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HKIFF 2016: What A Wonderful Family! (Yoji Yamada, Japan 2016)



Ironischer könnte man es nicht meinen mit einem solchen Filmtitel, wie der japanische Regieveteran Yoji Yamada. In Japan kennt wirklich jeder seine Filme, schon allein wegen der mehr als 50 Filme umfassenden Reihe über den glücklosen Helden Tora-san, die zu den erfolgreichsten Kinogeschichten des Landes zählt. Mit einem Augenzwinkern flicht er Torajiro auch immer wieder in diesen Film ein, mal in der Form von DVDs, die irgendwo im Zimmer herumliegen, oder als Filmplakat in einem Schaukasten, das beim Vorbeigehen auf der Straße unterwegs zum Trinken entdeckt wird. Der Saké ist eine Verbindungsspur, und so wird auch Yasujiro Ozu viel zitiert, sei es mittels Filmausschnitten über die Vergeblichkeit eines Wunsches zum glücklichen Älterwerden - genauer: ein sinnierender Chishu Ryu in TOKYO STORY, den Yamada vor zwei Jahren mit seinem Film TOKYO FAMILY ge-remaked hat -, den sich der Großvater im Fernsehen ansieht; als mündliches Zitat, etwa wenn gesagt wird, dass diejenige, die am wenigsten zur Familie gehört, sich am meisten für sie eingesetzt habe (Yu Aoi entspricht somit Setsuko Hara), oder etwas subtiler, wenn der Großvater in seiner Lieblingskneipe mit der Besitzerin schäkert und sich mit Saké betrinkt: dann wähnt man sich in einen der letzten Filme Ozus versetzt, etwa in AUTUMN AFTERNOON. Aber auch alberner Yamada ist hier drin, und auch Slapstick, sogar. Einmal wird eine Banane gegessen, die Schale aber ordnungsgemäß in den Mülleimer entsorgt. Denkste.

Zum Geburtstag seiner Frau Tomiko fragt Rentner Shuzo diese, was sie sich denn von ihm Besonderes wünsche. Es dürfe nur nicht zu teuer sein. Sie antwortet: "Eine Scheidung!" Aber nicht nur Shuzo ist geschockt, sondern die gesamte Familie, denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Während der familiäre Tumult immer größere Züge annimmt, treten bei allen Familienmitgliedern zunehmend die ehelichen Probleme deutlicher zu Tage. Und plötzlich wird allen bewusst, wie fragil das Lebensmodell "Familie" ist. Freilich ist KAZUKO WA TSURAIYO (so der Originaltitel) kein grüblerischer Arthouse-Film, sondern eine schnelle Komödie mit einer Familie mit dem Düsenantrieb, die auch immer wieder gekonnt mit den Klischees des Genres spielt. Aber darum geht es nur nebenbei. Vielmehr schaut der Film ziemlich genau hin auf die Befindlichkeiten der einzelnen Familienmitglieder, da sich hier ganze drei Generationen unter einem Dach tummeln. Und das Problem des einen, Dominoeffekt, ist bald das Problem des anderen. Etwa wenn ein Eheproblem bei den Großeltern thematisiert wird, das urplötzlich beim Schwager ebenfalls virulent ist. Nur, bisher hatte man eben still gehalten, es ertragen. Einmal ausgesprochen, fühlt sich der oder die darunter Leidende nicht mehr alleine damit, kann auch aus den bedrückenden Zwängen des patriarchalischen Systems ausbrechen und die Unzufriedenheit äußern. Daraus folgen irre lustige Kettenreaktionen, die bald das gesamte Familiensystem erodieren.

Und eigentlich geht es in diesem Film genau darum: um die Aushebelung des japanischen Patriarchen, der seine im Saké-Suff auf links gestülpten Socken auf dem Boden liegen und seine Gattin die Sauerei wegmachen lässt. Ohne sich jemals dafür zu bedanken, für ihre Selbstaufopferungen der letzten Jahre, ohne sich einmal emotional geöffnet zu haben. Es wird alles als selbstverständlich genommen. Bedürfnisse der Frau werden nicht berücksichtigt, allenfalls belächelt. So etwa deren schriftstellerischen Ambitionen, denen sie bei einem Kurs, einem literarischen Zirkel, nachgeht. Dort werden ungelebte Träume thematisiert und, man erwartet es schon, wird über einer großen Abrechnung gebrütet. Nur mit einiger Arroganz kann der Patriarch darüber lächeln, gleichwohl dämmert ihm, das seine Hochphase nun vorbei sein könnte. Ein Umschwung kommt dann, wie so oft, von außen. Es ist eben jene Rolle der Yu Aoi, die sich in den noch unverheirateten Sohn verkuckt hat - und ihre Außenperspektive und einsichtigen Worte bringen das zum Kentern verurteilte Schiff wieder etwas auf Kurs. Es ist also nicht immer das Alter, das zur Weisheit strebt.

Michael Schleeh

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