Direkt zum Hauptbereich

Nastik (Pramod Chakravorty, Indien 1983)


"The devil played with us and God watched silently!"

"Der Atheist" ist ein astreiner Revenge-Thriller mit ordentlich komödiantischen Einlagen, für die nicht nur Amitabh Bachchan verantwortlich ist (der singt als Protagonist und Anti-Held, weil Tagedieb, auch beinah alle (sehr) schönen Songs). Los geht es erstmal sehr grausam und brutal, und mit einem Rückblick auf die Jugend des Helden namens Shankar: als dessen Vater, seines Zeichens Priester eines Dorftempels, plötzlich krank wird und er selbst die Gebete sprechen muss, bemerkt er die kriminellen Absichten des Landlords, der die wertvolle Statue des Tempels stehlen will. Als er dies zu verhindern versucht, wird der Vater, der sich kurz vor seinem Tod nochmal zum Tempel geschleppt hat um seinem Gott näher zu sein, von eben dem Gutsbesitzer mit einem Krummdolch ermordet. Der Täter heisst denn auch schlicht und feinsinnig "Tiger" (Amjad Khan), der in einem Rundumschlag auch noch die Mutter und Schwester Shankars über den Jordan schickt: in einer visuell eindrücklichen Feuersbrunst verbrennen sie bei lebendigem Leib. Kein Wunder ist der kleine Shankar davon traumatisiert und schwört ewige Rache.

Schnitt auf den erwachsenen Shankar, wie er von einer Brücke auf einen Zug springt und auf dem Dach entlang tanzend einen flotten Song zum Besten gibt - und so ist schnell klar, dem Typen kann keiner was, der ist dreist, frech, gut gelaunt, und so charmant, dass man besser die Tochter wegsperrt. Während in einer parallelen Handlung die kriminellen Machenschaften Tigers beleuchtet werden, der sich Glasaugen importieren lässt, in denen Diamanten versteckt sind, treffen die beiden total zufällig wieder aufeinander, während Shankar am Flughafen darauf wartet, dass ein ausländischer Protzwagen vorbeikommt, den er ausräubern kann. Zufällig ist das Tiger, den er aber nicht erkennt. Tiger trägt nun auch einen üppigen Wohlstands-Bauch vor sich her, schöne Koteletten, Goldringe als Zeichen seines Erfolges, und schmückt sich mit seiner Schwester, einer schönen Frau. Shankar nimmt ihm mit einem Trick dann die Diamanten ab, ohne zu wissen, was er da eigentlich hat (und eigentlich ist es noch etwas verdrechselter, was hier aber nicht so wichtig ist).

Der Film sieht umwerfend aus, in seiner körnigen 70er-Jahre Ästhetik (obwohl er von '83 ist), dazu noch diese riesigen Sonnenbrillen, Schlaghosen und eng geschneiderten Anzüge. Amitabh Bachchan trägt natürlich nichts unter dem Sakko außer einer beeindruckenden Menge an Brusthaar, das aus dem Ausschnitt quillt. Die heftig swingende Musik, die groovig jede Szene vorantreibt, tut ihr übriges, aus diesem Film eine sehr gute Unterhaltungsmaschine zu machen. Da ist es einem natürlich völlig egal, dass auch Shankar ein Gangster ist, schließlich hat er ein großes Herz, hilft den Bedürftigen und auch einem Mädchen, das mit dem Fahrrad stürzt. Genauso aber klaut er einem Geschäftsmann den Koffer aus dem Auto. Das Gefälle der sozialen Klassen scheint das weniger verwerflich, bzw. verzeihbar zu machen.

Was den Film dann aber so wirklich wahnsinnig toll macht, sind ab dem zweiten Drittel immer stärker hereindrängende James-Bond-Anleihen. Das beginnt mit dem berühmten E-Gitarren-Tremolo, das kurz anzitiert wird (vermutlich aus Rechtegründen nur sekundenkurz) und geht dann soweit, dass der verschlagene Bösewicht Tiger gleich Dr. No in einem Felsversteck im Berg haust, in einem aus mehreren Höhlen bestehenden verborgenen Unterschlupf. Dort arbeiten die Männer an mysteriösen Maschinen, stellen irgendwas her, es dröhnen Turbinen und es gibt auch eine vollverglaste Folterkammer, in die die Eindringlinge gesperrt werden können. Mittlerweile nämlich hat Shankar Verstärkung bekommen durch zwei weitere Meisterdiebe, einen Mann und eine Frau, die ebenfalls aus persönlichen Notlagen heraus auf die schiefe Bahn geraten sind (und denen man deshalb nicht böse sein kann - außerdem ist Tiger ja noch viel böser). NASTIK interessiert sich hier überhaupt nicht mehr für seinen eigentlichen, im Filmtitel genannten Plot, nämlich den von Gott abgefallenen oder sich abgewendet habenden Verbrecher, sondern macht Platz für 100% Action-Radau: spektakulärer, größer, schneller, gerissener. Denn so entkommen die Meisterdiebe jeder lebensgefährlichen Situation durch ihre Gerissenheit und Kaltschnäuzigkeit und Dank der Bereitschaft, kompromisslos zu handeln. Und wenn einer Hilfe braucht, dann ist man einen Kickboxsprung später für ihn da. Solidarität kills the bad guy. Als hätten wir das nicht schon vorher gewusst.

Durch eine ziemlich unvorhersehbare Wendung wird der Held (nach dem Kampf mit einer Abriss-Birne auf einer Baustelle - einer der vielen skurrilen Höhepunkte dieses tollen Films) wieder auf den rechten Weg zurückgeführt - gleichwohl hat sich seine Wut gegenüber der Unerbittlichkeit der Götter nicht verflüchtigt. Und wenn sich dann noch die Schwester des Tigers als love interest empfiehlt, könnte der Film aufgrund seiner Verkettungen beinahe noch in eine unvermutete Harmonie hineingleiten. Stimmungswechsel gehören ja zum Alltag im melodramatischen Bollywood und das wäre somit nichts Ungewöhnliches. Andererseits, der nächste Faustkampf nachts und in strömendem Regen ist auch nicht weit. In NASTIK scheint alles möglich, und am besten überzeugt man sich selbst von der Güte dieses abwechslungsreichen Films. Genre-Grenzen kennt dieser Film jedenfalls nicht, was ja ein allseits bekanntes Markenzeichen indischer (Masala-) Filme ist - und was mit westlichen Sehgewohnheiten nicht immer so einfach zu tolerieren ist. Mir hat er jedenfalls außerordentlich großen Spaß gemacht.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...

Drug War / Du zhan (Johnnie To, China/Hongkong 2012)

Viel Aufhebens wird gemacht um Johnnie Tos "erste" Mainland-Action-Produktion (obwohl der Film durchaus HK-co-produziert ist und auch teilweise in Hong Kong selbst spielt, die zweite Hauptfigur Honk Kong-Superstar Louis Koo ist und To die Romcom DON'T GO BREAKING MY HEART (2011) ebenfalls schon in China drehte) - und damit soll einerseits darauf abgehoben werden, dass das Filmemachen in Hong Kong (wieder mal) in einer Krise stecke, und andererseits der chinesische (Absatz-) Markt, alles dominierend, die habgierigen Krallen ausstreckt. Und in gewisser Weise sind die Befürchtungen auch berechtigt, denn was wird aus dem "unabhängigen" Filmland Hong Kong, wenn sogar schon Johnnie To, eine Ikone der Stadt, seine Filme nach den zensurkonformen Mainlandbedingungen ausrichtet! Aber man darf sich beruhigen: DRUG WAR ist ein echtes Johnnie To-Brett geworden. DRUG WAR wird dominiert von formalen Strukturen, die über zwei Knotenpunkte die Entwicklung des Films steue...