DVD BluRay

Sonntag, 28. Dezember 2008

Samurai III: Duel on Ganryu Island (Hiroshi Inagaki, Japan 1956)

Der dritte Teil ist vielleicht der beste, weil ausgeklügeltste. Dennoch hab ich mich öfter (ja, ich gebe das einfach mal zu:) gelangweilt. Doch weshalb? Hier finden alle Themen zusammen in einer schönen Ausgewogenheit: Inagaki findet eine tolle Balance zwischen actionreichem Swordplay und Liebesmelodram; die offenen Fäden werden zusammengeführt und ausformuliert, und trotzdem... war es irgendwie...langweilig, teilweise.
Mifune alias Takezo alias Musashi Miyamoto findet zu erhabener Samurai-Größe, der nichts mehr beweisen muß. Er spielt ihn mit einer Würde und Reife, da kann man sich kaum vorstellen, wie er noch im 1. Teil ein wildes Pferd war. Koji Tsuruta (als Kojiro Sasaki) ebenso: gut. Der Geck, der Faun und Karrierist im Samurai-Pelz gefällt als Opponent und teils zwielichtig-abstoßende, teils eitle Verführergestalt. Plötzlich taucht Takashi Shimura auf, wie aus dem nichts, und ebenso verschwindet er wieder...wie schade. Otsu (Kaoru Yachigusa) leidet wieder unglaublich unter den Komplexen Musashis, dem sie doch schon längst vergeben hat. Zwischendurch wird noch ein 7 Samurai-ähnlicher Plot eingefügt, der die beiden zusammenfinden läßt, und zeigt, wie relaxt Musashi geworden ist. Bauer sein ist auch schön! Und außerdem kann man so den Film auf über 1,5 Stunden aufblasen. Nu ja, schlecht ist er beileibe nicht, aber da fehlt etwas die Leidenschaft des Filmemachers, dem vor Begeisterung die Gäule durchgehen. Das ist irgendwie zu ordentlich strukturiert, und nimmt dem Film gerade dadurch die Kraft. Anders kann ich mir meine (relative) Enttäuschung nicht erklären...
Ach ja, der Schlußkampf -Mifune vor der aufgehenden Sonne am Meer- ist schlicht: geil.

Samstag, 20. Dezember 2008

Samurai II: Duel at Ichijoji Temple (Hiroshi Inagaki, Japan 1955)

Das Sequel zu Musashi Miyamoto zeichnet sich vor allem durch einen hohen Bodycount aus; mittlerweile ist Takezos Ruhm gewachsen, alle kennen den ihm vorauseilenden Ruf eines meisterhaften Swordmans, und die Neider und jungen Sturm und Dränger wollen natürlich ihre Kräfte messen. Dafür liegen sie bald mit dem Gesicht unten im Dreck.
Musashi jedoch ist keine Heldengestalt. Der Zuschauer sieht hinter die Fassade; von verschiedenen Seiten wird Musashi gesagt, daß ihm das Zeug zum richtigen Samurai abgehe. Er sei zwar unglaublich stark, aber geistige Größe habe er nicht, er könne z. B. nicht vergeben. Zudem streiten sich zwei Frauen um seine Zuneigung; Otsu aus Teil 1, und jetzt auch Akemi. Musashi jedoch liebt sein Schwert.
Im Zentrum der Handlung steht die Auseinandersetzung mit dem Yoshioka-Clan, mit dem es am titelgebenden Tempel erst ein Gemetzel, dann ein Duell mit deren sensei Seijuro Yoshioka geben wird. Außerdem wird die Person des Kojiro Sasaki eingeführt, einem weiteren Schwertmeister,der sich mit Musashi messen will. Dieser scheint ein wahrhaftiger Gegner zu sein, doch bis die Zeit reif für das Duell ist (ich vermute im Teil 3), vergewaltigt er erstmal Akemi.
Trotz der neuen Personen und zahlreichen Kämpfe dümpelt der 2. Teil etwas vor sich hin. So richtig Zug ist da nicht dahinter; postiver ausgedrückt: relaxt aber mit Gewaltspitzen.

Montag, 15. Dezember 2008

Musashi Miyamoto / Samurai I (Hiroshi Inagaki, Japan 1954)

Takezo (Toshiro Mifune) und Matahachi, zwei jugendliche Grünschnäbel, wären ach so gerne richtige Samurai und rennen begeistert in den Krieg. Man will sein Mannsein beweisen und gerät unverblümt in die bekannteste spätmittelalterliche Schlacht Japans: in den Kampf von Sekigahara (1600). Diese markiert historisch den Wendepunkt von der chaotischen Sengoku-Zeit hin zur (gewalttätig) befriedeten Tokugawa-Periode. Mehr tot als lebendig überleben sie das Gemetzel, und eines müßte selbst ihnen klar sein: zum Samurai ist es ein weiter Weg. Hier wiederholt sich Mifunes Begehr, denn im bekannteren Seven Samurai von Kurosawa -entstanden im selben Jahr!- spielt er die ganz ähnliche Rolle eines Bauernlümmels, der so gern ein Samurai wär. Er tollt herum, schreit, grimassiert, strampelt mit den O-Beinen und holt die Laute ganz tief hinten aus der Kehle heraus. Denn er wird gejagt und verfolgt. Takezo rennt. Nur einmal, da baumelt er an einem Baum 15 Meter über dem Boden: der weise Mönch Takuan hat ihn gefangen, und will ihn zum "echten" Samurai erziehen, und dazu ist erstmal die mentale Einstellung wichtig, wie wir wissen. Takezo sieht das allerdings anders, und wird zu seinem eigenen besten für drei Jahre in einen Raum gesperrt, in dem sich nur Bücher befinden. Eigentlich eine schöne Vorstellung. Doch das Schwert juckt, und die Zeit wird auch zur harten Prüfung, da Akemi ein zartes Pflänzchen der Liebe in sein Herz gepflanzt hat. Am Ende wird er als gereifter Samurai aus dem Schloß entlassen, um sich Ruhm und Ehre auf seinen Wanderungen zu verdienen.
Fantastisch gefilmt, tolle Naturaufnahmen in schöner kräftiger Farbe wechseln mit etlichen Kämpfen, bei denen Takezo häufig gegen eine Übermacht an Gegnern bestehen muß. Verknüpft ist alles mit einer sehr melodramtischen Liebesgeschichte, die sich um mehrere Ecken windet, bis sich die richtigen finden. Der Film ist bisweilen sentimental und auch altbacken, aber auf eine schöne Art und Weise; man denke an Doktor Schiwago. Und dann kommen ja noch zwei Teile...

Samstag, 13. Dezember 2008

Shôwa Karesusuki / Der Polizist und seine Schwester (Yoshitarô Nomura, Japan 1975)

Harada (ein Polizeibeamter) lebt in Tokyo mit seiner Schwester in einer kleinen Wohnung nah den Bahnschienen. Die Kinder vom Lande, früh verlassen von den Eltern, mußten sich selbst durchschlagen; umso erfreulicher, daß sie es nun aus eigener Kraft zu bescheidenen Verhältnissen geschafft haben. Jeden Morgen fahren sie gemeinsam in die Stadt. Er geht ins Präsidium, Noriko in die Schneiderschule. Fröhlich winkt er ihr zum Abschied, wie er sich Richtung Stadtzentrum wendet, sie lächelt zurück. Auf der obersten Stufe jedoch wendet sie sich um, geht zurück, und streunt den Rest des Tages durch die Megalopolis.

Die Kamera findet tolle Bilder der Menschenmassen, und wie sich nach und nach das Schicksal dieser beiden herausschält, da ist deutlich, daß hier noch tausende Geschichten erzählt werden könnten. Noriko läßt sich mit zwei üblen Typen ein, und ihr Bruder kommt zufällig dahinter. Als er ihr den Umgang mit ihnen verbieten will, zeigt sie sich wenig einsichtig. Alles Zureden hilft nichts. Er beginnt, ihr heimlich zu folgen. Hinein in ein Liebeshotel etwa, wo sie sich zum Schäferstündchen mit dem schleimigen Nakagawa trifft. Im weiteren Verlauf spitzt sich die Handlung zu, bis plötzlich der Liebhaber tot am Boden liegt: und Noriko scheint schuldig zu sein. Die Beziehung der beiden Geschwister steht vor einer harten Prüfung.

Für das Drehbuch war Großmeister Kaneto Shindo (Edo Porn, Battle of Okinawa, Onibaba) verantwortlich, und -ganz im Ernst: was hier Hideki Takahashi (Irezumi ichidai und Elegy of Violence, Seijun Suzuki; Friendly Killer, Teruo Ishii) als Harada abliefert ist ganz großes Darstellerkino. Der Mann hat eine Präsenz, der füllt den ganzen Film damit. Und daß aus dem Großstadt-Darstellerkino ein kleiner feiner Thriller wird, das hat der Spannung auch nicht geschadet.

Dienstag, 9. Dezember 2008

Snapshot Shorts Vol. 2

Shinobi - Heart under Blade Ten Shimoyama, Japan 2005

Romeo & Julia zur Zeit des Tokugawa-Regimes. Ieyasu Tokugawa sieht sein befriedetes Land nur noch durch zwei im Wald lebende Ninja-Clans bedroht und beschließt -gerissen wie er ist- sie sich gegenseitig eleminieren zu lassen. Die 5 besten Kämpfer beider Clans sollen gegeneinander antreten. Nun haben sich natüüürlich die beiden besten Kämpfer Gennosuke und Oboro an einem sprudelnden Bächlein tief in die Augen geguckt,... was allerdings bei den Augen von Yukie Nakama fatale Folgen haben kann, das versteht ein jederMann.
Was folgt ist ein pathetisches Martial-Arts-Fantasy-Märchen, das leider weder in der Figurenzeichnung überzeugen kann, noch in den Kampfszenen. Zwar sind diese fast alle als Duelle angelegt, bei denen die Kontrahenten ihre besonderen Fähigkeiten zur Schau stellen können (den Absurditäten sind keine Grenzen gesetzt), doch ist das alles sehr konsumierbar: kein Blut, kein Leid, und ästhetisch völlig verfremdet. Das liegt wohl auch an der Vorlage, ein Manga, das sich aber aus einem literarischen Erzählungsband speist. Aber für die Computerjugend sieht das dann doch aus wie in einem Videospiel. Sterben kann so schön sein!
Reines Unterhaltungskino, bei dem es nach dem Abspann halt zwei Stunden später geworden ist.


Sarkar Ram Gopal Varma, Indien 2005

Zunächst: dieser Bollywood-Film konnte mich gut unterhalten. Angelehnt an Coppolas Der Pate spielt Amitabh Bachchan einen Gangsterboss, der sich um die Sorgen und Nöte der armen, gebeutelten Mitmenschen kümmert. Gleichzeitig allerdings hat er es mit dunklen Machenschaften (wie wird nicht erzählt) zum mächtigsten Mann in Bombay gebracht. Nun kehrt sein Sohn aus Amerika zurück und bringt seine neue Flamme mit. Sein Bruder, Filmproduzent, verheiratet mit Kind, scharwenzelt hinter einer Actrice her und muß sich eines Konkurrenten erwehren. Der Hauptplot aber ist, daß ein geheimes Syndikat den Drogenhandel in Bombay übernehmen will, und sich bei Sarkar -ob seiner großen Macht- die Erlaubnis einholen muß. Dieser verwehrt es ihnen (Moral Moral), und muß fortan um sein Leben bangen.

Ein Bollywood-Film ganz ohne Tänze und Gesänge, dagegen ein düsterer Gangsterplot. Viel Schatten, saturierte Farben und Weichzeichnereffekte. Schöne Menschen allenthalben und gute Schauspieler. Dennoch: mit dem Paten kann dieser Film niemals mithalten. Mehrere offensichtliche Logiklöcher sabotieren zudem die Stimmigkeit der Erzählung. Auch ist der Film nach 2/3 Spielzeit ziemlich behäbig. Hier hätte man straighter auf den Schluß zumarschieren, und diesen durchaus noch mehr ausschlachten können. Der Showdown ist fast etwas beiläufig und verschenkt.


Retribution / Sakebi Kiyoshi Kurosawa, Japan 2006

Der Film handelt von einem Cop (Koji Yakusho), der erst einen, dann mehrere Morde aufklären muß. Sich wiederholende Motive deuten auf einen Serienmörder hin, wobei wir in der ersten Einstellung bereits ihn selbst als Mörder der Frau gesehen haben. Diese tote Frau kehrt dann als haunting ghost wieder und in der Folge wird alles immer komplizierter. Das Drehbuch schlägt daraufhin mehrere Haken, was zunächst interessant ist, dann aber irgendwann bei der Fülle der Themen überladen wirkt, letztlich dann leider sogar beliebig.
Die Idee der zurückkehrenden Toten als Geist, der dem Täter sogar vergibt, ist zwar (für mich) neu, aber die Verknüpfung etwa mit der Asyl-Geschichte und diese unglaublich lächerlichen Episoden mit dem Psychologen verhunzen etwas den Film. Ansonsten ist es ein typischer Kurosawa-Film: ein Genre-Mix aus Polizeithriller und Geistergeschichte. Und auch die Bilder sind vorzüglich, der Ton ebenso.


Lange Phasen kompletter Stille bauen enorm Spannung auf. Letzlich scheint mir der Film also durchaus sehenswert, wobei er sicherlich kein großer Wurf im an Höhepunkten nicht armen Werke Kiyoshi Kurosawas ist.

Donnerstag, 4. Dezember 2008

9 Souls (Toshiaki Toyoda, Japan 2003)



Toyodas vielgelobter Film ist eine Komödie, ein Road-Movie und ein tragisches Drama zugleich: Neun Kriminelle brechen aus dem Gefängnis aus - draußen angekommen merken sie, daß sie eigentlich gar nicht so genau wissen, wo sie jetzt hin sollen. Dummerweise werden sie von der aufdringlichen Polizei gejagt, und nachdem ihre Gesichter im Fernsehen gezeigt wurden und von Plakatwänden herunterschauen, erkennt sie auch noch jeder Dorftrottel. Sie kommen vom Regen in die Traufe.

Die erste Hälfte des Films kommt ziemlich sabuesk daher, allerdings mit einem etwas feineren Ton und weniger grotesk. Wenn die -mittlerweile sympathische gewordene- Männertruppe dann in der zweiten Hälfte nach und nach durch die unterschiedlichsten Ereignisse dezimiert wird, sind einem die Figuren bereits so nahe geworden, daß der Film in derDarstellung der Schicksale sehr berührt und dann enorm traurig wird. Und das völlig ohne Kitsch oder Pathos. Ein phantastischer Gitarrensoundtrack findet ebenfalls Verwendung, ebenso wie der Mut zu experimentelleren Grenzgängen, wenn etwa Szenen in Zeitlupe dargestellt werden oder in subjektive Wunschräume abdriften und imaginierte Geschichten weitererzählt werden - lediglich mit der Brechung, daß die Stimmen nun verhallt sind. Da erreicht der Film Momente voller Traurigkeit und großer Sehnsucht und erzeugt eine Stimmung großer Innigkeit. Freiheit sieht anders aus.

Samstag, 29. November 2008

Snapshot Shorts Vol. 1

Da ich momentan ziemlich beschäftigt bin und nicht so richtig zum Schreiben komme, trage ich hier jetzt unter dieser neuen Rubrik Filme nach, für die mir die Zeit gefehlt hat, die ich aber nicht unerwähnt lassen wollte. Als da wären:

Death Note 2: The last name (Shusuke Kaneko, Japan 2006) -- ist die Fortsetzung des Fantasy-Selbstjustiz-Popcornfilmchens DEATH NOTE, das in seiner schieren Länge von beinah 2 ½ Stunden wenn nicht ermüdend, so doch sehr gedehnt wirkt und mit deutlich zuviel Plotschleifen auffährt. Schon die Entscheidung, das simple Konzept das Death Note-Notizbuch um etliche Regeln zu erweitern, nur um aus dem zweiten Teil ein Katz-und Maus-Spiel machen zu können, scheint mir mißlungen und bläst den Film unnötig auf. Das lenkt alles ab von der zwar skurrilen aber reizvollen Grundidee. Aber damit nicht genug – auch das Potenzial der Einführung eines zweiten Todesgottes wird verschenkt, einmal sogar unfreiwillig komisch. Schade.

Ansonsten bleibt positiv festzuhalten, daß wieder einmal einige Realien aus dem japanischen Alltag in ihrer Absurdität konterkariert werden, ohne den moralischen Prügel rauszuholen (abgesehen vom Selbstjustiz-Thema, natürlich): so etwa die ganzen Handlungsstränge um die Fernsehgesellschaft und den Wota-Fanatismus, das Fanboytum. Auch positiv ist die Fokussierung auf „L“s Charakter, der dem Film doch einiges an Spannung zutragen kann. Auch was die schauspielerische Leistung angeht ist Kenichi Masuyama (L) seinem Konterpart Light Yagami (Tatsuya Fujiawara, den man z.B. aus BATTLE ROYALE kennt) haushoch überlegen. Fast ein wenig ärgerlich ist es, daß Fujiawara seiner Figur so wenig Profil zu geben vermag. Schön also, daß sich der Fokus im dritten Teil (Hideo Nakatas Beitrag) ganz auf L richtet: L- CHANGE THE WORLD. Darüber später mehr.

The Host / Gwoemul (Bong Joon-ho, Südkorea 2006) -- Wie ein kleiner Diamant hat sich in diesem Monsterfilm das Melodrama versteckt, genauer: ein Familienmelodram. Denn die Tochter gilt es zu retten, die vom Formaldehyd-Monster des Han-Flusses verschleppt wurde. Die im Oberstübchen nicht ganz helle Familie kompensiert ihre Unfähigkeit mit Liebe und erreicht so doch viel mehr, als man zunächst vermuten würde. Auch eine Hirnoperation kann da kaum mehr was kaputtmachen. Manchmal vergißt man fast bei all der Rasanz, mit was für großartigen Schauspielern man es hier zu tun hat: Song Kang-ho kann wieder auf vollster Linie überzeugen, und wenn die Angehörigen wegen des Verlustes der Tochter verzweifelt anfangen zu weinen, dann sind das wunderbar großartige Kinomomente. Klar, paar Sekunden später kippt das ins selbstironische Overacting - anders wäre das aber auch nicht zu ertragen. Komischerweise gelingt es Bong (MEMORIES OF MURDER-Genius) diese Elemente harmonisch zu verbinden, massenkompatibel zu gestalten und doch gleichzeitig einen erschütternden und dabei unterhaltenden Film zu machen. Toll.

Gate of Flesh / Nakito - Profis der Liebe (Seijun Suzuki, Japan 1964) -- Im ausgebrannten Tokyo der Nachkriegszeit schließen sich fünf Prostituierte zu einer Bande zusammen, beziehen Domizil in einem ausgebombten Haus und machen ihren Strich klar. Es herrscht ein hartes Regime - aber man ist selbstbewußt, weiß sich durchzusetzen. Als ein Gauner (Jo Shishido) bei ihnen untertaucht, übernimmt er die Rolle des Zuhälters. Alle Mädchen verlieben sich in ihn, doch diejenigen, die etwas mit ihm anfangen, verstoßen gegen den Codex der Gruppe: kein Sex ohne Geld, kein Sex mit Gefühl. Zwei der Mädels werden aber erwischt, gebunden und gefoltert, ausgepeitscht von ihren Freundinnen.
Suzuki ist ein Meister der Farben - dabei pfeift er auf Realismus und setzt bewußt auf Künstlichkeit, was sich auch in der Montage bemerkbar macht. Hilarious das alles, durchgeknallt, quicklebendig und pulsierend. Aber auch weit weg, abstrakt, Kunstkino mit Exploitation und Sleaze. Spannend und respektlos, einzigartig und ungemütlich.

Hana Yori mo naho (Hirokazu Kore-eda, Japan 2006) -- In einem Slumviertel Edos leben die Nachbarn trotz des Elends gar nicht mal so schlecht zusammen in ihren Hütten, denn sie unterstützen sich, lieben sich, hassen sich, aber vor allem: unterstützen einander. Auch ehemalige Samurai hat es dorthin verschlagen, Männer, die nicht mal mehr Ronin sind. Oder doch? Sie planen, ihren Herren, der zum Harakiri gezwungen wude zu rächen. Alle, bis auf einen.
Kore-eda beleuchtet den 47 Ronin-Mythos mal von einer anderen Seite - denn Soza (Junichi Okada) hat recht bald gemerkt, daß in Friedenszeiten mit dem Schwert kein Überleben möglich ist. Er ist Lehrer geworden, und unterrichtet die Nachbarskinder im Lesen und Schreiben. Außerdem interessiert er sich, heimlich natürlich, denn er ist schüchtern, für die nette Witwe von nebenan (Rie Miyazawa). Mit ihrem Sohn aus erster Ehe kommt Soza außerdem sehr gut zurecht.
Kore-eda dreht eine Komödie, einen wunderbaren leisen und leichten Film, der ernstere Untertöne nicht scheut. Auch Parallelen zu aktuellen politischen Geschehen können durchaus entdeckt werden, wie ein kritischer Umgang mit der japanischen Gesellschaft. Wer einen Vergleich für die Stimmung des Films haben möchte, der denke etwa an KIKUJIROS SOMMER. Ausgezeichneter Film.

Aoi Haru / Blue Spring (Toshiaki Toyoda, Japan 2001) -- Die Lümmel von der ersten Bank auf japanisch, sozusagen. Schön brutal, traurig, manchmal leicht over the top, und guter Japanpunkrock-Soundtrack. Immer wieder auch schöne Bilder, stilisiert, ein sehr reduzierter Plot - ein Film der trotz seiner vielfältigen Themen eine erstaunliche Geschlossenheit erreicht. So wird aus dem Coming-of-Age-Film handfeste Gesellschaftskritik eines Landes, das den Kontakt zu seinen Kindern verloren hat. Der Blick vom Dach des Schulgebäudes in die Ferne, die Stadt und das Umland faßt nichts, zeigt kein Ziel. Nur Weite. Kann man sich wahrlich öfter anschauen.

Samstag, 22. November 2008

Time / Shi gan (Kim Ki-duk, Südkorea 2006)

Mit Kim Ki-duk geht es immer weiter. Vermutlich werde ich mir noch seinen vierzigsten Film ansehen, wenn es denn soweit kommen sollte. Schließlich war er einer der Regisseure, die ich als erstes entdeckte, als ich vor Jahren damit begann, stärker Asienfilme zu schauen. Eingeprägt hat sich da natürlich die Kombination aus künstlerisch wunderschön gemachten Bildern mit so ziemlich der härtesten Brutalität, die man nur aushalten kann. Insbesondere ADDRESS UNKNOWN und BIRDCAGE INN meine ich damit, aber auch den etwas zu sehr stilisierten THE ISLE. Der Ton seiner Filme hat sich etwas gewandelt über die Jahre, zum Glück, ist ruhiger geworden. Ein Film wie 3Iron ist ein Gottgeschenk, einer wie THE BOW, in dem er sich doch auch ein wenig selbst wiederholt und, manche meinen ja streng, im Kreise dreht, vielleicht weniger. Sehe ich nicht ganz so, aber ich bin da auch sehr offen. Mit TIME geht Kim zurück in die Großstädte und beschäftigt sich mit dem Schönheitswahn einer sich auf das Aussehen ausgerichteten fehlgeleiteten Gesellschaft, gespiegelt am Schicksal eines jungen Paares.

Kim präsentiert uns eine kalte und aseptische koreanische Welt, in der Menschen in Designerwohnungen leben, immer gut gekleidet sind, an Notebooks arbeiten, viel die Wohnung putzen und SUVs fahren. Da kann man schon mal das Verhältnis zur Natürlichkeit verlieren, so Seh-hee (Park Ji-yeon), die, eifersüchtig auf alle gut aussehende Frauen, ihren Freund Ji-woo (Ha Jung-woo) davonlaufen wähnt, die Gefühle erkalten sieht und sich nicht anders zu helfen weiß – in einer klassischen Kimschen Radikalhandlung – als sich das Gesicht per Schönheitoperation vollkommen umgestalten zu lassen. Nachdem sie also ein halbes Jahr rekonvalesziert hat, ihren Freund dazu völlig unvermittelt und ohne Erklärung hat sitzen lassen, knüpft sie wieder an die Beziehung an, und bedenkt nicht, daß ihr eigener Gefühlshaushalt mit der neuen Situation nicht zurecht kommen wird. In mehreren tragischen Wendungen gerät der Film in eine Gewaltspirale hinein, aus der die beiden Protagonisten kaum wieder herausgelangen können.

Kim ist kein Freund der subtilen Andeutungen oder feiner Metaphern. Da tritt der künstliche Mensch mitten in der Betonstadt schon mal vor Verzweiflung gegen einen alten Baum, und das darf der Zschauer dann interpretieren. Oder das Beziehungsphoto, das später gerahmt auf dem Schreibtisch seinen Platz findet, wird in einem Skulpturenpark am Meer geschossen, auf welchem sich die beiden in eine Skulptur zweier offener Hände setzen, die zu einer Treppe in die Unendlichkeit gestaltet ist. Wer da nicht kotzt, kennt Kim Ki-duk (und liebt ihn vielleicht ein bißchen). Überhaupt ist dieser Film sehr unnahbar, da einem die Charaktere nur bedingt nahe kommen und kaum sympathisch sind. Zu fremd ist das, zu symbolisch, zu stilisiert. Hätte der Mann nur nicht immer so tolle Schauspieler, man könnte auch mal einen Film abbrechen!

So bleibt man erlösungssüchtig bei der Stange und wartet auf Magengrubenbilder, die sich in diesem Film leider kaum finden lassen – allzuoft erstarrt der Kunstwille in anspielungsreichem Abstraktionskitsch. Ein schwacher Film von Kim ki-duk, allerdings wird hier endlich mal wieder gesprochen, wenn auch oft durch's Mobiltelefon.

Sonntag, 16. November 2008

Fazit zur Masumura-Filmreihe


Es ist fast ein wenig schade, mit diesem etwas unpersönlichen Film von Masumura Abschied von der Filmreihe zu nehmen. Der zweite HANZO ist natürlich kein schlechter Film, aber eben sicher auch keiner, der von der Autorschaft des Regisseurs zeugt - sofern ich überhaupt in der Lage bin, das zu beurteilen. Die angedeutete Gesellschaftkritik versickert doch stark im Sumpf des Sleazes, und Hanzos Aufrichtigkeit gegenüber Ordnung und Gesetz scheint eher von vornherein der Anlage der Figur inhärent zu sein, weniger aufklärerisches Mittel des moralischen Regisseurs. Auch das immer wiederkehrende Thema der Darstellung des individuellen Leidendrucks seiner Protagonisten und Protagonistinnen unter einem wie auch immer gearteten gesellschaftlichen Repressionsmechanismus, was letztlich zu einem unauflösbaren Konflikt führt, der entweder mit einem Befreiungsschlag der Figur endet (MANJI - ALL MIXED UP) oder mit deren Untergang (BLACK TEST CAR), steht im zweiten HANZO nicht zur Debatte, wird höchstens am Rande in einem Seitenerzählstrang evoziert (z. B. in der Figur der Vorsteherin der Prägerei, die das kriminelle System für sich selbst zu nutzen weiß, nachdem sie ihre eigene Machtlosigkeit gegenüber der höherstehenden korrumpierten Autorität erfahren hat), modifiziert als Plotvehikel.

So ist jetzt Zeit für eine Schlußbemerkung, am Ende der kleinen Filmreihe:

Ich bin von mir selbst enttäuscht, so lange gebraucht zu haben, um gerade mal 10 Filme Masumuras zu sichten. Da wäre viel mehr Disziplin notwendig gewesen (auch was meine Gedächtnisleistung angeht). Vielleicht war auch der selbstgestellte Anspruch zu hoch, nun endlich mal etwas tiefer in das Medium Film einzutauchen und so etwas wie Strukturen zu erkennen. Sicher, teilweise mag mir das gelungen sein, aber eben nur in Ansätzen. Eine einmalige Sichtung ist einfach viel zu wenig, um Strukturmerkmale zu analysieren, Kohärenzen und Brüche zu entdecken, einen ‚persönlichen Stil’ herauszufiltern und diese Erkenntnisse dann tatsächlich gewinnbringend anzuwenden. Und alle Filme, das sei nochmals gesagt, waren für mich Erstsichtungen. Ich war also in mehr als einer Hinsicht überfordert.
Zum Anderen sehe ich die Wahl des Regisseurs etwas problematischer mittlerweile: der Reiz, sich jemanden vorzunehmen, über den es sehr wenig Geschriebenes gibt, selbst im Netz - und auch da meist nur die üblichen paar Zeilen zu RED ANGEL und IREZUMI - von Leuten, die alle voneinander abschreiben, nouvelle vague, blablub, und keiner mal irgendwo sagt, an was man das festmachen kann außer in abstrakten Behauptungen, etwa daß sich die Jungen gegen die Alten wenden (was es bei Ozu z. B. auch zuhauf gibt), in der Darstellung der Jugend, der Sexualität (der 1. Leinwandkuß) und in der erhöhten Schnittfrequenz (was erstmal bewiesen sein will), war es ein schönes Experiment, so ziemlich auf sich allein gestellt zu sein. Hin und wieder hätte ich das gerne aber mehr durch Lektüre unterstützt, unterfüttert. Auch was man so in Gesamtdarstellungen liest, etwa im Richie-Buch, ist mehr als unzureichend. Ein paar Kontinuitäten habe ich -glaube ich- dennoch ausmachen können, und vielleicht hat der eine oder andere, der meine Sachen mitverfolgt hat, da etwas mit anfangen können. Das wäre schon mehr, als ich mir erwartet hatte.
Und zuletzt: es bleibt das Wissen um die Unzulänglichkeit des Projekts 'Masumura', denn mehr als einen Einblick in dessen Schaffen konnte ich mit der kümmerlichen Editionslage an Filmen nicht gewinnen. Wenn man gerade mal ein gutes Zehntel aller Filme des Regisseurs gesehen hat (10 von 65), dann muß man leider sagen: gut, besser als nix ist das ja, aber es ist auch weit davon entfernt, einen Regisseur zu kennen (was immer auch das genau ist). Somit komme ich zur

Schlußbemerkung der Schlußbemerkung:

Lust habe ich jedenfalls trotzdem schon wieder, die nächste Reihe zu planen. Diesmal aber mit mehr Zug dahinter, mit besserer und ausführlicherer Vorbereitung, eben halt alles besser, aufwändiger, schöner und doller. Weitermachen ist die Devise, und vielleicht gibt es dann auch mehr Rückmeldungen der Lesenden oder Anlässe zur Diskussion, mehr Mut oder auch nur Lust zum Risiko vielleicht auch mal einen Scheiß zu verzapfen, so wie der, der sich hier aus dem Fenster lehnt. Also: werft faule Eier und Blumen! Ich würde mich freuen.


Eine Empfehlung für die Interessierten möchte ich doch noch loswerden: besonders gut gefallen hat mir sein Erstling KISSES (1957), der ein wenig an AUSSER ATEM erinnert, und der nicht nur eine mitreißende Liebesgeschichte erzählt, sondern auch formal (Bildgestaltung) eine Delikatesse ist, ebenso der hysterische und zugleich tragische GIANTS AND TOYS (1958), sein film noir-Wirtschaftsthriller BLACK TEST CAR von 62, sowie naürlich den überragenden BLIND BEAST (1969). Ein Film, der so gut wie überhaupt nirgendwo eine Erwähnung findet ist die herrlich burleske Komödie A LUSTFUL MAN von 1961, was mir vollkommen schleierhaft ist. Ein toller Film, herrlich ausgestattet, zutiefst menschlich, und: mit Raizo Ichikawa. Die anderen Filme Masumuras sind allerdings auch nicht schlecht, aber das ist wohl klar!

Freitag, 14. November 2008

Hanzo - Razor 2: The Snare / Goyôkiba: Kamisori Hanzô jigoku zeme (Yasuzo Masumura, Japan 1973)

Hanzos zweite Mission führt den aufrechten Gendarmen wieder tief in den Sumpf von Korruption, Gewalt, Frauenhandel und Obrigkeitsdünkel hinein. Wieder einmal schafft er es durch seine ungewöhnlichen Verhörmethoden, dessen überzeugendstes Mittel sein gewaltiger Penis ist, die nötigen Informationen zu beschaffen.

Wie schon im ersten Teil geht es nicht gerade moralisch zu: die gefolterten Frauen lassen die Gegenwehr spätestens dann fahren, wenn sie auf kreative Weise von Hanzo (Shintaro Katsu) vergewaltigt werden, denn ihre anfänglichen unbeschreiblichen Qualen des Mißbrauchs schlagen um in eine erregte Begeisterung ob der Techniken und Fähigkeiten des Peniskünstlers.
Hanzo prophezeit das immer schon vorher, denn diese Methode hat sich bereits mehrfach in der Vergangenheit bewährt. Nur glauben wollen sie's nicht. Wenn wundert es da bei solcher Art Plotentwicklung, daß sie von diesem Mann nicht mehr lassen wollen. Und Hanzo bricht ihnen das Herz, wenn er sie später zurückweist. Passiert ja alles ganz dienstlich.

Auch der zweite Teil der Trilogie zeichnet sich durch Episodenhaftigkeit aus: zuerst werden die Machenschaften in einem Tempel aufgedeckt, in der die Äbtissin die Nonnen an foltergeile Beamte verkauft, im zweiten deckt er eine damit lose zusammenhängende Korruptionsaffäre in einer Münzprägerei auf. Auch dort überzeugt Hanzo die Hausvorsteherin mit seinen körperlichen Argumenten. Auch diese Frau schmilzt dahin.

Begleitet wir das bunte Treiben, die eruptierenden Blutfontänen, die Körperverstümmelungen und Folterungen mit einem grenzgenialen Score von Isao Tomita (der auch für den Score von Yoji Yamadas TWILIGHT SAMURAI, THE HIDDEN BLADE und den zuletzt erschienenen KABEI: OUR MOTHER verantwortlich ist), der in diesem Film entweder funky oder fast experimentelle Töne anschlägt, und so immer auch sehr fein zum ästhetischen Genuß beizutragen weiß.

Die Leistung Masumuras bei diesem Unterhaltungsfilm ist tadellos: er fügt sich hervorragend in den Stil und die Vorgaben der Serie ein, läßt Katsu, der neben der Hauptrolle auch produziert hat, allen Raum und liefert eine sehr solide Arbeit ab, die aber, vermutlich aufgrund der kontextuellen Einbettung in die Serie, recht wenig die eigeständige Handschrift des Regisseur erkennen läßt. Masumura hatte es immer hervorragend geschafft, sich in die Verhältnisse einzufügen und dennoch den Filmen seinen Stempel aufzudrücken. Im zweiten HANZO hat er sich wohl etwas zurückgenommen. Dennoch ein sehenswertes Teil, tatsächlich.

Mittwoch, 12. November 2008

Blind Beast / Môjû (Yasuzo Masumura, Japan 1969)



Ein blinder Bildhauer (Eiji Funakoshi) ertastet in den Räumen einer Photographieausstellung die Skulptur einer ‚perfekten Frau’, die er im Folgenden selbst als Kunstwerk gestalten möchte. In seinem Nebenberuf als Masseur ertastet er die Gesuchte (Mako Midori) mit seinen feinfühligen Händen, als sie nach einem Photoshooting Entspannung sucht. Er entführt sie mit Hilfe seiner Mutter (Noriko Sengoku) in sein Atlier, ein Fabrikgebäude am Rande der Stadt, wobei er die ehemalige Lagerhalle in ein riesiges Kunstwerk verwandelt hat: in der Mitte liegen zwei riesige Menschenkörper, Mann und Frau, in die Wänden sind Nachbildungen von weiblichen Gliedmaßen, Augen, Ohren und Brüsten eingearbeitet- eine Mischung aus Raumkunstwerk und Geisterbahn. Dort hält er die Schöne gefangen, bis sie einwilligt, Modell zu stehen. Die Gefangene versucht zu entkommen, und als dies mißlingt, beginnt sie zunächst als Täuschungsmanöver eine erotische Beziehung zum Künstler, um so einen Keil zwischen ihn und die eifersüchtige Mutter zu treiben. Dies gelingt ihr auch, doch als die Situation außer Kontrolle gerät, schlägt die zunächst nur vorgetäuschte Leidenschaft in ein sado-masochistisch sexuelles Begehren um.

Die Ablehnung und der Ekel wandelt sich zur Passion, dieser zur Obsession, in diesem theaterhaften Drei-Personen-Stück. Die Gestaltung des künstlich-künstlerischen Objekts wandelt sich gegen Ende in eine reale Deformierung des lebendigen Körpers, zunächst durch Bisse und Verwundungen, dann durch das gegenseitige Trinken des Blutes, schließlich durch die letztmögliche Steigerung der erlebbaren Ekstase in der Amputation der Körperteile. Die Abtrennung der Gliedmaßen wird parallel montiert mit dem Abfallen der Arme und Beine vom Rumpf der nachgestalteten Skulptur –jedoch ohne äußere Einwirkung. Die Auflösung des realen Raumes wurde zuvor durch eine wellenartige Verfremdung des Filmbildes eingeleitet, die jedoch keinen drogeninduzierten subjektiven Blick eines Protagonisten wiedergibt, sondern den einer übergeordneten Erzählinstanz. Die Welt „gerät aus den Fugen.“ Und so zerschmilzt auch die häufig postulierte Grenze zwischen Kunst und Leben, wird obsolet durch die Art, wie sich der Kunstwille des Schaffenden realisiert: nicht als Spinnerei, sonderrn als Gestaltungsprinzip eines destruktiven, performativen Aktes. Im Moment der gegenseitigen Tötung geschieht die letzte mögliche, große Vereinigung, die Verschmelzung der Leiber, und der Zusammenschluß von Kunst und Leben.

 Nicht umsonst spielt sich der letzte Akt auf dem gigantomanisch gestalteten Frauenkörper ab, den der Künstler zuvor in seiner isolierten Einsamkeit schuf, ein Altar und zwischen weiblicher Brust und Schoß ein Zeugnis für Fruchtbarkeit, Neugeburt und schlicht: des Wahns des Künstlers zugleich (die übergroße Frau korrespondiert mit seiner Mutter, der Über-Mutter, der einzigen Frau, die tatsächlich bisher als emotionales Wesen in seinem Leben einen Platz inne hatte) – umgeben von den Nachbildungen der Körperteile all der bewunderten (fernen) Frauen, die aus den Wänden ragen und so wie auf einer Guckkastenbühne den Rahmen für den Betrachter bilden. Das Leben, wie es als Bild in der Kunst erstarrt. Und überdauert, in der Erinnerung des Zuschauers, der dieses Bild durch die Rezeption von neuem belebt und –es ist zu hoffen- weitergibt, tradiert (Edogawa Rampo – Blind Beast – Martyrs).

Montag, 10. November 2008

THE BALLAD OF NARAYAMA (Shohei Imamura, Japan 1983)


In einem kleinen Bergdorf gilt die grausame Tradition, daß jeder, der das 70. Lebensjahr erreicht, sich zum Sterben auf den Berg Nara zurückziehen muß. Das sichert unter Anderem das Überleben der Familie, da diese Menschen in erbärmlichster Armut ihr Dasein fristen und sich autark von selbstgeführter Landwirtschaft ernähren müssen. Das bißchen Grünzeug wird der rauhen Natur abgetrotzt, denn es ist kalt dort oben, der erste Schnee fällt früh. Orin (Sumiko Sakamoto) hat ihr siebzigstes Lebensjahr erreicht, nun ist sie an der Reihe. Ihre Familie sperrt sich gegen die Tradition da sie noch bei bester Gesundheit ist, insbesondere der älteste Sohn Tatsuhei (Ken Ogata) kommt mit dem Abschied nicht zurecht. In einer schrecklichen Szene schlägt sie sich selbst die Vorderzähne an einem Mühlstein aus, um zunehmende Gebrechen vorzutäuschen. Denn sie weiß, das beste was sie für ihre Kinder tun kann, ist sterben.

Ein spröder Film von Imamura, einmal mehr. Schöne Landschaftsaufnahmen bar jeder Romantik werden mit der harten Realität der Bauern verknüpft, mit einem Portrait, einem Ausschnitt aus dem Leben der Dorfgemeinschaft. Da geht es vor allem um das Essen, was konkret 'Überleben' meint, um Diebstahl, Sexualität, Gewalt und Vergewaltigung, Tradition und Individualität. Und wie immer bei Imamura: um das große Ganze irgendwie. In allegorischen Bildern werden Ausschnitte aus dem Lebenskreislauf gezeigt: Die Ratten fressen die Schlange, die Schlange die Maus, der Häher die Schlange, die Menschen den Hasen, der Rabe den toten Menschen, usw usf. Da kommt einem der Kurzfilm Imamuras aus der 9/11- Zusammenstellung (Eleven Minutes, Nine Seconds, One Image: September 11) in den Sinn. Von der Ästhetik ist das sehr ähnlich in diesen Szenen. Fraglich aber, ob das dem Film gut tut, ihn metaphorisch noch weiter aufzuladen, als er es sowieso schon ist. Denn Themen werden hier so einige verhandelt. Richtig gut ist allerdings der Schluß. Da stellt sich ein Moment der Erhabenheit ein, bei dem der Film dann tatsächlich über sich selbst hinausstrahlt.

Sonntag, 9. November 2008

Onna hissatsu ken / Sister Street Fighter (Kazuhiko Yamaguchi, Japan 1974)

Sister Street Fighter (Etsuko Shihomi) muß ihren Bruder aus den Fängen eines japanischen Drogenkartells retten. Daß sie es dabei mit unzähligen Schurken aufnehmen muß, versteht sich. In ein paar wenigen Szenen schaut dann auch Sonny Chiba vorbei.

Ganz im Gegensatz zu KIBA – THE BODYGUARD wird hier mächtig an der Trash-Schraube gedreht, und heraus kommt ein wirrer Plot, ein katastrophales Acting, enorm schlechte Kampfszenen und eine langweilige Kamera. Du halt mal die Kamera schräg, das sieht scharf aus!

Man kann nun natürlich sagen, egal, das ist trotzdem toll - und ja, das ist es auch. Der Film macht Spaß, hat eine hübsche Hauptdarstellerin und immer wieder ist man wie vor den Kopf gestoßen, was den Menschen alles so Sackdummes einfällt. Der Film ist aber vor allem dermaßen episodisch geraten (-ohne (meta-)Konzept allerdings), daß man zwischendurch auch mal Abwaschen gehen kann, und wenn man irgendwas vergessen hat, ist es auch egal. Da fällt dann auch der Weg in die Ästhetik schwer. Wenn dann noch als skuriler Höhepunkt die Amazon-Seven, eine lustig berockte thailändische Kampfsportgruppe, daherkommt, die wirklich überhaupt nix kann, da wähnt man sich fast in einem Helge Schneider-Film. Da sieht jeder Fußtritt kümmerlich aus. Hätte man doch vorher die Oberschenkelrückseite gedehnt! Da wär der Fuß auch höher gekommen - der Kick hätte wenigstens mit gestrecktem Bein Präzision vortäuschen können! Das sind also die sogenannten Killer-Spezialisten von asiatischen Drogenkartellen... Doch wenn sich die Tür öffnet, und Sonny Chiba mal kurz vorbeischaut, dann sieht man direkt, wie sowas aussehen muß.

Ich vergaß den Schlußkampf: der entschädigt allerdings für alles Vorherige in Punkto action und Gewalt. Der bislang eher zahme Film schöpft hier aus den vollen. Die 120 Yen, die man für Spezialeffekte hatte, sind wohl ganz in diese Szenen geflossen. Nun denn: nicht so wahnsinnig gelungen, aber mit Liebe für's Genre sicher ziemlich kuckbar.

Donnerstag, 6. November 2008

Bodyguard Kiba: Hissatsu sankaku tobi (Ryuichi Takamori, Japan 1973)

Ein Film aus den Siebzigern mit den entsprechenden Klamotten, Sonnenbrillen und Autos. Der Film hat zwar so etwas wie eine Handlung - Sonny Chiba stellt sich als Leibwächter derer zur Verfügung, die bereit sind, gegen die Gangsterbosse eines Drogenkartells auszusagen, nur um von der Frau, die er beschützt, hintergangen zu werden, da sie ihren eigenen Drogendeal durchzieht - sich aber eigentlich von toller Actionszene zur nächsten Klopperei laviert.

Dabei kommt die Gewalt nicht zu kurz, wenn Chiba etwa einem nichtsnutzigen Schergen den Arm über die Schulter dreht, bis diesem der Knochen aus dem Ellenbogengelenk springt und in die Kamera hinein ragt. Nein, er ist auch absolut hilariously lustig, wenn "der Leibwächter", so der deutsche Filmtitel, dann den abgetrennten Arm, nachdem er noch die im Bett liegende Frau damit erschreckt hat, im Wohnzimmer herumsteht, nicht weiß was er damit jetzt anfangen soll, und ihn dann einfach in eine Ecke wirft. Oder wenn sich die Gangster in der Wohnung versteckt hatten und sich des Nachts mit ihren langen Messern aus der Wohnzimmercouch herausschneiden müssen. Das ist natürlich völlig ironiefrei inszeniert, trocken und lakonisch, und gerade deswegen enorm lustig.
Toller Film, der nicht zu den besten Chibas gehören soll, mir aber sehr getaugt hat.

Montag, 3. November 2008

Nightmare Detective / Akumu Tantei (Shinya Tsukamoto, Japan 2006)

Die noch junge und sehr engagierte Polizistin Keiko (Hitomi) wird mit zwei mysteriösen Selbstmord-Fällen betraut: die beiden Toten hatten sich selbst auf grausamste Weise mit dem Messer selbst zerhackt. Die „Tatorte“ gleichen einem Schlachtfeld. Da bekommt sie heraus, daß beide kurz vor der Tat mit dem Handy telephoniert haben – und beide dieselbe Nummer wählten. Das schürt den Verdacht, daß mehr dahinter steckt. Sie bittet einen verstörten jungen Mann, den Nightmare Detective (Ryuhei Matsuda), der sich in die Träume von Menschen hineinschleichen kann, ihr bei der Suche nach dem tatsächlichen Mörder zu helfen.

Tsukamoto hat seit einiger Zeit in der Independent-Szene einen unanzweifelbaren Status: der Regisseur von TETSUO, dem BODY HAMMER, TOKYO FIST, BULLET BALLET, VITAL, SNAKE OF JUNE, und so weiter – man könnte alle Filme aufzählen –, der für sich die Fortschreibung der japanischen Nouvelle Vague der 60er als Ausgangspunkt sieht, hat die Filmszene mit seinen Beiträgen zum Mensch-Maschine-Großstadt- Entfremdungs-Komplex maßgeblich bestimmt. So ist jeder Film ein heiß erwarteter Kandidat – mittlerweile auch auf den Festivals. Auf den kleineren sowieso. Und obwohl seine jüngeren Werke weniger drastisch daherkommen, sind sie nicht weniger intensiv. Wer daran zweifelt, der schaue sich HAZE an. So ist auch NIGHTMARE DETECTIVE, zu dem Teil 2 bereits geplant ist, ein unglaublich intensives Brett von einem Film.

Denn eines macht dieser etwas kommerziellere Film Tsukamotos sicher nicht: Gefangene. Teilweise unglaublich brutal, schnellst geschnitten und ein ohrenbetäubend heftiges Sounddesign bündeln sich zu einer Reise ins Unterbewußte und in die Träume junger Großstädter, die den Willen zu Leben verloren haben. Zu sehen gibt es düstere Räume, schlecht beleuchtete Gänge, dreckige Flure, Keller, Neonlicht, Großstadtansichten, Metall, Beton, Autobahnen, Züge. Einmal kurz sogar gewährt die Erinnerung einen Ausflug in die Kindheit, da erscheint plötzlich eine grüne Wiese, Sonne, Wolken, die lächelnde Familie; und dieser Kontrast ist schlicht schockierend. Danach der Schnitt und Tsukamoto haut uns eine unglaubliche Verfolgungssequenz um die Ohren, die wohl nicht umsonst an Kubricks SHINING erinnert.

Der Schwachpunkt sei ebenso angesprochen: mit zunehmender Laufzeit bekommt die Verkörperung der Killers „0“ (Tsukamoto selbst) ein Gesicht, bzw. einen Körper. Und genau dieses Zeigen des Ungeheuerlichen nimmt ihm viel von seinem Schrecken. Eine Darstellung des organischen Leibes beraubt den Zuschauer der Möglichkeit, sich den Horror selbst vorzustellen, der in der Ungewißheit des Unbekannten am schlimmsten gedeihen kann. Nun ja, ein weiterer Punkt wäre die Fixierung der Kamera auf Hitomis Beine, die zugegebenermaßen fantastisch sind, aber dennoch immer wieder so voyeuristisch ins Bild gesetzt werden, daß sich ein unmotiviertes sleaziges Moment in den Film schleicht. Auch scheint sie von ihrer Rolle manchmal etwas überfordert zu sein, und agiert etwas blaß. Daß der Nightmare Detective ein sympathischer Emo-Loser-Boy wie aus dem Buche ist, versteht sich von selbst – fast wähnt man sich in DEATH NOTE.

Dennoch sind das kleinere Kritikpunkte in einem ansonsten fulminanten Schocker. Der Mann weiß, wie man Spannung aufbaut. Ein sehenswerter Film.

Sonntag, 26. Oktober 2008

Fires on the Plain / Nobi (Kon Ichikawa, Japan 1959)


Soldat Tamura (Eiji Funakoshi) wird von seinem Vorgesetzten mehrfach ins Gesicht geschlagen und 5 Minuten ununterbrochen angebrüllt. Der tubekulosekranke Soldat erträgt die Demütigung, nur um mit etwas Essen und einer Handgranate erneut zum Lazarett geschickt zu werden. Dort solle er sich nicht wieder fortschicken lassen, denn mit seiner Krankheit sei er hier an der Front nicht zu gebrauchen. Sollte er erneut abgewiesen werden, dann soll er sich selbst - ein letzter Dienst für die japanische Armee - mit der Handgranate in die Luft sprengen....

So beginnt dieser s/w- Film, der 1945 auf den Philippinen spielt. Die Amerikaner sind bereits gelandet, die japanische Armee nur noch ein zersprengter Haufen ausgezehrter Soldaten, mehr tot als lebendig. Es geht nur noch darum zu überleben, und dazu ist jedes Mittel recht: auch Kannibalismus.
Der Film erzählt vom Weg Tamuras zu einem (utopischen ?) Stützpunkt seiner Armee, von dem die Heimreise angetreten werden kann. Sein Weg gleicht einem Taumel in der Hitze, der Gefahr, den Bombenangriffen, den wahnsinnig gewordenen Soldaten ringsum, dem allgegenwärtigen Hunger.
Ichikawa findet niederschmetternde Bilder für die Zerstörung und eine zerrüttete Narration spiegelt die Psyche der/des Soldaten. So fügen sich in diesem Film eher Stationen innerhalb eines Erzählrahmens zusammen, die nach und nach abgeschritten werden, als daß ein herkömmlicher Handlungsablauf im Sinne eines "Spielfilms" präsentiert würde. Der emotionale Zugang fällt naturgemäß schwer bei all dem Nihilismus, und manchmal kommt einem Tamura wie eine Hiob-Leidensgestalt vor, der mehr erträgt, als er tragen kann. Dennoch klagt er nicht, ist er ja eigentlich längst schon tot. Kriegsfilme dieser Art lassen vergleichbares aus Amerika aussehen wie war-porn, auch wenn diesem Film vorgeworfen wurde, er würde nur das individuelle Leiden des Japaners zeigen, nicht aber die Greueltaten der japanischen Armee.

Dieser Film ist sehr rauh und fern allen Heldenglanzes. Im Kopf bleiben viele eindrucksvolle Bilder, der leere Blick durch den durchgelatschen Schuh etwa, dem die Sohle fehlt, das wahnsinnige Grinsen des blutverschmierten Kannibalen, der Regen, die ausgemergelten Körper.

Die Feuer auf den Ebenen, die die Farmer entzünden, symbolisieren die Sehnsucht Tamuras nach einer friedlichen ländlichen Alltagsidylle, die er nie wieder erleben wird. Denn schon zu Beginn des Filmes ist er ein kranker, wandelnder Toter.
Eindrückliches und niederschmetterndes Kino.

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Shamo (Soi Cheang, Hongkong/Japan 2007)


Nachdem der 16-jährige Ryo Ishibashi (Shawn Yue) scheinbar grundlos seine Eltern ermordet hat, kommt er für zwei Jahre ins Kittchen. Dort wird dem Prinzenärschchen übelst mitgespielt, wie man sich denken kann. Beim Karatemeister Kenji (Francis Ng) lernt er aber die ultimative Karatetechnik und wird sich, wieder frei, an seiner Umwelt rächen, die ihn für sein Verbrechen verachtet. Außerdem macht er sich auf die Suche nach seiner mittlerweile verschwundenen und sich prostituierenden Schwester.

Der DOG BITE DOG -Regisseur hatte bei mir einen schweren Stand nach dem völlig verkorksten Ende des Vorgängers. Und auch die eine oder andere gelesene Kritik zu SHAMO ließ den Film nicht gerade im allerhellsten Licht erstrahlen. Jedoch: so rein gar nichts zu erwarten kann auch seine Vorteile haben.
Und hier seien die positiven Aspekte des Films genannt: auch wenn die Handlung etwas dürftig erscheint und kaum über die Zeit trägt, so ist der Film doch immer wieder spannend und unterhaltend. Dies liegt vor allem an der Inszenierung, die immer auch interessante Gutzle findet. Gutes Licht, spannende Winkel, stilisierte Räume, interessante Dialogmontagen. Blutfontänen in Zeitlupe. Schnelle Schnitte, gute Kampfszenen. Besonders hervorzuheben -wie beim Vorgänger- und das tollste am Film ist: der Einsatz des Tons. Das ist teils experimentell, teils atemstockend. Aber auch: manchmal zu viel des Guten, wenn man große Perioden über nur noch gestaltete Klangwelten hört. Spannend jedenfalls, wie hier Bild und Ton kombiniert werden.

Am Ende gibt es noch einen guten (!) Twist und fertig ist der (über-?)durchschnittliche Muay-Thai-Klopper, der seine Brutalität leider allzuoft abfeiert und keine Zeit auf die Entwicklung der Charaktere verschwendet. Ein Jungsfilm, eindeutig.

Sonntag, 19. Oktober 2008

Red Angel / Akai Tenshi (Yasuzo Masumura, Japan 1966)


Im Jahre 1939 kommt die Krankenschwester Sakura Nishi (Ayako Wakao) in ein Lazarett an der Front in der Mandschurei. Dort wird sie eines Nachts bei einem Kontrollgang durch die Schlafsäle von mehreren Soldaten vergewaltigt. Als sie die Assistentin des renommierten Arztes Dr. Okabe wird, erlebt sie die Hölle auf Erden. In 48-Stunden-Schichten werden Verwundete behandelt, Schußwunden operiert, Halbtote aufgegeben, und Gliedmaßen amputiert. Das Lazarett mutet an wie ein wogendes Meer aus schreienden, verwundeten Männern, die übereinanderliegend, die Schmerzen nicht mehr aushalten können.
Die Darstellung der Operationen ist mehr als deutlich. Der Arzt und die Assistenten sehen aus wie aus einem Schlachthaus über und über mit Blut verschmiert. Die Kugeln, die aus den Körpern geholt werden, häufen sich in Metallschalen, die amputierten Arme und Beine werden in Bottiche und Fässer geworfen. Immer wieder muß der Boden geschrubbt werden, das Blut fließt hinaus und fließt in die Erde. Die Leichen werden in Massengräber geworfen. Und da kommt der Laster mit den nächsten Verwundeten.

Masumura findet eindrucksvolle Bilder in s/w für dieses menschengemachte Inferno, für diesen Angriff auf die Psyche, für den ständigen Kampf gegen den Tod. Und auch die "Engel" der Medizin sind keine unantastbaren Wesen, wie schon in der Vergewaltigungsszene deutlich wurde. Sakura muß sich ständiger Übergriffe erwehren, jede Art moralischer Wertvorstellung ist bei den Männern ausgeschaltet. Vor dem Hintergrund des nahen Todes gelten die Gesetze nicht. Als sie einen Soldaten pflegt, dessen beide Arme amputiert werden mußten, ist sie ihm in seiner Verzweiflung auch sexuell zu Diensten. Die Verzweiflung allerdings, die diese Erkenntnis fördert, nie wieder eine Frau berühren zu können, treibt den Soldaten in den Selbstmord. Er springt vom Dach des Hauses in den Tod. Sakura fühlt sich daraufhin schuldig am Tod des Soldaten. Gerade in dieser Szene wird erneut deutlich, wie kontrovers Masumura durchweg durch seine gesamte Filmbiographie hindurch die Themen Sexualität und Gewalt verknüpft.

Doch Sakura verliebt sich in Okabe, den Arzt, der jedoch, um die Gräuel zu ertragen, morphiumsüchtig geworden ist. Als sie auf einem Außenposten Dienst tun müssen, werden sie von den anderen Truppenteilen abgeschnitten. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann die übermächtige chinesische Armee die Siedlung überrennen wird. Als die Cholera im Lager ausbricht, spitzt sich die Situation zu, und Sakura wähnt die Zeit für ihre Liebe zerronnen. In einem Akt des Aufbäumens der eigenen Bedürfnisse zwingt sie Okabe in der letzten Nacht zum Entzug, überwindet die Hemmungen seiner drogenbedingten Impotenz und vereinigt sich mit ihm mehrere Male.

Als der Gegner schließlich anrückt, beginnt ein Bombardement auf ein unbedeutends Fleckchen choleraverseuchter Erde, das keine Überlebenden übrig läßt. Doch Sakura überlebt wie durch ein Wunder, sucht die Gräben ab, dreht alle Leichen um, und findet Okabe schließlich tot auf dem Feld liegend. Sie nimmt ihn in die Arme und erhebt die Stimme zur Klage, die, vor dem Hintergrund des Requiems, das leise eingesetzt hat, eine Anklage sondergleichen gegen das Militär darstellt, gegen die Sinnlosigkeit des Krieges, gegen die Gewalt, die Menschen sich gegenseitig antun.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Schwarzer Regen / Kuroi Ame (Shohei Imamura, Japan 1988)


In der etwa 15minütigen Exposition geschieht alles Dramatische, das die Handlung in Gang bringt: während die Familie einer Teezeremonie beiwohnt, entfaltet sich in der Ferne deutlich sichtbar durch die aufgeschobenen Türen der Pilz der Atombombe über Hiroshima. Yasuko wohnt bei ihren Pflegeeltern, ihrem Onkel und ihrer Tante. Das herannahende Feuer zwingt sie, das Haus zu verlassen und sich durch die Stadt durchzuschlagen. Dabei sehen sie (und auch wir) das „wahre“ Ausmaß des Schreckens: alles ist zerstört, überall liegen verkrümmte verkohlte Leichen herum, ein Mann stürzt sich aus dem Fenster und erschlägt beinah die Familie. Auf dem Boot werden sie vom schwarzen Regen erwischt, der in großen, tintenähnlichen Tropfen herabkommt.

Dann: fünf Jahre später. Man lebt auf dem Land, und versucht den Schrecken zu vergessen, einen Alltag zu leben, den es nicht mehr geben kann. Denn die Eltern haben „die Strahlenkrankheit“, und wann sie letztendlich ausbricht, ist nur eine Frage der Zeit. Die Sorge des Onkels ist die Verheiratung Yasukos, die keinen Mann bekommt. Nicht weil sie häßlich wäre, sondern weil alle denken, auch sie habe die Krankheit. Yasuko jedoch ist die pure Lebensfreude, kümmert sich um alle, und ist mit ihrer Situation zufrieden, denn sie liebt ihre Pflegeeltern –nun ist sie es, die pflegt. Außerdem ist der „verrückte“ Nachbarssohn Yuiji an ihr interessiert, der –traumatisiert durch den Krieg – sich mit Schreikrämpfen unter jedes Auto wirft, um eine Bombe darunter zu platzieren, ganz so wie er es im Krieg immer tun mußte.

Shohei Imamura gelingt ein zutiefst anrührendes, menschliches Drama der Nächstenliebe - ohne jede Drastik und Sensationsheischerei. Vor dem schrecklichen Hintergrund entfaltet sich ein Alltag, der eigentlich ein ständiger Überlebenskampf ist, welcher aber durch das Annehmen des Leids wieder ein menschenwürdigeres Dasein ermöglicht. Gedreht in schwarz/weiß mutet der Film an wie eine Hommage Imamuras an seinen großen Lehrmeister Yasujiro Ozu; denn er war assistant director bei Early Summer, Flavor of Green Tea over Rice und Tokyo Story. Die Innenräume sehen demnach aus wie aus einem Ozu-Film. Und Yasuko spielt die Setsuko Hara. Ich denke schon, daß das eine Verbeugung ist.
So macht Imamura also aus diesem Film eine Art Kammerspiel, pures Darstellerkino. Weg von der großen Dramatik hin zur Kleinfamilie. Der Schrecken wie er sich im Kleinen zeigt. Man könnte jetzt auf tausend Aspekte kommen, etwa das tolle Drehbuch, wie die Themen miteinander verknüpft und immer wieder aufgenommen werden, wie die Innenräume mit den Außen-/Naturaufnahmen wechseln, wie japanische Shintomystik und buddhistische Naturreligion aufgenommen werden, oder wie der fantastische Score des Avantgardekomponisten Toru Takemitsu eingesetzt wird. Oder sich einfach begeistert den Film ein weiteres Mal ansehen.

Sonntag, 5. Oktober 2008

Irezumi – Spider Tattoo (Yasuzo Masumura, Japan 1966)

Otsuya (Ayako Wakao), die Tochter eines zu Wohlstand gekommenen Kaufmannes, brennt mit dem kleinen Gehilfen Shinsuke (Akio Hasegawa) durch - es ist die große dramatische Liebe. Shinsuke jedoch hat ein äußerst schlechtes Gewissen seinem Herrn gegenüber, denn dieser hatte ihn wie einen eigenen Sohn aufgenommen. Unterschlupf finden sie bei dem zwielichtigen Gonji, der versucht, die Liebenden zu trennen, Shinsuke ermorden zu lassen und anschließend Otsuya an den Bordellbesitzer Tokubei verkauft. Der läßt ihr eine riesige Spinne mit Dämonenkopf auf den Rücken tätowieren, die männerfressende Spinne - denn Otsuya ist eine äußerst attraktive Frau, die Männer scheinen in ihrer Nähe den Verstand zu verlieren.

Die literarische Vorlage zum Film stammt von Junichiro Tanizaki, das Skript von Kaneto Shindo (ONIBABA, KURONEKO). Was kann man da anderes erwarten, als herausragendes Kino! Masumura gelingt hier ein atmosphärisch dichter, äußerst kompakt wirkender Film, der Figuren zeigt, die ständig am Abgrund wandeln. Umgesetzt in prächtige Bilder, in eine beeindruckende Inszenierung der Körper. Überhaupt scheint dies das Hautthema des Films zu sein, neben Liebe, Begehren und Geld. Wie schon in MANJI – DIE LIEBENDEN, in dem Masumura eine lesbische Liebe portraitierte, ist hier die nackte Haut das zentrale Thema, das Ins-Auge-Fallende. Ob das der halbnackte Rücken der Tätowierten ist, ihr entblößter Bauch im Bett nach dem Liebesspiel, der nackte Rücken ihres Geliebten Shinsuke, an den sie sich mit aller Kraft klammert, oder, eine der schönsten Szenen: als sie zu Beginn im Gasthaus des Gonji den Raum mit betrunkenen und spielwütigen Männern betritt. Barfuß, "wie eine Geisha", tritt sie ein, der prachtvolle Kimono teilt sich ein wenig, der bloße Knöchel wird sichtbar, und nicht nur dem Tätowierer Seikichi verschlägt es die Sprache. Ganz langsam und elegant umrundet sie einmal die Spielenden und die Stimmung der Begehrlichkeit scheint zu explodieren. Doch sie hat alles unter Kontrolle - man sieht es ihr da schon an, es genügt nur der Blick, die Körperhaltung - diese Frau hat die Männer in der Hand. Und der Anblick des Knöchels genügt, um alle Anwesenden in den Wahnsinn zu treiben (und uns ebenso).

Wieder gelingt es Masumura in eindrücklichen Bildern und mit hervorragenden Schauspielern einen intensiven Film zwischen den Polen Arthaus und Erotikdrama zu gestalten, der vom Aufbegehren des Individuums nach Selbstbestimmung erzählt. Gegen gesellschaftliche Konventionen, starre Geschlechterrollen und Unterdrückung.

Dienstag, 30. September 2008

Jigoku (Nobuo Nakagawa, Japan 1960)


Von Nobuo Nakagawa kannte ich bislang nur den Geisterfilm Kaiidan – The Living Koheiji (1982) und das eher klassische Chambara-Drama The Ceiling at Utsunomiya (1956). Mit Jigoku jedenfalls schlägt er einen ganz anderen Ton an.

Blick auf die Hölle, wie wir sie nicht kennen: eine leere dunkle Ebene mit einem stilisierten Fluß. Man wähnt sich in einer Theatersituation. Heutigen Betrachtern fällt da vielleicht Lars von Triers Dogville ein oder George Lukas’ Stilisierungen des Raumes in THX1138 - hier als dunkles Komplementärstück. Später wird sie sich allerdings beleben: die Toten wandeln in ihr, das Feuer brennt lichterloh und der Sünder wird über dem Feuer gebraten. Die Haut wird abgezogen und der Leib vom Skelett. Der Film macht sprichwörtlich keine Gefangenen.
Und einen Plot gibt es auch noch: der Student Shiro (Shigeru Amachi) ist mit der Professorentochter Sachiko verlobt. Doch der eigentliche Dreh- und Angelpunkt ist dessen Freund Tamaru (Hiroshi Hayachi), Mensch, Dämon und Alter Ego Shiros zugleich. Bei einer Autofahrt durch eine schlecht beleuchtete Straße überfährt Tamaru einen Yakuza, der betrunken vor den Wagen taumelt. Shiros Gewissensbisse –ganz im Gegensatz zu Tamaru, der damit sehr gut zurechtkommt- bringen ihn an den Rand des Verstandes. Als er Sachiko zu einer Fahrt im Taxi überredet fährt dieses gegen einen Baum. Sachiko überlebt den Unfall nicht. Fortan kommt Shiro mit der Schuld nicht mehr zurecht. Jedoch: Sekunden vor dem Unfall sahen wir, wie an Stelle des Taxifahrers Tamaru mit diabolischem Grinsen am Steuer des Wagens saß. Hat er das Schicksal beeinflußt? Und das vielleicht schon die ganze Zeit?

In diesem Horrorfilm, der sich in ein rauschhaftes Moralstück hineinsteigert mit gräulichen Visualisierungen der Hölle, finden östliche Theologien (Shintoismus, Buddhismus) eine explosive Gestaltung. Der westliche Zuschauer dürfte häufig überfordert sein mit all den Anspielungen und Allegorien, Mythen und Ästhetikprinzipien, die hier ihre Realisierung finden. Das macht aber nichts – man überläßt sich einfach den grellbunten, faszinierenden Bildern dieses Horrortrips. Eines ist am Ende jedoch klar: ein Bad im „Blutteich“ ist wenig erholsam.

Montag, 29. September 2008

Exodus (Pang Ho-Cheung, Hongkong 2007)


EXODUS ist ein weiterer Vertreter des HK-Cop-Thrillers, aber ein besonderer! Die Handlung ist seltsam und kurios zugleich: Polizist Tsim (Simon Yam) nimmt die Anzeige eines scheinbar verwirrten Mannes auf, der behauptet, "Frauen" würden ihm nach dem Leben trachten. Ein Tag darauf scheint er eingeschüchtert worden zu sein und widerruft seine Aussage. Die einzige Person, zu der er Kontakt hatte, war jedoch eine von Tsims Kolleginnen. Das macht ihn neugierig, und so macht er die Aufklärung des Falles zu seiner persönlichen Sache.

Wer möchte, klar, kann hier mit einem Genderdiskurs anknüpfen. Meines Erachtens ist das Besondere des Films aber die Machart. Der Film ist extrem arthausig photographiert, eine Sache die zunächst positiv überrascht. Die Bilder orientieren sich sehr an Perspektiven, an architektonischen Strukturen. Dazu gesellen sich sehr langsame, kontemplative Schwenks in einer häufig nächtlichen, halbdunklen oder abgedunkelten Situation. Auf Dauer wirkt das etwas maniriert, sehr gesucht. Man fragt sich, ob das Bild nicht gewaltsam mit Originalität aufgeladen wird. Etwa wenn ständig der eigentliche Bildmittelpunkt, also zum Beispiel der Protagonist, ganz an den Bildrand gedrängt wird. Oder wenn dicht an einer Wand entlang in die Flucht geschossen wird, in der gerade zwei Personen einen Flur hinabgehen. Dadurch entstehen schöne Bildschirmschoner, aber gesehen hat man das ja auch schon öfter.
Natürlich läßt sich dieses An-den-Rand-Drängen inhaltlich begründen, da "die Männer" eben an den Rand gedrängt werden sollen, bzw. aus der Gesellschaft hinaus. Dennoch wirkt dieses Vorgehen auf Dauer bemüht. Ein sehr zurückhaltender Score und stark reduzierte Umweltgeräusche evozieren zudem die Abgeschlossenheit diese Systems, spiegeln die psychische Lage Tsims wieder, der sich immer mehr in den Fall hineinstürzt, und sich zunehmend von seiner Frau entfremdet.
Ein offenes Ende, das zur Diskussion einlädt, rundet diesen ungewöhnlichen Film ab, der mir letztlich gut gefallen hat und aus dem Einheitsbrei des HK-Thrillers positiv heraussticht.

Beyond our Ken (Pang Ho-Cheung, HK 2004)


Drei Jahre vor EXODUS konnte Edmond Pang mit dieser anspruchsvolleren Mixtur aus Liebeskomödie und Drama brillieren. Zwei junge Frauen lernen sich kennen - die eine ist die Freundin von Ken, die andere dessen Ex. Auslöser sind Nacktbilder der Ex im Internet, und sie wendet sich in ihrer Verzweiflung an die aktuelle Geliebte. Je besser sie sich jedoch kennenlernen, desto mehr tauschen sie sich über Ken aus; wobei ihnen immer klarer wird, was für ein Schwein hinter der liebevollen Maske steckt. Das fängt schon damit an, daß er sie mit denselben Sprüchen rumgekriegt hatte. Und das ist nur der Gipfel des Eisberges.

Pang ist hier ein ordentlicher Genremischer: Komödie, Drama und Detektivgeschichte fügt er zu einem wunderbaren Film, manchmal etwas zu hip, zu ausnahmslos schön, zu sehr ins rechte Licht gesetzt. Aber das sieht man ihm gerne nach, macht der Film doch ordentlich Spaß, hat einen geschickt konstruierten Handlungsverlauf mit einigen Überraschungen und zwei Darstellerinnen, die nicht von dieser Erde stammen. Kameramäßig hat er sich auch was überlegt: ganz im Gegensatz zu EXODUS dominiert hier die Handkamera, die sehr dicht an den Personen dran ist. Das paßt sehr gut, ist dieser doch letztlich auch ein sehr intimer Film. Und irgendwann denkt man sich wirklich, sie sollen jetzt endlich den Typen links liegen lassen, sich in die Arme nehmen und anfangen zu knutschen!

Donnerstag, 25. September 2008

Ochazuke no aji / The Flavor of Green Tea Over Rice Yasujiro Ozu, Japan 1952

Der Film beginnt als Komödie: Taeko (Michiko Kogure) konstruiert eine windige Geschichte um einen ärztlichen Notfall, der ihre Anwesenheit bei der Nichte erfordere um ihren Mann zu täuschen und so ihr Ausbleiben zu erklären. Denn eigentlich möchte sie mit ihren Freundinnen ein Wochenende in einem Badeort verbringen. Männer will man dabei natürlich nicht dabei haben, und die „Notlüge“ soll ihn nicht vergrätzen. Als die Nichte dann plötzlich gesund und munter im Raum steht, versucht sich Taeko herauszuwinden mit schnell hingeworfenen und unklar formulierten Sätzen. Dann dreht sie sich auf dem Absatz um und geht einfach hinaus. Ihr nachsichtiger Ehemann fragt nicht weiter nach. Bei Setsuko (Keiko Tsushima) steht allerdings auch einiges an, denn als Frau Mitte 20 ist sie immer noch Single. Sie soll in den Hafen der Ehe geführt werden, zur Not auch mit Hilfe der Eltern, die den von ihnen auserwählten Bräutigam zum „Interview“ laden – Setsuko jedoch hat ihren eigenen Willen und hält überhaupt nichts von arrangierten Ehen in denen die Liebe zu kurz kommt. Da ist sie ganz moderne, unabhängige Frau. Ein schlechtes Beispiel sind eben genau Taeko mit ihren Freundinnen, die in der Ehe zum Lügen gezwungen sind, wenn es um die eigenen Bedürfnisse geht.

Die Familie als Baustelle und der Umbruch der Traditionen- Themen, die nach dem Krieg, Mitte der 50er einige Filmemacher Japans beschäftigt haben. Dieser Konflikt speist sich aus einer Kontroverse von Tradition und Moderne, und hier hauptsächlich aus dem aufkommenden Selbstbestimmungsbedürfnis der Frauen, die die männliche Dominanz abzuschütteln suchen.


Und da schlägt die amüsante Komödie auch in ein nie tragisches, aber doch emotional wirkmächtiges Drama um: Denn das Auseinanderleben und -driften der Ehepartner wird als schmerzlicher Prozeß dargestellt; zumindest für den sanftmütigen Ehemann Taekos, der sein Los mit stoischem Gleichmut zu ertragen versucht. Als seine Frau endlich ihre harte Konfrontationsposition aufgibt und ihm -symbolisch- erlaubt, das Arme-Leute-Essen des mit grünem Tee übergossenen Reises zu essen, ist eine Versöhnung in Sicht, die auf einem Miteinander basiert, auf einer gemeinsamen, gestaltbaren Zukunft des gegenseitigen Vertrauens mit dem Ziel Einschränkungen, woher immer sie auch kommen, zu überwinden.

Ozus Kamera ist für seine Verhältnisse sehr dynamisch: es gibt 2-3 Kamerafahrten und eine Fahrt im Automobil, sowohl eine im Zug, die in ihrer Bewegung eine im sonst statischen Kontext große Wirkung entfalten. Fast stockt einem der Atem.

Und doch wird die Bewegung, wenn sie etwa ganz sanft und langsam auf die Personen zugleitet (nur wenige Meter und nie zu weit) nie aufdringlich, oder kommt den Personen zu nah. Es ist eine sanfte Annäherung, die ganz so, wie sich auch die Personen aneinander annähern, gestaltet ist. Mit Zurückhaltung und Würde.

Ansonsten sind wieder streng komponierte Bilder zu bewundern, die sich häufig an den Wohnraumarchitekturen orientieren (Zimmer, Flure) oder den Gebäuden (Stadt) und Fluchtpunkten (Eisenbahn). Die Kamera findet dadurch immer stark strukturierte und geordnete Bilder, die das Gefühl transportieren, einem System, einer Ordnung zugehörig zu sein. Veränderung, die kann nur von innen kommen.

Selbstredend entspricht auch dies einer japanischen Ästhetik, die im Westen mit dem Schlagwort „Minimalismus“ tituliert wird, welche esoterisch verbrämt ist und naturgemäß an der Sache vorbeigeht. Die Reichhaltigkeit im Anblick des Reduzierten wird so eben genau nicht betont. Es ist auch ein menschlich Geschaffenes, diese Obkekthaftigkeit, und in seiner Fülle eine Einladung zur Reflektion.

Dazu natürlich Ozus Kamera- Blick aus der Untersicht. Er betreibt das bis in die letzte Konsequenz: als die Kamera auf Sitzhöhe am Rücken des Ehemanns vorbeischießt, kommt die Bedienstete herein, die Kamera bleibt statisch. Da sie ja noch steht, ist der Kopf abgeschnitten - erst als sie sich setzt, ist sie voll im Bild. Auch diese Reduktion, die eine Klarheit des Bildes erschafft, wirft uns förmlich aus dem Rezeptionsprozeß, da man es schlicht anders gewohnt ist. So zu sehen, ist ungewöhnlich. Dieses Neue, das weg nimmt und Dinge nicht tut in seiner Statik (vgl. Schnitt/Gegenschnitt in Dialogen) macht den Raum frei für ein Sehen und ein Reflektieren über die Bilder, die einem ein geführteres Sehen (durch die Kamera), nicht ermöglichen würde. Die oft strenge Ozusche Stilistik befreit uns aus den Zwängen der Konvention und macht so die Augen auf für eine neue Art der Filmrezeption, für eine neue Art des eigenen Dialogs mit Film.

Sonntag, 21. September 2008

Heat after Dark Ryuhei Kitamura, Japan 1998


Zwei Gangster sollen eine Leiche entsorgen, und als sie dummerweise von einem Polizisten angehalten werden und dieser eine Fahrzeugkontrolle durchführen möchte, scheint die Situation zu eskalieren. Doch beim Öffnen des Kofferraumes sind alle verblüfft: er ist leer…

Kitamura, zu dem ich ein mehr als zwiespältiges Verhältnis habe, legt mit seinem ersten, nur gute 50 min dauernden Film eine wundevolle Yakuza-Ballade vor, die ein wenig an Tarantino, und sehr an Sabus Grotesken erinnert. Ein klassischer Die etwas unbeholfenen aber sympathischen Trottel geraten in eine ausweglose Situation-Plot. Die Stärke des Films ist aber genau diese Reduktion auf eine kaum vorhandene, bzw. sehr ausgedünnte Handlung, die sich letztlich in einem atmosphärisch dichten und von leisem Humor durchzogenen Finale, einem Duell, entlädt. Dieses Finale nimmt nach den kurzen Präliminarien fast die gesamte Spielzeit ein und ist angenehmerweise sehr ruhig gestaltet - so ruhig und kontemplativ, wie es das verlassene Tal in den Bergen hinter dem Tunnel (vgl. KAKASHI, 2001) fordert. Soll heißen: kein Schnittgewitter, dafür esoterisch-atmosphärische Musik, viel Stille. Der Film will nicht viel, aber das, was er zeigt, macht er gut. Sehr schön.

Samstag, 20. September 2008

Haruki Murakami : Afterdark (2007).

Der letzte von mir gelesene Roman Haruki Murakamis war Kafka am Strand. Der hatte streckenweise noch durchaus gefallen können mit seinem ansprechenden Themenmix aus Roadmovie, Adoleszenzthematik und Bibliotheksmystik. Doch starke Abnutzungserscheinungen machten sich breit: man kannte das alles mittlerweile aus zahlreichen Vorgängern. Und das Gefühl, weshalb man einen Murakami liest –also genau dieses ich-will-einen-Murakami-lesen-Gefühl- fühlte sich schon bald taub und leblos an während des Lesens; in etwa so, als ob man Weihnachten feiert und sich auch darauf gefreut hat, aber plötzlich ist doch alles wieder total langweilig und die Geschenke sind so unoriginell, daß man sich fragt, was sich die Leute dabei eigentlich gedacht haben. Schlechte Ausbeute. So ging es mir mit Kafka.
Murakamis Kurzgeschichten habe ich gelernt zu boykottieren, außer denen aus After the Quake bündeln sie das, was ich an Murakami schlecht finde. Schnell hingerotzte Teeniegeschichten für das Emoherz, irgendwo zwischen Loner-tum, pseudointellektuellem Popkulturnamedropping und der großen Liebe. Gähn.

Nun also der letzte Roman des Dainipponjin: was soll man dazu sagen! Er ist sicherlich der Tiefpunkt von Murakamis Schaffen. Er ist einfach entsetzlich schlecht. Ein Roman, der sich aus verschiedenen Erzählsträngen zusammensetzt, wie das ähnlich LA Crash, Magnolia oder Robert Altmans Short Cuts für den Film realisiert haben. Murakamis übliche Strategie, die er in jedem Langtext durchexerziert – das stete Abwechseln der beiden Erzählstränge – wird hier aufgestockt zu dreien. Durch diese Collagentechnik versucht er einen Eindruck der Ereignisse einer (1) Nacht wiederzugeben – und natürlich sind die Geschichten lose verknüpft.

Zusammengehalten werden die Stränge durch eine übergeordnete Erzählerinstanz: eine Tokyo überfliegende Kamera, die je nach Kapitel das entsprechende Bild aufzoomt, sodaß man wieder in der anstehenden Geschichte landet. Nun gibt es ja ein weltbekanntes Beispiel für einen Roman mit beobachtender Kamera: La Jalousie von Alain Robbe-Grillet, der eindrucksvoll vorgemacht hat, wie man im Nouveau Roman so einen Blick authentisch realisieren kann und zugleich einen Krimiplot miterzählt. Von dieser qualitativen Meßlatte ist Murakami jedoch -leider- meilenweit entfernt. Das scheitert schon daran, daß er den Kamerablick zu einem kommentierenden Erzähler ausbaut, was nicht nur enorm nervig ist, formal falsch angelegt und schon technisch überhaupt nicht möglich ist. Eine absurde Konstruktion, die er anwendet. Eine ärgerliches Vorgehen zudem.
Potenziert wird die Lage durch die äußerst nervige Art des Kamera-Erzählers, alles erklären zu müssen, was er sieht, und so dem Leser jede Art Eigenleistung abzunehmen. Was für ein unglaublicher Quatsch! Da kann man richtig sauer werden.
Hätte er die drei Erzählstränge einfach als Kurzgeschichten publiziert, dann wäre das eine halbwegs vergnügliche Lektüre über eine entstehende Liebe, einen Mißbrauch und einen J-Horror induzierten Mystikquatsch geworden.

So aber muß man beschämt das Buch zur Seite legen und schüttelt mißmutig den Kopf… Man kann sich kaum vorstellen, daß der Autor von The Wind-Up Bird Chronicle, Wild Sheep Chase oder Hard-Boiled Wonderland diesen Schmarrn produziert hat. Wegtreten!

Montag, 15. September 2008

Death Note / Desu nôto (Shusuke Kaneko, Japan 2006)


 Der Jurastudent Light (sprich: „Raito“) findet ein Heft mit dem Titel „Death Note“ des Nachts auf der Straße liegend. Schreibt man einen Namen hinein, so wird die Person Sekunden später an einer Herzattacke sterben. Sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und seine Fähigkeiten als Computerhacker vereinen sich: er bricht in das Computersystem der Polizei ein, und läßt „Gerechtigkeit“ walten: denn die Namen davongekommener oder zu milde bestrafter Verbrecher finden ihren Weg ins tödliche Notizbuch. Keine Frage, die vielen Toten erwecken Unruhe, und schon bald ist der Held des Films selbst ein gesuchter Mann. Der Zufall will es, daß ausgerechnet sein Vater die Ermittlungen gegen Kira (den „Killer“) führt. Dieser bekommt vom zunächst unerkannt bleibenden Computerspezialisten „L“ Unterstützung, der mit seinen analytischen Fähigkeiten und seiner Ausdauer den ermittelnden Polizisten überlegen ist.

Was lernen die Juristen an der Uni in Japan eigentlich? Kurios, diese Handlung. Doch Light, der Gerechtigkeit nicht von Recht unterscheiden will, gerät dann ziemlich schnell in die moralische Sackgasse, auch wenn er zum Helden der Boulevardpresse hochgejubelt wird. Als Korrektiv muß die hübsche Freundin herhalten, die, ohne zu wissen, wer er ist, recht schnell Zweifel an der Legitimation von Kiras Handeln anmeldet. Der böse Einflüsterer jedoch, der Light förmlich auf der Schulter sitzt, das ist der Gott des Todes selbst. Eine Art Geisterfigur, ein Dämon, eine animierte Mischung aus Batmans Joker und Geier, der direkt aus MAD MAX einzufliegen scheint und sich ausschließlich von Äpfeln ernährt (…?). In Opposition dazu dann „L“, der sich nur von Süßigkeiten zu ernähren scheint, in weißem Longsleeve und Kajal um die Augen: das optimale Love-object für alle 16jährigen „Emo-“Gören.
Interessant ist an diesem Film vor allem auch, wie mit den Zuschauererwartungen gespielt wird. Scheint doch zunächst Light der Sympathieträger zu sein, nur um später von L abgelöst zu werden. Und so schlägt der Plot einige spannende Haken, sodaß letztendlich ein durchaus suspensehaltiger Fantasythriller dabei herauskommt.

Auch die Frage, aus wessen Perspektive die tolle Eröffnungssequenz eigentlich gefilmt ist, klärt sich auf (ein Kameraflug am nächtlichen Himmel, dann der Durchstoß durch die Wolken, das Überfliegen der Megalopolis, zwei, drei Jump-cuts, das Herabsegeln des Heftes aus der Untersicht gefilmt). Es ist natürlich die subjektive Sicht des Todesdämons, der sich der Stadt nähert und das Heft fallen läßt. Da sich der Blick mit dem des Zuschauers synchronisiert, wird elegant darauf angespielt, wer hier eigentliches Movens der Handlung ist: wir, die Rezipienten, die Actionsüchtigen, die etwas Dramatisches sehen wollen.

Noch eine abschließende Einschränkung: Diese Manga-Verfilmung krankt vor allem an der recht durchschnittlichen Schauspielleistung des Hauptdarstellers (Tatsuja Fujiawara), der seiner Figur nicht die nötige Tiefe und Komplexität verleihen kann. Ansonsten jedoch ist DEATH NOTE ein ordentlicher Film mit toller blockbusternder Inszenierung (auch wenn sich das eine oder andere Fernsehbild einschleicht) mit –natürlich- dickem Cliffhanger am Ende. Das läßt unbefriedigt zurück: und ja, wir wollen Teil 2 sehen!

Samstag, 13. September 2008

Camera Japan - Filmfestival Rotterdam

Nun, das Festival hat sich ja eigentlich zu DER Pflichtveranstaltung für alle Japanophilen (17. - 25. 9. in Rotterdam, danach in versch. Städten) gemausert. Und wenn man sich das Programm anschaut wird auch schnell klar, warum. Hervorheben möchte ich lediglich vier Highlights:
Shinya Tsukamotos NIGHTMARE DETECTIVE 2,
Nobuhiro LINDA LINDA LINDA Yamashitas A GENTLE BREEZE IN THE VILLAGE, und
Ryuichi VIBRATOR, TOKYO TRASH BABY Hirokis YOUR FRIENDS
Garniert wird das mit einer kleinen Masumura-Retro. Filme, die ich weder kenne noch besitze! Als da wären HOODLUM SOLDIER, BLUE SKY MAIDEN, THE WIFE OF SEISHU HANAOKA und WARM CURRENT. Müßte man Urlaub nehmen...hmmm. Wenn ich mir's recht überlege, dann hab' ich ja sogar welchen!

Dienstag, 9. September 2008

Samurai Spy (Masahiro Shinoda, Japan 1965)


Dieser politisch engagierte Samurai-Streifen hat vor allem ein großes Problem: er nimmt sich mehrerer Themen gleichzeitig an, leuchtet aber keines so richtig zufriedenstellend aus. Zunächst steht man erst einmal vor einer politisch verworrenen Situation: Japan im Jahr 1600. Mehrere Clans lauern auf die Chance, die Vorherrschaft im Land an sich reißen zu können. Und nach einer Phase relativen Friedens werden Spione ausgesandt, die die Neuigkeiten zu den jeweiligen Anführern bringen. Sasuke, der Held, ist einer von ihnen. Der Frieden treibt aber auch so einige Ronin durchs Land, arbeitslose Söldner, die sich durchschlagen müssen (siehe Sword of Doom). Einer der Samurai spricht es dann auch aus, was es denn schon Sinnvolles im Leben gebe, außer "Women and Sake". Sasuke, der Held, sieht das natürlich anders.

Nun gesellt sich hierzu eine Vielzahl an Personen, die nicht nur Spys, sondern Doppelagenten sind; Personen die entweder zur Regierung oder zu einem Clan, zu einer Räuberbande oder einem Tempel, zu einem Dorf oder sonstwo dazu gehören. Das geht dann teilweise noch in die Väter- und Vorvätergeneration zurück, sodaß innerhalb weniger Minuten ein Dostojewskischer Figurenkosmos ausgebreitet wird. (Auf der DVD befindet sich auch ein Figurenindex (!), der alle wichtigen Personen (etwa 12) näher beschreibt, was ich aber leider erst nach der Sichtung gesehen habe.) Man sieht schon, es wird einem nicht leicht gemacht. Mit dieser Vielzahl an Personen verliert sich in kürzester Zeit der Überblick, und man läßt sich ganz auf die Geschichte ein, denkt man.

Doch ist das Drehbuch nicht auf’s Erzählen hin konzipiert. Shinoda geht folgendermaßen vor: Gespräch (verschiedener Personen über versch. Personen, deren Machtpositionen und Loyalitäten usw.), dann Kampfszene, dann wieder Gespräch, wieder Kampfszene,… usw usf. Dadurch wird fast schon eine Anti-Dramaturgie aufgebaut, da man ständig verfolgen muß, wer mit wem, und warum dann gleich wieder gekämpft wird. Eine richtige Handlung im herkömmlichen Sinne mit abfolgenden Plotpoints wird also nicht entwickelt.

Man denkt: OK, schau ich mir die Kämpfe. Jedoch will Shinoda die Entpersönlichung der Samurai zeigen, und legt diese dummerweise als Ninja an (die ich, nur so nebenbei, eh nicht leiden kann). Also schwarz gewandete Fassadenhüpfer vor schwarzem Hintergrund. Man sieht demnach überhaupt nichts, und plötzlich ist einer tot. Wurfstern in die Stirn, oder ähnlich doofe Tricks. Es gibt also wenig Schwertkämpfe. Dazu kommt permanenter Nebel in Situationen, wo man etwas sehen könnte; also bei Tag. Shinoda macht das wohl deswegen, da dies die unklare politische Situation symbolisieren soll. Nun gut, das ist ihm gelungen, aber vom Kampf sieht man halt dann wenig. Und plötzlich ist wieder einer tot.

Verquickt wird das noch mit experimentellen Kamerapositionen, die sich häufig sehr weit vom Geschehen befinden. Cinemascope-Totale, und plötzlich ist wieder einer tot. Nun gut. Dazu gibt’s noch eine Liebesgeschichte, in der man die emotionalen Verwicklungen aber nicht so recht nachvollziehen kann, man hat inzwischen vollkommen den Überblick über die Figuren verloren, und plötzlich gibt es also neben der Ehre noch die Liebe. Letztenendes ist der Film aber doch noch ganz interessant. Es gibt viele schöne Bilder, Großaufnahmen von blutbespritzten Gesichtern und hartkontrastigen film noir - Schwarz/Weißaufnahmen a la Sword of Doom. Und nach 1 1/2 Stunden ist der Spaß vorbei. Gott sei's gedankt. Vielleicht hilft eine Zweitsichtung…

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Donnerstag, 4. September 2008

Manji - Die Liebenden (Yasuzo Masumura, Japan 1964)


Die gelangweilte Hausfrau Sonoko (Ayako Wakao) lernt in der Zeichenklasse einer Kunstschule die schöne Mitsuko (Kyoko Kishida) kennen. Bald darauf lädt sie diese zu sich nach Hause ein und überredet sie dazu, Modell zu stehen. Als sie nur wenige Zentimeter unbedeckter Haut von Mitsuko sieht, ist sie so sehr von ihrer Schönheit fasziniert, daß sie ihr in einem ausufernden Duell zunächst der Worte, dann in einem Ringkampf ihr den letzten Fetzen vom Leib reißt. Geblendet von ihrer Schönheit bringt Mitsuko wiederum Sonoko dazu, sich ebenfalls zu entkleiden, und sie versinken in einer tiefen Umarmung. Aus der Anbetung der Anderen erwächst Liebe, und je mehr die beiden Frauen sich aufeinander einlassen, desto weniger sind sie gewillt, den Konventionen der Gesellschaft, dem engen Korsett der Ehe bzw. des Verlobtseins zu folgen. In einer sich anheizenden Liebeseuphorie steigern sie sich hinein bis in den Todesgedanken. Doch dann kommen die Ehemänner…

Masumura hat viel gewagt, mit diesem leicht hysterischen Film über eine lesbische Liebe, der so gut wie keine normal ablaufenden Handlungspunkte hat. Es ist ein waschechtes Charakterdrama, das zudem fast vollständig in Innenräumen spielt. Auch bricht Masumura sehr subtil mit den Konventionen, denn es ist nicht die junge Frau, die sich in das Leben der Reifen drängt, mit einem frischen Geist, mutig und intellektuell; nein, es ist die ältere, verheiratete Frau im Kimono, die die junge im farbenprächtigen Blumenkleid begehrt. Die ihrem Ehemann dann irgendwann die Stirn bietet, sich nichts mehr gefallen läßt, und den Schritt wagt, sich ganz für ihre Liebe –auch gesellschaftlich- zu opfern. Als Mitsuko dies merkt, beginnt sie ein gefährliches Spiel der Täuschungen, das Sonoko immer weiter in eine emotionale Abhängigkeit treibt. Und natürlich stellt sich die Frage, was die schöne, begehrenswerteste Frau tatsächlich vorhat.

Ein sehr reduzierter, klassischer Score begleitet den Film, der seine Kraft aus den emblematischen Bildern und der Darstellungskraft der Schauspieler zieht. Dabei ist schon interessant, wie spannend der Film ist – schöpft er die Spannung doch rein aus der ganz langsam sich steigernden Atmosphäre, die auf einen –ja!- Höhepunkt hinausläuft.

Daß letztlich dem Film eine Art moralisches Erzählkonzept via Rahmenhandlung und Flashback übergestülpt wurde, dürfte an den Produktionsbedingungen des Studios gelegen haben. Das stört jedoch nicht, ist es doch offensichtlich, um was es Masumura gelegen ist. Auch möglich, daß MANJI nicht Masumuras bester Film ist – doch wen juckt das noch, wenn man Film um Film dieses Regisseurs sieht, und jeder scheint gelungen und deutlich über dem Durchschnitt. Sehr sehenswert.