Direkt zum Hauptbereich

Hong Kong International Summer Film Festival 2015: Piku (Shoojit Sircar, Indien 2015)


Man könnte natürlich ganz salopp und irgendwie provokant zum Besten geben, dass PIKU ein Film über Amitabh Bachchans Verdauung ist - schiebt er doch einen riesigen, angeschwollenen Bauch durch den ganzen Film und hat es sich als Hypochonder ganz gut eingerichtet. Ganz falsch liegt man damit nicht, und vielleicht sagt das auch etwas über den Starstatus gewisser Leute im indischen Kino aus. Er hat z.B. mit über 16 Millionen zwei Millionen mehr Follower auf Twitter als Shah Rukh Khan und zehn Millionen mehr als Tom Cruise. Aber eigentlich ist das Nicht-aufs-Klo-Können natürlich nur der Aufhänger, Dreh- und Angelpunkt für eine Komödie der autoritären Familienkonflikte, für ein Drama, in dem verschiedene Figuren Dinge lernen, ein Einsehen haben, vielleicht umdenken irgendwann.

Der Impuls kommt wie so oft (und schematisch) von außen: der Betreiber eines Taxiunternehmens (Irrfan Khan) treibt dem streitlustigen Alten (Amitabh Bachchan) den bengalischen Standesdünkel aus und empfiehlt sich so zugleich als eventueller Schwiegersohn für die Tochter, Architektin ihrerseits, die immerzu sehr auf Zack ist (nicht weniger großartig: eine herrische Deepika Padukone). Die drei Hauptdarsteller haben eine atemberaubende Dynamik miteinander, das ist alles tadellos gespielt und großartig inszeniert, mit lauten, schnellen Duellen und versteckten Blicken.

Im ersten Drittel sind die Wortgefechte allerdings so rasant geschnitten, dass man tatsächlich Mühe hat, überhaupt die Untertitel mitlesen zu können. Die Montage ist so dermaßen rasend, dass dem Zuschauer, der auf Untertitel angewiesen ist, manchmal das Filmbild flöten geht. Das ist ein bisschen schade, wird aber später besser, wenn das "Stilmittel Wortgefecht" etabliert ist und man weiß, wie sich die Protagonisten mit immer neu gefundenen Argumenten das letzte bisschen Nerv rauben. Für den Zuschauer ist das alles höchst unterhaltsam, die Szenen sind perfekt getimet, PIKU hat den ganzen Film über sowieso keinen einzigen Durchhänger.

Natürlich findet sich dann auch in PIKU das Derivat eines Liebesfilms, denn immerhin ist die Protagonistin schon 30 Jahre alt, und, wie der Vater gerne zum Besten gibt, beileibe keine Jungfrau mehr. Seitenhiebe auf standardisierte Bollywood-Themen finden sich zuhauf, Ironisierungen in großer Zahl. Etwa wenn der Vater gar nicht will, dass die Tochter heiratet, weil sich dann keiner mehr um ihn kümmert. Der Film aber baut Irrfan natürlich als möglichen Partner für Deepika auf, als Kontrahent zum Anwärter aus ihrem Büro, einem braven Unterstützer, der schnell überfordert ist, ebenfalls an Verdauungsproblemen leidet und somit ausscheidet als möglicher Kandidat. Unsexy. Ansonsten jongliert der Film noch mehrere Nebenerzählungen, vor allem was die Familiengeschichte angeht. Hier wird ein moderner Utilitarismus einem klassischen Bewahren von Traditionen gegenüber gestellt, und Deepika, die erfolgreiche Businessfrau aus New Delhi, muss entscheiden, ob sie dem Ruf ihrer bengalischen Wurzeln folgt. Das ist vom Drehbuch her manchmal etwas schematisch, aber dennoch höchst unterhaltsam. Und es gibt ja immer noch Irrfan, den verzweifelten Kopfschüttler, der sich das familiäre Desaster als Stellvertreter des Publikums von außen anschaut. Und sich entscheiden muss, ob er da wirklich ganz hinein will.

Michael Schleeh

***

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Strenge Kompositionen, die beschädigt werden: Jun Tanakas verstörender Horrorfilm BAMY (Japan, 2017)

Schon in den ersten Minuten wird vollkommen klar, wie souverän Jun Tanaka in seinem Spielfilm-Regiedebüt agiert: lange Phasen ausgedehnter Ruhe wechseln sich ab mit subtilen, dabei intensiven Störungen des allzu gewohnten Alltags. Ein Schirm, der plötzlich durchs Bild fliegt, ein alter Bekannter, der plötzlich auftaucht und schräg unter dem Kapuzenpulli hervorschaut sind Elemente schon ganz am Beginn des Films, die eine stark verunsichernde Atmosphäre erschaffen. Strukturell wird der Film zunächst über seine Kamerabewegungen definiert: eine senkrechte Achse (die Fahrt der Protagonistin im gläsernen Fahrstuhl) wird um eine waagerechte Achse (der Weg über den Vorplatz) ergänzt, was dem Film den Eindruck einer genau durchdachten Konstruiertheit und somit  Zielgerichtetheit zugrundelegt, die durch das Element des herabfallenden Schirms aufgebrochen wird. Strenge Kompositionen, die beschädigt werden. Geometrien. Bild-Ton-Scheren. Außerdem erklingen auf der Tonspur urplötzlich abstrakte …

In Bong Joon-hos OKJA (2017) rettet die Liebe eines Mädchens zu seinem Hausschwein eine kleine Welt

Am Beginn von OKJA, Bong Joon-hoos neuestem creature feature für netflix, öffnet sich die koreanische Landschaft auf die schönste Weise. Man staunt über die grünen Hügel und Wälder, die steilen Schluchten und Täler, die einen großen Kontrast setzen zu den allerersten Minuten des Films im Herzen der zubetonierten Metropole Manhattans. Dort nämlich befindet sich die Mirando Corporation, ein Nahrungsmittelhersteller, der mittels Gen-Food seinen Aktienindex hochjubeln möchte. Dazu braucht es Fleisch. Viel Fleisch, und besonders leckeres. Und viel kosten darf es auch nicht. Deswegen werden Riesenschweine gezüchtet (optisch geht das Richtung Seekuh), die Qualitätsfleisch versprechen. Eines der Versuchsschweinchen durfte in den Wäldern und Bergen Koreas aufwachsen, und es ist freilich das Prachtexemplar schlechthin, das dem Film den Titel gibt. Möglicherweise ist es aber vor allem die Liebe, die das Tier erfahren hat, das es so gut gedeihen ließ. Geliebt wird es heiß und innig von dem 13-j…

Wenn die Festplatte raucht: GANTZ:0 - ein Computerspiel getarnt als Film (Yasushi Kawamura & Keiichi Sato, Japan 2016)

"We are stuck in an endless survival game!"
 Im Funkenflug löst sich das Ich auf: rausgebeamt aus dem Spielfeld, in diesem Fall die berühmte Shibuya-Kreuzung (weil: drunter geht's nicht), als das Monster mit dem Tentakelkopf erledigt ist. Der Tote bleibt zurück, die Überlebenden dürfen ins nächste Level vordringen. Nach dem Vorspann, der eigentlich keiner ist, weil nur der Filmtitel eingeblendet wird: next stop: Osaka! Dort sind weitere Monster gesichtet worden, dort muss man sie nun bekämpfen. Freilich auf der Brücke in der Fußgängerzone, in Dotonbori, vor dem Hintergrund der berühmten Werbetafelfeuerwerke (weil: drunter geht's nicht).
 Ein Film, der nicht mehr aussieht wie ein Film, sondern wie ein Computerspiel. Künstliche Charaktere mit Stimmen von Menschen. Alles präzise gesteuert, sogar das Wippen der Brüste im Kampfdress völlig CGI-verseucht. Alles designt, noch viel künstlicher als in den beiden GANTZ - Teilen zuvor. Die Kämpfe haben freilich auch nichts mit…