Direkt zum Hauptbereich

The Embryo Hunts In Secret / 胎児が密猟する時 / Taiji ga Mitsuryo Suru Toki (Kôji Wakamatsu, Japan 1966)


Es ist Nacht, es regnet. Eine junge Frau und ein Mann im Anzug küssen sich wild und eng umschlungen in einem Auto, der Regen prasselt gegen die Scheiben. Sie entscheiden sich, zu ihm zu fahren. Dort angekommen wundert sie sich, dass die Wohnung so spärlich eingerichtet ist: außer dem Bett im Schlafzimmer gibt es praktisch keine Möbel. Nach einer ersten schnellen Runde Körperlichkeit und in der Ermattung registriert die Frau nicht, dass sie mittlerweile gefesselt ist und geknebelt wurde. Der Mann, ein typischer japanischer Salaryman im Anzug mit Schlips und Brille, nimmt seinen Gürtel zur Hand - später ist es eine Peitsche - und verdrischt die panisch davonkriechende, malträtierte Frau. Erste blutige Striemen sieht man auf der Haut, aber das ist erst der Auftakt...

THE EMBRYO HUNTS IN SECRET gilt gemeinhin als einer der kontroversesten Filme Wakamatsus, des "berühmt-berüchtigten" Pink-Filmers, dessen Karriere im Filmbusiness Anfang der Sechziger begann und bis heute anhält (er war etwa mit CATERPILLAR auf der Berlinale 2010 vertreten, der dort im Wettbewerb lief und dem türkischen BAL / HONIG unterlag (dennoch Silberner Bär für die beste Darstellerin)). Verständlich, denn im Anschluss an diese Eröffnung wohnt man beinahe den gesamten Rest des Filmes bis hin zum dramatischen Ende der Misshandlung einer Frau bei, die dieser derangierte Angestellte verbricht. EMBRYO ist der erste Independent-Film Wakamatsus, den er mit seiner eigenen Produktionsfirma realisierte, nachdem er enttäuscht Nikkatsu verlassen hatte. Diese hatten sich bei der Veröffentlichung seines Filmes SKELETON IN THE CLOSET aka. SECRET ACT WITHIN FOUR WALLS (1965) allzu zurückhaltend verhalten, obwohl der Film auf der Berlinale enthusiastisch aufgenommen worden war - man hatte schlicht zuviel Respekt vor der "Eirin" (Eiga Rinri Kanri Iinkai), dem Pendant zur Bundes(zensur)prüfstelle, welche unter dem Druck der amerikanischen Okkupation 1949 gegründet worden war. Außerdem schien man sich dafür zu schämen, dass nun ausgerechnet ein Sexfilm der Exporterfolg japanischer Kultur sein sollte.

Schon auf den ersten Blick erkennt man, dass EMBRYO kein Film von der Stange ist. Neben dem gewohnt hohen Niveau der Bildgestaltung ist auch die thematische Ausarbeitung nicht das gewöhnliche Einerlei des Sexfilms. Denn die in regelmäßigem Abstand eingestreuten Sexszenen, die das Genre, die Studiobosse und das Publikum verlangen, zerfliessen hier in einen einzigen langen Akt der Erniedrigung. Allerdings fällt recht schnell auf, dass der Akt der Penetration ausfällt, es ist vielmehr die physische Gewalt, die im Vordergrund steht. Breitbeinig steht der Mann da, Peitsche in der Hand, und schlägt auf die wehrlose Frau ein. Es ist mir kaum vorstellbar, dass diese Machtphantasie tatsächlich eine sinnliche Erregung auslösen könnte. Außerdem klingt bereits ein Element an, das den gesamten Film umzukrempeln beginnt: denn mit zunehmender Laufzeit wird immer offensichtlicher, dass der Mann der Getriebene ist, und die Frau die Oberhand behält, gleichwohl sie missbraucht wird. Das sage ich nun freilich nicht, um die Gewalt zu relativieren (falls das jemand unterstellen sollte), sondern um den Blick dahin zu lenken, wo Wakamatsu subversiv mit den Standards seines Genres bricht. Wo er eigene Wege geht, wo es politisch wird, psychologisch, sozial. Wo man zwar auf der Oberfläche eine Handlung wahrnimmt, die allzu leicht simplifiziert und reduziert wird auf das vordergründig Sichtbare, die dahinterliegende Ebene aber gerne ignoriert wird. Denn dann würde man feststellen, dass gerade darin die Qualität des Plots liegt im letztlich doch sehr engagierten Kino Wakamatsus. Die Frau ist zwar das Opfer, doch ist der Mann eindeutig krank. Selbst das Opfer einer herrschsüchtigen Mutter, kann er es nicht ertragen, dass seine eigene Frau ein Kind bekommen möchte. Und obwohl er sich hat kastrieren lassen, lässt sie nicht ab von diesem Wunsch (diese Szenen aus der Vergangenheit werden immer wieder in assoziativen Rückblenden eingefügt). Bis seine Frau schließlich die In-Vitro-Fertilisation bemüht, um mit ihm (!) das Kind aufzuziehen. Eine Schmach (der konkurrierende Phallus in Form des Reagenzglases), die  er nicht ertragen kann (er wirft es an die Wand) - daraufhin verlässt sie ihn. Die aktuelle Handlung des Filmes lässt sich nun als Kompensation auf diese biographische und selbst zugefügte "Entmännlichung" lesen (ein also letztlich nie überwundener Ödipuskomplex, worauf auch seine Kastration verweist), wodurch auch der Gebrauch des Gipsabdrucks des Gesichts seiner Frau seinen Sinn erhält: das Opfer soll diese Maske tragen, sie soll zur ehemaligen Frau werden (vielleicht sogar zur Mutter?) und stellvertretend für diese seine Rache ertragen. Als sie dies erkennt, er psychisch zusammenbricht und seinen Kopf in ihren Schoß hinein bettet (!), schließlich zu weinen beginnt, da kommt es zum großen Finale, in dem die Frau dem patriarchalischen Mann zeigt, wie tief das Messer dringen kann. In den Bauch hinein freilich, dorthin, woher beim Mann noch nie ein Leben entsprang.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Masahista / The Masseur (Brillante Mendoza, Philippinen 2005)

Brillante Mendozas erste Spielfilmregie verortet ihn sogleich im Independentkosmos des modernen philippinischen, cineastischen Undergrounds. Geringe Budgets und die Digitalkamera eröffnen jungen Filmemachern die Möglichkeit, nicht nur jenseits einer etablierten Filmindustrie, sondern so gut wie jenseits jeder filmischen Szene aktiv zu werden. Ein Status, der sich auch in der Verfügbarkeit der Filme zeigt. So sind die Filme von Brillante Mendoza, Lav Diaz, Raya Martin, KHAVN de la Cruz u. a. nur in Ausnahmefällen auf DVD greifbar (wenn, dann sowieso nur weltweit), oder sie sind mit etwas Glück auf engagierten Retrospektiven und Filmfestivals zu sehen. Im Falle KHAVNs übrigens durchaus auch auf youtube, selbst eingestellt vom Regisseur. Die Filme eint neben den o. g. Kriterien ein Hang zum ästhetischen Radikalismus in Kombination mit einem Blick auf gesellschaftliche Mißstände, welcher gerne mal als "neorealistischer" italienischer Prägung oder als einer im Geiste des "Cin...

Accident / Yi ngoi (Soi Cheang, HK 2009)

Pou-Soi Cheangs erster Film unter Johnnie Tos Produktionshoheit (Milkyway) ist ein hervorragend schneller, straffer und kluger Genreknaller geworden. Ho Kwok-Fai (Louis Koo) hat ein Killerteam um sich geschart (Stanley Fung, Lam Suet, Michelle Ye), das sich auf die Inszenierung von Auftragsmorden spezialisiert hat. Diese laufen stets nach einem Dominosystem ab und erscheinen - da sie so komplex konstruiert wurden - wie tatsächlich Unfälle. Doch plötzlich wird einer des Teams während einer Aktion durch eine Verkettung tragischer Zufälle getötet. Ho entkommt nur knapp. An diesen Zufall will er nicht glauben und wähnt sich selbst das Ziel eines Killerteams. ACCIDENT beginnt enorm stark - und es ist eine Lust, den kreativen Inszenierungen zuschauen zu können. Cheangs in DOG BITE DOG zelebrierter harter Realismus und die ungestüme Wildheit SHAMOs geht ACCIDENT ab, da wurde er wohl von To gebremst. Doch nicht zum Schlechten: der Film ist sehr flüssig und elegant inszeniert, spart aber nicht ...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...