DVD BluRay

Freitag, 28. Dezember 2012

Stray Cat Rock: Sex Hunter / Nora-neko rokku: sekkusu hanta (Yasuharu Hasebe, Japan 1970)


Bei Rapid Eye Movies ist schon vor einiger Zeit dieser dritte Teil aus Nikkatsus ALLEYCAT ROCK aka STRAY CAT ROCK - Serie erschienen, wild aus dem Zusammenhang gerissen und als Einzelveröffentlichung angeboten. Dramatisch ist das hingegen nicht, hat doch jeder der Filme zwar dieselben weiblichen Hauptfiguren, erzählerisch sind das aber eigenständige Geschichten. Schade ist es nur, dass diese schöne Reihe nicht als Komplettbox bei REM erschienen ist.

In dieser Folge jedenfalls, die laut Thomas Weisser zeitgleich mit Teil zwei: WILD JUMBO gedreht wurde, und bei dem einige der Schauspieler halt kurz die Drehorte wechseln mussten, geht es um die Mädchenbande der Alleycats, angeführt von Mako (Meiko Kaji). Eines ihrer Mädchen lehnt den Antrag eines Yakuzas aus der sogenannten Eagles-Bande ab, da sie bereits eine Beziehung hat - und zwar mit einem afrikanischstämmigen Japaner. Der Yakuza ist erzürnt, dass seine Geliebte ihm einen "Mischling", einen "Bastard" vorzieht, und stößt bei seinem Boss namens Baron (Tatsuya Fuji) auf offene Ohren. Denn dessen Schwester war von amerikanischen Besatzungssoldaten vergewaltigt worden. Seitdem ist Baron ein debiler Rassist, der alle nichtreinrassigen Japaner abgrundtief hasst. Nun macht es sich die Bande zur Aufgabe, die Stadt, "ihre Stadt", von diesen Subjekten zu säubern.

Zeitgleich allerdings freundet sich Mako, die ein Verhältnis zum sexuell gestörten Baron unterhält, mit einem Halb-Japaner, Halb-Afroamerikaner namens Kazuma an, der auf der Suche nach seiner verschollenen Schwester Megumi ist. Mako unterstützt ihn, verliebt sich, und macht sich damit ebenfalls Baron zum Feind. Schließlich eskalieren die Konflikte, ein Bandenkrieg zieht herauf, ausgelöst durch persönliche Kränkungen und blanken Rassismus.

Überhaupt ist das der gesellschaftskritisch interessanteste Aspekt von SEX HUNTER: das Verhältnis der Nationalitäten zueinander (immer wieder gerät die amerikanische Marinebasis von Yokosuka ins Bild), die Frage nach den Konsequenzen aus der ethnischen Herkunft der Protagonisten in einer historisch stark abgeschotteten, (relativ) mono-ethnischen Gesellschaft, überhaupt die "Rassenthematik" (ein Wort, das mir widerstrebt, es zu gebrauchen). Der Film selbst bezieht keinen eindeutigen Standpunkt in diesen Fragen, gleichwohl ist es überdeutlich, dass die Sympathien der Zuschauer bei den Mitgliedern der Frauengang um Meiko Kaji sind (und natürlich auch dorthin gelenkt werden), welche eben besonders frei von Berührungsängsten sind und keinerlei rassistischen Vorbehalte gegenüber Anderen haben.

Hasebes Film ist deutlich von den poppigen Bildern, den wilden Schnitten und bunten Stilisierungen eines Seijun Suzuki beeinflusst. Überhaupt kann man die STRAY CAT ROCK - Serie als Übergangsfilmreihe begreifen, die die ästhetischen Methoden der 60er Jahre (man schaue sich nur mal die ganzen Tanznummern in den Bars an!) mit den dann deutlich ruppigeren, grafisch expliziteren, deutlich brutaleren Filme der 70er Jahre verknüpft. Das tut dem Spaß aber keinen Abbruch - da fliegt die rote Farbe wie in einer Blutfontäne übers Bild, die Jazzer und die Swingkapelle rockt derbe nach vorne los. Die Mädels der Girlgang schütteln die Haare im Rotlichtstrobo, euphorisch, ekstatisch und im Adrenalinrausch, weil man gerade von einer Schlägerei kommt, bei der man sich ein paar blaue Flecken geholt hat. Und nachher geht es weiter, nach ein paar doppelten Whiskys, zu einer Attacke mit Molotow-Cocktails. SEX HUNTER verliert seine erzählerische Linie manchmal etwas aus den Augen, als befände sich der Film selbst im Delirium. Er findet sie dann freilich wieder, wird zu einem Powertrip des guten schlechten Geschmacks, ist mit seinen auf coolness stilisierten Bildern eine echte Pracht. Ein wenig geht dem Film die herbe, bittere Konsequenzhaftigkeit ab, die Hasebes späteren Filmen innewohnt. Doch das macht nichts. Hier hat man es mit stilsicherer, exploitativer Unterhaltung zu tun, in der schöne Menschen schlimme Dinge tun.

***

Dienstag, 25. Dezember 2012

Shinjuku Mad (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)


Der Film beginnt wie ein jazziges Requiem: zu sowohl swingender wie melancholischer Musik läuft die Kamera (wie der Protagonist) durch die Straßen Shinjukus und überall liegen Leichen oder schwerverletzte Jugendliche herum. Ein Gefühl von Vergeblichkeit und Hoffnungslosigkeitg, von Entsetzen macht sich breit. In einem amerikanischen Film wäre das nun die Ausgangslage, und in einem Rückblick würde man sehen, wie es zu diesem Desaster gekommen ist. Nicht so bei Wakamatsu, der von seinen Zuschauern zu wissen erwarten kann, dass man es hier mit den Aufständen der Studenten zu tun hat, die Mitte und Ende der 60er gegen den Staat und das Militär die Stimme und auch ihre Fäuste erhoben, eine Gemeinschaft der Revolte, mit Splittergruppen der Japanischen Roten Armee, oder sonst einer radikalisierten linken Zelle. Vielleicht waren es aber auch nur Künstler oder Hippies, die hier ihr Leben lassen mussten.

Vor diesem politischen Hintergrund spielt sich das persönliche Drama eines Vaters ab, dessen Sohn, der in einem Theaterstück auftrat, getötet und die Freundin mehrfach vergewaltigt wurde (die einzige, völlig grotesk brutale Farbsequenz des Films) - freilich ohne dass sich jemand der Sache angenommen hätte. Schon gar nicht die Polizei, die durch extreme Untätig- und Unfähigkeit den Fall verschleppte, und vielleicht sogar andere, heimliche Interessen hatte. In SHINJUKU MAD versucht also nun dieser Vater herauszubekommen, weshalb und durch wessen Hand sein Sohn sterben musste. Und die Spur führt zu einem mysteriösen Radikalen, einem Langhaarigen Freimaurer, einem Mörder: dem Verrückten aus Shinjuku namens "Shinjuku Mad".

Besonders toll an diesem recht zugänglichen Film Wakamatsus, den man vielleicht als ein Thrillerdrama bezeichnen könnte, ist die Tatsache, dass der Spielfilm, natürlich an Originalschauplätzen gedreht, so irre viel Lokalkolorit und "echtes Tokyo" aus den 60ern und 70ern transportiert. Der Mann steigt also "hinab" in die Untergrundszene Tokyos, zur "counterculture", in eine Welt aus Nachtbars, Drogen, Sex und Gewalt ("Shinjuku Mad" also vielleicht auch die Bezeichnung des Zustandes einer Stadt). Wenn er dann endlich Shinjuku Mad gegenübersteht, beleidigt dieser seinen toten Sohn. Dieser sei ein Spitzel gewesen und man habe ihn aus dem Weg räumen müssen - da er "die Revolution" gefährdet habe. Freilich zeigt sich später, dass ebendiese Revolution reichlich selbstzweckhaften Charakter hatte und keineswegs auf irgendein Ziel, eine neue Ordnung hingesteuert hätte. Dass es also letztlich nur um die Allmachtsphantasien eines Einzelnen, Verrückten handelte.

SHINJUKU MAD ist ein sehr düsterer Film, auch wenn in einer Szene ein Musiker auf einem Kinderspielplatz in endlosen Repetitionen selbstvergessen Hare Krishna mit Gitarre und Gesang huldigt; eine zugedrogte Langhaarige tanzt dazu. Dass sie den Vater überhaupt nicht beachten, der das Photo seines getöteten Sohnes herumzeigt, spricht Bände. Sie sind high, es ist ihnen scheißegal. In der Beton-Krabbelröhre darunter verlustiert sich derweil ein junges Pärchen neben zwei Frauen, die der lesbischen Liebe huldigen. Das könnte alles sehr amüsant sein, wenn es nicht so trist wäre. Der Vater hat bei den jungen Leuten natürlich kein Glück - und Wakamatsu zeichnet mit seinem oft voyeuristischen und deswegen auch gnadenlosen Kamerablick ein schwer pessimistisches Bild dieser herumdriftenden Jugend. Der linksradikale Masao Adachi hatte das Drehbuch beigesteuert - ich bin mir nicht sicher, ob er sich bewußt war, dass dieser Film der damaligen Jugend eine derartige Bankrotterklärung ausstellen würde.




***

Freitag, 14. Dezember 2012

Girl Boss Revenge: Sukeban (Norifumi Suzuki, Japan 1973)


Eine enorm unterhaltsame Angelegenheit in Sachen Exploitation / Bahnhofskino ist dieser actionreiche Frauengang-Film von Norifumi Suzuki, in dem zwei der Superstars des japanischen Schmierkinos kollidieren: Miki Sugimoto und Reiko Ike. Beide als Sukeban, als Bienenköniginnen ihrer Frauenbanden.

Die erste Konfrontation gibt es direkt in der Eröffnungsszene des Films: ein Gefangenentransport auf dem Weg in die Jugendhaftanstalt. Darinnen: eine ganze Horde großmäuliger, gutaussehender und trendy gekleideter Frauen. Die beiden Schönsten geraten bald aneinander, Miki Sugimotos Figur der Komasa ist da noch eine Außenseiterin. Als dann Helfeshelfer von Mayas (Reiko Ikes) Bande den Weg mit einem Lastwagen blockieren, können die Gefangenen Dank der völligen Unfähigkeit der männlichen Beamten fliehen. Und an Komasas Spur hängen sich einige versprengte Frauen, die sie schon im Wagen für ihren Mut, der brüchtigten Maya zu widersprechen, bewundert haben. Sie wählen sie zu ihrer Anführerin, zunächst gegen ihren Willen. Aber zusammen ist man stärker.

In Osaka angekommen kämpfen sie um das alltägliche Überleben. Kleine Gaunereien, Diebstähle, Mundraub. In einem Restaurant, wo sie nicht bezahlen können, legen sie sich unbewußt mit der mächtigsten Yakuza-Bande vor Ort an, wo sie auch wieder auf Maya und ihre Mädels von der Schulmädchengang treffen. Mehrere Verwicklungen führen von anfänglichen Feindschaften schließlich zu Solidarität im Angesicht des übermächtigen Feindes, welcher freilich "der Mann" ist. Also die Yakuza-Bande. Die sich, zugegebenermaßen, nur aufgrund ihrer hohen Mitgliedszahl durchzusetzen weiß. Denn diese Männer sind allesamt vollkommen unfähige Trottel. Klar, große Sonnenbrillen, schicke Anzüge und Style bis zum Umfallen, aber sonst nix dahinter. Die Züchtigungen und Vergewaltigungen der Frauen gelingen nur, weil genug Männer zusammen die schließlich schwächeren Frauen niederdrücken können. Von Finesse, Mut, edler Gangstermentalität und Kampferfahrung keine Spur. "Men are pretty damn useless..." sagt Norifumi Suzuki in einem Interview mit Patrick Macias, und das fasst die Lage ziemlich gut zusammen.

Suzukis vierter Beitrag in der Sukeban-Reihe, die wie erwähnt innerhalb des Pinky Violence-Genres von den Fährnissen gutaussehender Protagonistinnen innerhalb rüpelhafter Frauenbanden erzählt, wird von Experten als ordentlicher, solider Beitrag eingestuft. Mir persönlicher hat der Film enorm gut gefallen, mit seinem Stilwillen, den tollen Kamerafahrten, dem jazzigen Score, der irren Story und dem tendenziell feministischen Ansatz. Ein Ansatz, der freilich stets vor dem Hintergrund der exploitativen Ausrichtung des Filmes beurteilt werden muss, der für die Blicke des maskulinen Amusements gemacht wurde. Zu Bedenken ist somit die Zielrichtung der kommerziellen Vermarktung. Diese Filme sind für ein männliches Publikum gedreht, das ein Doppelprogramm auf dem Nachhauseweg noch mitnimmt, um sich von den Anstrengungen des Alltags zu entspannen. Da kommt so ein Erotikfilm gerade recht. Dass man dabei noch ein bißchen subversiv herausgefordert wird, stört sicherlich keinen bei einer solch imposanten Frauenbrigade - wer würde sich da nicht gerne unterwerfen und zurichten lassen!

***

Montag, 10. Dezember 2012

Barfi! (Anurag Basu, Indien 2012)



Ein Provinznest in Darjeeling. Dort lebt der taubstumme Barfi (Ranbir Kapoor), der unbekümmert durch den Alltag stromert und mit seinen Albereien und dem Herumtoben die ganze Stadt in Aufregung versetzt. Da verliebt er sich plötzlich in die aus Kalkutta heimkehrende Shruti Gosh (Ileana D'Cruz). Heimkehrend deswegen, weil sie verlobt ist mit Ranjit Sengupta (Jishu Sengupta) und die Hochzeit bald ansteht. Hier gibt es nun etliche Verwicklungen, vor allem, da Barfi mit seiner einnehmenden Art und hemmungslos romantischen Zuneigung Gefühle in Shruti erwecken kann. Aber auch der Kontakt zur authistischen Jhilmil (Priyanka Chopra) wird immer enger. Und als Shruti schließlich doch den Verlobten heiratet, den Wunsch der Eltern respektiert und der Vernunftehe den Vorrang gibt, da gehen auch Barfi, total frustriert, und Jhilmil gemeinsam in die Großstadt. Dort leben sie zusammen, Barfi kümmert sich um sie, und nach und nach werden sie ein Paar. Ohne es zu merken.

BARFI! ist ein Fest. Hemmungslos gute Laune wird hier verbreitet. Und in einem Sekundenbruchteil wird man als Zuschauer in diese wilde, bunte Welt hineingezogen. Interessant ist vor allem die Kommunikation der beiden Protagonisten, haben wir es hier doch mit einer Autistin und einem Taubstummen zu tun (von beiden spektakulär gut gespielt), die natürlich für einander bestimmt sind (ob das ganz korrekt ist, darüber dürfte man sich unterhalten). Nur: reden im eigentlichen Sinne können sie nicht miteinander. Man kommuniziert also über andere Wege. Wie der Film das darstellt, in welcher Kreativität der Spiele, Albernheiten, der Blicke und Berührungen, das ist schon sensationell spannend. Und gut gemacht. Durchaus auch mit den Mitteln des Slapsticks, und so mancher platte Witz geht auch mal daneben. Bezeichnenderweise ist ganz am Anfang in einer superkurzen Einstellung und nur am Bildrand für einen kurzen Moment ein Filmplakat mit Charlie Chaplin zu sehen. Ein Hinweis, den man durch ein Blinzeln übersehen kann.

Im Endeffekt ist die Liebesgeschichte nur eine weitere Variation vieler ähnlich gelagerter komödiantischer Dramen, die man schon bis zum Überdruß im Kino gesehen hat - allerdings ohne auf die "dunklen Seiten des Lebens" ganz zu verzichten. Durch diese spezielle Variation der Kommunikationssituation verändert sich aber der ganze Film auch in seiner Struktur: er kommt einem oftmals wie ein Stummfilm vor. Die Geräusche der Tonspur kommentieren das Geschehen in den Bildern, die Musik ist rhythmisiert nach dem Ablauf der Bilder, setzt plötzlich aus - verharrt - setzt wieder ein, und sie interpretiert natürlich auch das Geschehen. Manchesmal entsteht der Eindruck extremer Putzigkeit, der einem auch mal zuviel werden kann. Etwa wenn die Welt allzu magisch wird in den subjektiven Wahrnehmungen und erneut ein Song mit Ziehharmonika erklingt. Da fühlt man sich wie in AMÉLIE, die ihre Welt eben auch ganz anders wahrnimmt, als ihre Umgebung. So ähnlich ist das auch in BARFI! - eine Welt, die für den neben dir ganz anders sein kann. Nämlich ganz schön bunt.


***

Freitag, 30. November 2012

Mondomanila (Khavn de la Cruz, Philippinen / Deutschland 2012)


Das philippinische Independent-Punk-enfant terrible KHAVN hat einen neuen Film gemacht, der seit gestern sogar in ausgesuchten Kinos läuft und von REM sowohl produziert wurde als auch vertrieben wird. Ein wilder Ritt in das Herz der Dunkelheit Manilas ist das, und ich darf sagen, er gefällt mir ähnlich - aber anders - gut, wie VAMPIRE OF QUEZON CITY. Jedenfalls, er ist ein Film, der sich zwischen alle Stühle setzt. Und MONDOMANILA ist vor allem eines: er ist nicht kompatibel – nicht zu unseren Sehgewohnheiten, nicht zu den Ansprüchen unseres sogenannten Arthousekinos, das eigentlich ein mit schönen Bildern konsumierbar gemachtes, abgemildertes Betroffenheitskino ist, und auch nicht zum Imperativ der politischen Correctness der Alternativkulturen. Khavn schert sich offensichtlich einen Scheißdreck um das alles. Nur gut kommen, das muss es. Für Hard Sensations habe ich mir den Film angesehen, ebendort findet ihre meine Filmkritik.

***

Mittwoch, 21. November 2012

Solang ich lebe / Jab Tak Hai Jaan (Yash Chopra, Indien 2012)


Der stille Eigenbrötler Samar (Shah Rukh Khan) arbeitet für das indische Militär als Bombenentschärfer, wo er sich einen legendären Ruf als "Mann, der nicht sterben kann" erworben hat. Im Gegensatz zu seinen Kollegen trägt er bei seinen Einsätzen nämlich keinen der dicken, unförmigen Schutzanzüge und Gesichtsmasken, sondern geht mit bloßen Händen und im Grünzeug an die Sache ran. Weshalb nun der schöne Unzugängliche so rücksictslos mit seinem Leben spielt, diese Geschichte erzählt JAB TAK HAI JAAN.

Es ist freilich die Geschichte einer unerfüllten Liebe, die hinter seinem persönlichen Unglück steht. Die eines Schwurs im Geiste der Religion, die seine Geliebte von ihm fernhält. In einem Rückblick blättert der Film die Geschichte der beiden ungleichen Liebenden auf: in London soll die schöne Meera (Katrina Kaif), Erbin eines Supermarkt-Tycoons (Anupam Kher), an einen erfolgreichen Karrieremenschen verheiratet werden. Da sie der Augapfel des Vaters ist, wagt sie nicht zu widersprechen. Denn das Trauma sitzt tief: ihre eigene Mutter hatte die Familie für ihre große Liebe vor Jahren verlassen, der Vater hat die Tochter alleine aufgezogen. Sich dem Willen des Vaters zu widersetzen scheint demnach unmöglich. Doch leider lernt sie kurz vor der Verlobung den Straßenmusiker Samar kennen (der dann später frustriert zum Militär geht), der sie mit seiner Lebenslust anzustecken weiß, und der Dank seines freundlichen Wesens bald selbst Karriere in einem Restaurant macht. Doch die zunehmende Annäherung der beiden macht Meera moralisch schwer zu schaffen, und als Samar bei einem Motorradunfall schwerstverwundet um sein Leben ringt, glaubt die Gläubige Meera, von Gott bestraft zu werden. Also bietet sie ihm einen Deal an: wenn er das Leben Samars verschone, gelobe sie, ihn niemals wieder zu sehen. Freilich wird ihr Flehen erhört, doch Samar kann ohne sie nicht sein. Er geht zurück nach Indien.

Dies der Hauptplot des Films, der noch von einigen Subplots unterfüttert wird, vor allem von einer zweiten Liebesgeschichte, die auch eine unerfüllte sein wird. Die lebenslustige Akira (Anushka Sharma) dreht eine Dokumentation über den mutigen Soldaten, verliebt sich, doch hat bei ihm kein Glück. Selbst Jahre nach der Zurückweisung kann sich Samar nicht öffnen. Doch die Geschichte nimmt dann einen ganz unerwarteten Verlauf. Wie man so sagt. Ganz so unerwartet ist er Dank der Gesetze des Liebesfilms nämlich nicht...

In prächtiger digitaler Qualität wird man hier drei Stunden lang ganz hervorragend im Kino unterhalten. Yash Chopra, nun 80jährig verstorben, der "Großmeister" des indischen Romantikkinos (VEER UND ZAARA, MEIN HERZ SPIELT VERRÜCKT, DARR) versteht natürlich sein Werk, schert sich nicht um den Kitsch, bietet die  volle Breitseite in einer Geschichte des Liebesverzichts. Dass die für einander Bestimmten am Ende zusammen kommen, dürfte klar sein. Allerdings fällt das Happy End doch sehr unspektakulär aus, sowohl in Bild und Ton. Chopra ist vielmehr an der Darstellung der Leidenden, des Liebesleids, interessiert, und an den romantischen Funken des ersten Kennenlernens. In den ersten zwei Dritteln des Films sind dann auch die Songs und Tanznummern platziert, die unverhohlen ziemlich modern ausfallen mit ihren elektronischen Beats. Hier und hier und hier drei Beispiele.

JAB TAK HAI JAAN hat seine Schwächen. Etwa die unmögliche Anfangsszene am See, aus dessen Fluten Samar Akira nicht nur retten muss, sondern dann auch noch per Herz- Lungenmassage wiederbelebt. In der doch ziemlich unglaubhaften Verzichts-Prämisse des religiösen Gelöbnisses, das die Konflikte erst auslöst. In der generell auf den europäischen Markt schielenden Produktion. In seinen immer wieder abstrusen Wendungen, die in der Unbekümmertheit ihrer Darstellung aber zugleich sehr entwaffnend sind. SOLANG ICH LEBE ist eine übergroße Romanze zum Wohlfühlen, die trotz ihrer Schwächen großen Spaß macht.

Michael Schleeh

***

Solang ich lebe / Jab Tak Hai Jaan ist in verschiedenen Fassungen
bei Rapid Eye Movies erschienen:
reguläre DVD
3-Disc-Import-Version
Blu-ray

Dienstag, 13. November 2012

That Girl in Yellow Boots (Anurag Kashyap, Indien 2010)


Das junge Mädchen Ruth aus England (Kalki Koechlin) reist nach Indien um ihren Vater zu finden. Der hatte ihr zum Abschied einen mysteriösen Brief hinterlassen, allerdings ohne seinen Aufenthaltsort mitzuteilen. In Mumbai findet sie Arbeit in einem Massagesalon und verdient sich dort das Geld, um weitere Nachforschungen über den Vermissten anzustellen. Dass sie dort auch sexuell ausgebeutet wird, versteht sich: für einen "Handshake" gibt es ein extra Taschengeld. Ihr zwielichtiger Freund ist ein kokainabhängiger Strauchdieb, der sie permanent bedrängt und natürlich dann auch in Schwierigkeiten bringt. Allein schon deswegen, weil er sich mit dem Boss einer Drogenbande anlegt.

THAT GIRL IN YELLOW BOOTS ist eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits lassen sich in diesem Film sehr viele bis zum Klischee erstarrten Motive finden - das dreckige, verkommene Mumbai, das Mädchen aus der Fremde in der Großstadt, das in die Prostitution rutscht, der Wahnsinn der Abhängigen, usw - und andererseits ist es schon erstaunlich, wie gut dieser Film eben mit genau jenen Klischees zu arbeiten versteht, ohne dass sie allzu abgegriffen erscheinen. Wie gut dieser Film dennoch funktioniert.

Vermutlich liegt das Gelingen in der Entscheidung, keine moralisch distanzierte Erzählung abzuliefern, sondern ein eher persönlich empfundenes, aus einer subjektiven Perspektive wahrgenommenes Erleben zu portraitieren. Eine Vorgehensweise, die der Erzählung den Raum gibt, sich in verschiedene Richtungen öffnen zu können. Etwa zum flirrenden, atmosphärischen Großstadtfilm, in dem nicht jede Einstellung einer Zweckmäßigkeit gehorcht und in dem nicht jeder Ton von der Tonspur zielgerichtet ist; oder zum coming of age-Film, in dem eine Frau auf sich alleine gestellt ist und gezwungen ist, Erwachsen zu werden; und auch zum exotischen "Ethno-Film", in dem eine fremde Kultur durch die Augen einer Europäerin dargestellt wird  - eine, die sich als gebürtige Halbinderin aber schon sehr gut assimiliert hat, Hindi spricht, und die die Gepflogenheiten des Landes kennt und mit ihnen umzugehen versteht. Eine, die oft erreicht, was sie will. Aber nicht immer.

Das zeigt sich vor allem in ihrem Kampf mit der alltäglichen Bürokratie, etwa wenn es um die Verlängerung eines Visums geht. Da werden korrupte Beamte gezeigt, die mit süffisantem Lächeln hinter dicken Papierstapeln hocken, und das Objekt der Begierde - die von ihnen abhängige hübsche Europäerin - mit scharfen Blicken über den Brillenrand ins Visir nehmen. Oder wenn die kleinen Momente der Bestechung gezeigt werden, wenn ein Bündel Geldscheine den Besitzer wechselt. Zuletzt ist sicherlich viel der Ausstrahlung und Aura der Hauptdarstellerin Kalki Koechlin zu verdanken (die auch am Drehbuch beteiligt war, und deren Gatte der Regisseur des Filmes ist - eine der Hauptfiguren der filmischen Independentbewegung in Indien), die sich wie ein verlorenes Enigma von innen leuchtend, durch die dreckigen Seitenstraßen Bombais bewegt. Das ist bisweilen magisch schön, wenn dann noch die hypnotische Tonspur einsetzt, die, jenseits aller Bollywoodklischees, mit perkussiv-hypnotischen Mitteln subjektive Bewußtseinszustände nachfühlbar macht.

Freitag, 19. Oktober 2012

Running in Madness, Dying in Love / Kyoso Joshi-ko (Kôji Wakamatsu, Japan 1969)



Noch ein Film von '69, laut IMDb der elfte in diesem Jahr - da kann man nur Beifall klatschen, wie aktiv Wakamatsu in diesem Jahr, überhaupt in diesen Jahren war. Meine Sichtung des Filmes fiel traurigerweise auf seinen Todestag. Mittags las ich zum ersten Mal die Nachricht, dass der in Tokyo von einem Taxi angefahrene Regisseur im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen sei. Kurze Zeit später bestätigten das auf Facebook verschiedene verläßliche Stellen. Abends gab es bereits die ersten Nachrufe.

Auch in RUNNING IN MADNESS, DYING IN LOVE stirbt einer: nämlich ein Polizist. Der Film eröffnet mit dokumentarischen Szenen der Jugendrevolte, den Unruhen in Tokyo während der Anpo Proteste. Schwarz-weiße Dokumentarbilder jagen sich, blitzlichtartig werden Zeitungsmeldungen dazwischen geschnitten, atemlose Montage. Dann: plötzlich Farbe. Ein junger Mann rennt völlig erschöpft eine Straße entlang, es ist Nacht, er ist verletzt, Blut läuft über das Gesicht. In einer langen Einstellung fährt die Kamera neben dem Mann her, dessen Verzweiflung, dessen Todesangst, dessen Wut auf die Autoritäten, den Gegener, den Konflikt mit der Polizei durch die Kamerabilder spürbar wird. Angekommen in der Wohnung seines Bruders, stößt er mit diesem zusammen. Dieser ist Polizist, mit dem er direkt in Konflikt, in ein Handgemenge gerät. Der Bruder verprügelt den "Nichtsnutz", tritt ihn zusammen. Doch seine Frau, die Schwägerin, mischt sich ein, geht dazwischen, gerät ins Gerangel, währenddessen sich plötzlich ein Schuß aus der Dienstwaffe löst - sie hat geschossen - und ihr Mann bricht tot zusammen. Der schwerverletzte Student überredet sie zur Flucht und sie machen sich mit dem Zug auf nach Norden. Dort geraten sie in ein verschneites Japan, in die Einsamkeit, und bald lernen sie einander zu lieben. Doch die Schuld und die Vergangenheit holt sie allzubald ein.

Geskriptet wurde der Film einmal mehr von Masao Adachi, und die Nähe zu Nagisa Oshimas SHONEN / BOY (1969), der ebenfalls eine Familie in die winterlichen Gegenden von Hokkaido treibt, ist auffällig. Jasper Sharp verweist in seinem Buch Behind the Pink Curtain auf den Einfluss der Landscape Theory auf Adachis kunstästhetische Auffassung, in der, verkürzt gesagt, politische Zustände in Naturereignissen allegorisch wiedergegeben werden. So etwa der Schneesturm in Hokkaido, der den Figuren zusetzt.

Der Film ist recht geradlinig für einen Wakamatsu und überzeugt neben seinem "konventionellen Liebes-Drama-Plot", wie Alex Hypnosemaschine an anderer Stelle schrieb, vor allem durch seine abartig tollen Bilder, die immer wieder psychedelische Qualitäten annehmen. Die Sexszenen sind dabei kaum explizit oder exploitativ, vermitteln eher eine erotische Wärme, und sind sehr weit von den Gewaltbildern seiner anderen Filme entfernt. Stellvertretend sei die Szene in der Scheune erwähnt, in dem sich das nackte Paar in honigfarbenem Licht im Stroh liebt. Was kurz darauf unterbrochen wird durch die Auspeitschung einer Frau draußen im Schnee. Ein paar Männer verfolgen die Nackte am Rande des Sees entlang, werfen die Entkräftete in den Schnee und "züchtigen" sie, wie sie sagen, da sie gegen die Riten des Dorfes verstoßen habe. Die kalte Welt holt die Protagonisten also sehr schnell wieder ein.

Später wird man erfahren, dass sich das Paar unweit seines Heimatortes aufhält (eine Flucht hin zur Heimat also), und dann taucht auch plötzlich der totgeglaubte Gatte und Bruder wieder auf. Breitbeinig steht er da auf dem tiefverschneiten Weg. Und seine Rache wird sich freilich gegen die Frau richten, draußen auf dem Feld, während der Schnee fällt. Gegen die Schwachen, in einer ungerechten, psychotischen Welt, aus der es unmöglich scheint, auszubrechen. Und in der es nicht mehr möglich ist, sich zu wehren. Alle Kraft hat die Körper verlassen. Sie versinken machtlos im Schnee, wie die Bilder der Kamera.

Sonntag, 14. Oktober 2012

Guilty of Romance / Koi no tsumi (Sion Sono, Japan 2011)


 In den dunklen, nur vom Neon der Reklametafeln des tokioter Vergnügingsviertels erhellten Nachtbildern kann man sich als Zuschauer verlieren. So wie sich die Figuren dieses Films verloren haben und auf de Suche nach Erlösung aus ihrer desolaten Situation sind. Sion Sono hat mit GUILTY OF ROMANCE einen äußerst hypnotischen Film geschaffen, in dem die Geschichten dreier Frauen zusammenfinden. Drei Frauen, die auf unterschiedliche Weise zu sich selbst kommen wollen, und deren Schicksal irgendwie mit dem brutalen Mord an einer Unbekannten zusammenhängt, deren Leiche am Anfang des Films von der Polizistin gefunden wird. Abgetrennte Gliedmaßen, abgetrennter Kopf. Nur der Rumpf bleibt übrig, an den die mechanischen Teile aus dem Ersatzteillager einer Schaufensterpuppe gefügt sind. Später dann werden ihre Überreste gefunden, in einer Sporttasche, aber da is der Film bald zwei Stunden alt.


In diesem Film, der in wie hyperrealistischen Bildern des Exzesses sowohl innerhalb des Genrefilms auch als auch in der Radikalität seiner Handlungsentwicklung an die Diskurse eines gesellschaftskritischen Feminismus anschließt, geht es vor allem -runtergebrochen- um einen Befreiungsschlag der Frau aus der Unterdrückungsituation durch die hierarchisch organisierte patriarchale Gewaltherrschaft. Dass dieser Weg von der Protagonistin Izumi, die mit einem Bestsellerautoren verheiratet ist und in der Monotonie einer völlig auf die Bedürfnisse des Gatten ausgerichteten Ehe ein völlig unbefriedigendes Leben, das eines Dienstmädchens, zu führen hat, gerade durch eine sexuelle Befreiung geschieht, eine maßlose dazu, die sie über Nacktbilder zur Pornographie und schließlich in die Prostitution führt, ist der pikante Kniff in Sion Sonos Film - und sicherlich eine Reminiszenz an seine Herkunft aus dem an Kontroversen nicht armen Pink-Film-Milieu. Denn auch diese Bereiche, die im alltäglichen Verständnis als Paradebeispiel für die Ausbeutung der Frau stehen, werden alsbald von der Protagonistin dominant regiert, die vom Drehbuch zudem eine manchmal beinah wie wahnsinnige Partnerin zur Seite gestellt bekommt: im obigen Bild zu sehen, Bier kaufend mit dem Geldschein eines Freiers im Mund. Die bei Tag eine Professorin für Literatur ist - und in der Nacht zu einer selbstbewußten Nymphomanin wird, die sich ihre Freier aussucht und sich für ihren Spaß gut bezahlen lässt. Dass der Film hier die Grätsche zur Sexploitation macht, ist nicht verwunderlich.


Neben den skandalös guten Bildern weiß der Film noch durch seinen enorm suggestiven wie romantisierenden Soundtrack zu begeistern. Die Qualität der beiden Faktoren ist nicht zu unterschätzen, vor allem da ein Film mit solcher Handlung in den Händen eines weniger souveränen Filmemachers leicht zum Debakel hätte werden können. KOI NO TSUMI wurde als dritter und abschließender Teil von Sonos Hass-Trilogie annonciert, der von LOVE EXPOSURE eröffnet und mit COLD FISH fortgeführt wurde (über den ich hier etwas vorsichtig schon schrieb, und den ich nochmals sehen will um meine Eindrücke zu überprüfen). Wie vom Hass sind diese Filme aber auch von der Passion und der Obsession durchdrungen und können sicherlich als moderner erotischer Entwicklungsroman einer weiblichen Sexualität der Transgression gelesen werden, die die männlich-patriarchale Unterdrückung überwindet.


Dass die internationale Fassung um gut 20 Minuten gekürzt wurde, und wie man liest, vor allem um Ermittlungsstellen der Polizistin, läßt diese Figur in der von mir gesehenen Fassung etwas in den Hintergrund treten (gleichwohl wurde diese Fassung von Sono authorisiert). Die im November bei REM erscheinende DVD jedenfalls soll die japanische Langfassung beinhalten, die dann etwa 140 Minuten gehen soll. Ich freu mich auf ein Wiedersehen dieses Films, den ich im ersten Überschwang ein Meisterwerk genannt habe.

Freitag, 12. Oktober 2012

The Notorious Concubines / Kinpeibai / Chinesischer Liebesreigen / Die sechs Frauen des Ching (Kôji Wakamatsu, Japan 1969)


Wakamatsus erotisches Historienepos THE NOTORIOUS CONCUBINES basiert lose auf einem chinesischen Sittenroman mit pornographischem Inhalt namens Jin Ping Mei (aka The Golden Lotus (US-Titel)) aus der Spätzeit der Ming-Dynastie des 16. Jahrhunderts. Um der Zensur zu entgehen wurde die erzählte Zeit ins 11. Jahrhundert in die Provinz Shandong verlegt, in der ein reicher Apotheker (im Film ein unersättlicher Aristokrat) etliche außerhäusliche Affären pflegt, obwohl auf ihn zuhause bereits sechs Ehefrauen warten. Im Roman werden angeblich über 100 explizite Sexszenen ausgeführt, im Film sind es ein paar weniger, die allerdings einige exploitative Genüsse versprechen. Jedoch, es kommt alles anders. Irgendwie als Kostümfilm angelegt, vermag hier nichts so recht zu überzeugen. Bis auf ein paar Oberweiten ist nichts zu sehen, etwas Blut hin und wieder und unscharfe Orgienszenen. Der moralische Verfall ist also das, was eigentlich schockiert. Oder auch nicht. Fraglich ist, ob die ungeschnittene, ursprüngliche Version expliziter ist.

Das wäre zu hoffen, denn die "Handlung" ist eine Frechheit an filmischer Langeweile, und es nicht wirklich notwendig, diese hier extra auszuführen. Man könnte auch von einem Alibi sprechen. Zu allem Ärger wurde in den Film noch eine Rahmenhandlung integriert, die den Kampf einer Räuberbande gegen die feudalen Truppen erzählt - und obwohl diese ein paar hübsche Bilder bietet mit einigen Galgenszenen, scheint sie sehr wenig mit der eigentlichen Erzählung zu tun zu haben (abgesehen vom Räuberhauptmann und seiner Geliebten). Aber das ist eigentlich auch egal, nach 20 Minuten interessiert diese Abenteuergeschichte sowieso keinen mehr, da der überwiegende Teil des Films im Palast der Unzucht spielt.

Die US-DVD von Something Weird Video ist, wie erwähnt, gekürzt und in einer Orgienszene gegen Ende immer wieder geblurrt - und das, obwohl die Kamera etliche Meter von den Ereignissen entfernt ist. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was hier wohl vertuscht werden sollte. Vielleicht ein männliches Glied, das sich durch die Mantelfalten stiehlt? Denn in diesem radikalen Film der ungezügelten Lust behalten die Männer beim Sex die Klamotten an. Insgesamt besticht die DVD neben den Kürzungen noch durch ein schlechtes Bild und eine gedubbte, ausschließlich englischsprachige Tonspur ohne Untertitel. Ob noch eine Langfassung im O-Ton existiert ist mir allerdings nicht bekannt; und wie immer müssen wir vielleicht sogar froh sein, dass uns diese Version ins digitale Zeitalter gerettet wurde. Diese, eine Auftragsarbeit, die Wakamatsu für Shochiku gemacht hat und die mit Jûzô TAMPOPO Itami in einer Rolle prominent besetzt wurde, muß man nicht wirklich gesehen haben. Zumal in dieser verstümmelten Fassung.

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Project K - The Korean Filmfestival - in Frankfurt am Main


Eine sehr feine Veranstaltung wurde hier ins Leben gerufen: das koreanische Film- und Kulturfestival Projekt K startet diesen Freitag in Frankfurt auf dem Uni-Gelände (dort, wo auch immer die Nippon Connection stattfand) und es werden insgesamt 19 Filme gezeigt vom 12.10. - 14.10.12 (auf dem Campus Bockenheim im Studierendenhaus). Die Filmauswahl ist nicht allzu ausgefallen - wer sich im Filmland Korea auskennt, hat sicherlich schon einiges davon gesehen. Für den Neueinstieg oder eine Wiederbegegnung aber eine großartige Sache. Es finden sich aber auch einige Perlen, etwa kann man der Deutschlandpremiere von Kim Ki-duks PIETA beiwohnen, oder einem Screening des just erschienenen ARCHITECTURE 101. Alles in allem läuft da beinah jeder koreanische Film, der in den letzten Jahren internationale Bekanntheit errungen hat, sei es MOTHER, THIRST, CHASER, OLDBOY oder einer meiner liebsten Filme des Jahres 2011: Na Hong-jins genialer THE YELLOW SEA. Das Festival sollte man sich nicht entgehen lassen, zumal auch das Rahmenprogramm interessant ausfällt - nicht zuletzt mit seinen kulinarischen Genüssen. Hier das Programm. Gutes Gelingen!

Sonntag, 7. Oktober 2012

24 City / Er shi si cheng ji (Jia Zhangke, China 2008)


In der chinesischen Stadt Chengdu wird eine riesige Fabrikanlage abgerissen um einem modernen Appartmentkomplex Platz zu machen. 24 CITY folgt drei Generationen von Fabrikarbeitern und deren Angehörigen, die alle von diesem Ereignis persönlich betroffen sind. Entweder, weil sie ihren Job verlieren, oder weil ihren Eltern der Lebensmittelpunkt genommen wird. Denn in dieser Fabrik und auf dem Fabrikgelände waren sie aufgehoben, hatten alles, was man brauchte: Arbeit, Wohnraum, Märkte, Sportplätze, Schwimmbad und Kino.

Die ehemalige Flugzeugturbinenfabrik ("Fabrik 420"), die in den letzten Jahren alles mögliche herstellte, war also das alltägliche und gewohnte Zentrum vieler Menschen, und wie etwa auch in STILL LIFE geht es Jia darum, wie mit dem Vergessen, den Erinnerungen umgegangen wird, und wie diese sozialbiographischen Aspekte an Orte geknüpft sind. Was mit ihnen passiert, wenn die Orte verschwinden. In STILL LIFE z.B. verschwindet eine Stadt in den Fluten des aufgestauten Yangtze. 24 CITY ist im Gegensatz zu diesem Spielfilm aber deutlich dokumentarischer angelegt. Zwar werden auch einige Rollen der Interviewpartner von Schauspielern gespielt, die Hälfte der Interviews sind aber authentisch, sodaß eine hybride Spannungssituation entsteht. Immer wieder werden spielfilmartige, narrativ-erzählerisch Sequenzen zwischen die Interviews geschnitten, doch ist sowohl der realistische Look, als auch sind die mit statischer Kamera durchgeführten Interviews eindeutige Stilmittel des Dokumentarfilms. Ohne allzu melancholisch zu werden oder die Leute zu drängen, offenbaren sich immer wieder anrührend intime oder auch niederschmetternd persönliche Schicksale der Arbeiter, die irgendwie etwas mit der Institution der Fabrik zu tun haben. Nüchtern registriert das die Kamera, und umso umwerfender ist die Wirkung auf den Zuschauer. Lediglich ein manchmal etwas beatiger Soundtrack scheint mir nicht so richtig zum Film zu passen. Aber immer wieder findet Jia großartige Bilder im Alltäglichen, die den Film zugleich zu einem Portrait einer der größten modernen chinesischen Metropolen werden läßt. Eine Stadt, die ein Symbol des Sozialismus abreißen läßt, um darauf moderne Apartments für kapitalschwere Neureiche zu bauen... Schöner Film.

Mittwoch, 26. September 2012

Delinquent Girl Boss: Blossoming Night Dreams (Kazuhiko Yamaguchi, Japan 1970)


Als die schöne Rika (Reiko Oshida) endlich aus dem berüchtigten Frauengefängnis Akagi Girl's School herauskommt, findet sie recht schnell Unterschlupf in einer Bar als Animierdame. Dort trifft sie erfreulicherweise auf alte Zellengenossinen, und auch ihre Chefin, genannt Madam, ist eine Akagi-Veteranin. Ein wenig Unterstützung kann man in Tokyos Rotlichtviertel aber auch brauchen - die Reviere sind streng aufgeteilt und immer wieder rauschen die verschiedenen Gruppierungen ineinander. Als da wären Huren, Junkies, Hippies, Männer auf der Suche nach Druckablaß, verschiedene Yakuza-Banden und: ruppige Girl-Gangs. Auch Rika ist nun in einer solchen, und bald nimmt sie eine Führungsposition ein, da sie nicht nur charismatisch, sondern auch eine exzellenete Straßenkämpferin ist. Zwei Ereignisse bedrohen allerdings die Sicherheit der Bande: eine heroinabhängige und deswegen notorisch in Geldnot sich befindende Schwester einer der Frauen bringt die fürsorgenden Mädels regelmäßig in Schwierigkeiten, sowie die drohende Übernahme des Gebäudes in dem sich deren Haupteinnahmequelle, ein Nachtclub, befindet, und das durch die verfeindete, schmierige Ohba-Bande.


Der erste Teil der Girl Boss - Reihe überzeugt vor allem wegen seiner Schauwerte, und auch wenn er gemeinhin als eher schwacher Beitrag im Pinky Violence - Genre bezeichnet wird, so kann ich das nur in Ansätzen nachvollziehen. Wir haben es hier mit zwei ausgenommen sympathischen Hauptdarstellerinnen zu tun, mit formidablen Kämpfen, skurrilem Humor, mit einer irre überzeichneten, ausgesucht häßlichen Männerwelt, die beinahe ausnahmslos aus widerlichen Hackfressen besteht, und mit toller Musik und schönen Bildkompositionen (Hanjiro Nakazawa, der als Kameramann für seine Arbeiten u.a. bei Kinji Fukasaku bekannt ist). Außerdem natürlich Style ohne Ende, verrückte Kamerapositionen, freeze frames, Farbenexplosionen, Nachtschatten und Neonlicht. Allenfalls der Plot könnte manchmal mehr Zugkraft vertragen: der Teil vor dem großen Schlußkampf hängt leider etwas durch. Möglicherweise ist das Yamaguchis Unerfahrenheit anzulasten, der hier sein Debut inszeniert und der auch das Drehbuch schrieb.


Dass die schlimmen Mädels natürlich eigentlich alle ein Herz aus Gold haben, versteht sich. So geht Rika sogar soweit, sich selbst dem widerlichen Yakuzaboss anzubieten, um die noch fehlenden 500.000 Yen aufzutreiben, die die Bande als Lösegeld für das gefangengehaltene Heroinluder benötigt. In einer großen Szene gesteht sie Madam reumütig ihre Tat, die darauf stinksauer aber mitfühlend reagiert: man dürfe seine Weiblichkeit zwar zum Kampfe einsetzten - die Reinheit des Körpers soll aber erhalten bleiben. Denn die  Welt der Männer ist eine schmutzige. Die der Mädchenbanden hingegen eine höherstehende, sakrosankte, und der Kampf auf der Straße ist vor allem immer einer gegen die unterdrückende Herrschaft des Mannes, gegen den Mißbrauch. Solchen genrebedingten Zuspitzungen und Simplifizierungen, die zu ganz naiven Wahrheiten führen, denen kann man als Genrefreund natürlich nichts anderes als Sympathie entgegen bringen. Da muß man dann auch geflissentlich darüber hinwegsehen, dass im Finalkampf Umekos ehemaliger Liebhaber auftritt um die Mädchengang gegen Ohbas Yakuzabande mit seinem Schwert tatkräftig zu unterstützen. Und dass er am Ende sogar ganz heroisch sein Leben für sie läßt.


Mittwoch, 19. September 2012

Datai / Abortion (Masao Adachi, Japan 1966)



Masao Adachis erster Film für die Wakamatsu Productions ist ein in schwarzweiß gehaltener "Skandalfilm", in dem ein Gynäkologe eine die Wissenschaften revolutionierende Technik entwickelt, Kinder auf künstliche Weise vom Fötusalter an in Gebärmaschinen aufzuziehen. So soll den Frauen die Last der Geburt genommen, die Sexualität vom Reproduktionsdruck gelöst werden. In einer Art Parodie auf die Aufklärungsfilme der Zeit wir in immer wieder pseudodokumentarischer Weise auf die biologischen Prozesse bei der Schwangerschaft eingegangen, wozu der Arzt (etwa einer dümmlichen Patientin) Lektionen an medizinischen Schautafeln in seiner Praxis gibt. Oder auch mal Konzepte zur Schwangerschaftsverhütung erläutert.

Eben jene Patientin, die dummerweise von ihrem debilen und verantwortungslosen Boyfriend schwanger geworden ist, will nun unbedingt das Kind bekommen - der Arzt jedoch betäubt die Frau, schneidet heimlich den Fötus heraus, und führt mit ihm in einem geheimen Labor seine erste echte Untersuchung der revolutionären Idee durch (die Versuchsanordnung ist in einem Wandschrank versteckt). Der Frau erzählt er, sie habe eine Phantomschwangerschaft gehabt, es sei ihre Psyche, ihr Unterbewußtsein gewesen, das ihr die körperlichen Funktionen einer tatsächlichen Schwangerschaft vorgegaukelt habe. Die junge Frau freut sich überraschenderweise dennoch: nun gut, sagt sie fröhlich, da kann man wohl nichts machen. Doch die Gattin des Arztes beginnt zu zweifeln und steigt schließlich ins Labor ein.

Adachis Film, der reichlich Potential zur skandalösen Zurschaustellung von körperlichen Aktivitäten bieten würde (einmal wird der Arzt auch von einer Nymphomanin besucht), zeigt von alldem nichts. Das Unzüchtigste ist das freimütige Entkleiden der Patientinnen, sowie das mit größter professioneller Nüchternheit des Arztes vorgenomme Untersuchungsprozedere. Da ist nichts Sexuelles, Schmieriges, Aufgeilendes zu sehen. Allenfalls die Thematik an sich bietet etwas skurrile Unterhaltung - von einem Sexfilm ist ABORTION aber weit entfernt. Am formal Spannendsten sind womöglich die Überschneidungen der Bildkategorien - oftmals weiß man nicht genau, ob man nun fiktive Bilder der filmischen Narration zu sehen bekommt, oder tatsächlich reale, dokumentarische. Jenseits von einem allseits behaupteten, aber nie wirklich überzeugenden Realitätscontent, hat der Film in dieser Hinsicht nichts zu bieten - abgesehen davon, dass Männer mal in das Behandlungszimmer einer solcher Praxis schauen dürfen (das aber eher wie ein umgebauter Büroraum im Office der Wakamatsu Pro aussieht).

So finde ich den gesamten Film etwas enttäuschend, inhaltlich amüsant zwar, auf der Bildebene aber letztlich ziemlich ambitionslos. Kein Vergleich zu den visuellen Stilisierungen der Filme Koji Wakamatsus, der hier übrigens als Co-Regisseur angeführt wird in den Credits. Sicherlich nur eine Behauptung, um den Film besser verkmarkten zu können. Adachi war zu jener Zeit einer der führenden Köpfe der tokioter Experimental-Szene, die sich aus der Studentenbewegung heraus entwickelt hatte (der auch Yoko "Fluxus" Ono, Nobuhiko Obayashi und Donald Richie angehörten). Ihr Protest hatte sich zuächst gegen das japanisch-amerikanische Sicherheitsabkommen gerichtet und hat sich unter einigen Aktiven sowohl zu einer Avantgardekunstbewegung, als auch zu einem experimentellen Filmclub entwickelt (begleitend empfehle ich die Betrachtung von Yasuzo Masumuras A FALSE STUDENT, 1960), bevor bei Adachi eine immer stärker werdende politische Radikalisierung einsetzte (in deren Folge Adachi - ich verkürze stark - in Beirut im Libanon landete und dort die Nihon Sekigun gründete, einen Ableger der Japanischen Roten Armee, und daraufhin 25 Jahre im Untergrund lebte). Mitte der 60er aber war Adachi parallel der Wakamatsu Pro beigetreten und war einer der wichtigsten Mitarbeiter - vor allem in seiner Funktion als Drehbuchschreiber - für Kôji Wakamatsu. ABORTION darf man wohl als "kommerziellen" Film werten (Roland Domenig), dem darauf eine Fortsetzung folgte mit dem Titel BIRTH CONTROL REVOLUTION (ebenfalls 1966). Der Gynäkologe scheint also doch noch Erfolg zu haben mit seinen Experimenten, auch wenn er am Ende von ABORTION in der Gefängniszelle sitzt.

Mittwoch, 5. September 2012

Violent Virgin aka Gewalt! Gewalt: shojo geba-geba (Kôji Wakamatsu, Japan 1969)



 Ein verstörender Film: die beiden Protagonisten, ein Mann namens Hoshi (gespielt von Toshiyuki Tanigawa) und eine Frau (Hanako, gespielt von Eri Ashikawa - doch die Namen spielen wieder mal eigentlich keine Rolle) mit Sack über dem Kopf, werden offensichtlich von einer Gruppe sadistischer Yakuza und ihren kreischenden Gespielinnen entführt. Man gelangt über holprige Wege in eine Einöde, wo die Frau nach einigen Misshandlungen an ein großes Holzkreuz gefesselt wird. Blut läuft ihr über die Brust, sie ist beinahe nackt. Der Mann wird auf verschiedene Arten misshandelt, bevor er von den Peinigern zum Verkehr mit den prolligen Weibern gezwungen wird. In seiner Wut und Hilflosigkeit geht er jedoch äußerst ruppig mit ihnen zur Sache. Er beginnt sich aufzulehnen und erwürgt eines der Mädchen. Später kommt dann heraus, dass die Gräueltaten von einer Anhöhe aus vom Yakuza-Boss beobachtet werden, der seine sadistische Freude daran hat, das Liebespaar zu quälen. Denn Hoshi ist sein untreu gewordener Untergebener, ein chinpira, Hanako des Bosses Freundin, die sich auf eine Affäre mit dem Nachwuchsgangster eingelassen hatte. Ein aufgebautes Präzisionsgewehr verschärft dann den Konflikt, als im Lager das Chaos ausbricht.

VIOLENT VIRGIN ist ein alptraumartiger, metaphorisch heftig aufgeladener, grandioser Film. Auch weil man an ihm sehen kann, dass mit beschränkten Mitteln und kleinem Geld ein großartiger, reduziert bis auf die Knochen und zugleich spannender Spielfilm entstehen kann. Das Budget für VIOLENT VIRGIN war sehr klein, es muss sich geschätzt auf etwa umgerechnet 15.000 € belaufen haben. Womit dieser neben THE EMBRYO HUNTS IN SECRET vermutlich der billigste Film der Wakamatsu Pro gewesen sein dürfte. An Requisiten gibt es nicht viel und das meiste besorgt die Location: an den Ausläufern des Fujiyama gedreht, befindet man sich in einem beinahe surrealen, wie oben beschrieben kargen Ödland, was am stärksten zur Atmosphäre beiträgt. Es wird noch ein Holzkreuz aufgebaut, ein kleines Zelt aufgestellt, ein Auto gefahren und ein Gewehr benutzt - das ist alles. Das meiste Geld dürfte für die Technik draufgegangen sein. Wie hier getobt und geschrien wird, lässt außerdem vermuten, dass auch für diesen Film nur ein sehr rudimentäres Skript vorlag, und dass viel improvisiert wurde. Am Drehbuch war unter anderem (neben mindestens noch Izuru Deguchi) Atsushi Yamatoya beteiligt, der im Film auch eine Rolle übernommen hat. Übrigens hatte er diese beiden Funktionen auch zwei Jahre vorher in einem nicht ganz unbekannten Film von Seijun Suzuki übernommen, bei BRANDED TO KILL. Überhaupt ist in dem ganzen Produktions-Chaos zu vermuten, dass mehrere Personen verschiedene Funktionen erfüllt haben und mehrere Aufgaben übernahmen. Und eben nicht nur Schauspieler oder zum Beispiel Techniker waren - sondern eben irgendwie alles machten. Yamatoya jedenfalls war einer der regulären Skriptwriter für Wakamatsu Pro, so wie Masao Adachi oder Yoshiaki Ôtani, ein Pseudonym für Takao Yoshizawa und Chûsei Sone (aus dem später dann ja ein relativ bekannter Regisseur wurde); allerdings hat Yamatoya auch Regie geführt, etwa bei einem Film mit dem vielversprechenden Namen DUTCH WIFE OF THE WASTELAND (1967), in dem ein Privatdetektiv den Mord an einer Schauspielerin, die in einem Snuff-Film mittat, aufklären soll. Wer also bei welchem Film genau was gemacht hat, ist bei Wakamatsu Pro nicht immer nachzuvollziehen, einerseits durch die Verwendung von Pseudonymen (der Musiker und Schauspieler "Meikyu Senkai" aka Michio Akiyama ist auch so ein Fall), andererseits durch eine recht laxe Handhabung der Credit-Angaben. Hinzu kommt Kôji Wakamatsus recht freie Interpretation und sich widersprechende Darstellung der tatsächlichen Ereignisse in Interviews, sowie die Tatsache, dass auch mal geschwindelt wird, wenn es dem Verkauf des Filmes dient. Wer also Genaues wissen will, der muss sich hier oftmals durch dichten Nebel kämpfen.

Neben den enigmatischen Bildern zeichnet sich VIOLENT VIRGIN vor allem durch seinen direkten, harten Zugang aus, der dann immer wieder metaphorisch überhöht wird und für den Kunstliebhaber die Interpretationsoptionen aufmacht. Außerdem weht ein melancholischer Hauch der Vergeblichkeit durch den Film, da der Protagonist, dem einmal die Flucht durch die sandigen Hügel gelingt, in einer Kreisbewegung nur immer wieder zurück zum Ausgangspunkt gelangt. Basal gesehen ist dieser Film eigentlich ziemlich einfach und schlicht. Gerade heraus, hart, reduziert. Aber deswegen nicht eindimensional oder gar primitiv, sondern viel eher erschütternd, mitreißend, erschreckend in den Gewaltspitzen und wieder ein Beispiel dafür, wie teuflisch überraschend ein Film von Kôji Wakamatsu sein kann.










***

Montag, 20. August 2012

Hellsing Ultimate OVA (Kohta Hirano, Studio Satelight, Japan 2005) [Episode 1]




In einem heutigen, aber dennoch fiktiven Großbritannien bekämpft der geheime protestantische Hellsing - Ritterorden Vampire und Zombies. Führerin ist Lady Integra Wingates Hellsing, die ihren Vorsitz vom Vater geerbt hat und in einem großen Anwesen residiert. Das groß angelegte, dunkle Epos verhandelt im Weiteren den Kampf gegen die überhand nehmenden "Freaks", Ghouls, die mithilfe eines Computerchips künstlich geschaffen wurden - im Gegensatz zu den "Natives", die auf üblichem Wege zu Untoten wurden. In der ersten Episode der OVA (eine besonders werkgetreue, sich genau an den Bänden des Mangas orientierenden Verfilmung) wird lediglich die Vorgeschichte abgehandelt und die Figuren werden eingeführt.

Alucard, der Obervampir im Dienste der Organisation

Besonders brisant ist dabei ein Einsatz in Irland, da hier dem protestantischen Orden die Geheimorganisation des Vatikans, die sogenannte Iskariot-Organisation, dazwischenkommt. Und mit ihr ein erbitterter Gegener, Alexander Anderson, ein durch genexperimente mutierter Superkämpfer und Vampirhasser. Als Waffe dienen ihm geweihte Bajonette und herumfliegende Bibelseiten, die dem Gegener Wege versperren können, oder ihm die Sicht nehmen (Anspielung intended). Also ein Feind Alucards.

Seras Victoria, die Protagonistin

Die erste Folge der OVA ist für einen HELLSING-Neuling recht schwer zu verstehen, ganz einfach deswegen, weil in sehr rasantem Tempo die Geschichte eingeführt wird mitsamt dem politischen Kontext und der Etablierung des Übernatürlichen und Fiktiven, sowie die Figuren inklusive ihrer Vergangenheit vorgestellt werden. Die ersten zwanzig Minuten musste ich zweimal anschauen sowie ein wenig im Netz herumlesen, um alles genau mitzubekommen. Schlimm ist das nicht, es erfordert nur eine sehr genaue Aufmerksamkeit.

Let the Bullets fly!

Alucard (ein Anagramm für "Dracula")  ist in der ersten Episode die interessanteste Figur. Ein mächtiger Vampir, der von Lady Integras Vater in den Keller eingesperrt und mit Siegeln gebannt wurde, wird von Lady Integra in größter Not befreit, da diese vom eigenen Onkel, also dem Bruder des Vaters, bedroht wird. Er trachtet ihr nach dem Leben, da sie das Familienerbe antreten soll, und nicht er selbst. Er schießt ihr dann auch rücksichtslos in die Brust, doch das verspritzende Blut erweckt Alucard aus seinem Dämmerschlaf und dieser macht dann mit dem Bruder kurzen Prozeß. Im späteren Verlauf gibt es dann eine interessante Parallele, da Seras Victoria, die Polizistin ist, bei einem Einsatz ebenfalls in die Brust geschossen wird - und zwar von Alucard, der einen Vampir tötet, der sich die junge Frau zum Schutzschild genommen hatte. Doch Alucard feuert trotzdem. Hier erkennt man schon deutlich die rücksichtslose Konsequenz, mit der Alucard seine Ziele zu erreichen sucht, wie weit er zu gehen bereit ist. Seras Victoria würde freilich sterben, sollte Alucard sie nicht ebenfalls zur Vampirin machen. Dass er sie rettet, ist dann ein weiterer, eigener Erzählfaden.


Dass der Einsatz in Irland auf die dortigen politischen Verhältnisse verweist, dürfte dem uninformiertesten Zuschauer auffallen. Inwieweit dieser Aspekt relevabt wird, denn eigentlich geht es auch um einen Kampf um die Vormachtsstellung der beiden Konfessionen, kann ich noch nicht beurteilen. Es erinnert in seiner Verwendung realpolitischer Geschichte aber deutlich an die quasirealen, fiktiven Ereignisse in ABRAHAM LINCOLN: VAMPIRE HUNTER, der die Geschichte Amerikas, die Biographie Abraham Lincolns mitsamt dem Bürgerkrieg als Invasion der Vampire neu erzählt. Hat man sich da bei HELLSING bedient? Auch dort gibt es übrigens einen mächtigen Vampir, der verdeckt im Dienste der Menschheit tätig ist: Lincolns Verbündeter Henry Sturges. Die Verfilmung von Timur Bekmambetov kommt demnächst ins Kino.

Anderson, der Abgesandte des Vatikans
Die erste Episode von HELLSING also war überwältigend, im positiven wie im negativen Sinne. Sehr viel Informationen, nicht einfach, sich zurecht zu finden; dann aber: schnell, blutig, düster. Nicht zu übertrieben, es wird nicht alle Glaubhaftigeit den fiktiven Möglichkeiten geopfert. Dennoch fand ich die 50 Minuten anstrengend, da es keine wirkliche Plotlinie gibt, keine natürlich entwickelte Geschichte. Episode 1 scheint mir eine reine Einführung zu sein, die das Fundament für die weitere Erzählung legt.

Alucard, Man of Bats

Dienstag, 14. August 2012

Secrets behind the Wall aka Affairs within Walls / Kabe no naka no himegoto (Kôji Wakamatsu, Japan 1965)





Eröffnungsszene, AFFAIRS WITHIN WALLS: Bilder aus der Wohnsiedlung, in der der gesamte Film spielt. Gleichförmige Hausreihen, durchnummeriert, identitätslos. Anschließend sind es dann beinah nur noch Innenräume, in denen sich die Handlung abspielt. Ein Hibakusha, ein Hiroshima-Überlebender, wird liebevoll von seiner Frau (oder seiner Freundin? - das wird zunächst bewußt unklar gelassen) gepflegt. Sie leben in der anonymen Hochhaussiedlung, die wir schon aus SEASON OF TERROR kennen. Er ist ein Aussätziger der Gesellschaft, einer, den man vergessen will, der an den Rand gedrängt wird. Vergangenheitsbewältigung in Japan. Außerdem ist er heroinabhängig. Hier bekommt er seinen Schuß, bevor sie ihm zärtlich über das Keloid streichelt, den tumorartigen Auswuchs auf dem Rücken. Im Hintergrund lächelt Stalin.




Aber eigentlich ist SECRETS BEHIND THE WALL ein Film, der zwei Erzählstränge miteinander verbindet, die durch das Motiv des Voyeurs zusammngehalten werden. In der Figur des jungen Studenten, der zuhause bei seinen Eltern wohnt und - anstatt fleißig zu studieren, was er aber stets vorgibt, schaut er gerne Pornoheftchen an - mit dem Fernrohr in die Nachbarwohnungen spioniert. So entdeckt er zum Beispiel, dass eben jene vernachlässigte Hausfrau, die in ihrer stumpfen Ehe und in den vier Wänden zugrunde geht, ein Verhältnis zu dem jungen Mann pflegt, den wir aus der Anfangsszene gesehen haben. Diese Frau wird er später bedrängen, erpressen, versuchen zu vergewaltigen. Doch das will ihm alles nicht gelingen, und als sie sich ihm schließlich in einem merkwürdigen Akt der Mildtätigkeit anbietet, bringt er sie, völlig in Rage gebracht, mit dem Messer um.

 
Doch zuvor zeigt sich sein aufgestauter Trieb bereits darin, dass er seine attraktive Schwester heimlich beim Duschen beobachtet, wie sie sich auszieht, später dann abtrocknet. Der völlig gehemmte Student weiß seine unterdrückten körperlichen Gefühle nicht mehr zu beherrschen, und wie ein leidendes Tier explodiert seine scheinbar unkontrollierbare Sexualität zur aggressiven Tat: er fällt förmlich über seine Schwester her. Sie jedoch, die bereits in Handtücher eingewickelt und somit bewegungsunfähig ist, wehrt sich erfolgreich, strampelt sich unter ihm frei. Sie läßt sich das nicht gefallen.  


Viel weiter als in diesem Film kann man eigentlich nicht mehr vom Pinku Eiga weg sein, vom kontroversen Sexfilm, in den der Sararyman seine übermüdeten Augen zur Erholung bettet. Sex ist hier Politik, Gewalt, Ausdruck der Bankrotterklärung einer gescheiterten Gesellschaft. Sowohl was die politischen Implikationen seitens des Umgangs mit den "lebenden Mahnmalen der nationalen Schande" in Form der Hiroshima-Opfer angeht (und was in der Verlängerung des Aspekts auf den allgemein gesellschaftlichen Umgang mit der Vergangenheit, der Rolle des Landes im 2. Weltkrieg verweist), als auch was die privaten, unterdrückten, dann pervertierten Leidenschaften einer rücksichtslos maskulin orientierten Gesellschaft angeht, einer Machtordnung des Patriarchats.

SECRETS BEHIND THE WALL ist ein gewalttätiger Kunstfilm, aufrüttelnd, gnadenlos (auch gnadenlos zärtlich), der genau das abbildet, vor dem die Augen allzu gerne verschlossen werden. AFFAIRS ist nicht umsonst eben jener Film, an dem sich die Karriere Wakamatsus gebrochen hat, der Film, der 1965 zur Berlinale eingereicht wurde (von einem deutschen Bewunderer des Films - nicht von Wakamatsu selbst!), obwohl die japanische Filmbewertungsstelle Eirin den Film noch nicht freigegeben hatte. Ein Film, der bald den Ruf des Skandalfilms innehatte, der eine nationale Schande sei. In der Folge verließ Wakamatsu die Produktionsgesellschaft Nikkatsu, für die er bis 1965 etwa 20 Filme gedreht hatte, und gründete seine eigene Produktionsfirma Wakamatsu Pro.

Inwiefern auf so einen wichtigen Film noch der Begriff "Exploitation" zutrifft, jenseits seiner niedrigen Budgetierung und dem filmhistorischen Umfeld, in dem er zunächst entstand, wäre möglicherweise fruchtbar zu diskutieren. Jede Form der Herablassung, ausgelöst durch die Begrifflichkeit "Exploitation" oder "Genre", ist völlig fehl am Platze gegenüber einem solch konzis kritischen, spannenden, genau getakteten und großartig inszenierten Meisterwerk. Unbedingt sehenswert.