Direkt zum Hauptbereich

The Barefooted Youth / 맨발의 청춘 / Maenbale-ui cheongchun (Kim Ki-deok, Südkorea 1964)


"I am just a street thug with no skills whatsoever!" (Doo-soo)

Der Straßendieb Jo Doo-soo (Shin Seong-il) lebt in einem ärmlichen Stadtviertel und erledigt niedrige Jobs für einen lokalen Bandenchef. Bei einem Auftrag gerät er in einen Raubübefall: ein paar Gauner beklauen und bedrängen zwei unschuldige Mädchen auf ihrem Weg durch die Stadt. Doo-Soo geht dazwischen und sieht sich plötzlich mit den Anführer in einen Messerkampf  verwickelt. Er kann ihn zwar besiegen, wird dabei aber selbst verwundet. Als anschließend eines der Mädchen zu einem Krankenbesuch vorbeikommt um sich für die Hilfe persönlich zu bedanken, scheinen sich die beiden auf Anhieb sehr gut zu verstehen. Doo-soo und die Diplomatentochter Joanna (Eom Aeng-ran) verlieben sich schließlich in einander und müssen sich gegen die Anfeindungen der Umwelt durchsetzen - sowohl was die Gangsterorganisation betrifft, der er angehört (sein Boss sieht aus wie ein koreanischer Edward G. Robinson), als auch gegen die Zurückweisungen der Eltern Joannas und die Ausschlußmechanismen der reichen Oberschicht.

Das Thema der sozialen Schichten ist also domiant in diesem Film: die problematische Liebe eines Mannes aus der Unterschicht zu einer Frau, die der Aristokratie zugehörig ist. Daran knüpft fast zwangsläufig ein Generationenproblem an ("generation gap"), das zwischen den konservativen Eltern und den modernen Jugendlichen, die nach ihrer Freiheit und Unabhängigkeit streben. Dennoch ist BAREFOOTED YOUTH, der übrigens wie ein Gangsterfilm beginnt, kein schwermütiges Drama, sondern ein recht amüsanter Genre-mash-up, der sich auch bei der Komödie bedient. So pendelt der Film hauptsächlich zwischen zwei Polen, einmal recht pessimistisch-düster mit für die Protagonisten scheinbar unüberwindbaren Schranken innerhalb eines verkrusteten Systems im Angesicht einer ökonomisch prekären Lage, und andererseits einer positiven Euphorie, wenn die junge Generation ebendiese Barrieren zu überwinden und hinter sich zu lassen sucht.

Am Ende des Filmes, wo dann das Drama immer mehr ins Melodrama kippt, findet sich eine wunderbar kitschige Szene in einem Stall, wo es zur einzigen körperlichen Annäherung der beiden kommt: einem kurzen aber leidenschaftlichen Kuss, von außen durch das Fenster in den Innenraum hinein gefilmt - und die Münder begegnen sich, für den Zuschauer gerade nicht zu sehen, genau im Fensterkreuz. Und ganz am Ende, da das Paar keinen Ausweg weiß, kommt es tatsächlich zu einem Doppelselbstmord aus Liebe. Es gab wohl einige Probleme, den Film durch die Zensurstelle zu bekommen.

THE BAREFOOTED YOUTH (resp. THE BAREFOOTED YOUNG) läßt sich dem Genre des  "adolescent film" zuzählen, das in den 60ern in Korea sehr beliebt war. Kim Ki-deok, einer der führenden Regisseure des golden age des südkoreanischen Kinos (etwa 1956-1970, trotz einer politisch schwierigen Zeit und massiver Eingriffe durch die Regierung nach einer kurzen Phase der relativen Freiheit um 1960 (etwa die Etablierung des "Motion Picture Law" von 1962)) hat in seiner Karriere insgesamt über 60 Filme gemacht. Bei uns ist er leider so gut wie völlig unbekannt.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...

Sleep Has Her House (Scott Barley, GB 2016)

"And the dark is always hungry." (Scott Barley) Scott Barley's apocalyptical drone-room of a film is a fascinating experience. Not only a film to watch, but definitely one to listen to, as the audio is almost as impressive as its pictures. Very often, the images are blurred in the beginning, but with the slightest movements of the camera, the picture does get clearer, more concrete, focused, but sometimes nothing happens at all, too. Nevertheless, the film feels very dynamic - it's a weird state of an inherent Bildspannung , a suspense (and tension that might rip apart) inside of the images themselves that keeps you totally immersed.  Static movement  of the camera might be the term of technique to describe the process of capturing those dreamlike images, which are almost incomprehensive at first, always hard to grasp. As there seems to be no plot, no dialogue, no actors, there are none of the usual narrative anchors that guide us through a film, or movie. O...

Ugetsu monogatari / Erzählungen unter dem Regenmond (Kenji Mizoguchi, Japan 1953)

Im Japan des 16 Jahrhunderts herrscht Bügerkrieg: marodierende Söldner ziehen über das Land, verwüsten Dörfer, plündern, entführen die Männer und vergewaltigen die Frauen. In den Kriegswirren gelingt es dem Dörfler Genjuro, einem Töpfer, in der entfernten Stadt seine Tonwaren zu einem guten Preis zu verkaufen, wobei er sich jedoch immerzu auf die gefährliche Reise machen muß, und so auch seine Frau und seinen noch sehr jungen Sohn zurücklassen muß. Sein Schwager Tobei hilft ihm im Familienunternehmen; auch er möchte Geld verdienen um sich eine Samurairüstung kaufen zu können, um endlich ein angesehener und stattlicher Herr werden zu können. Genjuro verliert über seinen wirtschaftlichen Erfolg immer mehr den Überblick und entwickelt sich zu einem habgierigen Geschäftemacher, der lieber sein Leben auf's Spiel setzt, als den Ofen ausgehen zu lassen, was den Brennvorgang seiner Waren unterbrechen und ruinieren würde. Auch Tobei verliert den Blick für das wesentliche, was soviel heißt ...