Direkt zum Hauptbereich

Nuclear Nation (Atsushi Funahashi, Japan 2012)



Bilder von Booten, die an Land geschwemmt worden sind von der Gewalt des Tsunamis, die gibt es in diesem Dokumentarfilm auch. Und die von den in weiße Schutzanzüge gekleideten Bewohnern der zerstörten Häuser um das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ebenso, die aber nichts mehr vorfinden von ihrem bisherigen Leben - außer zerstörte Überreste, vielleicht das Fundament des ehemaligen Hauses, jetzt kontaminiert. Die Bewohner der kleinen Ortschaft Futaba mussten evakuiert werden, so schnell es geht. Es ist die Ortschaft, die am nächsten zum Kernkraftwerk liegt, in dem die Kernschmelze in allen Reaktoren vonstatten ging. Der Film zeichnet keine minutiöse Entwicklung der Ereignisse, zeigt niemals irgendeine Welle oder eine Explosion. Obwohl hinter den Bäumen die Schlote der Reaktoren in den Himmel ragen. Regisseur Funahashi zeigt fast ausschließlich die Menschen, die nun mit den Nachwirkungen der dreifachen Katastrophe (Erdbeben, Tsunami, Reaktorunfall) vom 11. März 2011 in der Region Tohoku leben müssen. Willkommen in Futaba, so das Schild am Ortseingang. Ja, willkommen.

Sie wurden evakuiert in das Gebäude einer Schule, gut 150 km nach Süden in Richtung Tokyo. Der größte Verlust, neben der Trauer um immer noch vermisste oder gestorbene Familienmitglieder, ist der der Heimat. Diese Menschen leben jetzt zusammengepfercht in Klassenräumen, jeder mit ein paar Quadratmetern Liegefläche, wo gerade so die paar wenigen Sachen Platz haben, die man am allernötigsten braucht. Privatsphäre gibt es keine. Nach japanischer Art gibt es wenig Tränen. Ganz zu Beginn wird das über die Gesangszeile eines Liedes vermittelt: der Japaner zeige seine Gefühle nicht; das Gesicht lächelt - was soll man schon ändern! -, aber im Innern laufen die Tränen. Es ist ein tiefe, persönliche Trauer, derer sich alle bewusst sind, und die man nicht auszusprechen braucht. Doch manchmal äußert sich dann doch die Wut, vor allem auf die Regierung, die zu wenig mache, nicht rechtzeitig aufgeklärt und Maßnahmen ergriffen, sie wissentlich der Gefahr ausgesetzt habe - wie auch auf die TEPCO, die Betreiberfirma des Atomkraftwerks. Dessen gewonnene Energie, ironischerweise, komplett nach Tokyo geleitet wurde.

Futaba war immer ein armes Städtchen, vergessen im Nirgendwo des Nordens. Jobs gab es wenige, viele bauten Reis an oder hielten Rinder. Doch dann kam die Tokyo Electric Power Company und versprach Jobs und Energie, Investitionen. Und die Stadt konnte viel Geld damit machen, dass sie die Kraftwerke bauen ließ. In unmittelbarer Nähe. Und plötzlich ging es allen besser. 40 Jahre lang war alles gut, dann kam die Katastrophe. Jetzt ist alles verloren. Damit können sich viele nur schwer abfinden, verständlicherweise, und insbesondere der Bürgermeister von Futaba macht sich schwere Vorwürfe, nicht weitsichtiger gewesen zu sein. Doch auch er wollte glauben, was allen immer versprochen wurde: mit der Atomenergie kommt der Wohlstand, alles wird gut. Ein anderer Bewohner hat die Namen der Toten derer, die er kannte, auf den Seiten der Zeitung rot angestrichen. Es sind unfassbar viele. Noch einer macht klar, dass das Ausrufen der Evakuierungszone durch die TEPCO aufgrund der Gefahr der hohen Radioaktivität auch gleichzeitig jede Rettungsmaßnahme von Verschütteten unmöglich machte. Er ist überzeugt, dass viele noch gelebt haben müssen.

Der Film greift sich ein paar wenige Personen heraus, aus der gesamten nuklearen Nation, und begleitet sie und ihr Schicksal. Jeder erzählt doch recht freimütig, was ihm oder ihr zugestoßen ist, wie sie mit dem Unglück umzugehen versuchen. Das ist bemerkenswert unsentimental und fast schon nüchtern portraitiert. Manchmal hört man den Regisseur sanft nachhaken, das Gespräch am laufen halten. Die Stille sagt oft mehr als Worte. Besonders bei einem Vater mit Sohn, die ihre Frau, bzw. die Mutter verloren haben. Das Haus ist eine Ruine, von der nur noch das Fundament geblieben ist. Irgendwann dürfen sie für zwei Stunden zurück, in eben jene Schutzanzüge gekleidet. Alles was sie wollen, ist der toten Mutter gedenken, Blumen niederzulegen und zu beten. Doch dort holt sie der Schrecken auf den Boden der Tatsachen: es ist zu furchtbar, sich dort aufzuhalten. Und: es ist dort einfach nichts mehr. Lebensunwirtliches Brachland, radioaktiv verseucht. Jeder Gedanke an Rückkehr wird einem ausgetrieben. Und so wird man vielleicht allenfalls noch wütend, weil einem auch das die Strahlung und der Tsunami genommen hat: man kann nicht einmal mehr um verlorene Familienangehörige trauern. Futaba ist nur noch nukleares Wasteland.

Michael Schleeh

***

Hier habe ich eine Liste japanischer Filme zusammengestellt, die sich mit dem Thema Fukushima auseinandersetzen. Ergänzungen sind unbedingt erwünscht. Die Liste wird regelmäßig aktualisiert.

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ali's Wedding (Jeffrey Walker, Australien 2017)

Nachdem der talentierte aber leider erfolglose Ali die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium an der Universität von Melbourne verpatzt hat, bringt er es nicht übers Herz, seinem Vater den Misserfolg einzugestehen. Der Sohn war die große  Hoffnung des muslimischen Klerikers, der das Zentrum der arabischen Community darstellt, und höchstes Ansehen genießt. Dass dessen Rivale nur auf einen Misserfolg Alis hofft, um selbst den Platz des Vaters einnehmen zu können, ist ein Seitenerzählstrang, der einen hochinteressanten Handlungsverlauf innerhalb der Moschee voranschiebt.
 Das sind humoristische und tolle Einblicke hinter die Kulissen, die man nicht jeden Tag bekommt. Jedoch: Ali lügt. Er habe hervorragend abgeschlossen - und wird nun als Wunderkind gehandelt und sieht sich alsbald gezwungen, ein Leben an der Uni vorzutäuschen. Dort läuft er aber nicht nur permanent dem Sohn des Konkurrenten seines Vaters über den Weg, sondern auch der schönen Libanesin Dianne, in die er sich Hals über Kopf…

HERRMANN (Reda, Deutschland 2012)

Ein nicht mehr ganz junger Familienvater, der aus der linksalternativen Szene zu stammen scheint und der  mittlerweile wohl ziemlich in der Bürgerlichkeit angekommen ist, verabschiedet sich eines Abends von seiner Frau/Freundin und seinem bereits schlafenden Kind, da er noch auf einen Geburtstag will. Sein halb schelmisch-unterwürfig ausgedrückter Wunsch, anschließend noch kurz aufs Konzert zu gehen (dem ein echtes Begehren zugrunde zu liegen scheint, da seine Stimme schon zu zittern beginnt), wird von der verantwortungsbewußteren, vernünftigen Herzdame mit Stirnrunzeln weggeknutscht. Vermutlich kennt auch sie das Lied von der Punkband Oma Hans, wo die Mädchen auf dem Konzert einfach besser küssen als sonstwo. Da muss sie gar nicht mehr viel zu sagen, es liegt alles in ihrem Blick: er soll halt endlich mal erwachsen werden, dieser Berufsjugendliche. Schließlich gibt es jetzt Familie. Und eigentlich hatte er ja auch schon kapituliert, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat. Da kan…

Das Lächeln im Angesicht der Tragödie: Yasujirô Shimazus Tonari no Yae-Chan / Our Neighbour, Miss Yae (Japan 1934)

 Als ich vor kurzem einmal wieder Our Neighbour, Miss Yae gesehen hatte, da war das einer von diesen seltenen Momenten, wo man nicht genau weiß, was da eigentlich gerade passiert ist; aber als die Abblende kam, nach dem letzten Bild mit der Kamera in den wolkenverhangenen Himmel hinauf – obwohl sich doch, wenn nicht alles, so doch so manches zum Guten aufgelöst hatte – war ich den Tränen nahe und zutiefst gerührt. Dabei war da gar nichts wirklich Rührseliges passiert, oder gar aufwühlend Melodramatisches. Der Film endet so, wie er anfängt, zumindest auf der Tonspur. Eine liebliche, langgezogen sehnsuchtsvolle Geigenminiatur, die von etwas Herzschmerz aus dem Leben kleiner Leute der unteren Mittelschicht aus irgendeiner japanischen Vorstadt in der Nähe von Tokio verkündet. Einmal sagt die Mutter, heute sei das Wetter so klar, man könne den Fuji sehen, aber das muss man glauben. Im Film taucht er nicht auf. Das ist kein Film für nationale Monumente. Hier wirken Dinge und K…