Direkt zum Hauptbereich

Barsaat / The Monsoons / बरसात (Raj Kapoor, Indien 1949)


Die beiden Freunde Pran (Raj Kapoor) und Gopal (Prem Nath) unternehmen mit dem Wagen eine Landpartie - mit der Absicht, für Pran ein geeignetes Haus zum Kauf zu finden. Es ist Monsunzeit und beim Halt an einem Fluß genießen sie die Gastfreundschaft Neelas (Nimmi), eine Freundin Gopals. Dieser, ein Schwerenöter, verführt das Mädchen und verspricht, spätestens zum nächsten Monsun zurück zu sein. Ein Versprechen jedoch, wie später bedeutungsschwanger erläutert wird, bei Monsun ausgesprochen, wird niemals eingehalten werden. Diese raunende Weisheit gibt den thematischen Rahmen dieses großen Melodramas vor. Doch eigentlich geht es im Haupterzählstrang um den feinsinnigen Pran, der sich schließlich in einem opulenten Haus an selbigem Fluß niederlässt, und der sich in das einfache Fischermädchen von gegenüber verliebt: in Reshma (die betörende Nargis). Doch die Liebe findet keine Erfüllung; Reshmas Vater wendet sich gegen die Wünsche der Tochter und arrangiert eine Hochzeit mit einem Mann seiner Wahl aus der Nachbarschaft...

Liebe in Gefahr, das große Thema in Raj Kapoors zweitem Film, der sich zum veritablen Hit mit enormem Einspielergebnis mausern sollte und indische Filmgeschichte schrieb. Denn als die beiden sich die Liebe gestehen könnten, bringen sie die Worte nicht über die Lippen. Und später, als nach einer großartigen wie brutalen Szene der Vater die eigene Tochter den reißenden Fluten des Flusses überantwortet, scheint alles zu spät. Denn Reshma wird von einem Fischer flußabwärts zwar das Leben gerettet, dieser allerdings hält sie daraufhin gefangen und zwingt sie zur Hochzeit. Eine Wiedervereinigung mit dem Geliebten scheint völlig unmöglich, und der Ton des Films kippt beinahe in einen Herz-Schmerz-Terrorfilm. Als Reshma etwa einmal die Flucht wagt, da wird sie von dem hünenhaften Mann verfolgt, der in einer so großartigen wie schrecklichen Schattenriss-Szene die mächtige Axt über den Kopf hebt, um das Mädchen zu erschlagen.

Abgesehen von der unmittelbaren Brutalität, die wie eine Schockwelle von der Leinwand flutet, ist die Photographie dieses Films herausragend. Für seine Chiaroscuro-Bilder ist BARSAAT auch berühmt geworden, die den westlichen Zuschauer durchaus an die großen expressionistischen Stummfilme denken lassen oder bei den wunderschönen Nahaufnahmen und Portraits der Schauspieler an die nachtdunklen Schatten des Film Noir. Musikalisch recht dominant ist der beinahe dreistündige Film mit seinen 13 Songs ausgefallen, und nicht alle wissen zu überzeugen - wenngleich es auch ein paar sehr schöne Nummern gibt. An einer Stelle kommen sehr knapp drei Songs nacheinander, das ist dann doch ein wenig gewöhnungsbedürftig. Letztlich aber bleibt BARSAAT ein außergewöhnlich schön anzusehender Bollywood-Film (mit einem übrigens recht merkwürdigen Fuß-Fetisch), der mit seinen beiden Erzählsträngen so manche gefühlte Länge wieder beseitigt und sich mit zwei ikonenhaften Bildern in die Filmgeschichte einschrieb: einmal Raj Kapoor und Nargis in einer großen Liebesverzichterszene sich umfassend, während er die Violine in der Hand hält, und dann die Großaufnahme der beiden Liebenden, wie die Tränen des Helden auf die Wangen der Geliebten herabfallen.













***


Beliebte Posts aus diesem Blog

HKIFF 2013: A Story of Yonosuke (Shuichi Okita, Japan 2012)

Mitte der 80er kommt der junge Yonosuke nach Tokyo um dort zu studieren. Er ist eine ziemlich schräge Gestalt: groß gewachsen, Wuschelhaare, er hat einen ungewöhnlichen Humor und hat einen einnehmend, offenen Charakter. Einer der zugleich irgendwie schräg ist, rausfällt. 16 Jahre später erinnern sich verschiedene Personen, die alle seine Bekanntschaft gemacht hatten, an ihn, und in übergangslos montierten Rückblicken findet der Film - durch seine unterschiedlichen Perspektiven - neue Blickwinkel auf die Person Yonosukes. Hierfür gibt es auch einen Anlaß, der teilt sich aber erst ganz am Ende des Films mit. Dieser Film, eigentlich eine coming-of-age-Geschichte, ist voller origineller Einfälle, von lautem und leisem Witz, immer durchzogen von einer Spur Ironie und Humor. A STORY OF YONOSUKE ist trotz seiner 160 Minuten extrem kurzweilig, und hat eine völlig ungewöhnliche Narration. Beim ersten Einschub eines sozusagen "zukünftigen Flashbacks", denn die Zeit der Haupthan...

The Warped Ones aka The Wild Love-Makers / Kyonetsu no kisetsu (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)

THE WARPED ONES ist die totale Tayozoku-Madness, ein Film über jugendliche Rebellen im Nachkriegsjapan: zwei "juvenile delinquents" kommen aus dem Gefängnis heraus und beginnen direkt mit ihrer Hatz auf Vergnügungen, auf Mädchen, Alkohol und Befriedigung der Primärbedürfnisse. Wenn die Strecke zu weit ist, klaut man eben kurz einen Wagen. Hat man Hunger, klaut man was am nächsten Straßenstand. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß steht auf der Stirn, der Jazzbeat treibt voran, die Artikulation geschieht hauptsächlich durch Grunzen, Brüllen, Knurren und sonstige animalische Laute. Wird gegessen, dann wird geschlungen. Gebratene Hühnchen werden zerrissen, Reis wird gestopft. Wasser wird aus der Kanne direkt in den Mund gegossen und läuft über den von Schweißtropfen perlenden, entblößten Körper. Dieser prototypische Suntribe-Film (die man als Vorläufer der "Neuen Welle" in Japan verstehen kann) ist ein einziger, rasender Exzess der Respektlosigkeit. Die beide...

Nippon Connection 2016: Being Good (Mipo O, Japan 2015)

Die koreanisch-stämmige Japanerin Mipo O verbindet in BEING GOOD drei Erzählfäden zu einem Pastiche des alltäglichen Schreckens: versteckte, häusliche Gewalt gegenüber Kindern ist das Thema des engagierten Films. Dass auch in ihrem aktuellen Film die Sozialkritik im Mittelpunkt steht, konnte man sich schon denken, wenn man an ihren Film THE LIGHT SHINES ONLY THERE zurückdenkt, der nicht nur international erfolgreich war (Filmfestivals, Auslands-Oscar-Beitrag 2014), sondern auch auf Platz 1 des jährlichen Filmrankings der renommierten Filmzeitschrift Kinema Junpo landete. Und so denn auch hier: ein Sozialdrama, das emotional vernichtend sich ins Herz des Zuschauers schleicht, ohne dabei in Kitsch abzurutschen oder sich seine Prämisse allzu deutlich auf die Fahne zu schreiben. Es ist ein Film, der an die Substanz geht. Dabei beginnt der Film recht drastisch: schon in den ersten Minuten wird ein kleines Mädchen von der kaltherzigen Mutter im Wohnzimmer verdroschen, dass sie blaue...