Direkt zum Hauptbereich

To The Fore (Dante Lam, Hongkong / China 2015)


Mit viel Aufwand wurde dieser Film produziert: die Schauspieler mussten sechs Monate mit dem Rad trainieren, gedreht wurde in verschiedenen Ländern auf mehreren Kontinenten, die Hürde, sich als Mann die Beine zu rasieren war wohl für viele Darsteller nicht einfach. Kein Witz. Der taiwanesische Radhersteller Merida stellte über dreihundert Räder zur Verfügung. Nach dem großartigen UNBEATABLE also ein weiteres Sportler-Drama von Actionmaestro Dante Lam.

Und dennoch ist TO THE FORE im Kern wohl oder übel  nichts anderes als eine Liebesgeschichte. Zwei gut aussehende Sportler kämpfen um dieselbe Frau und ums gelbe Trikot. Und ein Koreaner will ihnen die Suppe vermiesen. Es ist der Sprung vom Amateur- zum Profisport, dabei kommen wie zwangsläufig ein paar zwischenmenschliche Ideale unter die Räder, einmal geht es im bedingungslosen Kampf auch um Doping.

Und dennoch, wie gesagt, geht es vor allem um die Liebe, und wenn es nicht klappt, dann wird gierig Whisky getrunken. Ein bestimmter Single Malt, wie so vieles in diesem Film: product placement allenthalben. Marken über Marken. Dass dieser hin- und herrschlingernde Film trotzdem oft Spaß macht, liegt auch und vor allem an den Actionszenen: mit der Kamera ist man hier mitten drin im Peloton. Jeder Sprint, Zweikampf, die Geschwindigkeit, die Kurven, die Bergpässe, die körperliche Erschöpfung, Massenkarambolagen, sich überschlagende Körper werden en detail gezeigt, atemlose Action verfilmt direkt vom Helm, Lenkrad, Schaltgetriebe.

Die Sache mit der Liebe in diesen Film ist, wie gesagt, leider etwas unbefriedigend. Zum einen ist und bleibt alles außerordentlich keusch und merkwürdig leidenschaftslos, aseptisch geradezu, zum anderen ist der Film ein klassischer Bechdel-Test-Verlierer. Komisches Frauenverständnis: Die Angebetete existiert nur im Verhältnis zum Mann, als Gegenstand der Eroberung oder als Trophäe. Sie hat keine einzige eigenständige Dialogzeile, die sie als autonomes Individuum etablieren würde, alles steht immerzu in Relation zum Lover. Kritisch sein darf sie nur mit tadelnden Blicken, persönliche Hürden und Traumata werden nur mit männlicher Hilfe überwunden (das Atmen, der Bungee-Sprung, die Verletzung). Am Ende, geradezu grotesk, kann sie nur wieder neu funktionieren mit dem vom Mann implantierten körperlichen Ersatzteil. Ein sehr trauriges Kapitel in diesem Film.

Die Zuschauer scheint das alles wenig zu stören. Die Frauen im Publikum um mich herum haben herzlich gelacht die ganze Zeit, und das ist nun ein weiterer Kern der Geschichte: der Film als Komödie. Auch so funktioniert er großartig: als Buddymovie, der Kapital aus den unterschiedlichen Charakteren der beiden Hauptfiguren schlägt. Das wirkt befreiend und ist ein hervorragender Katalysator für die nervenaufreibenden Actionszenen, für die Dante Lam so bekannt ist. Der Impact auf den menschlichen Körper wird hier mal nicht an Autos sondern direkt am Menschen gezeigt. Das hat ganz schön viel Power und tröstet darüber hinweg, dass der Film auch oft genug (auch optisch durch das krasse HD) wie eine billige Reklameveranstaltung wirkt.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...

The Warped Ones aka The Wild Love-Makers / Kyonetsu no kisetsu (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)

THE WARPED ONES ist die totale Tayozoku-Madness, ein Film über jugendliche Rebellen im Nachkriegsjapan: zwei "juvenile delinquents" kommen aus dem Gefängnis heraus und beginnen direkt mit ihrer Hatz auf Vergnügungen, auf Mädchen, Alkohol und Befriedigung der Primärbedürfnisse. Wenn die Strecke zu weit ist, klaut man eben kurz einen Wagen. Hat man Hunger, klaut man was am nächsten Straßenstand. Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß steht auf der Stirn, der Jazzbeat treibt voran, die Artikulation geschieht hauptsächlich durch Grunzen, Brüllen, Knurren und sonstige animalische Laute. Wird gegessen, dann wird geschlungen. Gebratene Hühnchen werden zerrissen, Reis wird gestopft. Wasser wird aus der Kanne direkt in den Mund gegossen und läuft über den von Schweißtropfen perlenden, entblößten Körper. Dieser prototypische Suntribe-Film (die man als Vorläufer der "Neuen Welle" in Japan verstehen kann) ist ein einziger, rasender Exzess der Respektlosigkeit. Die beide...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...