Direkt zum Hauptbereich

Monster Hunt (Raman Hui, China 2015)


 In China wird diese Arbeit des ehemaligen Dreamworks-Animators (Shrek, Kung Fu Panda) als Familienfilm beworben. Und tatsächlich gibt es auch ein paar süße Monster (die dann aber durchaus böse sein können), und sowieso sieht in diesem mystischen Königreich alles ganz familienfreundlich nach lustiger Mittelaltermarkt-Geschichte aus. Aber in dieser komplexen Gemengelage zwischen chinesischen Folktales und Fiktion geht es mitunter ganz schön gewalttätig zu. Nicht, dass hier Blut fließen würde. Aber es rummst so ordentlich durch den Wackelsessel im Hongkonger Multiplex, dass der Film sich direkt sehr eindrücklich in den Körper hinein fortsetzt.

 Man fühlt sich wie in einem märchenhaften Historienfilm, in dem böse Drachen das - zuerst noch ungeborene Kind - der Monstersippe rauben wollen. Die Königin ist mit letzter Kraft entflohen, doch die Verfolger sind ihnen auf den Fersen. Da muss dann auch mal direkt ein ganzes Dorf dran glauben, wenn die brutalen Verfolger aus Rache und Vernichtungswut eben jenes in toto in ein Flammenmeer verwandeln. Auch gruselig: die Monster nehmen menschliche Züge an, um sich zu tarnen. Die menschliche Hülle wird überkopf über den Körper gestreift und sitzt wie eine zweite Haut. Man kann sich also niemals sicher sein, wer Mensch ist und wer Monster.



 Natürlich ist es dann ein gutgläubiger Dorftrottel (Jing Boran, bekannter Sänger der Popgruppe BoBo), der den zukünftigen Prinzen retten muss - mit Hilfe einer schönen Kämpferin übrigens, deren Herz er zugleich erobert. Und zwar in dem Moment, in dem er über sich selbst hinauswächst und sie sich schließlich zu ihm hingezogen fühlt. Gespielt wird diese Rolle von Bai Baihe, die zuvor vor allem in romantischen Komödien zu Erfolg kam. In Monster Hunt leuchtet jede Szene, wenn sie auftritt und zu einem Lächeln ansetzt - wenn sie denn endlich mal lächelt.

 Ein großartiger, sehr gut choreographierter Unterhaltungsfilm mit Martial Arts-Einlagen (und bekannten Recken wie Eric Tsang in Nebenrollen), der sich in recht engen und durchaus vorhersehbaren Bahnen bewegt. Der aber derart temporeich ist, dass das überhaupt nicht stört. Zu recht ein riesiger Kassenhit in seinem Heimatlande. Ein Kinostart in Deutschland wäre sehr zu wünschen, und eine Empfehlung sei für Erwachsene und vielleicht für eher etwas ältere Kinder ausgesprochen.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

The Woman who wanted to Die / Segura magura: shinitai onna (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)

Ein wahnsinnig schöner Film von Wakamatsu mit einem etwas verwickelten Plot: in einem tief verschneiten Provinznest verbringt ein beinah schon vermähltes Liebespaar ein paar gemeinsame Tage, doch reist ihnen der ehemalige Geliebte der Frau, ein heißblütiger Student, hinterher. Der befreundet sich, dort angekommen - überraschend und auch sexuell - mit einer älteren, reifen Frau, der Wirtin seines Gasthofes. Diese aber ist die ehemalige Geliebte seines Rivalen, des Mannes seiner Freundin. Damals liebten sich die beiden innig, aber ihre Liebe hatte keine Zukunft. Sie hatten sich dazu entschieden, den Doppelselbstmord aus Liebe   durchzuführen, was aber an der Willensstärke des Mannes gescheitert war, der sich, nachdem er die Frau mit einem Schwerthieb niedergestreckt hatte, nicht selbst töten konnte. Fortan quälte ihn die Gewissheit, seine große Liebe emordet zu haben, aber selbst zu feige gewesen zu sein. Die Frau jedoch überlebte schwerverletzt, zu einem Leben im Leid fern des Ge...

Wenn Kunst und Qual und Lust zusammen kommen ~ IREZUMI - The Spirit of Tattoo (Yoichi Takabayashi, Japan, 1982)

  Yuki no hana , Blumen des Schnees sind es, die auf perfekte Haut tätowiert werden; Abbildungen, die besonders gelingen, wenn beim Akt des Stechens die körperliche Ekstase einhergeht. In diesem Erotik-Drama, das die Kunst des Tätowierens vor allem auf seinen spirituellen Überbau hin abklopft, gerät das Leben einer Frau aus den Fugen. Die Erfahrungen, die sie macht, verändern sie über die Zeit völlig und so weiß am Anfang niemand, wo das enden wird - jedenfalls nicht dort, wo es die dominante Männergesellschaft vorgesehen hatte. Im Hintergrund lauert aber ein größeres Drama, das sich später enthüllt - und auch hier ist das Motiv der Schneeflocke zentral.  Hideo Fujii, ehemals Technik-Assistent bei Hideo Gosha und Nagisa Oshima ist Kameramann bei Yoichi Takabayashis IREZUMI (aus dem Jahr 1982 - nicht mit dem gleichnamigen Film von Yasuzo Masumura verwechseln), ist in IREZUMI für die Kamera verantwortlich. Die Bilder sind gelungen in ihrem manchmal etwas biederen Vers...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...