Direkt zum Hauptbereich

Tropical Malady / Sud pralad (Apichatpong Weerasethakul, Thailand 2004)

Ich mag freie Formen. [...] Der Dschungel ist ein Ort, an dem die Urinstinkte aus dem Käfig gelassen werden. Auch jeder Bezug zur Zeit ist aufgehoben. (A. W. in Revolver, Zeitschrift für Film)



Wer an diesen Film mit den herkömmlichen Bedürfnissen nach kohärenter Erzählweise und "spannender Story" herangeht, wird enttäuscht werden: dieser zarte Film vor Dschungelkulisse und dem wilden Gewühl in Bangkok geht einen anderen Weg: einen eigenen.


Keine Musik, statische Bilder, ab und zu mal eine Fahrt, das muß genügen. Dafür: Schnitte, keine Arthhouse-Aufschneiderei! Sondern: Flackern, Ausschnitte einer Annäherung, Berührungen, Lachen, Lächeln - zwischen Keng (Banlop Lomnoi), dem Soldaten, und seinem Freund Tong (Sakda Kaewbuadee), dem Bauern. Da bekommt man wahnsinnig viel mit von einem Leben zwischen Flirt und Eisklotzschneiden, und die eher stillen Charaktere bilden sich aus durch Kleinigkeiten.


Doch dann, als die Romanze beginnt, kommt der Einschnitt: Tong verschwindet, geht ins Licht, dann in die Dunkelheit, in den Wald wohl. Der Dschungel des zweiten Teils balanciert die Großstadt des ersten aus. Keng wird abberufen auf's Land und muß den Tiger finden, der einem Dorf die Tiere reißt. Immer weiter geht es hinein in den Dschungel, und Keng beginnt zu halluzinieren, Geister zu sehen, in Kontakt zu treten mit den Märchen und Sagen, den Mythen des Waldes und dem Schamanismus. Die Bilder verweben sich immer mehr - ohne psychedelisch zu werden - zu einem Geflecht der psychischen Öffnung, in der zwischen Mensch und Natur nicht mehr eindeutig geschieden werden kann.


Und genau auf diese Weise muß sich auch der Zuschauer auf diese Bilder einlassen, diese Art eines intuitiven Erzählens, eines impulsiven Wahrnehmens, das einem erst im Nachhinein - vielleicht! - die Zusammenhänge zeigt. Man schaut,... und staunt. Da spielt Zeit keine Rolle mehr, Szenen wechseln sich ab, und dennoch bemerkt man eine Intensivierung auf einen Höhepunkt hin, der sich in der Aura des Filmes bemerkbar macht.


Denn dann, ganz am Ende, erscheint dann auch das wilde Tier - so der Originaltitel getreuer übersetzt - dem Protagonisten. Der Löwe blickt ihn an, und der Protagonist sieht sich selbst. Denn da schlägt der Film wieder den Bogen zum Anfang, an dem zu lesen war: "Von Natur aus sind wir alle wilde Bestien." Es ist unsere Pflicht uns selbst zu zähmen. Auch Photos vor Leichen - wie am Anfang - zeugen vom Tier in uns.
Ist man am Ende angelangt schließt sich der Kreis. Und öffnet sich zugleich erneut zu dieser oder der nächsten Geschichte: man kann TROPICAL MALADY direkt nochmals schauen.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Jugend am Abgrund: Love and Other Cults (Eiji Uchida, Japan 2017)

Der japanische Independent-Film bringt auch heute noch saftige, verbotene Früchte hervor: ein gutes Beispiel ist des Regisseurs Eiji Uchidas vorherige, ebenfalls von Third Window Films produzierte, Meta-Erotikfilm-Groteske LOWLIFE LOVE (2015) mit einem fabelhaft fiesen Kiyohiko Shibukawa in der Hauptrolle. Auch hier gibt es wieder eine starke Protagonistin mit Sairi Ito als Ai, die zuerst als junges Mädchen in ein Jesuscamp gesteckt wird, wo sie einem Messias aus dem Westen huldigt, und später dann auf die schiefe Bahn gerät und im Pornobusiness endet.
 Aber: leider ist das nur die halbe Wahrheit. LOVE AND OTHER CULTS ist bei weitem nicht so dicht gescriptet wie sein Vorgänger, sondern stellt eine ganze Vielzahl an verschiedenen Figuren immer wieder ins Zentrum seiner vielen Geschichten. Eine Entscheidung, die den Film nicht nur in einzelne Episoden zerlegt, sondern insgesamt auch wenig kohärent erscheinen lässt. Und dann kommen noch ein paar Zeitsprünge hinzu und das Chaos ist komp…

Afterlife / Wandâfuru raifu (Hirokazu Kore-eda, Japan 1998)

Angekommen in einem nüchternen Zwischenreich, müssen zehn Verstorbene den schönsten Moment ihres Leben auswählen, um mit dieser Erinnerung anschließend ins Jenseits einzugehen.

Kore-eda ist ein Regisseur der vom Dokumentarfilm kommt. Das sieht man ihm auch bei seinen filmischen Mitteln im feature film an. Die Kreation irrwitziger Filmwelten ist nicht sein Ding. Stets führt die ruhige Kamera in langen Einstellungen "reales" Leben vor, das sich nicht den Gesetzen des Entertainments unterwirft. Lange Einstellungen, Stille, Respekt vor den Menschen, dem kleinen Moment des Besonderen.
Seine Mittel der Authentizitätserzeugung wählt er gründlich: neben den bereits erwähnten technisch-strukturellen Komponenten ist es auch die Wahl der Schauspieler und Laiendarsteller, für die er sich enorm viel Zeit genommen hatte. So werden die Toten (etwa 10 Personen) allesamt von Laien dargestellt, die Kore-eda nach 500 geführten Interviews ausgewählt hatte. Zudem waren nur die Dialoge der profe…

Eine irre und wirre Komödie: CRIME OR PUNISHMENT ?!? (Keralino Sandorovich, Japan 2009)

Eine wirre und irre Komödie aus Japan, die auf einem Theaterstück desselben Regisseurs basiert. Einzelne Momente, z.B. die komplette Eröffnung mit dem Sararyman ist toll, einzelne Momente und Erzählstränge später - während des recht lange sich anfühlenden Films - ebenso. Leider kann der Film aber weder sein Tempo halten, noch die Aufmerksamkeit des Zuschauers über die gesamte Spieldauer fesseln. Zu sehr fasert er auseinander, zu weit driften die einzelnen Stränge der Handlung auseinander.

Da verwundert es wirklich, dass Regisseur ケラリーノ・サンドロヴィッチ, kurz KERA genannt, alle diese Fäden auch wieder zusammenbringt. Eine reife Leistung! Allerdings muss man sich mehrfach dazu zwingen, bei diesem etwas bemüht wirkenden Film, am Ball zu bleiben. Das gelingt aber immer wieder dann doch, weil der Film niemals ganz abstinkt, oder die SchauspielerInnen zu gut sind. Zu gut für ihre Rollen, möchte man manchmal meinen. Und so Leute wie eine Sakura Ando taucht dann auch plötzlich auf - m…