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Mittwoch, 18. Dezember 2013

Azooma / A Fair Society / Gongjeongsahoe (Lee Ji-seung, Südkorea 2013)


Nicht nur, aber gerade in den letzten Jahren hat sich das Filmland Südkorea besonders mit seinen Rache-Thrillern hervorgetan - zumindest was die internationale Wahrnehmung betrifft. AZOOMA ist ein weiterer Vertreter dieser Gattung, einer, der in seiner formalen Struktur, in den verschiedenen Ebenen der korrespondierenden Flashbacks recht kunstvoll verschachtelt ist, und der über diese Verknüpfungen sukzessive die Hintergrundstory aufblättert.  Das zentrale Sujet des Filmes ist brisanterweise ein Kindesmißbrauch, genauer: die zehnjährige Tochter Yeon-ju (Lee Jae-hee) der Protagonistin Yoon Young-nam (Theaterdarstellerin Jang Young-nam in ihrer ersten Hauptrolle, die aber auch schon in A WEREWOLF BOY, THE NEIGHBOR oder HINDSIGHT überzeugen konnte) wird eines Tags nach der Schule von einem vorbeikommenden Autofahrer entführt und missbraucht. Schwer traumatisiert überlebt sie die schrecklichen Ereignisse, doch als die Mutter die schleppenden Ermittlungen der Polizei anschieben will, stößt sie auf merkwürdige Hindernisse.

Ihr geschiedener Gatte und Vater des Kindes etwa wiegelt immer wieder genervt ab, er verlustiert sich lieber mit seiner neuen Assistentin und meint, das Kind würde die Sache schon vergessen. Der ermittelnde Inspektor Ma (Ma Dong-seok) hat angeblich zuviel um die Ohren, und sein Telephon klingelt tatsächlich auch die ganze Zeit, als dass er sich in ausreichendem Maße um diesen Fall kümmern könnte. Es dauert eine Ewigkeit, bis einmal eine Psychologin sich des Kindes annehmen darf, zuvor wird sie von den schwer empathielosen Ermittlern zur Sache gelöchert. Oder als Azooma den Täter wiedererkennt und ihn durch die schmutzigen Seitengassen Seouls verfolgt, kommt ihr nicht nur niemand zuhilfe, sondern die eintreffenden Polizisten halten sie für eine durchgedrehte Ziege.

Wie der ironische Titel A FAIR SOCIETY bereits andeutet: fair ist hier gar nichts. Und so geht es dem Film offensichtlich nicht nur um das schmutzige Geschäft eines kleinen Revenge-Thrillers, sondern um mehr. Es geht darum, wie die Gesellschaft unliebsame Ereignisse beiseite schiebt oder unter den Teppich kehrt. So wird an mehreren Stellen thematisiert, dass eine Verhaftung bei solcher Beweislage sowieso nichts bringen würde, dass selbst bei einer Verurteilung der Täter bald wieder frei käme und dergleichen mehr. Vor diesem Hintergrund ist auch das intensive Spiel der Protagonistin zu sehen, die zunehmend hysterischer wird - und damit immer mehr auf sich selbst gestellt ist und zugleich ins Abseits rückt. Mit ihr will bald schon keiner mehr zu tun haben. Anstatt der Ermittlung zu helfen, schadet sie ihr, wenn sie ihr Recht einfordert. Der Begriff Azooma bezeichnet wohl auch nicht nur ein verheiratete, mittelalte Frau, sondern ist pejorativ konnotiert. Der Haupttitel, unter dem der Film firmiert, bezeichnet somit den Blick von außen, wie die Protagonistin von den anderen Figuren gesehen wird.

Der Film gilt als engagierte Kleinproduktion und es ist beachtlich, wie souverän des Debut Lees ausgefallen ist. Aber der Mann ist kein Neuling im Business, er ist einer der Produzenten des Tsunami-Katastrophen-Blockbusters HAEUNDAE. Gleichwie: Sein Ziel verfehlt er dennoch. Denn die eigentliche Rachhandlung, die die letzten zwanzig Minuten einnimmt, ist eine groteske, überdeutliche Gewaltorgie, die in ihrer expliziten Darstellung für einige Magenverstimmungen zum Beispiel beim Internationalen Filmfestival in Busan gesorgt haben dürfte. Wie hier die Kamera draufhält, ist schon sehr, ja, geschmaklos - und das ist besonders enttäuschend, da die potentiell schwierig abzubildenden Missbrauchsszenen des Kindes zuvor dezent gelöst worden waren. Sehr ärgerlich ist das, wenn dann der Film am Ende so draufhaut, und das ohne Mehrwert. Vermutlich hat man hier zynischerweise auf die Marktwirksamkeit des Schocks gesetzt, und damit diesen durchaus ambitionierten Film kaputt gemacht. Schade.

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Sonntag, 15. Dezember 2013

Fukrey (Mrighdeep Singh Lamba, Indien 2013)


FUKREY ist eine indische Slacker-Komödie, in der vier mehr oder weniger gut miteinander befreundete, dafür aber permanent in Geldnöten schwebende Tagediebe und Hinterbänkler sich das Geld für das Zulassungsexamen an einem College in Delhi zusammenschwindeln wollen. Genauer: sie wollen über den Pförtner Pandit an die geleakten Prüfungsfragen herankommen, denn: innerhalb des Colleges ist alles, was sie sich erträumen... reiche und schöne Menschen, die heißesten Frauen, Autos und Privilegierte. Das Studium interessiert sie wenig, sie haben ordentlich Flausen im Kopf.

Nachdem der Film am Startwochenende sehr schleppend anlief, entwickelte er sich in den indischen Kinos zum veritablen Hit; und das, wie man liest, aufgrund der Begeisterung der Zuschauer, die den Film erst im Laufe der Zeit entdeckten und er sich über Mundpropaganda zum Hype auswuchs. So sehr, dass er wieder in den Spielplan aufgenommen wurde und dann einschlug und mittlerweile wohl auch ein Computerspiel zum Film entwickelt wurde. Jedoch, mir will der Film nicht besonders gefallen.

Zwar kann man ihm zugutehalten, dass er vier charakterlich recht verschiedene Charaktere einführt (der Womanizer Hunny, der immer den Hemdkragen hochstellt, ein Trottel im Karohemd mit offenstehendem Mund (Choocha), ein verhinderter Liedermacher namens Zafar, der stets traurig den Boden inspiziert, und der unterdrückte Sohn Lali eines Sweet-Shop-Besitzers mit ernsthaften Bestrebungen zum Wirtschaftsstudium), jedoch finden diese wie nach Schablonen ausstaffierten Figuren alle erst nach und nach zueinander, was dem Film einen recht schleppenden Einstieg verpasst. Bis es richtig losgeht, ist schon die erste Stunde um. Und wenn es rollt, ist Intermission. Der Film erlaubt sich außerdem die üblichen Digressionen in hundert und eine Richtungen, Seitenplots mit Liebe (die schöne Priya) und Verzehrung, in denen amouröse Avancen auf Lenkdrachen geschrieben werden, und wo man sich bei einem Seitenblick vom fahrenden Mofa aus bereits unsterblich verlieben kann. Oder der gestrenge Vater, der stets aufbrausend seinen Bart richtend kurz vor dem Herzinfarkt seinen Sohn mit Ermahnungen und Ratschlägen zermürbt. Klar, dass man da irgendwann raus möchte, und nicht bis ans Lebensende braunen Plastiktellermatsch für ein paar lausige Rupien verkaufen will. Einen Ausweg scheint eine kapitalträchtige Gangsterbraut zu bieten, die auch einen eigenen, vollverspiegelten Fitnessraum besitzt, wo sich das Licht im schweißnasse Dekolleté in tausend Schweißperlen glitzernd bricht.

Die todsichere Idee der Knallköppe ist so beknackt wie oft der Film selbst: der Trottel hat die Fähigkeit, Lottonummern zu erträumen (!) - und den Jungs fehlt's halt am Kapital, mal richtig abzuräumen. Den Rest kann man sich denken: man lässt sich mit den falschen Leuten ein, der bösen Mafia in diesem Fall. Und das kann ja dann nur nach hinten losgehen: I'll shove my hand up your behind and grab twice as much! faucht die bezaubernde Richa Chadda sehr überzeugend als verführerisch toughe Gangsterin Bholi Punjaban. Klar, da bekommen die vier Jungfrauen weiche Knie. Das gilt auch für die formale Seite des Films: ein bißchen mehr Zug im Plot hätte FUKREY definitiv nicht geschadet, so wirkt der ganze Film doch stark fragmentiert, selbst wenn einen die Handlung nicht gerade überfordert. Höhepunkt des Stumpfsinns ist dann der Besuch einer Techno-Party, auf die Helden Pillen dealen sollen. Allerdings gibt es da dann endlich die erste richtige Song&Dance-Szene.
Ansonsten hat der Film aber auch Positives zu bieten: ein gewisses Maß an Hingabe ist zu spüren, das sich in immer wieder aufblitzenden ernsteren, kleineren Details äußert; oder das tolle Lokalkolorit der Nebenstraßen und Gassen, sowie die Atmosphäre, die in der Enge der Stadt und über den Hausdächern eingefangen wird; die shaky-Cam, die versucht etwas Dynamik in den bisweilen trögen Plot zu bringen. Viel Bohei - und nicht viel dahinter. FUKREY ist ein leider nur im Ansatz vergnüglicher Timewaster. Mit Pulkit Samrat, Ali Fazal, Richa Chadda, Manjot Singh, Priya Anand (überzeugend, leider in zu kleiner Rolle) und Varun Sharma.

Michael Schleeh

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Freitag, 13. Dezember 2013

Brothers and Sisters of the Toda Family / Todake no kyodai (Yasujiro Ozu, Japan 1941)


Zum 110. Geburtstag Yasujiro Ozus habe ich mir gestern diesen mir noch unbekannten Film Ozus gegönnt, einer, der gemeinhin als Übergangsfilm, als einer seine beiden wartime films gilt, zwischen seinen beiden großen Werkphasen also, die frühe von 1927-1937, die späte von 1947-1962. Man freut sich am Schluß mit dem Film, wenn nach der turbulenten Anfangsphase der ersten Stunde die Ruhe einkehrt, der Film sich von den großen Personengruppen auf die kleinen fokussiert, das Gesprächsvolumen abgenommen hat, die kleinen Anekdoten verstummen, die Hauptfiguren mehr Raum bekommen und am Ende die Harmonie nach einer bitteren Auseinandersetzung zumindest teilweise wieder hergestellt ist. Schön, dass der recht sympathische aber unstete Held der Geschichte, Shojiro Toda (ein junger, attraktiver Shin Saburi), einer der Söhne des alten Toda den Mumm hat, sich nun gegen seine Geschwister durchzusetzen und seinen Weg gefunden hat. Und auch schön, dass die sympathischen Figuren zusammenhalten: die Tochter Setsuko (Mieko Takamine) und die Okasan, gespielt von Ayako Katsuragi.

Doch um was geht es überhaupt in diesem Gendai-geki? Die noble und wohlhabende Familie Toda begeht einen Familientag, den 69. Geburtstag des Vaters, an dessen Ende der betrunkene Patriarch einen Herzanfall erleidet und plötzlich verstirbt. Er hinterlässt alles seinen Kindern, was aber leider kein Segen ist, da sich in den letzten Jahren immense Schulden angehäuft hatten. Es stellt sich heraus, dass die einzige Option, die Schulden zu begleichen die ist, das Haus und alle Besitztümer zu veräußern, auch die große Kunst- und Antiquitätensammlung des Vaters. Darauf einigt man sich recht schnell und überraschend pragmatisch, der emotionale Verlust des zentralen Orts der eigenen Biographie, des Elternhauses sowie des Familienerbes scheint sich in Grenzen zu halten. Überhaupt merkt man recht schnell, dass der familiäre Zusammenhalt zwischen den (schon lange erwachsenen) Erben und deren eigenen Familien nicht besonders groß und liebevoll ist; die unterschwelligen Spannungen beginnen sich zu zeigen. Shojiro, der als schwarzes Schaf der Familie gilt, verkündet sogar, dass er beruflich ins Ausland geht, nach Tianjin in China, um dort einen Neuanfang zu wagen. Die Mutter und Setsuko, die mit der Begleichung der Schulden ihr Zuhause verlieren werden, sollen bei den Familien der Kinder unterkommen.

Dass der Film von Masters of Cinema/Eureka in ihrer Dual Format-Edition als companion piece zum bekanntesten Film Ozus gepackt wurde, zu TOKYO MONOGATARI, ist kein Wunder, stehen sich doch die beiden Filme thematisch sehr nahe (wie auch THE END OF SUMMER (1961) oder dem frühen A MOTHER SHOULD BE LOVED von 1934, aber den kenne ich noch nicht). Denn im weiteren Verlauf zeigt sich, dass Mutter und Tochter eben keinen neuen Platz zum Leben finden. Man erträgt sie gezwungenermaßen, aber keiner nimmt sich für sie Zeit. Hinter einer Maske der Höflichkeit werden sie zwar eingeladen, zu bleiben, doch werden sie nicht in die jeweilige Familie integriert. Man behandelt sie als Gäste, die irgendwann schon wieder abreisen werden und lässt es sie spüren, indem man Tagesabläufe plant, in denen sie nicht berücksichtigt werden. Kein Wunder kommen sich die beiden wie Störenfriede vor, und bald schon planen sie in das heruntergekommene Wochenendhaus der Familie zu ziehen, das ihnen noch geblieben ist - es hatte sich als unverkäufliche Ruine herausgestellt. 

Als dann schließlich Shojiro aus China zurückkehrt und von den Zuständen und der Respektlosigkeit gegenüber der Mutter und der Schwester erfährt, spricht er am ersten Todestag des Vaters, zu dessen Ehren die Familie sich erneut versammelt hat, ein Machtwort. Shojiro ist im Ausland zum Manne gereift, übernimmt Verantwortung und weist seine Brüder und Schwestern zurecht. Sein Angebot, die beiden Heimatlosen mit nach China zu nehmen wird nach erstem Zögern gerne von ihnen angenommen, was zugleich eine Ohrfeige für den Rest der Familie darstellt. Die japanische Familie, die in Japan ihren Platz verliert, muss ins Ausland. Hier nun lässt sich auch nicht mehr mit Begriffen wie Tradition versus Moderne argumentieren - wie das in der Filmwissenschaft gerne mit TOKYO STORY gemacht wird und die in der Regel den verschiedenen Personengruppen zugeschrieben werden, nein, in BROTHERS AND SISTERS OF THE TODA FAMILY ist das Problem ambivalenter. Es stellt sich die Frage, wer letztlich überhaupt die moderne Familie in diesem Film ist: diejenige, die den traditionellen Werten keine Wertschätzung mehr entgegen bringt? Der Film konstatiert nur einen Verfall der Werte und gibt den Familien aber keinen oder kaum einen Raum für ein eigenes Profil; man kann also gar nicht so einfach behaupten, sie übernähmen "westliche". Oder diejenige, die die alten Werte zu bewahren sucht und sich aber zugleich dem Neuem zuwendet, und dafür sogar ins Ausland geht?[*] Shojiro, die Mutter und Setsuko jedenfalls geben diesem Film, einem Film der Kriegszeit, in der die Filme voll waren von Durchhalteparolen und Patriotismus, der der japanischen Gegenwart der 40er Jahre ein zwar nicht ausschließliches, aber dafür ebenso ein bitteres Zeugnis ausstellt, am Ende eine positive Wendung, die sich aus dem Individualismus und der Stärke, der sympathischen Empathiefähigkeit Shojiros speist. Und dann ist der Film, der nur ein kurzer Ausschnitt aus dem Leben dieser Leute ist, der einen kleinen Einblick uns erlaubte, einfach vorbei. Happy Birthday, Ozu-san!

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[*] Anmerkung: Ein etwas komplexeres Thema und in einem längeren Text wäre dieser Aspekt sicherlich einer genaueren Betrachtung wert; in obiger Form meine ich das rein persönlich/individuell auf den Protagonisten gemünzt. Diese Sichtweise wird unterstützt von der Aussage Ozus, immer Filme aus dem Mikrokosmos Familie heraus gemacht zu haben, die Gesellschaft an sich habe ihn nicht interessiert. Zu Kriegszeiten ist das natürlich nochmal ein spezieller Fall, schon wegen den Vorgaben, der Zensur usw. Tianjin war bis 1945 unter japanischer Besatzung und schon seit langer Zeit neben Shanghai einer der wichtigsten Handelshäfen.

Sonntag, 8. Dezember 2013

Century of Birthing / Siglo Ng Pagluluwal (Lav Diaz, Philippinen 2011)


Am Ende, da löst sich alles in Tanz auf. Diejenigen, die ihren Platz im Gefüge verloren hatten – die wahnsinnig gewordene Schwangere und der Regisseur, der sich in einem jahrelangen Schneidemarathon seines letzten Filmes verloren hat – erobern sich den Raum zurück als zwei um sich selbst drehende Fixpunkte, die, sich gegenseitig erkennend, ins Jauchzen geraten. Ein kurzer Moment der Erfüllung ist das, oder, weil das Thema Religiosität in diesem Film zentral ist, vieleicht auch überhöht und erhabener formuliert: ein Moment der Erlösung. Bevor dann in der letzten Einstellung der Regen auf die Dächer der Hütten und Häuser plattert, so wie er es immer tut und der Raum freigegeben wird für die nächste Erzählung, die nächste Geschichte, den nächsten Film.

 Sechs Stunden später also, ganz am Ende von Lav Diaz’ A Century of Birthing steht der Neuanfang. Und das ist nicht das Einzige, was in diesem Film geboren wird (werden soll) – womit der Film, der mir im Vergleich zu anderen Werken, die ich von Diaz kenne, eine merkwürdig runde Form aufweist und damit eine gewisse Geschlossenheit und Harmonie suggeriert. Auch wenn diese Gestaltetheit in sich wieder eine Offenheit birgt; denn vielleicht sind die Figuren nun vollends dem Wahnsinn anheim gefallen (aber vor solchen großen, überhöhten Gesten muss man sich hüten). Eine Offenheit jedenfalls, die auch der Zuschauer mitbringen muss, wenn er sich einem solchen Mammutfilm ausliefern möchte – und auch klar, Diaz kann natürlich noch viel länger, auch doppelt so lang. Century of Birthing, den man sich neulich bei mubi in voller Länge im Stream anschauen konnte, gehört also zu seinen mittellangen Werken und wäre schon deswegen “gut für Einsteiger” geeignet. Man scheint Angst, oder zumindest Respekt zu haben vor einer solchen Filmlänge, die einem nicht nur Sitzfleisch, sondern, ja: Lebenszeit ab- und auch einfordert. Zwei Zeiteben, die sonst getrennt sind im Kino und nur im besten Falle aufgehoben werden, verschmelzen miteinander (und noch viel weiter sind sie in der Regel zuhause von einander getrennt, wo man gerne mal mit der Fernbedienung spielt). Persönliche Zeit wird bei Diaz Zeit mit dem Film, und der Film spürbar zum Teil der eigenen Lebenszeit...


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Sonntag, 1. Dezember 2013

Live Today, Die Tomorrow / Hadaka no Yûkyûsai (Kaneto Shindo, Japan 1970)


Das ist ein Straßenfilm. Dreckig, rauh und rüde. Wo ist Shindos Eleganz? Nirgends. Wie mit Bauklötzen werden hier einzelne Szenen aneinandermontiert, Handlungsabschnitte mit einem Schweißbrenner zu einem Spielfilm zusammengeschmolzen. Geschwitzt wird viel in den heißen Tokyoter Nächten, wenn die jugendlichen Protagonisten aus den Jazzbars taumeln und die Schlägerei mit einem Gaijin bevorsteht, einem hünenhaften schwarzen GI, der die japanischen Buben haushoch überragt. Aber sie wollen das, und Kaneto Shindo macht das hier wie in einem Sun Tribe-Film, sie wollen rasen, und die eigene Vergangenheit vergessen. Blutend legen sie sich zwischen die Beine ihrer Freundinnen, die vom nächtlichen Anschaffen zurückkommen, ausgelaugt und ohne Lächeln. Sie drängen sich auf, das letzte Aufdrängen für diese Nacht, das noch erduldet werden muss, vielleicht kommt ja auch der Spaß zurück. Die Syphilis hält keinen davon ab, sich ein Stück davon zu nehmen, was ihm immer vorenthalten wurde. Manche werden dabei Gangster, manche Tote. Und immer liegt man im eigenen Schweiß.

Ein Schweiß, der die eigene Herkunft vergessen lässt. Der Protagonist nämlich stammt von hoch aus dem Norden, aus Abashiri, dort wo es das berühmte Gefängnis gibt - weiter weg von Japan geht es in Japan eigentlich nicht. Dort wird es im Winter kalt, so kalt, dass die ärmliche Familie zu erfrieren droht, und freilich: zu verhungern. Sie haben zu viele Kinder, die kann man nicht alle durchbringen, und der Vater taugt sowieso nichts. Verschwindet einfach für Tage, Wochen, lässt sie alleine sich durchschlagen, versäuft, verhurt, verspielt das bisschen Geld. Aber die Mutter nimmt ihn immer wieder auf. Als dann gar nichts mehr geht,  da zieht sie in den Süden, zur Apfelernte, und lässt die älteste Tochter zurück mit Michio, dem Protagonisten. Dieser muss mit ansehen, wie sie erst von einem Bauern vergewaltigt wird, da sie etwas Geld leihen soll. Und auf dem Rückweg durch den Wald wird sie von sechs Schulbuben aufgegriffen und niedergerungen, die sich ebenfalls auf sie stürzen. Michio kann nur dabeistehen, er ist noch zu klein um sie zu verteidigen. Als er mit der Schwester zurückkehrt, ist sie bereits wahnsinnig geworden und überreicht der Mutter mit irrem Lachen eine Spielkarte.

Aber eigentlich spielt der Film in Tokyo, dorthin wo die Jungen vom Lande verschachert werden. Aus den ländlichen Gebieten in die Betriebe der großen Städte, dort wo Arbeit, Geld, die Mädchen locken. Das bessere Leben. Diejenigen, die Arbeit haben, rackern sich aber zu Tode. Und die, die immer wieder abhauen, landen in den Amüsiervierteln und in der Halb- und Unterwelt. Michio ist ein Davonrenner, der sich bald in eine kleine Nutte verliebt. Er hat auch eine schwarze Kanone, die er immer dann einsetzt, wenn er in Bedrängnis gerät. Da wird auch mal ein Taxifahrer erschossen, weil man kein Geld hat. Bald landet er in der Zeitung, der durchgedrehte jugendliche Killer. Shindo schneidet Zeitungsschlagzeilen hinein, plötzlich gibt es einen Voice-over, der Film ist ein anderer, semidokumentarisch. Stilbrüche gibt es am laufenden Band. Und dann die tollen Szenen der Zengakuren (die linksradikale studentische Protestbewegung), die ANPO-Proteste auf den Straßen Tokyos. Wahnsinn, wie Shindo das hier filmt. LIVE TODAY, DIE TOMORROW ist ein wilder Film, irgendwo zwischen Oshima und Kurahara. Olaf Möller schreibt, das sei die mittlere Werkphase Shindos, die so düster sei und anders. Wer Shindo nur, so wie ich, von seinen großen bekannten Filmen wie ONIBABA, KURONEKO, CHILDREN OF HIROSHIMA oder NAKED ISLAND her kennt - hier kann man einen ganz anderen Kaneto Shino entdecken.

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Freitag, 29. November 2013

The Complex (Hideo Nakata, Japan 2013)


Die Schwesternschülerin Asuka (Atsuko Maeda) zieht mit ihren Eltern in einen seltsam heruntergekommenen Apartment-Komplex, der sich in einem der Vororte Tokios befindet, und über den sie kurze Zeit später von ihren Mitschülerinnen erfährt, dass es ebendort spucken würde. Und abgesehen davon, dass die ganze Anlage häufig merkwürdig entvölkert wirkt, scheint da eine tiefe Stille vorzuherrschen. Aber, man hört den Wind, die Sonne berührt das Gesicht der Haut, wenn man über den Spielplatz geht. Dort freundet sie sich mit einem Nachbarsjungen an, der sich zunächst vor ihr fürchtet, dann aber Zutrauen fasst. Morgens wird sie von einem Weckerläuten wachgerüttelt, das kommt von nebenan. Doch dort wohne nur ein einsamer, alter Mann, sagt man ihr. Irgendwann hat sie es aber satt, dass man ihn nicht zu Gesicht bekommt und geht einfach hinein in diese zugemüllte Höhle voller Schatten und dicker Gerüche. Dort findet sie ihn, eine ausgetrocknete, leblose Hülle, was einst ein Mensch war, der sich durch die Wand kratzen wollte – wohl zu ihr selbst hinüber, aus Angst vor dem kommenden Tod.

Dann aber verschiebt sich der Horror nach innen, ins Psychologische. Ist es doch nur Asuka, die sich all das ausdenkt, phantasiert, traumatisiert, geschädigt von einem Erlebnis aus der Kindheit? Ist es eine Schuld, die sie mit sich herumschleppt? Immer wieder werden schnelle Bilder eines Autounfalls dazwischengeschnitten, die darauf hinweisen, dass hinter der Sache, die wir im Film zu sehen bekommen, noch eine weitere Ebene lauert – eine womöglich schrecklichere, die sich in die Wirklichkeit hinein Bahn brechen wird?


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Dienstag, 26. November 2013

Les Liaisons Érotiques / Erotic Liaisons / Erotikku na Kankei (Kôji Wakamatsu, Japan 1992)



Der Eifelturm ist in diesem Film zwar nicht das Zentrum der Lust, aber doch dreht sich hier alles um (auch frivole) Abenteuer in Paris. Mit Choderlos de Laclos Roman Gefährliche Liebschaften hat der Film aber überhaupt nichts gemein; Wakamatsu stellt sogar eine Vorrede ganz an den Anfang des Films, in der eine Sprecherin wie eine TV-Ansagerin den Film audrücklich und humorvoll von jedem klassischen Stoff distanziert und zudem betont, dass hier einen Film vorliege, der, ein ironischer Seitenhieb, überhaupt nichts für Intellektuelle oder gar Filmfestivals sei, schon gar nicht für Cannes.

Ein ungleiches japanisches Pärchen im Exil (Rie Miyazawa und Yuya Uchida, der auch die Hauptrolle in A POOL WITHOUT WATER spielte) betreibt in Paris eine Detektei, in der sie sich jedoch mangels Aufträge recht ordentlich langweilen. Sie verdingt sich pflichtbewußt häufig als Fremdenführerin, damit überhaupt etws Geld in die Kasse kommt, er legt bevorzugt die Beine auf den Schreibtisch. Doch plötzlich taucht der millionenschwere Geschäftsmann Okuyama (Takeshi Kitano) mit einem Auftrag auf: es geht um seine französische Geliebte, von der er glaubt, dass sie ihn betrügt. Die Privatdetektive sollen sie naturgemäß überwachen und sie der Nebenbuhlerei überführen. Kishin übernimmt den Auftrag und gerät schnell in Schlamassel: er verliebt sich in die schöne Französin. Rie macht es aber auch nicht viel besser, sie verknallt sich nämlich in den nonchalanten Auftraggeber Okuyama, der sie mit Geschmeide und Brillanten eindeckt.

EROTIC LIAISONS ist ein schelmenhafer Krimi-, Detektiv- und Gangsterfilm-Romp durch die schöne Stadt Paris, die Wakamatsu auf bezwingende Art einzufangen weiß. Zwar klappert er alle touristischen Ziele nacheinander ab (was doch etwas ermüdend ist), aber beinahe immer gelingt ihm ein spezieller Blick, eine stimmungsvolle Atmosphäre, eine ungewöhnliche Einstellung. Da wünscht man sich, dass er einmal eine deutsche Stadt inszeniert hätte; ob das eben auch möglich wäre, so einen Großstadtfilm in Deutschland zu drehen (vgl. TOTE TAUBEN IN DER BEETHOVENSTRASSE von Samuel Fuller (1973) oder Andrzej Zulawski mit POSSESSION (1981)). Jedenfalls, EROTIC LIAISONS ist ein deutlich an den Mechanismen Hollywoods orientierter Mainstreamfilm mit zwei oder drei großen Stars in den Hauptrollen; Uchida der Rockstar, und Rie Miyazawa, die damals als Sängerin und Schauspielerin, als "Multitalent" durch die Medien gereicht wurde. Japan war verrückt nach ihr, und sie verrückt danach, irgendwie in die Presse zu gelangen. Kein Wunder, dass sie die Chance ergriff, bei Pinku-Legende Wakamatsu in einem scheinbar erotischen Film in der "Stadt des Lasters" mitzuspielen, der dann von ihr allerdings keinen einzigen Zentimeter nackte Haut zeigte. Überhaupt hält sich der Film sehr zurück mit seinem erotischen Content - er schaut sich eben, wenig spektakulär, wie eine Kriminalfilmkomödie mit ein paar dekadenten Ausreissern (Jasper Sharp weist auf einen damaligen Trend hin, erotische Filme zu produzieren, die letztlich überhaupt nicht erotisch waren, und führt als Beispiel BODY OF EVIDENCE mit Madonna an). LES LIAISONS EROTIQUES kann aber letztlich dennoch gefallen, auch wenn sein allzu locker geknüpfter Plot den Zuschauer nicht wirklich mitzureißen vermag. Rie Miyazawa ist sehr charmant und sie macht ihre Sache gut, wie auch Kitano, bei dem man nie genau weiß, ob er nun der ordentliche Businessman mit dunkler Seite ist, oder schon der Yakuza mit einem guten Herzen. Uchidas Verhängnis, sich an die langbeinige Französin verloren zu haben, ist sicherlich für die meisten männlichen Zuschauer ebenfalls ohne Weiteres nachvollziehbar, und Rie Miyazawas Versuche, ihn aus dieser Falle zu befreien, durchaus bezaubernd. Doch, so übel ist der Film gar nicht.





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Freitag, 15. November 2013

A Pool without Water / Mizu no nai puuru (Kôji Wakamatsu, 1982)


Überdeutlich ein Film der 80er Jahre: körnige Farbflächen, Neonlicht, Großstadt. Melancholische Synthieflächen zu den Gesichtern von Menschen, die sich in sich selbst zurückgezogen haben. Da ist ein Familienvater, der den Alltag nicht mehr erträgt: er arbeitet bei den Verkehrsbetrieben, steht den ganzen Tag am Eingang zur U-Bahn und muss Fahrscheine entwerten. Auf dem Screenshot oben sieht man seine Hand mit dem Locher, den er in rasender Geschwindigkeit und in panischen Rhythmen zusammenklackert, ein Stakkato zur elegischen Hintergrundmusik. Ein sprechendes Bild ist das: äußerlich scheint er völlig ruhig zu sein und abgetaucht in die Monotonie seiner endlos öden Arbeit - dieses Detail aber offenbart, wie sehr er innerlich aufgeladen ist.

Diese Spannung überträgt sich bald auf die Handlung und findet ein Ventil - mehrfach wird er Zeuge, wie verschiedene Menschen, meist Frauen, Opfer von Rücksichtslosigkeiten, rüpelhaftem Benehmen oder gar körperlicher Gewalt werden. Da ist er dann der Mann, der rot sieht, und für Ordnung sorgt. Oder sorgen will, oft genug bekommt er selbst eines auf die Mütze. Seine Familie vernachlässigt er immer mehr, bald ist er auch abends und nachts unterwegs. Da begegnet er zwei Frauen nacheinander, die er zum Schutz nach Hause bringt - sie wohnen zufällig zusammen und eine der beiden scheint an ihm interessiert. Er kommt öfters vorbei und kontrolliert, ob sie auch die Türe verschlossen haben, oder ob das Fenster offensteht. Wie es dann so kommen muss mit der Obsession kippen diese leicht übergriffigen Handlungen und machen einem Begehren Platz, das sich nimmt, was es will. Mit Chloroform beginnt er zu experimentieren und setzt die Mädchen in einen unfreiwilligen, ohnmächtigen Tiefschlaf. Mit einer Atemmaske geschützt, besteigt er dann seine Opfer (vier Jahre vor David Lynchs BLUE VELVET). Diese wissen am nächsten Morgen nicht, wie ihnen geschehen ist - vor allem steht merkwürdigerweise ein liebevoll zubereitetes Frühstück auf dem Esstisch...

Wakamatsu gelingt es immer wieder, den Zuschauer herauszufordern. Könnte man zunächst noch denken, dass bei einem Regisseur, der mehrere Dekaden in der japanischen Sexfilm-Industrie gearbeitet hat, der Plot nur ein Alibi sei um gesichtslose Rammelsequenzen zu verknüpfen, so belehrt einen A POOL WITHOUT WATER  ein weiteres Mal eines Besseren (und die ganzen vorigen Reviews hier auf der Seite sollten das ebenso verdeutlicht haben). Zunächst einmal sieht der Film unglaublich gut aus in seiner Großstatdt-Tristesse, die offenkundig Ausdruck der inneren Verlorenheit der Hauptfigur zu sein scheint. Dann hat man es hier tatsächlich mit einem sich entwickelnden Plot zu tun, einer konkreten Handlung, sowie einer charakterlichen Entwicklung der Hauptfigur. Am meisten vor den Kopf stößt vermutlich die Fürsorglichkeit des Vergewaltigers - so grotesk das klingen mag. Außerdem werden seine Taten nicht unter einer Plüschdecke des Weichzeichners beschönigt, die das Geschehen auf irgendeine perfide Art romantisieren würde. Gleichwohl aber sieht man einen Mann, der seine "Bestimmung" findet, da er es wagt, seinen Trieben nachzugehen. Die Sexszenen werden dabei völlig unerotisch abgebildet, schon viel eher sind seine photographischen Bestrebungen bemerkenswert. Auch im Sinne des Tabubruchs. Auf geradezu liebevolle Weise arrangiert er die bewußtlosen Mädchen vor der Linse seiner Kamera zu erotisch bizarren Tableaus um kunstvolle Photos zu machen, die dann auch von Wakamatsu als schöne Arrangements eingefangen werden (und die dann der Zuschauer goutiert).

Der Regisseur freilich bewertet erstmal nichts. Er begnügt sich damit, abzubilden und zu konfrontieren. Würde er einen moralischen Standpunkt zum Gezeigten einnehmen, wäre der Zuschauer an der Hand genommen und wüßte, wie er sich verhalten soll oder könnte. So bleibt also immer die Frage, weshalb man sich diesen Film denn eigentlich gerne anschaut. Das ist die Verunsicherung, auf die Wakamatsu abzielt. Aber ganz auf jeden Kommentar verzichtet er dann doch nicht - eine Ursache liegt, laut Film, zweifellos in der japanischen Gesellschaft, die dem einzelnen Bürger ein strenges Korsett anlegt, welches ihn dazu verdammt, ein ödes Leben zu führen das alle Leidenschaften unterdückt. Der Pool ohne Wasser ist dabei das allegorische Zentrum des Films, ein Ort, an dem der Täter mehrfach eine der beiden Protagonistinnen trifft. Es ist ein Ort, der seine Bestimmung verfehlt und ohne Nutzen ist, ein kalter Ort wie aus einer anderen, überweltlichen und sinnbildlichen Sphäre (vgl. DEEP END von Jerzy Skolimowksi (1970), wo die Protagonisten ebenfalls in einem leeren Schwimmbecken ihre sexuellen Phantasien ausleben) - in A POOL WITHOUT WATER allerdings wird das Schwimmbecken ein Symbol der Verlorenheit und Einamkeit seiner Figuren.






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Mittwoch, 13. November 2013

Ecstasy of the Angels / Tenshi no Kôkotsu (Kôji Wakamatsu, Japan 1972)



All the protesters were trying to do was protect their own tiny little groups, 
and I thought, "It's done. It's the end of the era for the movement."

(Kôji Wakamatsu über Sex Jack im Interview mit Chris D.)

Kôji Wakamatsu: Mainstream Sayonara. Geradlinige Erzählweise, moralische Handlung, klare Figurenkonstellationen, einprägsame Charaktere, Sonne am Himmel. So etwas gibt's hier nicht. Sondern ein wilde Mixtur aus Sex, Gewalt und Politik. Politics and Pinku - so hat Wakamatsu das Pink-Filmgenre immer als Gegenbewegung zum Mainstream und zur Gesellschaft verstanden, als offensive Filme, die die Leute vor den Kopf stoßen. Als kritische Bewegung von außen, die auf die Mitte schaut. Kein Wunder also ist ECSTASY OF THE ANGELS einer der bekanntesten weil exemplarischsten Filme von Wakamatsu, in der diese beiden Themenkomplexe Politik und Sex in exzessiv-paranoider Form auf spektakuläre Weise implodieren, gezeigt anhand einer Gruppe junger Leute, deren Terrorzelle sich aufgrund interner Rivalitäten und gegenseitiger Interessen selbst zerlegt.

Es ist ein sehr befremdlicher, kalter Film, dem alle Leidenschaft ausgesaugt scheint und der, nachdem ich nun doch einiges von ihm gesehen habe, stark aus seinem Oeuvre rauszustechen scheint; weil der Film eine eindeutige Message hat, eine gewisse gefühlskalte und nüchtern ablaufende Funktionalität ausstrahlt, gleichwohl dieser Ablauf völlig anarchisch und turbulent daherkommt. Als ob sich hier der Einfluß von - "militant filmmaker" (Chris D.) - Masao Adachis politischer Agenda, der wieder einmal mit am Drehbuch geschrieben hat (hinter dem Kollektiv-Pseudonym Izuru Deguchi, das in den Credits auftaucht, verbergen sich Wakamatsu selbst, Masao Adachi und Atsushi Yamatoya), stärker entfalten konnte, als in anderen Filmen. Denn in ECSTASY OF THE ANGELS geht es vor allem erstmal um Politik: um eine japanische Terrorzelle, die sich in politischen Grabenkämpfen selbst auflöst. Um welche genau, wird nicht gesagt. Zu dieser Zeit gab es in Japan viele verschiedene radikale Gruppierungen, die sich gegen die Besatzungsmacht Amerika auflehnten und sich damit auch gegen die amerikafreundliche Politik der eigenen Regierung stemmten und ihr vorwarfen, mit den Amis gemeinsame Sache zu machen (ANPO Sicherheits-Abkommen). In der Folge kam es verstärkt zu Unruhen, vor allem in Großstädten und Universitäten, die intellektuelle Szene radikalisierte sich. So beginnt ECSTASY OF THE ANGELS mit einer Operation der Gruppe um den Anführer mit dem Pseudonym "Oktober", die bei Nacht auf eine amerikanische Militärbasis eindringen um Waffen zu stehlen. Der Coup geht schief, einige werden erschossen, Oktober wird schwer verwundet gerettet. Doch er verliert sein Augenlicht, worauf der Stab der terroristischen Zelle ihm die Führung seiner Untergruppierung entzieht. Daraufhin zerreibt sich die Gruppe untereinander, spaltet sich in verschiedene Splittergruppen, und der blinde Oktober scheint schließlich groteskerweise der einzige zu sein, dem noch etwas Weitsicht geblieben ist. Die Szenen der gegenseitigen Bekämpfung werden immer wieder auch sexuell illustriert (sowieso wird ständig penetriert, als Druckmittel auch vergewaltigt) und gipfeln in einem absurden Porno-Photoshooting mit zwei Prostituierten in Schulmädchenuniform, das nun mit den Idealen der Bewegung überhaupt nichts mehr zu tun hat.









Kôji Wakamatsus politische Orientierung ist zwar deutlich zu erkennen, aber er scheut sich nicht vor der Kritik an den eigenen Genossen - auch hier ist Wakamatsu Außenseiter und lässt sich nicht vereinnahmen. Seine Filme sprechen allesamt eine deutliche Sprache der Kritik nicht nur an den gesellschaftlichen Zuständen, sondern vor allem, ganz der Nestbeschmutzer, an den verschiedenen linken Gruppierungen und ihren verschiedenen subkulturellen Ausprägungen (man denke etwa an die von ihm gehasste Hippie-Bewegung). Ziellos, egoistisch, unorganisiert, kannibalistisch, so erscheinen die Aktivisten in seinen Filmen - in  ECSTASY OF THE ANGELS findet das seinen Höhepunkt. Auf Plotebene sicherlich auch darin, wie gegen Ende einer der Genossen wahllos Sprengsätze an öffentlichen, zivilen Orten zündet (Wohnhäuser, Gaststätten, Einkaufspassagen, Busbahnhöfe usw), was vielen Menschen das Leben kostet. Wakamatsu schneidet dann, ganz dem Authentischen verpflichtet, Zeitungsmeldungen hinein, die dieses sinnlose Verhalten anprangern (vgl. die Bilder der Aufstände in Tokyo durch die Studenten, die Wakamatsu von einem Hausdach für seinen Film SEX JACK gemacht hat). Die linke Protestbewegung erhält bei Wakamatsu eine Klatsche, wie sie härter nicht ausfallen könnte: getarnt als Erwachsenenfilm (wohl um den kommerziellen Bedingungen des Genres zu genügen - und um vielleicht ein bißchen Spaß zu haben), selbst wie eine Sprengbombe funktionierend, die nicht nur unter dem Trenchcoat des Softsex-Enthusiasten, sondern auch in dessen Birne hochgeht.

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Ein tolles Interview mit Kôji Wakamatsu findet sich in Chris D.s Buch Outlaw Masters of Japanese Cinema, das sich hier problemlos bestellen lässt. Daraus stammt auch obiges Zitat. Außerdem empfehle ich begleitend die Sichtung von Yasuzo Masumuras A False Student von 1960, der hier wunderbar als companion piece zur weiteren Vertiefung des Themas passt. Ein aktuellerer Film zum Thema, der sich aus anderen, eigentlich den falschen Gründen - nämlich skandalösen - bis nach Europa verbreitet hat, wäre Kazuyoshi Kumakiris Kichiku dai enkai (1997).

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Sonntag, 10. November 2013

New Woman / Xin Nuxing (Cai Chusheng, China 1935)


In den 1920er Jahren lebt die junge Lehrerin und ambitionierte Schriftstellerin Wei Ming (Ruan Lingyu) in Shanghai, wo sie erste literarische Erfolge feiert - freilich ohne etwas dabei zu verdienen. Das Manuskript ihres ersten Romans versucht sie über ihren Bekannten, Lektor Yu Haichou (Zheng Junli), bei dessen renommierten Verlag unterzubringen - was erst gelingt, als der lüsterne Verleger ein Photo von ihr zu sehen bekommt. Wer so appetitlich aussieht, kann gut vermarktet werden! denkt er sich, und das Buch geht in Druck. Zwischenzeitlich allerdings wird ihr an der Schule gekündigt, sodaß sie auf den Erfolg des Buches hoffen muss - und unglücklicherweise ist auch nicht mehr ihre Schwester dazu in der Lage, nach ihrem vaterlosen Kind zu sehen, für das diese, auf dem Land wohnend, gesorgt hatte. Die beiden reisen nach Shanghai an, und als ob das noch nicht genug wäre, erkrankt auch noch die Tochter. Das Geld reicht plötzlich hinten und vorne nicht mehr, und Wei Ming muß sowohl die Avancen lüsterner alterer Herren abwehren, die sie zudem zur Prostitution überreden wollen, wie auch für ihre Familie sorgen; denn die Schulden türmen sich in kürzester Zeit.

NEW WOMAN ist ein chinesisches Stummfilmdrama, das glücklicherweise - wenn nicht in voller Länge - doch recht vollständig erhalten sein dürfte. In den 80ern ist eine zurückhaltende musikalische Untermalung erstellt worden, und später wurden kurioserweise noch die Zwischentitel mit Sprechern vertont. Diese hört man aber ausschließlich während der Titeleinblendungen, nicht während der gezeigten Dialoge. Auch auf der Effektspur wurde ebenso mehrfach nachgeholfen, und einfache Geräusche wie Händeklatschen, das Gestampfe von Stiefeln, oder die Geräusche eines herannahenden Zuges wurden zusätzlich eingefügt. Das Bild ist teilweise sehr zerrüttet, stellenweise aber noch hervorragend erhalten. NEW WOMAN ist inhaltlich ohne Zweifel ein modernes Drama, das auch heute noch aktuell ist. Man erinnere sich nur an das "Mädchenwunder", das Ende der 90er den deutschsprachigen Buchmarkt umkrempelte, und dem immerwieder der absurde Vorwurf untergeschoben wurde, dass das Aussehen der Schriftstellerinnen wichtiger sei, als deren Bücher. Tagesaktuell hingegen die Diskussionen über das Karrierebewußtsein unverheirateter Frauen, denen eine Heirat nicht in den Sinn kommen will, oder generelle emanzipatorische Impulse, die bei der Männerwelt auf Unverständnis stoßen. Die Anhäufung der Schicksalsschläge, die über die Protagonistin hereinbrechen, mag etwa overdone anmuten; gleichwohl bleibt dies im Filmverlauf stets glaubhaft. Und der Absturz nimmt seinen Lauf, wenn niemand ihr unter die Arme greifen will - weil sie entweder zu stolz ist, darum zu bitten, oder man sie daran erinnert, dass in den schönen Künsten eben mit schnödem Geld nicht gerechnet werden darf - Idealismus sei gefragt. 

Vorbild für die Figur der Wei Ming war die in Shanghai arbeitende Schauspielerin Ai Xia (1912-1934), die sich, nach sieben Filmen und erst 21 Jahre alt, mit einer Überdosis Opium das Leben genommen hatte. Nachdem XIN NUXING in der konservativen Kritik und der Boulevardpresse heftig unter Beschuß geriet, die Produktionsgesellschaft Lianhua zu Kürzungen genötigt und zu einer öffentlichen Entschuldigung gedrängt wurde, war auch der Druck auf den Star des Films, Ruan Lingyu, riesengroß geworden. Vor allem, da sie sich selbst in den Klatschspalten wiederfand, nachdem sie sich von ihrem ersten Ehemann hatte scheiden lassen. Kurze Zeit später nahm sie sich tragischerweise, wie die Heldin des Films, mit Schlaftabletten das Leben.

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Freitag, 8. November 2013

Die frühe Rebellion – zu Nagisa Oshimas erstem Film STADT DER LIEBE UND HOFFNUNG (1959)


In Nagisa Oshimas Debut-Langfilm ist ein Großteil der Radikalität, die seinem Filmemachen innewohnt, thematisch (noch) in den Plot eingebunden. Anders als etwa dann in den späteren Filmen, die sich auch formal als große Herausforderung für den Zuschauer erweisen, begegnet man hier einem Regisseur, der sich noch in konventionelle(re)n Bahnen der Filmerzählung bewegt und der die Attacke auf die Gesellschaft in den politischen Subtext legt, der in diesem Film allerdings ziemlich offensichtlich und einfach zu dechiffrieren ist. Das verwundert nicht. Oshima erscheint hier als Regisseur, der hinsichtlich seines Themas völlig souverän und sicher ist, der sich aber auf künstlerischer Ebene noch nicht emanzipieren konnte. 

Zumindest auf den ersten Blick. Denn wenn man genauer hinschaut, weisen doch einige Details auf die Könnerschaft des späteren Meisters hin. Das beginnt damit, dass die Figuren in A Town of Love and Hope (ein weiterer, internationaler Alternativtitel) die Figuren nicht eingeführt werden. Man wird mit einer Unmittelbarkeit der Ereignisse konfrontiert, deren Hintergründe sich der Zuschauer selbst erschließen muss. Gezeigt etwa wird der Verkauf zweier Tauben auf einem Schwarzmarkt, Geld wechselt den Besitzer. Der Verkäufer, ein Schuljunge (was einem nicht gesagt wird, aber man kann es an der Schuluniform erkennen) besteht auf den korrekten Kaufpreis und will die Überbezahlung, was er als Almosen versteht, der jungen, feinen Dame nicht annehmen. Er hat eigentlich ein schlechtes Gewissen. Man sieht es ihm an, weiß aber nicht, warum. Kurze Zeit später vermutet man es dann: Natürlich rechnet der Junge damit, dass die Taube irgendwie in Freiheit gelangt und zu ihm zurückfliegen wird - und er sie erneut verkaufen kann. Wichtig ist die Rückkehr des Tieres auch deswegen, da seiner kleinen Schwester die Taube ans Herz gewachsen ist. Eine kleine Freude im grauen Alltag. Und nach einem Drittel des Films wird es dann auch thematisiert, dass der Junge, der eigentlich schon ziemlich erwachsen ist und auch gute Zensuren in der Schule hat, damit aufhören möchte, die Kunden zu betrügen. Die Mutter jedoch, die die Familie (der Vater ist absent, auf und davon) mit Schuheputzen ernährt, pocht darauf, dass er weitermacht. Sonst könnten sie nicht überleben. Eine Thematik, die Oshima später wieder in seinem Film Shonen (Boy, 1969) aufnehmen wird, einem niederschmetternden Meisterwerk, in dem die völlig verarmten und kriminellen Eltern ihre Kinder dazu bringen, sich vor vorbeifahrende Autos zu werfen, mit der Absicht, sich anfahren zu lassen - um derart vom Autofahrer Geld erpressen zu können. Ein Film nach einer wahren Begebenheit der durch die Zeitungen ging, der sich in einen Skandal auswuchs und an den die japanische Gesellschaft lieber nicht erinnert worden wäre.

Die Kontroverse in STADT DER LIEBE UND HOFFNUNG ist aber eigentlich ein Klassenkonflikt, der durch die beginnende Freundschaft zwischen den beiden Protagonisten aufzubrechen beginnt und somit eine potenzielle Gefahr für das Establishment darstellt. Bourgeoisie versus Proletariat. Denn: Verkauft hat er die Taube an die junge Dame, die nun ihrerseits befreundet ist mit seiner Lehrerin, die ihn auf eine weiterführende Schule schicken möchte. Er aber will die Familie ernähren, die Rolle des Vaters einnehmen, allenfalls nachts studieren. Die Käuferin aber ist die Tochter eines mächtigen Industriellen und bei ihrem Bruder, der die Geschäfte führt, legt sie ein gutes Wort für den Jungen ein, auf dass man ihm eine Chance gebe. Doch der Bruder durchschaut die Taktik mit dem Taubenverkauf, weil er misstrauisch ist. Dass der Betrug, der aus dem Jungen einen Schwindler macht, dem man nicht vertrauen könne, aus Not geschieht, aus Angst, nicht überleben zu können, interessiert den heuchlerischen Unternehmer nicht. Für die Verhältnisse interessiert dieser sich nicht, weil er es sich leisten kann, über ihnen zu stehen.

Oshima hatte sich in Japan schon immer als Vertreter der linken Intelligenzija hervorgetan, etwa auch in seinen vielen Schriften (zum Beispiel ist eine empfehlenswerte Essaysammlung ins Deutsche übersetzt und erschienen bei Fischer Cinema: DIE AHNUNG DER FREIHEIT – momentan antiquarisch problemlos noch erhältlich), und unterscheidet sich darin auch von Regisseuren wie Kôji Wakamatsu: Oshima hat einen klaren politischen Auftrag, in dessen Dienst er seine Filme stellt. Es ist dann auch bewundernswert, wie sehr er sich als politischer Mensch dennoch zurückhalten konnte um seine Filme nicht völlig zu instrumentalisieren (eine Gefahr, der später etwa Masao Adachi erlag). Vielmehr scheint Oshima die Rebellion auch verstärkt ins Kreativ-Künstlerische, Ästhetische umzulenken, ins Formale, Experimentelle, wohingegen Adachi die Tendenz hatte, ins Pamphlethafte zu kippen. Wenngleich Oshima natürlich, ob seiner Radikalität, sowohl Probleme mit der Zensur, als auch mit seinem Arbeitgeber, der Shochiku, bekam. Kankuro Kido, der seinem Studio eine Verjüngungskur unterzog und junge und wilde Regisseure zu unterstützten bereit war, ist dann auch für den Titel von Oshimas Film verantwortlich, den man allenfalls als zynischen Kommentar lesen kann. Oshima wollte ihn zunächst – schlicht und melodramatisch – THE BOY WHO SOLD HIS PIGEON nennen, wogegen sich sein Boss verwehrte. Der Film gefiel Kido auch nicht, da er ihn für tendenziös hielt, und zog ihn bald aus dem Vertrieb zurück, obwohl er bei der Kritik gut ankam. Oshimas Filme waren die Filme eines „Nestbeschmutzers“, der sich getraute, die konservativen japanischen Werte über Bord zu werfen, der sich für einen linken Humanismus einsetzte und den Reaktionären ans Bein pinkelte – und das in einem Land, das den Krieg und damit das Gesicht verloren hatte, das um seine Selbstachtung kämpfte. Später dann sollte sich Oshima, desillusioniert, auch von der organisierten Linken distanzieren.

Am Ende kulminiert STADT DER LIEBE UND HOFFNUNG in eine etwas überformulierte Pointe, die zugleich aber eine großartige Zuspitzung und Zusammenführung der Leitmotive des Filmes darstellt. Auf dem Balkon ihres Anwesens hat sich die junge Frau mit dem Unternehmer eingefunden. Sie hat erneut die Taube erstanden, die zurückfliegen wird, und sie hat ihren Bruder gebeten, das Gewehr mitzubringen, um die Taube im Flug zu erschießen. Besonders eindrücklich ist die Szene deswegen, weil hier noch einmal deutlich wird, mit welch unterschiedlichen Konnotationen die Taube aufgeladen ist. Für den Jungen bedeutete sie das Überleben und den Broterwerb, für dessen Schwester ein liebgewonnenes Haustier, für die junge Frau bedeutet das Erschießen der Taube eine gewaltsame Befreiung des Jungen aus der Illegalität, für den Unternehmer die Wiederherstellung der Ordnung, die zugleich seine vermeintliche Allmacht über Leben und Tod bestätigt, ihn also in eine gottähnliche Position rücken lässt, die auf seinem verblendeten Machtbedürfnis beruht. Und für den Zuschauer: all dies zusammen. Die Szene ist natürlich für den Zuschauer beinahe unerträglich aufgeladen, wenn die Taube, als Sinnbild für Frieden und Freiheit, erschossen wird von einem Kapitalisten, der sich in einem Größenwahn befindet. Ein sensationelles Ende für einen großen, ersten Film von einem der wichtigsten Regisseure Japans auf dem Weg zur Nouvelle Vague Japonaise, die das japanische Kino gewaltig in Unruhe versetzen und verändern sollte.

STREET OF LOVE AND HOPE / AI TO KIBO NO MACHI, Japan 1959; Regie: Nagisa Oshima.


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Sonntag, 3. November 2013

Nameless Gangster (Yun Jong-bin, Südkorea 2012)


Containerhafen Busan, Ende der 70er Jahre: der Zollbeamte Choi Ik-hyun (Choi Min-sik) hat es satt, zu darben, als kleiner Fisch zu enden und mit seiner Familie in einer dunklen Bruchbude zu hausen. Kleinere Bestechungsgelder werden also gerne angenommen, Schmuggelwaren wechseln immer wieder den Besitzer. Da entdecken sie in einem Frachtcontainer eine große Ladung Heroin und Choi wittert seine Chance. Er kontaktiert den Gangsterboss Choi Hyung-bae (Ha Jung-woo), der für die Verteilung des Stoffes zuständig sein soll. Aus dieser Kooperation entwickelt sich ein florierendes Gewerbe. Ik-hyun steigt also in Hyung-baes Syndikat ein, und nach einigen Querelen wird er als zweiter Boss von der Bandenmitgliedern mehr oder weniger akzeptiert. Hyung-bae war dabei das Hauptproblem: nicht nur musste er ihn davon überzeugen, dass diese Doppelspitze für das Syndikat wirtschaftlich von Vorteil ist, sondern überhaupt einen Partner neben sich zu haben, scheint für den äußerst vorsichtigen Hyung-bae zunächst undenkbar, weil er niemandem vertraut. Da die beiden aber über mehrere Ecken verwandt sind und Familienbande verläßlicher erscheinen, kann Choi Ik-hyun Choi Hyung-bae schließlich überzeugen. Doch plötzlich erschüttert eine radikale Polizeiaktion gegen das organisierte Verbrechen die busaner Unterwelt, und nun muss sich beweisen, wie gut die Kontakte wirklich sind, die Ik-hyun aufbauen konnte.

NAMELESS GANGSTER erzählt seine Geschichte erstmal in einem großen Rükblick: man wohnt der Verhaftung der Gangster bei und springt dann drei Dekaden zurück in die Vergangenheit - dann wird die Geschichte hinter den Personen aufgerollt. Ein standardisiertes filmisches Stilmittel, das nicht nur den zumeist bemerkenswerten und etablierten Ist-Zustand am Filmbeginn erklären soll, sondern auch den Figuren den Raum gibt, gehaltvoller zu werden: sie füllen sich mit persönlicher Biographie. Und wenn man dann so einen Schauspieler hat wie den großartigen Choi Min-sik, dann machen genau diese Transformationsvorgänge nicht den kleinsten Teil des Reizes dieses Filmes aus. Seine unglaubliche Wandlungsfähigkeit und sensible Figurendarstellung macht NAMELESS GANGSTER letztlich sehenswert, es ist ein Fest, dieser Figur und seinen Fährnissen zuzuschauen. So ist es etwa das große Dilemma Ik-hyuns, dass er seinen Platz im Syndikat nicht wirllich festigen kann. Er ist ein Mann, der nirgends dazugehört. Mit der Aufgabe seines bürgerlichen Brotberufs übertritt er die Schwelle zur Kriminalität - dort aber wird er als Businessmann wahrgenommen, dem der Schneid und die Skrupellosigkeit des Gangsters fehlt. So erklären sich auch immer wieder die Anfeindungen, denen er (sogar aus den eigenen Reihen) ausgesetzt ist, und weshalb er die Unterstützung Hyung-baes mehrfach einfordern muss. Deutlich weniger Raum bekommt das restliche Personal eingeräumt. Naturgemäß steht da Ha Jung-woo an zweiter Stelle (ein Schauspieler, der in den letzten zehn Jahren schwer beschäftigt war, etwa ganz phantastisch in THE YELLOW SEA, der aber auch in THE BERLIN FILE, in Hong Sang-soos wunderbarem LIKE YOU KNOW IT ALL oder Kim Ki-duks BREATH und TIME mitspielte). Ein Charakter, der den ganzen Film über sehr konsistent und konzentriert ist, und dessen Rolle sich nicht wirklich verändert. Er ist leider etwas unterbeschäftigt in diesem Film.

Es ist bei diesen beiden hochkarätigen Schauspielern und dem generell hohen Produktionsstandard der koreanischen Blockbuster-Thriller kein Wunder, dass NAMELESS GANGSTER ein toller Film geworden ist (und auch die Nebenrollen sind sehr gut besetzt). Auch an der Kinokasse war der Film ein Erfolg. Die Kamera hätte für meinen Geschmack etwas wagemutiger sein dürfen, sie hält sich bisweilen arg zurück und kann doch immer wieder kleine Akzente setzen. Das Skript ist verschlungen, aber für "asiatische Verhältnisse" nicht zu unübersichtlich geraten. Es fällt nie schwer, sich in diesem Film zu orientieren. Mit 133 Minuten Lauflänge ist NAMELESS GANGSTER etwas lange geraten, andererseits bekommt der Film gerade dadurch seinen epischen Atem und gibt auch kleineren Plotlines genug Raum, sich zu entwickeln. Die Balance ist hier sehr gut getroffen, vor allem da NAMELESS GANGSTER kein reiner Actionfilm ist: sondern ein sehr solider, sehenswerter Gangsterthriller. Frauen müssen aber leider mal wieder draußen bleiben. Für sie scheint es hier keinen - oder kaum einen - Platz zu geben.

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Sonntag, 27. Oktober 2013

Pieta / 피에타 (Kim Ki-duk, Südkorea 2012)


Im heruntergekommenen Industrieviertel Cheonggyecheon inmitten Seouls arbeitet Lee Kang-do als Geldeintreiber für einen Kredithai. Kang-do gilt bei den Schuldnern als "Der Teufel", da er äußerst skrupellose Methoden anwendet, um an das ausstehende Geld zu kommen: er bricht ihnen rücksichtslos die Gliedmaßen oder verstümmelt sie - meist vor Augen der Angehörigen. Dazu nutzt er häufig deren Werkstatt-Maschinen, Stanzgeräte, Industriebohrer, Blechschneider, Walzen, usw. Oder geht mit ihnen auf eine Bauruine und stößt sie vom dritten Stock hinab. So kann Kang-dos Chef die Invaliditätsversicherung kassieren. Die Schuldner werden jedoch meist lebenslang zu Krüppeln. Und Kang-do zum meistgehassten Mann des Viertels. Plötzlich jedoch taucht eine Frau namens Min-sun auf, die vorgibt, Kang-dos Mutter zu sein - der glaubt ihr nicht, und reagiert mit aggressivster Brutalität auf die Kontaktversuche. Doch dann beginnt er sich zu öffnen, und plötzlich ist da jemand in seinem Leben. Kang-do wird verwundbar...

PIETA, der bei den Internationalen Festspielen von Venedig den Goldenen Löwen gewann, steckt voller christlicher Symbolik. Auf einer nüchterneren Ebene lässt er sich aber auch als Kapitalismuskritik lesen - nämlich als Schwundstufe der gesellschaftlichen Übereinkünfte, in der die Verbindungen ausschließlich über das monätere Zahlungsmittel geregelt werden. Alle Beziehungen zwischen den Menschen sind hier folglich unglückliche, gescheiterte. Von jeder Armenhausromantik könnte man jedoch nicht weiter weg sein, als in Kims Realismus. Eine Lösung zeigt sich nirgends. Sie wäre nur als Utopie zu finden, als Erlösung, wie sie sich auf dem Filmplakat darstellt. Dort, wo der Film hinstrebt, aber freilich niemals ankommen kann. Auf dem Plakat wird also keine Szene des Films abgebildet, sondern dessen nicht erreichbares Sehnsuchtsziel, das sich als psychologisches Movens herauskristallisiert und schließlich als Ursache des Scheiterns etabliert. Denn hier in PIETA endet alles in Scherben, so wie dann einmal Kang-do auf den ausgenommenen Eingeweiden eines Hasen in der Wohnung ausrutscht und das Messer versehentlich durch das geschlossene Fenster wirft - welches mit einem Knall zu Scherben zerbirst, die anschließend im Teppenhaus in Myriaden auf den Stufen liegen. Kang-do kümmert das wenig, er zertritt sie nochmals in Tausend Stücke. Dieses Bild, eine Allegorie auf die Scherben der Existenz.

PIETA ist jedoch für Kim als Regisseur ein Film der Krisenbewältigung. Nach der selbstgewählten, jahrelangen Einsiedelei in einem koreanischen Bergdorf, wo er unter schweren Depressionen litt und aus der der großartige dokumentarische Film ARIRANG entstanden war, legt Kim hier einen Film nach, der ihn auf dem Gipfel seines Könnens zeigt (den zwischenzeitlich realisierten Film AMEN übergeht der Regisseur geflissentlich). PIETA ist ein gewaltiges Monster, hart und brutal, mit Blick für das Detail, die Kleinigkeit, dabei extrem stimmungsvoll und nihilistisch. Manchmal etwas zu forciert allerdings und in einigen wenigen Szenen überdeutlich; aber das sind Kleinigkeiten, die von der enormen Energie des Films geschluckt werden. PIETA ist faszinierend und abstoßend zugleich, PIETA tut weh. Der Film bietet überhaupt keine (Er-)Lösung(-soptionen) aus dem Jammertal des irdischen Daseins an, und ist somit, so verschieden sie auch sind, wie Im Sang-soos TASTE OF MONEY, ein Film, der die dunkle Seite Koreas zeigt. Die Seite der Verlierer, die im Kapitalismus unter die Räder gekommen sind. Der Graben zwischen arm und reich ist riesig in diesem Land: eine vernichtende Bilanz von zwei der wichtigsten zeitgenössischen Filmemacher. PIETA jedoch, und das ist auch eine Stärke des Films, kulminiert in ein großartiges, poetisch-schreckliches, ästhetisches Ende. PIETA ist niederschmetternd schön.

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PIETA kann hier erstanden werden: [Blu-ray] [DVD]

Freitag, 25. Oktober 2013

Im Labyrinth der glänzenden Oberflächen: Im Sang-soos THE TASTE OF MONEY (Südkorea, 2012)


Wo man sich in diesem riesigen Haus aufhält, wird einem nie so recht klar - es ist ein verschachteltes System aus Räumen, Durchlässen, Gängen und Fluren, Treppen, Winkel und Etagen. Hoch über der Stadt Seoul, von der man nur das Glitzern der Lichter in der Nacht wahrnimmt, und das Im Sangsoo wie das Leuchten von Los Angeles inszeniert, hat sich diese Familie eingerichtet, eine superreiche Industriellenfamilie, die einem mächtigen Energiekonzern vorsteht. Auch innerhalb des Gebäudes ist alles aseptisch museal gehalten, High-End und Designkunst, sogar beim Frühstück ist alles genau austariert. Man hält sich mehrere Hausangestellte, und wie schon in Im Sangsoos letztem Film HANYO, THE HOUSEMAID, der ein Remake des koreanischen Megaklassikers von Kim Ki-young ist (und der meines Erachtens zu den besten Filmen der Filmgeschichte zählt), stehen diese Personen, die eigentlich nur Nebenfiguren sind und die man nicht bemerken soll, im Zentrum der Erzählung.

Im Sang-soos Film ist nun alles andere als GOSFORD PARK, auch wenn der Gedanke erstmal nahe liegt und ein befreundeter Geschäftsmann tatsächlich "Robert Altman" heißt (mit Sicherheit eine Verbeugung Ims) - TASTE OF MONEY ist ein Film über Macht und Machtmißbrauch, über Ausbeutung. Und deshalb werden die Nebenfiguren schließlich zu den eigentlichen Protagonisten des Films, also zu den Hauptfiguren in einem Spiel aus Geld und Begehren, was schließlich so vernichtend auf das Gefüge wirkt, dass es auseinanderzubrechen droht. TASTE OF MONEY ist überdeutlich eine inoffizielle Fortsetzung von HANYO, spielend in einer Zeit, da die Kinder von damals älter, erwachsen geworden sind. In einer Dialogszene wird dann auch auf diese Kontinuität angespielt, in einer anderen sieht sich die Familie im hauseigenen Kino Ims Remake an, in einer weiteren läuft das Original von Kim Ki-young. Ein Film der Referenzen also, einer, der sich explizit in Im Sang-soos Werk einschreibt und positioniert.

TASTE OF MONEY ist beim Filmfestival in Cannes gefloppt, und auch bei der Berlinale kam er nicht gut weg. Das mag damit zu tun haben, dass dem Zuschauer eine klare Sympathiefigur fehlt, auch wenn man um das Schicksal der beiden Angestellten bangt. Sie dürfen aber beinahe kein Wort sagen, ihr Innenleben äußert sich mehr in kleinen Bewegungen, Blicken und Blickkontakten. Von ihrem Innenleben bekommt man aber kaum etwas mit. Dass das philippinische Hausmädchen auch sexuell eine Beziehung zum Hausherren hat, wird später in einer - durchaus interessanten - Volte umgedeutet, da sie ihm einen Ausweg aus der lieblosen Ehehölle bieten kann. Allerdings um deren Aufgabe. Dass ihre beiden Kinder, die getrennt von ihr auf den Philippinen aufwachsen müssen, auch seine Kinder sind, bleibt unausgesprochen im Raum stehen. Im gelingt es, die Kälte der Menschen zueinander in eine cineastische Kälte der Form zu übertragen, die für den Zuschauer bisweilen schwer erträglich ist. Aufgrund der makellosen Oberflächen der Räume und durch die sturgeraden Kamerafahrten fühlt man sich in eine visuelle Eishölle gepresst, die eine Flucht unmöglich erscheinen lässt. Leider fällt Im recht wenig ein, wenn es dann ans Körperliche geht: da wird rumgehurt, mit Fressalien gespielt, und der Lack & Leder-Quatsch darf auch nicht fehlen, wenn der Regisseur ganz unsubtil darauf abzielt, die Dekadenz hinter der Oberfläche der hemmungslosen Kapitalisten zu enthüllen. Und wenn Im den Body seines Hauptdarstellers auf eine Weise illuminiert, dass das Licht blendend vom Sixpack der Bauchmuskulatur reflektiert, dann hat er eine Grenze überschritten, die er in seinem Film eigentlich anprangert: die Ausbeutung seiner Untergebenen.

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Die Blu-ray ist vor kurzem bei Koch Media erschienen und zum Beispiel
 bei Amazon erhältlich [Blu-ray] [DVD].

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Dienstag, 22. Oktober 2013

The Neighbors / 이웃사람 (Kim Hwi, Südkorea 2012)


Das Debut des koreanischen Regisseurs Kim Hwi verfolgt eine nur mäßig interessante Prämisse: was wäre, wenn in d(ein)er Nachbarschaft ein Serienmörder leben würde? Und auch wer der Übeltäter ist, weiß der Zuschauer folgerichtig schon von Beginn des Filmes an. Der Thriller lebt also nicht davon, wovon der klassische Kriminalroman seinen Stoff bekommt: dass eine Tat aufgeklärt und der unbekannte Täter gefasst wird. Ganz im Gegenteil: in THE NEIGHBORS sind diese Fakten bekannt. Hier geht es nun darum, weshalb der Täter so lange nicht überführt wird, obwohl alle merken, dass mit dieser Person etwas nicht stimmt. Mit jemandem, der mitten in der Gemeinschaft eines Appartmentkomplexes lebt. 

Obiges Plakat spricht also Bände - nicht umsonst ist der Täter inmitten der anderen Charaktere abgebildet. Womit der Regisseur natürlich einen Allgemeinplatz in Szene setzt, etwas, worüber in jedem Revolverblatt und jeder Enthüllungssendung im TV kollektiv der Kopf vor Entrüstung geschüttelt wird: wie konnte das nur unter aller Augen passieren! Nun, die Antwort ist so banal wie simpel: weil niemand die Konsequenzen aus seinen Entdeckungen zieht, weil keiner Ärger am Hals haben will. Exemplarisch ist der Fall des Händlers, bei dem der Täter die Koffer kauft, in denen er die Leichen abtransportiert. Der Händler erkennt diesen im Fernsehbericht, bewahrt dann aber Stillschweigen, als er von seiner Frau die zahlreichen negativen Aspekte einer eventuellen Einmischung in den Fall vorgehalten bekommt. Dass die Tote/Vermisste ein junges Mädchen ist, dem er jeden Tag begegnete, spielt plötzlich kaum eine Rolle mehr, wenn es um das persönlich zu erbringende Engagement geht.

THE NEIGHBORS ist ein Film, der in seiner gelackten Optik ganz gut, aber auch wohlbekannt aussieht: es ist eben das aseptische, gutbürgerlich-moderne Korea. Leider ist der Film bedauerlicherweise ziemlich dröge und bisweilen sehr banal - er trägt seine Message allzu deutlich vor sich her. Der Täter ist ein dermaßen herausfallender Asi mit allen Insignien der Verwahrlosung, dass man sich fragt, warum wirklich keiner mal sich traut, Maßnahmen zu ergreifen. So richtig plausibel ist das nicht. Und die Regie ist immer wieder eklatant unkreativ. Szenen werden linear runtergekurbelt ohne jede künstlerische Ambition. Kim Yunjin spielt die Mutter, die für verrückt erklärt wird, da ihr die Tochter immer wieder als Geist erscheint; sie ist eindeutig das schauspielerische Highlight des Films. Man kennt sie aus der Fernsehserie LOST, wo sie die koreanische Frau spielt, die sich vom autoritären Ehemann emanzipieren muss. Ein wirkliches Profil aber kann kaum eine der schablonenhaften Figuren gewinnen (abgesehen vielleicht vom schwertätowierten Gangster Ma Dong-seok, mit dem man sich lieber nicht anlegen möchte), zu sehr ist der Plot in seiner Anlage auf einen konzentrischen Kreis angelegt, in dessen Zentrum sich der Täter befindet. Ansonsten gibt es noch so einiges unglaubwürdig Überforciertes zum Stirnerunzeln: etwa die umgebaute Wohnung des Täters, die in ein Kellergeschoß hinabführt, wo er seine Opfer im slasherüblichen Ambiente der blutig-verschmierten Kacheln und kalten Neonröhren zerschnetzelt. Ich denke nicht, dass man so etwas zum hunderttausendsten Male wiederholen muss. Aber THE NEIGHBORS ist eben auch nur ein Film unter sehr vielen, sehr ähnlichen seiner Art.

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Freitag, 18. Oktober 2013

Poongsan / 풍산개 (Juhn Jai-hong, Südkorea 2011)


Juhn Jai-hong ist einer der Protégées von KIM Ki-duk, der mit seinem Debut BEAUTIFUL reüssierte und der bei des Meisters BREATH die Rolle des Regieassistenten eingenommen hatte. BEAUTIFUL hatte ich mir damals nicht angeschaut, da ihm von mehrfacher Seite der Vorwurf des Kunstgewerbefilms vorauseilte, und meine Vorbehalte mir wohl den Film verhagelt hätten. POONGSAN jedoch galt als spannender Thriller, der zudem mit wenig Geld entstanden sei und durch den großen Einsatz aller am Projekt Beteiligter erst möglich wurde. Angeblich hatten die Darsteller auf eine Bezahlung verzichtet und waren nachher an den Einspielergebnissen beteilgt.

Poongsan, nordkoreanisch für "Hund", bezeichnet freilich den Protagonisten (Yoon Kye-sang), der einmal im Film von einem Geheimagenten als solcher bezeichnet wird, der die Zigarettenmarke selbigen Namens raucht und der wie ein nicht einzufangendes Tier - dies der Plot des Films - dazu in der Lage ist, heimlich die entmilitarisierte Zone (DMZ) zwischen Süd- und Nordkorea zu überqueren. Was freilich im höchsten Maße illegal ist. Er muss bei jeder Überquerung mit dem Tode rechnen, da schwerbewaffnete Soldaten am Zaun patrouillieren. Der Poongsan schleppt Leute über die Grenze, oder überbringt Botschaften von auseinandergerissenen Familien. Es ist ein zwar illegaler, jedoch zutiefst humaner, eigentlich  humanitärer Dienst, den er ausübt. Die Kontaktaufnahme ist schwierig, und ob er stumm ist oder einfach nie spricht, aus Schutz etwa, bleibt den Film über unklar. Er ist ein stiller nächtlicher Schatten, der nicht zu greifen ist.

Bei einem Auftrag jedoch geht alles gründlich schief: er soll In-ok (Kim Gyu-ri), die Frau eines übergelaufenen nordkoreanischen Parteikaders in den Süden schaffen, da dieser nur dann bereit sei, eine gewichtige Aussage zu machen, die dem südkoreanischen Geheimdienst wertvolle Informationen liefern könne. Dies klappt schließlich, doch entpuppt sich der Überläufer als grandioses, seine Frau missbrauchendes Arschloch - zudem haben sich die beiden, der Poongsan und die Frau, scheinbar angenähert. Der gemeinsame Grenzübertritt hat sie für einander eingenommen, der Konflikt wird also auch ein erotischer, die Männer zu Rivalen.

Dass die Agenten der verschiedenen Seiten alle dieselben Verbrecher sind, die ohne mit der Wimper zu zucken zu foltern bereit sind, um an das zu kommen, was sie brauchen, dürfte in so einem, zuletzt moralischen Film niemanden überraschen. Und dass derjenige, der Illegales tut, nämlich Poonsang, der einzige ist, der eigentlich Gutes tut, auch nicht. Die Verkehrung der Verhältnisse. Die Spannung jedenfalls ist durchweg sehr hoch, in den zwei Stunden Spielzeit findet sich keine Länge. So einige Logiklöcher häufen sich allerdings an, sodaß Logikfetischisten so einiges am Film zu bekritteln haben dürften. Ich habe den Film als reines Spannungskino wahrgenommen, das seinen politischen Hintergrund für seine Zwecke ausschlachtet. Das ist nicht besonders lauter, aber üblich im Genrefilm (was keine Abwertung sein soll). Zudem fällt er in vielen Details recht plakativ aus, was aber immer durch die tollen Schauspieler ausbalanciert wird und durch die nächste, atemlos machende Szene. Über das allzu forcierte Finale hängen wir das Mäntelchen des Schweigens. Als Unterhaltungsfilm, als Thriller mit politischem Hintergrund ist POONGSAN durchaus zu goutieren - ein genaueres Hinsehen allerdings wird nicht empfohlen, das führt unweigerlich zu den offenkundigen Schwächen dieses unausgereiften und letztlich recht mediokren Spielfilms.

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Mittwoch, 16. Oktober 2013

Harus Reise / Haru's Journey / Haru tono tabi (Masahiro Kobayashi, Japan 2010)


Der Film beginnt mit der Außenansicht eines kleinen Wohnhauses, leicht heruntergekommen, wie es in vielen Ortschaften auf dem Land zu finden ist. Ein paar rote Flecken, die einsamen Blumen vor der Tür. Heraus stakst der Großvater, sichtlich aufgebracht, im Mantel, bereit weg zu gehen. Seine Hüfte ist kaputt, ein Bein zieht er stark nach. Haru kommt dann heraus, sie schreit ihm nach, hat eine rote, gesteppte Jacke an und einen Ruksack auf dem Rücken. Sie rennt hinter ihm her, er hört sie nicht in seiner Wut, die Kamera schwenkt, man sieht, sie sind am Meer, ein Fischerdorf, der Wind bläst, die Küste. Ein Jahr vor Fukushima, ein Jahr vor den Flutwellen des Erdbebens. Jetzt ist das alles Geschichte, der Film ein Dokument.

Wie der Ort genau heißt, erfährt man nicht im Film. Es muss aber nördlich von Sendai sein, denn dort stehen sie wenig später am Bahnhof, irgendwo auf dem Weg nach Ishinomaki, eine Stadt, die traurige Berühmtheit deswegen erlangt hat, da die Zerstörung des Tsunami dort am größten war. Haru jedenfalls (gespielt von Eri Tokunaga) ist Anfang zwanzig und hat ihren Job verloren, will nach Tokyo und kann sich nun nicht mehr um den Großvater kümmern (großartig: Tatsuya Nakadai), der alleine nicht mehr zurecht kommt. Oder nicht mehr zurecht kommen will. Er ist ein Eigenbrötler und ein Hitzkopf, rauhe Schale weicher Kern - doch bis man dorthin vorstößt, müssen einige Filmmeter geschaut werden.

Harus Reise ist lang, über zwei Stunden, und recht ruhig dazu. Liest man überall, dabei ist ganz schön viel los. Die Tonspur klebt alles zu mit ihren bittersüßen Melodien, was ich doch recht problematisch finde an diesem Film. Andererseits nutzt Kobayashi das geschickt, indem er öfters über das Aussetzen des Tons eine Blende konstruiert, die mit erneutem Einsetzen der Tonspur die Zäsur markiert. Und auch an Ereignissen passiert recht viel. So werden die gesamten Verwandten der beiden abgeklappert auf der Suche nach einem Verbleib für den Großvater. Dumm nur, dass er es sich seit Jahren mit allen verscherzt hat. Haru ist am Verzweifeln. Und so ist HARUS REISE eine langsam sich entfaltende Geschichte, die immer komplexer wird, über Familienbündnisse im zeitgenössischen Japan. Über Zusammenhalt und Individualismus, über - mal wieder - das Erwachsenwerden und zugleich über das Sterben. Über das Loslassenkönnen und den Neuanfang. Über Mut und Trauer. Besonders sehenswert macht den Film, dass er wie in einem Shomingeki das Besondere im Gemeinen verbirgt und erst im Laufe der Zeit seine Geschichte entblättert. Diese ist vollkommen alltäglicher Natur, jedoch mit dem speziellen Fokus eben wieder eine besondere. Und so geraten kleine Gesten zu großen, ein Lächeln kann zugleich zu Tränen rühren. Ein toller Film, und sehr einnehmend, wenn man sich auf ihn einzulassen bereit ist.



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Harus Reise ist bei Rapid Eye Movies erschienen und kann hier erstanden werden [DVD].

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Freitag, 11. Oktober 2013

PROJECT K - Koreanisches Filmfestival Frankfurt 2013


Dieses Jahr findet zum zweiten Mal das sich auf das zeitgenössische koreanische Kino spezialisierende Filmfestival PROJECT K in Frankfurt am Main statt. Der Einfachheit halber zitiere ich aus dem Ankündigungstext:

Project K – The Korean Film Festival 2nd Edition, wird erneut vom Verein Project K e.V. ausgerichtet. Dabei entsteht vom 17. bis 20. Oktober 2013, auf dem Universitätscampus Bockenheim, abermals eine koreanische Insel. Unter dem Motto „4 Days in Seoul“ wird das Veranstaltungsgebäude entsprechend der koreanischen Hauptstadt in verschiedene Viertel unterteilt. Itaewon, Namdaemun, Hongdae, Myeong-dong und Insa-dong entfuhren die Besucher in eine koreanische Welt innerhalb Frankfurts. Neben einer großen und abwechslungsreichen Auswahl an Filmen soll die koreanische Kultur, ihre moderne sowie auch die traditionelle Seite, den Besuchern auf anschauliche Weise nähergebracht werden.
Zu sehen sind neben etlichen Blockbustern und Mainstream (THE THIEVES, THE BERLIN FILE, A COMPANY MAN) auch einige Independent- und Animationsfilme, die selbst Informierten noch Unbekanntes bieten dürften. Neben so großartigen Filmen wie Hong Sang-soos MY NEIGHBOUR HAEWON - den man sich hier, wenn man ihn auf der Berlinale verpasst haben sollte, noch einmal auf der großen Leinwand ansehen kann -, den jüngst beim FFF gelaufenen, spannend konstruierten Undercover-Cop-Thriller NEW WORLD, oder den mysteriös verstörenden WEREWOLF BOY (den ich bereits in Hongkong gesehen habe, und der vielen Leuten sehr gut gefallen hat), gibt es neben einigen Romantikkomödien, dem Remake eines der großartigsten koreanischen Filme, Kim Ki-youngs THE HOUSEMAID, hier upgedatet von Im Sang-soo sowie dem üppigen Begleitprogramm, auch noch Kim Ki-duks neusten Inzest-Magenhieb MOEBIUS zu sehen, der in Korea aufgrund seiner Altersfreigabe eine Kontroverse ausgelöst hatte. Da sollte doch jeder etwas Spannendes finden können. Hier geht es zum offiziellen Programm. Die Karten für Erwachsene kosten lediglich 6€. Ich wünsche ein schönes Festival!

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Donnerstag, 10. Oktober 2013

Zombie 108 / Z-108 qi cheng (Joe Chien, Taiwan 2012)


Wenn man nach dem Knall aufwacht, dann ist alles anders. Große Zäsur. So wie auch in SIDE EFFECTS von Soderbergh - wo einem der Knall aber nur verkaufen soll, es sei alles anders -, ein Film,  der als companion piece eher schlecht zu ZOMBIE 108 passt. Aber der Knall findet sich eben auch dort. Auch mit dem Auto. Hier jedoch ist nach dem Autounfall alles anders. Der Gatte tot, das Kind davongelaufen. Die Protagonistin "erwacht" in einer neuen Welt (siehe 28 DAYS LATER), aber in einer Welt des Untergangs. Die Creditsequenz erklärt es dann auch: schief gelaufene Experimente mit militärischen Kampfstoffen sind schuld, und jetzt ist das moderne Taipei ein Kriegsschauplatz. Shopping Days are over.

Laut Werbemaschine ist ZOMBIE 108 das "first taiwanese zombie movie ever", und es wird auch Zeit, dass jede Filmindustrie der Welt endlich ihre eigene Zombiekultur ausbaut. Es geht schleißlich darum, Geld zu verdienen. Schade ist dann nur, dass der Film so stark an westlichen Sehgewohnheiten ausgerichtet ist und die Eigenständigkeit auf der Strecke bleibt. Zudem ist er unnötig hypertroph aufgeladen. Da der Zombieplot wohl nicht genügt, wurde noch eine zweite Storyline eingefügt, die neben dem Hauptstang der Zombieplage die Protagonistin in die Fänge eines perversen Serienkillers geraten lässt, der sie sich an einem Schnürchen festgebunden als Sexsklaven hält. Sie muss immerzu nackt durch die Wohnung kriechen und auf Wunsch dem Maestro das Genital massieren. Dieser wird ironischerweise (?) vom Regisseur selbst gespielt und ist ein echtes Ekelpaket.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Spaß macht, heute noch so einen Film zu drehen. Jedoch: zugutehalten muss man ihm, dass er recht ordentlich aussieht, eine kurze Laufzeit hat und auch keine low Budget-Produktion ist (nach asiatischen Verhältnissen). Das geht alles in Ordnung. Im Schneideraum hätte man sich aber dann doch noch etwas mehr Zeit lassen sollen, denn geschnitten ist der Film furchtbar amateurhaft. Hier kann man richtiggehend lernen, wie man Szenen kaputtmontiert. So richtig ärgerlich aber ist auch das nicht, es ist einem dann halt recht bald, wie der gesamte Film: egal. Und hofft, dass er schnell ins Vergessenheit gerät. Wie auch der Soundtrack. Der Kopf muss frei werden, man braucht Luft für gute Filme!

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In Deutschland ist der Film unter dem knackigen Titel ZOMBIE WORLD WAR auf DVD erschienen und kann bei amazon erstanden werden.

Freitag, 6. September 2013

Back to 1942 / Empire of War - Der letzte Widerstand (Feng Xiaogang, China 2012)


Feng Xiaogang ist der Mann fürs große Kino in China. Schon AFTERSHOCK [Kritik / DVD] konnte und wollte mit seinen opulent angelegten epischen Bildern der Zerstörung überwältigen und zugleich mit Hilfe einer parallelen Liebegeschichte das Herz des Zuschauers rühren. Die menschlichen Bedürfnisse treten indes in "Back to 1942", so der internationale Titel, unter dem dieser Historienfilm gemeinhin geläufig ist, in den Hintergrund. Zwangsläufig, freilich, denn hier haben wir es mit einem recht eindringlichen Flüchtlingsdrama zu tun, in dem sich Millionen Menschen zu Zeiten des zweiten Sino-Japanischen Krieges in der Provinz Henan aufgrund einer sich rapide ausweitenden Hungersnot in Bewegung setzen und gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. Doch der Hunger holt sie ein, bald sind Nahrungsmittel die einzige Währung, die zählt. Für Gefühle ist in einem solchen Leben kein Platz...

Der Film, der in mehreren Kategorien für die chinesischen Academy Awards, den Golden Rooster Award nominiert ist, erscheint heute in Deutschland als DVD und Blu-ray bei Koch Media. Meine Kritik dazu in der Filmgazette:


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