Direkt zum Hauptbereich

Hakuchi / The Idiot (Akira Kurosawa, Japan 1951)


Dostojewskijs Roman Der Idiot, die literarische Vorlage des Filmes, ist ja schon keiner, der sich durch eine besonders actionreiche Handlung auszeichnet; hier befindet man sich meist in Innenräumen, und dabei im Dialog. Das Lesen wird zudem durch ein riesiges Figurenarsenal erschwert, mit dem man in der russischen Literatur aber eigentlich immer zu kämpfen hat - und woran man sich erst gewöhnt, wenn man ein paar dieser Mammutepen genossen hat. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Kurosawas Adaption nicht gerade mit mitreißender Handlung hausieren gehen kann. Auch hier befindet man sich vornehmlich im Dialog und zumeist innerhalb der Gebäude - Kurosawa hat aus St. Petersburg das sturmumtoste, tiefverschneite Hokkaido gemacht. Eine kleine Messerszene mit dem irren Mifune ist das Heftigste an Action, was der Film zu bieten hat. Ansonsten darf man minutenlang Setsuko Haras Augen zuschauen, wie sie sich mit Tränen füllen. Und das ist wirklich sensationell, was sie hier bietet. Völlig gegen den Strich besetzt, wenn man sie aus den Werken Yasujiro Ozus kennt, gibt sie hier eine verrufene Dame, die mit ihrer dämonischen Aura die Männer becirct. Eine eiskalte Femme Fatale, sozusagen, die in plötzlichen Ausbrüchen ins heftigste Mitleid hinein implodiert. Und mit dieser Leistung spielt sie Toshiro Mifune an die Wand. Und das ist mehr als sehenswert.


Im Netz wird viel über diese gekürzte Fassung von "nur" 2,45 Stunden debattiert. Und sicherlich ist es ein Unding, wie sich hier wieder einmal eine Produktionsfirma an einem Kunstwerk vergangen hat. Doch die über vierstündige Originalfassung scheint niemand gesehen zu haben. Welche Szenen fehlen, darüber kann nur gemutmaßt werden. Im Allgemeinen wird vermutet, zu Beginn. Dort holpert es ordentlich, sind Anschlüsse viel zu abrupt und ganze Handlungsstränge erscheinen wie urplötzlich vom Himmel gefallen und sind narrativ kaum eingebunden. So ist man sich auch einstimmig einig in Fankreisen, dass das Fehlen der 100 Minuten dem Film nur schaden würde, und dass man es ganz zweifellos mit einem der allergrößten Meisterwerke der japanischen Filmgeschichte zu tun habe. Und das, obwohl niemand weiß, was eigentlich tatsächlich fehlt. Fast scheint es so, als müsse sich die kleine Gruppe derer, die sich auf das Werk eingelassen haben, als müssten sie sich selbst versichern, wie toll dieser langsamste aller Slow-Burner doch in Wirklichkeit ist. Ob sich jemand diesen Film, ginge er tatsächlich über vier Stunden ("Polemikmodus an":), überhaupt noch ansähe, daran denkt keiner - natürlich ohne jetzt die Kürzungen rechtfertigen zu wollen! Soviel Kritik muß (bei aller Cinephilie) sein. (Interessanterweise echauffiert sich kaum einer über die im Film extrem verkürzten Nebenfiguren, die in ihrer Komplexität innerhalb des Romans einen eigenen Kosmos einnehmen - Takashi Shimura etwa wird zu einem reinen Statisten, die Mutter zu einer typischen japanischen Hausfrau).


Kurosawas Herzprojekt um die jesushafte Figur des verkannten Fürsten Myshkin reiht sich thematisch wunderbar in die bisherigen Selbstaufopferungsfiguren ein, die wir aus seinem Frühwerk kennen. So sind es vor allem die Frauen, die seine wahren, also wahrhaftigen Qualitäten einer lauteren Lebensführung zu verstehen wissen, oder dies nach und nach lernen. Die Männer sind voller Abwehr oder fühlen sich durch die offene und ehrliche Art herausgefordert. Vor allem als sie merken, daß Myshkin die Sympathien der Damen zufliegen.
Hervorzuheben ist außerdem die tolle schwarz/weiß-Photographie, die in den besten Momenten visuell atemberaubend ist. Der permanent fallende Schnee bildet einen großartigen Kontrast zu den oft nur spärlich ausgeleuchteten Innenraumszenen, und bei der bildgewaltigen Schlittschuhszene zeigt sich das Potential, über das alle am Film beteiligten verfügten.


Mit der heutigen zweiten Sichtung hat sich mir der Film deutlich besser erschlossen, als beim ersten Sehen. Dies ist keine neue Weisheit, daß mehrmals Schauen hilft, doch war die Hemmschwelle, ganz ehrlich, groß. Und ich bin schon ein Fan von ruhigen Filmen. Nun habe ich ihn beinah schon liebgewonnen. Es war nicht das letzte Mal, daß ich mir HAKUCHI angesehen haben werde.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...

Two famous female writers from Japan: Yû Miri's 'Tokyo Ueno Station' & Hiromi Kawakami's 'People from my Neighbourhood'

TOKYO UENO STATION is not a straight narrative, but rather a quite experimental novel. As "the plot" unravels in flashbacks - by an obscure, already seemingly dead medium floating around Ueno park, the story of a life of hardship  is slowly being revealed. Of heavy labor, broken families, financial troubles and finally: homelessness. This is not the exotistic Japan you will find on a successful youtuber's channel. The events get illustrated by those of "greater dimensions", like the historical events around Ueno park hill during the Tokugawa period, the Great Kanto earthquake, the fire bombings at the end of WW II or the life of the Emperor. Quite often, Yû Miri uses methods of association, of glueing scraps and bits of pieces together in order to abstractly poetize the narrative flow . There are passages where ideas or narrative structures dominate the text, which only slowly floats back to its central plot. TOKYO UENO STATION is rather complex and surely is n...

Aido: Slave of Love (Susumu Hani, Japan 1969)

Here are some pictures I took during a private screening of Susumu Hani's extremely rare and seldom seen feature film  AIDO - SLAVE OF LOVE , which is the movie Hani made after the famous NANAMI: INFERNO OF FIRST LOVE. The film is beautifully shot, completely absorbing and structurally abandoning all narrative consensus - it is somehow - for most of the time - a subjective trip into the mind of the protagonist Shusei (Kenzo Kawarasaki). As you can asume, a dreamlike state predominates the film; and with its' devotion to extensively focussing on the details of the body while making love, presented in detailed close-ups, aswell as its' beautifully daring setpieces, it reminded me to some extent of Toshio Matsumoto's experimental oeuvre, as for example in his short film PHANTOM . AIDO was submitted to the competition-section of the 19th Berlin International Film Festival (aka Berlinale) - a fact that is quite astonishing, if you consider the direction the main section of ...