete wild, im nächsten verdrischt er sie, weil sie ihm widerspricht.
AFRAID TO DIE ist ein Film, der in Masumuras Werk einen neuen Ton anschlägt: die Verlagerung des Grausamen in den Menschen hinein. Daß aus dem relativ action-armen Film, gepaart mit dem von nicht unbedingt grenzenlosem Talent gesegneten Schauspieler Mishima, dennoch ein unterhaltsamer geworden ist, dürfte dem Geschick und dem Können Masumuras anzurechnen zu sein. Ob der fehlenden Sympathiefigur ist dieser allerdings ein spröder Film geworden, und scheint bereits die harten und unerbittlichen, die harschen Yakuza-Dramen Kinji Fukasakus vorweg zu nehmen.

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