Direkt zum Hauptbereich

Die 10 besten Asiatischen Filme auf Netflix

On the Job (Erik Matti, 2013)

 Immer wieder wird auf den sozialen Netzwerken der Wunsch nach Orientierung laut: "Welchen Film meines Streaming-Anbieters soll ich heute Abend nur schauen?" liest man nicht gerade selten Sonntag abends auf Twitter, worauf eine Lawine an Empfehlungen von Leuten heranrollt, die sich alle selbst gerade nicht entscheiden können, was sie schauen wollen. Man finde sich nicht mehr zurecht, so der Tenor, im großen Nebeneinander, wo jede Anleitung fehlt und jede Kuratierung längst flöten gegangen und allenfalls durch die Dauer des Lizenzvertrages geregelt ist - da wünschen sich viele Tipps, was man denn nun sehen sollte. Abgesehen davon, dass man sowieso tendenziell soviel wie möglich sehen sollte, will ich, da mich eben auch immer wieder Anfragen erreichen, hier ein paar Tipps zum asiatischen Filmangebot geben (Disclaimer: ich bin erst seit kurzem bei Netflix und war zuvor bei mubi - deswegen habe ich vielleicht nicht die komplette Übersicht; außerdem habe natürlich auch ich nicht alles gesehen). Die Reihenfolge unten ist auch kein Ranking, sondern soll eher eine Sichtungsbewegung durch zahlreichen Möglichkeiten darstellen. Ich beschränke mich dabei auf zehn Filme, die man guten Gewissens jedem ans Herz legen, und die man jetzt über das Wochenende hinweg binge-watchen kann. Viel Spaß dabei:

1. NEW WORLD - Spannendes und extrem düsteres südkoreanisches Gangsterdrama mit einem tollen Cast und einem - wieder einmal - überragenden Choi Min-sik (aus OLDBOY), bei dem die Querelen zwischen Mafia und Polizei durch die Perspektive eines Undercover-cops dargestellt werden.

2. LIKE FATHER, LIKE SON - nicht Sion Sonos Exzesse, nicht Studio Ghiblis magische Animewelten: hier ein  ruhiges Familiendrama aus Japan (ein sehr beliebtes Genre im Land der aufgehenden Sonne) zur Abkühlung nach den koreanischen Hitzköpfen: inszeniert von Hirokazu Kore-eda, gezeigt auf allen Filmfestivals der Welt, und auf den Spuren des Altmeisters Yasujiro Ozu (TOKYO STORY): der Film erstrahlt in minimalistischer Eleganz. Zur Handlung, ganz einfach: Der Sohn wurde nach der Geburt vertauscht. Sehr berührend, aber ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Das ist die Kunst Kore-edas.

3. AS TEARS GO BY - Jeder kennt Wong Kar-wai, oder behauptet das zumindest. Sobald der Titel IN THE MOOD FOR LOVE genannt wird, da beginnt das große OH! und AH! auf jeder Party, die Cineasten stecken sich eine Zigarette an und nicken bedächtig. Ja, ein toller Film über die Liebe, oder was sie hätte sein können... chachacha. Die Regielegende hat ihre Karriere mit einem Film namens AS TEARS GO BY  begonnen, der an optischer Wucht seinen späteren Werken in nichts nachsteht. Den ich sogar toller finde als alles andere von ihm. Hier sieht man noch den ungestümen WKW, der grobkörnige Bilder ineinander knallen lässt - so erstrahlt die Liebe im Neonlicht Hong Kongs als existenzielle Grenzerfahrung im Funkenflug zwischen einem Kleingangster und einer schönen Frau. Vermittelt sich über Bilder, nicht über Dialoge. Deswegen heißt das Medium Film. Mit Andy Lau und Maggie Cheung. Einmal verbeugen, bitte.

4. BEYOND OUTRAGE - Takeshi Kitano wurde von allen geliebt. Bis er begann, in einer künstlerischen Krise Filme über den Künstler in der Krise zu machen. Die sind eigentlich allesamt toll, aber der Genreregisseur hatte damit sein Publikum verprellt. Dann die Rückkehr dorthin, wo er herkam: Dem Yakuza-Film. OUTRAGE war ein ruhiger Bastard, der hier seine Fortsetzung findet - in OUTRAGE BEYOND, wie der Film eigentlich heißt. Brutale Eruptionen im japanischen Zen-Garten, das ist Takeshi Kitano. Der Film ist keine Actionkanone, aber wenn er aufdreht, dann macht ihm keiner was vor. Beide Teile kann man mehrfach gucken, dann werden sie immer besser. Man kann aber auch einfach so mit diesem hier beginnen. Ist großartig, und hier habe ich etwas mehr zum Film geschrieben.

5. ILO ILO - ein Überraschungserfolg auf ein paar kleineren (und größeren) Filmfestivals aus Singapur. Na, wieviele Filme hast Du schon aus Singapur gesehen? Eben, genau deswegen schon: anschauen! Preise: z. B. Camera d’Or in Cannes, 2013. Eine Familiengeschichte. Eine neue philippinische Haushälterin. Und ein Sohn, der sie terrorisiert. Eine eifersüchtige Frau. Mehr braucht es manchmal nicht.

6. POETRY - Drama aus Südkorea. Regisseur Lee Chang-dong erzählt die Geschichte einer 60jährigen Frau, die sich für Gedichte interessiert und die zugleich an Alzheimer erkrankt ist. Hört sich nun nicht besonders erquicklich an, ich weiß, der Film ist aber völlig großartig. Sehr berührend, toll gefilmt mit wahnsinnig schönen Bildern. Koreanischer Alltag, präzise Beobachtungen. Ach, und nur, dass man sich nicht wundert: der Film hat auch ein paar sehr herbe Passagen zu bieten, keine Sorge. Lieblich ist der nicht. Bitte alles anschauen von diesem Regisseur.

7. LIKE SOMEONE IN LOVE - Der iranische Regisseur Abbas Kiarostami fährt mit Rin Takanashi und Tadashi Okuno im Taxi durch Tokyo. Sie ist tags Studentin und nachts Prostituierte. Er ist viel älter und kocht gerne. Ihr Freund ist immer eifersüchtig. Der Film hat einen melancholischen Charme und fließt durch die Nacht und durch die Stadt. Lief bei uns auch im Kino (und, natürlich, auch in Cannes).

8. THE ADMIRAL: ROARING CURRENTS - episches Seeschlacht-Spektakel aus Korea um einen legendären General (namens "Yi" - ein Volksheld in seinem Heimatland), der sich strategisch geschickt die Strömungen vor der inselzerklüfteten Küste zunutze macht. Spektakulär, bildgewaltig und lange erwartet. Hier habe ich etwas mehr dazu geschrieben.

9. MOEBIUS - und nochmal Korea, der allseits geliebt/gehasste Kim Ki-duk mit einem aktuelle(re)n
Film, der die erhitzten Gemüter nun mit einer Geschichte aus dem Gefrierfach herunterkühlt. Es gibt viel Sex und Gewalt und Verzicht und ist definitiv nichts für schwache Nerven. Hier etwas ausführlicher von mir dazu.

10. ON THE JOB - ein enorm packender Thriller vom philippinischen Regisseur Erik Matti, der seine Figuren aus einem Gefängnis heraus Auftragsmorde begehen lässt. Wenn man diesen Film gesehen hat, fragt man sich, weshalb man soviel Zeit seines Leben mit langweiligen Schablonen-Thrillern aus (Land xyz, bitte einsetzen) verschwendet hat. Noch einmal ein Schneeland-Text dazu. Unbedingter Tipp!

Wer nun noch immer nicht genug hat, dem sei der neueste Film von Hongkong-Altmeister Tsui Hark empfohlen, von dem man überwiegend Gutes hört und liest. Ich selbst kenne ihn noch nicht, werde ihn mir aber auf jeden Fall dieses Wochenende anschauen:  THE TAKING OF TIGER MOUNTAIN. Klingt doch sehr vielversprechend. Noch einmal, also: Viel Spaß!

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Japanisches Film Fest Hamburg 2018

Gestern Abend hat das diesjährige Japanische Filmfestival Hamburg seine Pforten geöffnet. Wie man auf einem live-Video auf Facebook mitverfolgen konnte, war die Eröffnungsveranstaltung sehr gut besucht und alle Mitarbeiter, wie auch japanischen Gäste erschienen auf der Bühne für eine ausgedehnte Vorstellungsrunde. Als Film wurde die Anime-Realverfilmung GINTAMA (2017) von Yuichi Fukuda gezeigt, in dem ein Samurai-Krieger aus der Edo-Zeit mithilfe von viel CGI, Blitz und Donner durch mehrere Zeitebenen reist und es unter anderem mit einer Invasion von Außerirdischen aufnehmen muss. Nun ja. Der Regisseur ist bekannt für seine inhaltlich grenzgängerischen Werke, die HENTAI KAMEN-Filme sind sicherlich einigen Leuten ein Begriff.
 Das Programm ist wie jedes Jahr sehr knallig und vor allem breit aufgestellt - und bedient damit die unterschiedlichsten Sparten. Heute Abend etwa läuft Eiji Uchidas neues Loser-Drama LOVE AND OTHER CULTS (das ich hier besprochen habe), zeitgleich zu einem mein…

Proletarische Literatur: DAS FABRIKSCHIFF von Takiji Kobayashi (1929)

Takiji Kobayashis Klassiker der japanischen Arbeiterliteratur Das Fabrikschiff ist ein überwältigender Kurzroman von niederschmetternder sozialhistorischer Wucht, der den ausbeuterischen und rücksichtslosen japanischen Kapitalismus in seiner Extremform beschreibt - er schildert auf häufig derbe und drastische Weise die katastrophalen Zustände auf einem Krabbenfangschiff im ochotskischen Meer nördlich von Hokkaido.

Der durchweg spannende Roman ist dabei kein politisches und agitatorisches Manifest, sondern ein geradezu saftiger und spektakulärer Erlebnisbericht von den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und Zuständen auf dem Kutter, "unter dem Kommando von Teufeln in Menschengestalt". Das betrifft sowohl die Abläufe des Arbeitsalltags, wie auch das soziale Gefüge unter den Seemännern und deren Vorgesetzten. Jenseits eines sich stets vom Pöbel fernhaltenden Kapitäns, der sich stets in Völlerei ergeht und seiner Verantwortung nicht nachkommt, hat es vor allem der besonde…

Home Invasion, sanftbrutal: Harmonium (Kôji Fukada, Japan 2016)

In Kôji Fukadas Drama spiegeln sich mehrere Konstellationen: Figuren, Ereignisse, Zeitverhältnisse. Und die Gewalt, die unterschwellig immerzu präsent ist, wird von den beiden Männern ausgeübt. Wie sie darum ringen, ein Leben zu haben, oder sich für ein solches nicht-gelebtes beim anderen zu rächen. Aber zunächst ist alles ungewiss und erst im Verlauf des Films werden Zusammenhänge und Verknüpfungen aus der Vergangenheit enthüllt. Und plötzlich ist der Mensch, den du zu kennen glaubtest, ein ganz anderer. Beinahe.
 Manchmal ist man als Zuschaur im Vorsprung vor den Figuren, was die Spannung steigert und den unguten Vorahnungen Vorschub leistet. Aber wie sich das alles entlädt, das ist meisterhaft gemacht von Kôji Fukada und seinen vier bis fünf Darstellern, die alle für sich herausragend sind: Tadanobu Asano als Eindringling in die Familie, Kanji Furutachi als Familienvater, den seine Frau schon länger nicht mehr interessiert, Mariko Tsutui als Mutter und Ehegattin, die versucht all…