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Patisserie Coin de Rue (Yoshihiro Fukagawa, Japan 2011)


Die Japaner mit ihrem Faible für deliziöses Gebäck - ähnlich wie beim Sushi wird hier mit ebensoviel Sorgfalt vorgegangen, um die allerbeste Qualitätsstufe zu erreichen und die optisch erstaunlichsten Kreationen zu erschaffen. Es sind kleine Kunstwerke, die man essen kann, und das lässt man sich dann auch was kosten. Yoshirio Fukagawa erzählt in Patisserie Coin de Rue eigentlich zwei recht ähnliche, parallele Geschichten. Denn beide Hauptfiguren müssen emotionales Gepäck aus der Vergangenheit hinter sich lassen, um für Neues aufgeschlossen zu sein. Bei der jugendlichen Natsume, gespielt mit burschikoser Respektlosigkeit von Yu Aoi, ist es der Freund, den sie eigentlich heiraten wollte - dieser hat sich nach Tokyo abgesetzt. Also reist sie ihm kurzerhand hinterher, verlässt das südliche Kagoshima für die Großstadt. Die Spur führt ins Coin de Rue, wo er allerdings schon nicht mehr arbeitet. Der Leistungsdruck war zuviel für den Träumer - oder vielleicht war auch Mariko Schuld (ganz bezaubernd grantig: Noriko Eguchi), der zweite weibliche Lehrling unter der eigentlichen, auch ziemlich strengen Chefin (Keiko Toda). Natsume will dort etwas lernen und hat keine Ahnung, auf was sie sich einlässt. In ihrer Freizeit macht sie sich auf die Spur des vermissten Geliebten. Die zweite Hauptrolle spielt der verschlossene Restaurant-Kritiker Tomura (Yosuke Eguchi), ehemaliger Chef-Patissier, der ein familiäres Trauma mit sich herumschleppt, das es ihm unmöglich macht, weiterhin "Kuchen zu backen" (wie er es selbst manchmal nennt, voller Verachtung und mit Schuldgefühlen). Beide Personen stehen an einer Wegscheide, und man kann es sich schon denken - gemeinsam schaffen sie es auch vielleicht.

Dafür, dass der Film dann schlecht ausgeht, dafür ist er doch zu sehr ein harmloses J-Drama. Zähne hat dieser Film nicht, von irgendeiner avantgardistischen Formsprache ist hier nichts zu merken. Der Film ist dafür etwas anderes: perfekt inszeniertes Kommerzkino, das enorm kurzweilig ist und trotz seiner beinahen 120 Minuten Spieldauer famos zu unterhalten weiß. Und das nicht, wohlgemerkt, weil es vollgestopft wäre mit Plot. Nein, es gibt viele ruhige Stellen im Film, auch langsame Passagen mit viel Liebe zum Detail. Ganz ähnlich wie sich die Figuren hingebungsvoll um ihre Törtchen kümmern, so präzise und hingebungsvoll wurde aus diesem, eigentlich völlig standardisierten Film, ein fließendes, unterhaltsames und immer wieder liebevoll detailreiches Wohlfühl-Drama gezaubert. Und das ohne Peinlichkeiten, Sentimentalitäten, oder Verniedlichungen. Die standardisierte Formelhaftigkeit, die man kritisieren könnte, bezieht sich allein auf die Struktur des Films, denn innerhalb seines Operationsgefüges ist der Film geradezu großartig gemacht. Ganz gerne werden ja solche Errungenschaften von der Filmkritik klein gemacht (deswegen auch immer die Kritik der arrivierten Medien am Genre-Film, der sich ja auch sehr oft in starren oder erstarrten Strukturen bewegt), da muss ein jeder Film, wenn er schon nicht das Rad neu erfindet, zumindest ein "relevantes Thema" haben. Siehe der Fokus auf Flüchtlingsthematiken auf der diesjährigen Berlinale. Das alles hat der Film nicht. Es geht um Alltagsschicksale, die jeder Zuschauer kennt, oder die in seinem Umfeld schonmal passiert sind. Man ist dicht dran an den Problemen, die hier gezeigt werden. Kein Grund, das abzuwerten. Ein gelungener Film.

Michael Schleeh

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