Direkt zum Hauptbereich

Kimi's Friend aka Your Friends / Kimi no tomodachi (Ryuichi Hiroki, Japan 2008)


Ryuichi Hiroki dreht dieses Alltagsdrama in ganz nüchternen Bildern, wie geradezu absichtlich ohne künstlerischen Anspruch. Da werden keine besonders schönen Darstellungen gesucht, oder gar bedeutungsvolle. Es ist subtiler: etwa wenn sich der Protagonist Nakahara (Seiji Fukushi) zum ersten Mal mit Emi (Anna Ishibashi) unterhält, die draußen vor der Schule die Fußbälle der Kinder einsammelt, dann ist das eine ganz zurückhaltende, tastende Annäherung. Die Kamera ist ein ganzes Stück weit weg, und nähert sich ganz langsam - man bemerkt es erst gar nicht -, den Figuren an. Aber nicht in einer geraden Linie, in direkter Weise auf die Szene zu, sondern seitwärts ausholend, ebenso zurückhaltend und vorsichtig tastend, wie sich die beiden Figuren kennenlernen. Man erkennt die Mienen der Gesichter nicht, man hört nur ihre Stimmen. Spätes Nachmittagslicht, das über den Sportplatz scheint, und im Hintergrund Berge und ein leuchtender Himmel. Aber Emi weiß nicht, was Nakahara von ihr will - und fragt ihn ganz direkt, ob er sie anmachen wolle. Und er antwortet: ja, will er. Er fände sie interessant. Wegen ihres Beines?, fragt sie. Ja, antwortet er darauf. Emi braucht einen Stock zum Gehen, das linke Bein scheint seit einem Unfall steif zu sein.

Warum das so ist, seit ihrer Kindheit, das erzählt der Film dann in Flashbacks. Ihre frühe Schulzeit und ihre Freundschaft zu Yuka (Ayu Kitaura). Da schließen sich zwei Einzelgänger zusammen, da jede auf ihre Weise krank ist oder körperlich eingeschränkt. Sie fallen aus dem Klassenverband heraus und bleiben fortan für sich. Immer wieder springt der Film dann in die Jetztzeit der Erzählung, auf eine Ebene, in der aber nichts Wesentliches geschieht. Es ist der (nicht nostalgische) Blick zurück auf eine Kindheit und Jugend, die so wieder aktuell wird. Wie lange hält eine Freundschaft?, scheint der Film zu fragen. Nur kurze Zeit, oder ein Leben lang? Diesen allgemeinen Fragen geht Ryuichi Hiroki hier im Besonderen nach, und lässt seinen Figuren doch stets eine individuelle Persönlichkeit. Sie sind alles andere als Schablonen oder Platzhalter, weshalb diese Freunde auch nur einen Ausschnitt zeigen, eine Möglichkeit der vielen Optionen. Eine Geschichte, der vielen Geschichten. 

Der Film basiert auf einem Roman von Kiyoshi Shigematsu, und diese anderen Geschichten werden nicht ausgeblendet, aber eben nur angerissen. Sehr schön zum Beispiel auch die um den älteren Schüler Sâto, der sich als Schulhofschläger präsentiert - aber ebenfalls einsam ist und erst nach einer unkontrollierten Auseinandersetzung, bei der er sich wieder einmal als Arsch präsentiert hat, nach einem Gespräch mit Emi zur Vernunft kommt. Im Zentrum aber stehen immer Emi (eigentlich "Megumi") und Yuka. Und freilich nähern sich Nakahara, der angehende Fotojournalist und Emi einander an. Zumindest hoffen wir das, beim Sehen. Irgendwo braucht man hier auch eine kleine Romanze.

Dass der Film dann am Ende auf ein trauriges Finale hinausläuft, das hat man schon recht lange absehen können, wenn man Yukas Krankheitsverlauf aufmerksam verfolgt hat. Schließlich befindet sie sich fast nur noch im Krankenhaus und Emi, die die Aufnahmeprüfung auf die weiterführende Schule in Tokyo zurücklegen muss (der Film spielt in der Provinzstadt Kôfu, unweit von Tokyo und manchmal sieht man den südlich gelegenen Fuji im Hintergrund), hat weniger Zeit, bei ihr zu sein. Umso rührender ist es, wenn sie es doch schafft, bei ihr oder den Eltern vorbei zu kommen. Auch da wird immer wieder das Thema des Photographierens angeschnitten, was sowohl als künstlerischer Ausdruck, als Beglaubigung der Freundschaftsbeziehung, und auch als Erinnerungsspeicher thematisiert wird. Besonders gegen Ende nimmt der Aspekt der Erinnerung einen immer größeren Raum ein, da auch zugleich das Erwachsenwerden - und das Weiterschreiten im Leben - von Emi in den Mittelpunkt des Films rückt. Anna Ishibashi meistert ihre Rolle bravourös, erst etwas harsch als Mädchen, subtil zurückgezogen als Mittelklassenschülerin, später dann als junge Frau mit einem inneren Leuchten, das den ganzen Bildraum ausfüllt. Ein Film, der jede Minute seiner zwei Stunden braucht: wahrhaftig, traurig, wunderschön.

Michael Schleeh

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

In Bong Joon-hos OKJA (2017) rettet die Liebe eines Mädchens zu seinem Hausschwein eine kleine Welt

Am Beginn von OKJA, Bong Joon-hoos neuestem creature feature für netflix, öffnet sich die koreanische Landschaft auf die schönste Weise. Man staunt über die grünen Hügel und Wälder, die steilen Schluchten und Täler, die einen großen Kontrast setzen zu den allerersten Minuten des Films im Herzen der zubetonierten Metropole Manhattans. Dort nämlich befindet sich die Mirando Corporation, ein Nahrungsmittelhersteller, der mittels Gen-Food seinen Aktienindex hochjubeln möchte. Dazu braucht es Fleisch. Viel Fleisch, und besonders leckeres. Und viel kosten darf es auch nicht. Deswegen werden Riesenschweine gezüchtet (optisch geht das Richtung Seekuh), die Qualitätsfleisch versprechen. Eines der Versuchsschweinchen durfte in den Wäldern und Bergen Koreas aufwachsen, und es ist freilich das Prachtexemplar schlechthin, das dem Film den Titel gibt. Möglicherweise ist es aber vor allem die Liebe, die das Tier erfahren hat, das es so gut gedeihen ließ. Geliebt wird es heiß und innig von dem 13-j…

Wenn die Festplatte raucht: GANTZ:0 - ein Computerspiel getarnt als Film (Yasushi Kawamura & Keiichi Sato, Japan 2016)

"We are stuck in an endless survival game!"
 Im Funkenflug löst sich das Ich auf: rausgebeamt aus dem Spielfeld, in diesem Fall die berühmte Shibuya-Kreuzung (weil: drunter geht's nicht), als das Monster mit dem Tentakelkopf erledigt ist. Der Tote bleibt zurück, die Überlebenden dürfen ins nächste Level vordringen. Nach dem Vorspann, der eigentlich keiner ist, weil nur der Filmtitel eingeblendet wird: next stop: Osaka! Dort sind weitere Monster gesichtet worden, dort muss man sie nun bekämpfen. Freilich auf der Brücke in der Fußgängerzone, in Dotonbori, vor dem Hintergrund der berühmten Werbetafelfeuerwerke (weil: drunter geht's nicht).
 Ein Film, der nicht mehr aussieht wie ein Film, sondern wie ein Computerspiel. Künstliche Charaktere mit Stimmen von Menschen. Alles präzise gesteuert, sogar das Wippen der Brüste im Kampfdress völlig CGI-verseucht. Alles designt, noch viel künstlicher als in den beiden GANTZ - Teilen zuvor. Die Kämpfe haben freilich auch nichts mit…