Direkt zum Hauptbereich

Kanchenjungha / কাঞ্চনজঙ্ঘা (Satyajit Ray, Indien 1962)



Dann gibt es da dieses schöne Bild fast ganz am Ende, auf dem Flanierweg oberhalb der Ortschaft in Darjeeling, wo die reiche bengalische Mittelschichtenfamilie Urlaub macht und sich den Kanchenjunga im Himalaya-Massiv anschaut, und wie dann die junge Monisha (Alaknanda Roy) zwischen den beiden Männern steht und sich für einen entscheiden soll: den reichen, etwas selbstgefälligen, studierten Ingenieur mit Studium in Oxford, und andererseits den beinahe mittellosen Privatlehrer mit 50 Rupien Einkommen im Monat - der aber was von Poesie versteht, der fröhlich ist und vom Alter her passt, und der sich als einziger nicht von ihrem Vater einschüchtern lässt. Es ist also beinahe eine Szene wie in Kurosawas NO REGRETS FOR OUR YOUTH (1946), wo Setsuko Hara über den Fluss stolpert und ihr zwei Rivalen des Herzens Hilfe anbieten. Und das Schöne ist hier bei Ray: sie entscheidet sich erstmal für keinen von beiden, auch wenn ihr Herz, das wird deutlich, für den jungen Mann schlägt. Immerhin kann sie ihm noch einen für später zugesicherten Besuch abschwatzen, zuhause dann in Kalkutta. Da lichtet sich der ständige Nebel, der hier oben in den Bergen permanent wallt und den Blick verstellt, und macht die Sicht auf den Berg frei, den zu sehen alle hierhin gefahren sind.

Welchen sie, die Tochter, nun quasi besteigen musste gegen die Widerstände von Tradition und vor allem: Familie (was soviel heißt wie: Vater). Der Berg, der höchste Berg Indiens (die Grenze zwischen dem indischen Bundesstaat Sikkim und Nepal verläuft über dessen Gipfel) fungiert in diesem Film freilich auch als Metapher für die (gesellschaftlichen und seit Ewigkeiten bestehenden) Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Und derer gibt es einige im Film, dessen Handlung sich aus vielen verschiedenen Handlungssträngen zusammensetzt (der Film wird auch als früher Vertreter des Hyperlink-Cinemas bezeichnet, so wie NASHVILLE und SHORTS CUTS von Robert Altmann oder die Filme Alejandro González Iñárritus, in denen parallel verlaufende, verschiedene Geschichten erzählt werden und die an verschiedenen Triggerstellen miteinander verlinkt sind und/oder aufeinander reagieren).

Das Figurenarsenal ist recht groß im Film, aber nicht alle werden gleichberechtigt in Szene gesetzt. Vielleicht noch eine Kleinigkeit aus diesem Nebenfigurenkreis, denn auch da geht es unter anderem um eine Ehefrau, die sich emanzipiert hat. Seit jungen Jahren arrangiert verheiratet, hat diese sich später, als reife Frau, einen Liebhaber genommen, und konnte das vor dem Gatten geheim halten. Jetzt jedoch kommt alles raus, und schließlich überwindet sich der Mann dazu, der Frau das Recht zuzugestehen, selbst entscheiden zu dürfen. Das Liebesverhältnis ist aber bereits abgeklungen, sie hat den Wert in der Ehe wieder entdeckt, und denkt gar nicht daran, ihn zu verlassen. Der Mann akzeptiert und die Ehe ist gerettet. Das ist kein konservativer Rückfall, wie man vorschnell denken könnte, nein, denn genau genommen hat sich nun vor allem das Machtverhältnis zwischen den Eheleuten verändert. Zum Positiven für die Frau. Die Bedingungen, auf denen die Gemeinschaft der beiden fußt, sind nun gänzlich andere, als zuvor. KANCHENJUNGHA ist trotz seiner alles dominierenden Dialoglastigkeit merkwürdigerweise ein sehr spannender Film, obwohl eigentlich ausschließlich geredet wird und an Aktion, an Bewegungs - Kino, nichts passiert. Auch der Landschaftsbonus dieser idyllischen wie zugleich spektakulären Gegend wird von Ray nicht ausgespielt; das kann er sich nicht leisten, denn dies kann nur die letzte Szene sein, in der dann endlich Klarheit herrscht. Umso erstaunlicher, wie gut das hier funktioniert - und wie modern dieser Film auch heute noch wirkt. Es stimmt schon ein wenig nachdenklich, wenn fünfzig Jahre später genau dieselben Konflikte im indischen Kino immer noch virulent sind.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

HKIFF 2013: A Story of Yonosuke (Shuichi Okita, Japan 2012)

Mitte der 80er kommt der junge Yonosuke nach Tokyo um dort zu studieren. Er ist eine ziemlich schräge Gestalt: groß gewachsen, Wuschelhaare, er hat einen ungewöhnlichen Humor und hat einen einnehmend, offenen Charakter. Einer der zugleich irgendwie schräg ist, rausfällt. 16 Jahre später erinnern sich verschiedene Personen, die alle seine Bekanntschaft gemacht hatten, an ihn, und in übergangslos montierten Rückblicken findet der Film - durch seine unterschiedlichen Perspektiven - neue Blickwinkel auf die Person Yonosukes. Hierfür gibt es auch einen Anlaß, der teilt sich aber erst ganz am Ende des Films mit. Dieser Film, eigentlich eine coming-of-age-Geschichte, ist voller origineller Einfälle, von lautem und leisem Witz, immer durchzogen von einer Spur Ironie und Humor. A STORY OF YONOSUKE ist trotz seiner 160 Minuten extrem kurzweilig, und hat eine völlig ungewöhnliche Narration. Beim ersten Einschub eines sozusagen "zukünftigen Flashbacks", denn die Zeit der Haupthan...

The Warped Ones aka The Wild Love-Makers / Kyonetsu no kisetsu (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)

THE WARPED ONES ist die totale Tayozoku-Madness, ein Film über jugendliche Rebellen im Nachkriegsjapan: zwei "juvenile delinquents" kommen aus dem Gefängnis heraus und beginnen direkt mit ihrer Hatz auf Vergnügungen, auf Mädchen, Alkohol und Befriedigung der Primärbedürfnisse. Wenn die Strecke zu weit ist, klaut man eben kurz einen Wagen. Hat man Hunger, klaut man was am nächsten Straßenstand. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß steht auf der Stirn, der Jazzbeat treibt voran, die Artikulation geschieht hauptsächlich durch Grunzen, Brüllen, Knurren und sonstige animalische Laute. Wird gegessen, dann wird geschlungen. Gebratene Hühnchen werden zerrissen, Reis wird gestopft. Wasser wird aus der Kanne direkt in den Mund gegossen und läuft über den von Schweißtropfen perlenden, entblößten Körper. Dieser prototypische Suntribe-Film (die man als Vorläufer der "Neuen Welle" in Japan verstehen kann) ist ein einziger, rasender Exzess der Respektlosigkeit. Die beide...

Nippon Connection 2016: Oyster Factory / Kakikoba (Kazuhiro Soda, Japan 2015)

Der in New York lebende und aus Tokyo stammende japanische Dokumentarfilmer Kazuhiro Soda legt mit OYSTER FACTORY seinen neuesten Film vor: 2007 war er mit CAMPAIGN noch bei der Berlinale vertreten, weitere Filme liefen auf verschiedenen Festivals. Dieser ist nun der sechste Film in einer Reihe von Dokumentarfilmen, die Soda selbst in den Anfangstiteln als Serie durchnummeriert. Der Regisseur tritt zugleich als Produzent, Skriptwriter, Kameramann und Cutter auf. OYSTER FACTORY ist also ein Leidenschaftsprojekt, das mit wenigen Mitteln finanziert wurde und als Autorenkino durchgehen darf. Sein Platz im Programm der Reihe Nippon Visions ist also durchaus angemessen, obwohl Soda alles andere als ein Debutant ist. Und umso toller, dass er mein Eröffnungsfilm des Festivals war, denn dieser Film ist großartig. Es war ein wenig der Zufall, der mich in diesen Film trieb: Kiyoshi Kurosawas JOURNEY TO THE SHORE, der eigentliche Eröffnungsfilm des Festivals, war bereits rappelvoll, und ...