Direkt zum Hauptbereich

Kakera: A Piece Of Our Life (Momoko Ando, Japan 2009)


"I want to help people with something missing." Riko

Die zwei liegen nebeneinander im Bett, es ist früher morgen. Er schläft wie betäubt mit offenem Mund, sie ist schon länger wach. Außer den Tauben auf dem Balkon hört man nichts. Plötzlich läuft ihr eine Träne aus dem Augenwinkel, doch man hört keinen Ton. Angenervt zieht sie ihn kurz darauf an der Wange, und er wacht ebenso genervt auf, schlägt beinahe um sich. Dann springt er auf, rücksichtslos trampelt er über sie hinweg und schießt mit einer selbstgebauten Holzpistole die Tauben vom Balkon. Die Musik setzt ein. Vorspann. Traurigkeit schon am frühen Morgen, Traurigkeit, obwohl die Sonne scheint. Dann der Schnitt auf seinen kauenden Mund, wie er das Frühstück hineinmampft, sie, wie sie zurückhaltend an einem Stück Toast herumknabbert. Das Mädchen und der Rüpel, das Ende einer Beziehung? Auf dem Weg zur Arbeit oder wohin auch immer läuft er voraus, sie hintendrein. Sie reden nicht mit einander, es gibt wohl nicht viel zu sagen. Die Sonne blendet jetzt. Es ist eine strenge Wintersonne. Dann lässt er sie stehen, an der Bahn, und sagt: Bis morgen!, die Kamera bleibt ganz bei ihr, geht ihr wieder nach, zum Glück. Kakera, dein 'Piece of Life' ist Einsamkeit?

Jedenfalls ist Haru (Hikari Mitsushima), so heißt nämlich die Protagonistin, ein stilles und verschüchtertes Wesen. Und ein wenig trottelig ist sie auch. Wenn sie Milchkaffee trinkt, bemerkt sie den Milchbart nicht; wenn sie sich verspätet und zuhause aus der Tür stürzt, überschlägt sie sich beinahe. Haru jedenfalls lernt Riko (Eriko Nakamura) kennen, bzw. diese macht sich aktiv mit Haru bekannt. Man kann sich nicht vorstellen, dass Haru mal jemanden von sich aus anspricht. Riko hingegen wirkt in ihrer Offenheit ebenfalls befremdlich. Dass sie Haru nicht nur als Menschen, sondern als Freundin mit allem drum und dran haben möchte, macht sie früh schon klar. Schön ist es dann mit anzusehen, wie Haru auflebt und plötzlich selbst ganz schön wird, wenn sie lächelt. Das merkwürdige Misstrauen bleibt aber bestehen, das man gegenüber Riko hat: sie ist zwar nicht gerade pushy, aber so manche Szene fühlt sich leicht nach Grenzüberschreitung an. Sie sagt eben immer, was sie denkt. Und wenn sie denkt, dass sie Haru liebt, dann sagt sie ihr das auch. Das hat natürlich auch etwa total Befreiendes. Und gibt Haru den nötigen Kick, aus ihrem Schneckenhaus herauszukommen.

KAKERA ist jedenfalls angenehm unprätentiös, aber auch nicht alles ist völlig überzeugend. In seiner Kameraführung ist der Film schon geradezu schlicht. Vielleicht sogar zu schlicht. Da hätte durchaus etwas mehr Formwillen walten dürfen. Die Bilder sehen bisweilen doch etwas zu sehr nach Fernsehen aus. Die Charaktere sind auch nicht gänzlich gelungen. Vor allem die Nebenfiguren sind etwas zu funktional geraten, zu übertrieben und zugespitzt auf charakterliche Spezialeigenschaften - und gerade deswegen häufig wenig glaubhaft. Da wird es hölzern, bleibt zu sehr an der Oberfläche und ausgerichtet auf die Zweckhaftigkeit gegenüber den Protagonistinnen. Der Soundtrack ist bisweilen etwas zu melodramatisch und schmalzig - in Momenten, in denen es einfach zu erwartbar ist. Und am Ende, um die Kritik abzuschließen, ja, da findet Film sein Ende nicht. Die letzten 15 Minuten sind zu zerfasert, da verliert er sich ausgerechnet im Bedürfnis dabei, alles zu Ende zu erzählen. Und man merkt: eigentlich wäre es viel schöner, wenn alle Handlungsstränge offen blieben - das Leben geht ja schließlich auch weiter.

Hikari Mitsushima kennt man als Yôko aus Sion Sonos LOVE EXPOSURE (und aus Sonos Langhaarhorror EXTE, dem düsteren und sehr erfolgreichen Thriller VILLAIN von Lee Sang-il und den Filmen der DEATH NOTE-Realverfilmungen), sie ist das Mädel, das auf den Plakaten immer den Stinkefinger hochhält. Außerdem ist sie mit Regisseur Yuya Ishii verheiratet (THE GREAT PASSAGE, SAWAKO DECIDES), was sicher auch ganz praktisch ist. Ganz interessant, wie sie hier völlig unbratzig auftritt und eine komplett andere Rolle spielt als in Sonos Film aus dem Jahr zuvor. KAKERA ist übrigens Momoko Andos Debutfilm. Im Moment ist sie stark auf dem aufsteigenden Ast, da sie mit ihrem zweiten Film, 0,5 MM, einige Erfolge feiert. Das liegt auch mit daran, dass sie ihre Schwester in der Hauptrolle besetzt hat, die gerade karrieremäßig durch die Decke geht: Sakura Ando. Die übrigens an der Seite von Hikari Matsushima wiederum in LOVE EXPOSURE mitgespielt hat. Sascha Schmidt vom Okaeri-Blog hat mit ihr bei der Nippon Connection ein Interview geführt, das unter anderem die Familienclan-Verhältnisse auch nochmal etwas aufdröselt. Wie im Titel bereits genannt: es ist ein echtes "Slice of Life"-Drama, geschrieben vom Alltag und dann doch spannend, wenn man nur genau genug hinschaut. KAKERA ist beim britischen Expat-Label Third Window Films als DVD erschienen und momentan für sehr kleines Geld zu haben.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Zick-Zack durch den Zombie-Film: ONE CUT OF THE DEAD (Shinichiro Ueda, Japan 2017)

Den Film habe ich vor etwa zwei Wochen gesehen und es ist ganz interessant, was noch in der Erinnerung von ihm übrigbleibt. Und das ist eigentlich recht viel. Was vor allem, wie ich glaube, daran liegt, dass er geschickt mit "Bild-Ankern" arbeitet. Zum Beispiel mit der Pyramide am Ende, die vergisst man nicht so schnell. Genausowenig wie das Haupt-Setting, die verlassene Fabrik. Oder dann den dritten Schauplatz, einen gesichtslosen Büroraum mit 08/15-Mobiliar und wenig Euphorie. Woher die ganze Saftigkeit kommt, wenn ein Film - in der Produktion - dort in dieser nüchternen Tristesse beginnt, ist auch so ein kleines Wunder. Auf der Leinwand ist er dann ja schon eine ganz andere Erfahrung.
Auf letterboxd hatte ich das schon kurz angemerkt: der Film hat ein merkwürdiges, schräges Pacing. Schnell und actionreich am Beginn, dann die Zerstörung der filmischen Illusion und der Aufbau der Backstory, dann Switch zurück und das quasi-live-Making-of. Der Film ist also ein Erzählfilm, …

Chinesische Dystopie: PEKING FALTEN von Hao Jingfang (2018)

Lao Dao, ein Leben als Rundungsfehler.

In der nahen Zukunft: Die Metropole Peking ist in drei Sektoren aufgeteilt, um den knapp bemessenen Raum möglichst effizient zu nutzen und um der Überbevölkerung Herr zu werden. Der Protagonist Lao Dao, ein älterer Herr, lebt im Dritten Sektor, dort wo das einfache Volk ohne Bildung, die Tagelöhner hausen. Er ist Mülltrenner und verwertet die Abfälle aus Sektor zwei und drei, um sie einem Recycling-System zuzuführen. Außerdem kümmert er sich um seine Tochter; ein Findelkind, das er einmal aus dem Abfall gezogen hat. Da er ihr eine bessere Zukunft sichern will, verdingt er sich als Bote zwischen den Sektoren - jeder Kontakt zwischen ihnen ist strengstens untersagt - um eine Nachricht an eine Frau in Sektor Eins zu übermitteln.
Freilich, ein Job voller Gefahren. Da sich in einem gewissen Zeitabstand die Stadt Peking stetig neu "umfaltet", um einen anderen Stadtsektor an die Erdoberfläche gelangen zu lassen, muss er sich auf einer komplizi…

Kattradhu Thamizh aka. Kathratu Tamil / Learning Tamil (Ram, Indien 2007)

Man kann nun nicht gerade behaupten, dass der Tamilische Film in Westeuropa irgendeine Rolle spielen würde. Woran das liegt? Vermutlich an der üblichen kulturimperialistischen Impertinenz, die wie immer lieber Bauchnabelbeschau hält, als mal über den Tellerrand hinauszublicken. Die asiatischen Kinostarts 2015 in Deutschland zum Beispiel sprechen für sich: es ist dieses Jahr wieder einmal ein veritables Desaster, was cinephile Grenzgänger zu entnervend langen Wartezeiten auf punktuelle DVD-Veröffentlichungen zwingt, und weniger hemmungslose Ungeduldige zu den netzwärtigen Torrentseiten. Entweder kann man mit diesen Filmen tatsächlich hier  überhaupt kein Geld verdienen, oder man traut ihnen nichts zu. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Drei, vier einsame Seelen hätte es für diesen Nervenzertrümmerer in Berlin oder Köln vermutlich schon ins Kino getrieben, aber wer sonst sollte kommen? Das hier ist schließlich nicht LUNCHBOX mit Irrfan Khan.
Ram ist ein Regieneuling, …