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The Taking of Tiger Mountain (Tsui Hark, China / Hongkong 2014)



Tsui Harks jüngste 3D-Filmoper, die nach zwei Wochen Spielzeit das chinesische  Boxoffice zu neuen Höhenflügen gebracht hatte, hat ein paar wirklich herausragende Szenen zu bieten. Am Beeindruckendsten ist vielleicht der Kampf des Helden als Undercover-Agent Yang Zirong (Zhang Hanyu, der wenig wie Hugh Jackmans Wolverine aussieht) mit einem riesigen aggressiven Tiger, der ihn urplötzlich in der schneebedeckten Wildnis Nordchinas überfällt. Zirong flüchtet sich um Haaresbreite auf einen Baum, wo er aber beileibe nicht sicher. Der Tiger folgt ihm, mit List und Tücke, versteckt sich, springt hervor, schlägt die Krallen in den Stamm, dass es dem Helden einen Arm herausgerissen hätte. Ständige Absturzperspektiven. Alles in halbdunkler Nacht vor Gewitterhimmel, der einsame Tod im Schnee, die schwarzen Krähen.

So atmosphärisch wie spektakulär ist eigentlich der gesamte Film. Er erzählt die Geschichte (nach der literarischen Erzählung Tracks in the Snowy Forest von Qu Bo) einer Einheit der chinesischen Volksbefreiungsarmee, die, nach Ende des Zweiten Weltkriegs und Abzug der Japaner, in ein unkontrollierbar wildes Gebiet Nordchinas abgeordert wird, um den dort herrschenden Räuberbanden Einhalt zu gebieten. Vor allem die Unwegsamkeit des Geländes, als auch die prekäre Nahrungsmittelsituation, wie freilich die gnadenlose Brutalität der marodierenden Banden machen ihnen schwer zu schaffen. Da kristallisiert sich heraus, dass die Bande um den Anführer The Hawk (Tony Leung Ka-Fai) hinter allem steckt, die sich aber in einer uneinnehmbaren Bergzitadelle verschanzt haben: im Tiger Mountain. Der Trick soll also nun sein, Yang Zirong bei ihnen einzuschleusen, der, jetzt kommt wieder der Fantasy-Aspekt ins Spiel, drei geheime und sich ergänzende Karten an sich bringen muss, die es letztlich benötigt, um der Bande das Handwerk zu legen.

THE TAKING OF TIGER MOUNTAIN ist episches Spektakel auf großer Leinwand. Das ist mittlerweile die Spezialität von Tsui Hark. Wie er seine Fluchtpunkte einsetzt, die Kamera wirbeln lässt, in die Täler hinab und über die Bergklippen schranzt, das ist schon eine einzige Augenweide. Abenteuerfilm und Fantasy, Herr der Ringe-Assoziationen machen sich allenthalben breit, es wird zusammengerührt was reinpasst in diesen Actioneintopf. Es gibt sogar ein sehr ausführliches Akira Kurosawa-Zitat: In einer der größten und längsten Actionszenen, in der die zahlenmäßig weit überlegenen Banditen das kleine Bergbauerndorf einzunehmen versuchen, in dem sich die Einheit der PLA versteckt hält. Diese hecken einen Plan, wie man den anstürmenden Barbaren entgegentreten kann, und mit viel List und Tücke, versuchen sie sich zu wehren. Die Sieben Samurai ist das natürlich in Reinform, mit viel Bomben und Handgranaten spektakularisiert, aufgegangen im modernen Actionkino.

Soviele Genres hier zusammengerührt werden, und sosehr für wirklich jeden Geschmack was in diesem Film dabei sein dürfte, auch schöne Frauen mit roten Bäckchen sind dabei, so sehr fehlt es ihm an einer zwingenden Narration. Es ist wieder einmal der Fall des Alles-Ist-Möglich, aber nichts muss so richtig. Das zwingende Element fehlt, das den Zuschauer zu affizieren vermag, das ihn sprichwörtlich, vor Spannung beinah zerrissen auf der Stuhlkante hält. Das, was von allem zuviel ist, führt schnell zu Übersättigung, und so nimmt das Interesse im Mittelteil dann doch deutlich ab (bei mir). Ob die Schlucht, in die man hinunterstürzt nun 30 Meter tief ist oder 300, spielt halt keine Rolle mehr in dem Moment, wo man damit rechnen kann, dass es immer maximal tief ist. Oder wenn die Figuren aus den Karikaturen, die sie verkörpern, nicht mehr hervortreten können (Beispiel The Hawk himself), und man es nur noch mit Zitaten (oder Abziehbildern) von echten Figuren zu tun hat. Banditen mit Augenklappen, komischen Haaren, Gesichtstattoos und dick aufgetragenen Eyelinern, diese Richtung. Wenn Figuren nur noch Funktion sind und keine Individuen mehr. Oder wenn man eben schon vorher wieder weiß, wie das Gerummse am Ende ausgehen, und welche (auch: politische) Partei die Oberhand behalten wird. Der Zwang, immer weiter schauen zu müssen, hält sich dann doch in Grenzen, und die Option, die zumindest teilweise öden Strecken mit einem Blick aufs Smartphone zu überbrücken, dürfte für viele Zuschauer eine große Versuchung gewesen sein. Dieser eigentlich tolle Film krankt an einer Willkürlichkeit, die groteskerweise auf historischem Fundament gebaut ist. Deswegen vielleicht auch die vielen Verweise zu den realhistorischen Ereignissen, die aber letztlich nur noch wie eine vorgeschobene Historizität wirken, wie ein verkrampftes Alibi für freidrehende Willkür. Das ist schade, weil es das gar nicht gebraucht hätte. Wie auch die überflüssige Rahmenhandlung, die den Zuschauer immer wieder aus dem Geschehen herausreißt.

Michael Schleeh

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