Direkt zum Hauptbereich

Do Bigha Zamin / Two Acres of Land / Zwei Hektar Land (Bimal Roy, Indien 1953)


Shambu Maheto (Balraj Sahni) ist ein Kleinbauer in Westbengalen, der auf seinen Zwei Hektar Land Ackerbau betreibt und damit seine Familie versorgt. Seit Generationen ist das Grundstück Familienerbe und somit auch das einzig Wertvolle, was die Familie besitzt. Der zamindar, der Feudal- bzw. Grundherr, der auf dem Land eine Fabrikanlage bauen will, versucht es ihm abzuschwatzen, doch Shambhu bleibt stur. Er glaubt seinen Versprechungen nicht, nach denen die Industrialisierung allen ein besseres Leben bescheren werde. Allerdings ist auch Shambus Dickköpfigkeit kein so unproblematischer Charakterzug, denn einen Ertrag hat die Bewirtschaftung des Landstücks seit geraumer Zeit nicht mehr erbracht, da es schon seit Langem nicht mehr geregnet hat; eine - die bereits zweite - Dürre droht, die gesamte Ernte erneut zu vernichten. Die Situation ist also existenzgefährdend. Als er bei Shambu nichts erreicht, zwingt ihn Thakur, der Unternehmer, die in der Vergangenheit angehäuften Schulden zurückzuzahlen. Eine für Shambu enorme Schuld von 265 Rupien soll beglichen werden, ansonsten werde das Land versteigert und Thakur könne endlich seine Fabrik darauf bauen. Shambu sieht nur eine Chance: er muss nach Kalkutta und in der Großstadt schleunigst Geld verdienen.

Do Bigha Zameen gilt als großer Klassiker des indischen Neorealismus, und die Legende geht, dass Bimal Roy diesen Film drehte, nachdem er Vittorio de Sicas Ladri di biciclette gesehen hatte. Er muss sehr beeindruckt gewesen sein, und so erinnern nicht nur viele Szenen, vor allem dann die in Kalkutta gedrehten Straßenszenen an den italienischen Neorealismus, sondern auch Balraj Sahanis realistische Darstellung. Denn Shambu verdingt sich in Kalkutta als Rikschafahrer - zwar ein Knochenjob, aber ein für seine Verhältnisse einträglicher. Noch nie hat er so schnell so viel Geld verdient. Allerdings auf Kosten der Gesundheit (siehe das berühmt gewordene Rikscha-Rennen, bei dem er sich schwer verletzt). Sein Sohn Kanhaiya (Rattan Kumar) ist ihm heimlich nachgereist, gegen den Willen seiner Mutter Parvati (Nirupa Roy, eine Schauspielerin, die in fast 500 Filmen mitgespielt hat und ikonographisch die "leidende indische Mutterfigur" verkörperte), da er seinen Vater unterstützen will. Dieser arbeitet bald als Schuhputzer, da er sich mit einem anderen Straßenjungen anfreunden konnte, der ihn in seine Schuhputzergang aufnimmt. Später macht er allerdings Bekanntschaft mit einem Taschendieb, was zu etlichen Konflikten in der Vater-Sohn-Beziehung führt, und wo sich der Film dann in moralischer Rechtschaffenheit gerieren darf. Es ist eben doch nicht alles erlaubt, selbst wenn man bettelarm ist - vor allem, wen man noch etwas Ehrgefühl besitzt.

Do Bigha Zamin war auch international erfolgreich, lief 1954 im Wettbewerb in Cannes (Teinosuke Kinugasas großartiger Jigokumon hatte dann aber in diesem Jahr gewonnen), und in Karlovy Vary. In Indien selbst gewann er den wichtigsten Filmpreis: "Best Film" beim Filmfare Award. Er ist ein - vielleicht manchmal etwas zu sentimentaler - Autorenfilm, der auch kommerziell ein Erfolg wurde. Geholfen hat neben der berührenden Geschichte, die übrigens kein gutes Ende nimmt (und ursprünglich ein noch viel schlechteres hatte), sicherlich auch die Musik von Salil Chaudhury, der hier einig sehr schöne Songs geschrieben hat. Und auch kleine cineastische Meta-Verweise erlaubt sich der Film, etwa wenn die Straßenjungen zusammenhocken und sich erzählen, wie toll doch gestern das Kino war, wo man Raj Kapoors Awaara (1951) gesehen habe, nur um dann in einem mehrstimmigen Gesang begeistert den Titelsong Awara Hoon nachzusingen. Vielfach wird in der Literatur auch auf die realistische Darstellung des Alltags abgehoben. Sowohl was das Leben der Armen am Rande der Gesellschaft in verlassenen, heruntergekommenen Gebäuden wie in den Armenvierteln angeht, als auch Bimal Roys strenge Regie seiner Figuren, die nicht nur in zerrissenen Klamotten herumlaufen mussten, sonden diese etwa den gesamten Dreh über auch nicht waschen durften. Man sieht das gut an Kanhaiyas neuem Ringelpullover, den er vom ersten selbstverdienten Geld des Vaters geschenkt bekommt. Dieser wird im Verlauf des Films immer getragener, gammliger, dreckiger, löchriger, bis auch der schließlich nicht viel mehr als ein Lumpen ist. 

Am Ende sind die Zwei Hektar Land verloren, die Fabrik ist längst gebaut, als die Familie zurückkehrt. Der schwarze Rauch der Schornsteine bläst die Träume und Hoffnungen der Protagonisten hinfort und als es dann noch anfängt zu regnen, auf den harten und ausgetrockneten Boden, kann man das kaum anders als einen zynischen Kommentar auf das Schicksal des kleinen Mannes lesen. Für diese Leute ist kein passender Platz auf der Welt, sie werden vertrieben - aber auch in der Stadt ist, wie wir gesehen haben, keine Zukunft zu haben. Dort wartet nur die Kriminalität. Do Bigha Zamin ist ein bisweilen etwas sentimentales, aber mit Sicherheit sehr bedrückendes, sozialkritisches Drama des Parallel Cinema. 

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Woman of the Lake / Onna no mizumi (Yoshishige Yoshida, Japan 1966)

Die schöne und unglücklich verheiratete Miyako (Mariko Okada) hat eine Affäre mit dem jungen Kitano (Tamotsu Hayakawa), mit dem sie sich tagsüber in Hotels im Stadtzentrum trifft. Ihr Gatte Yuzo (Shinsuke Ashida) scheint davon nichts mitzubekommen; er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einer deutlich wertkonservativen Einstellung. An einer Stelle im Film sagt er einmal, eine gute Ehefrau sei leicht wie ein Lufthauch, man würde ihre Gegenwart niemals bemerken. Diese Ruhe ist nun bedroht, da Kitano von Miyako im Hotel erotische Nacktbilder gemacht hat, die Miyako dummerweise auf dem Heimweg vom Stelldichein in der Tasche mit dabei hat. In dieser Nacht wird sie von einem Unbekannten bedrängt - und sie wehrt sich mit der Tasche, worauf ihr der Mann sie entreißt. Am nächsten Tag bekommt sie einen Anruf von dem Erpresser, sie solle zu ihm in ein Seebad fahren, und das Geld für die Bilder mitbringen. Dass es dem Erpresser nicht nur ums Geld geht, ist Miyako klar, so gut kennt sie...

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...