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Home Invasion, sanftbrutal: Harmonium (Kôji Fukada, Japan 2016)



 In Kôji Fukadas Drama spiegeln sich mehrere Konstellationen: Figuren, Ereignisse, Zeitverhältnisse. Und die Gewalt, die unterschwellig immerzu präsent ist, wird von den beiden Männern ausgeübt. Wie sie darum ringen, ein Leben zu haben, oder sich für ein solches nicht-gelebtes beim anderen zu rächen. Aber zunächst ist alles ungewiss und erst im Verlauf des Films werden Zusammenhänge und Verknüpfungen aus der Vergangenheit enthüllt. Und plötzlich ist der Mensch, den du zu kennen glaubtest, ein ganz anderer. Beinahe.

 Manchmal ist man als Zuschaur im Vorsprung vor den Figuren, was die Spannung steigert und den unguten Vorahnungen Vorschub leistet. Aber wie sich das alles entlädt, das ist meisterhaft gemacht von Kôji Fukada und seinen vier bis fünf Darstellern, die alle für sich herausragend sind: Tadanobu Asano als Eindringling in die Familie, Kanji Furutachi als Familienvater, den seine Frau schon länger nicht mehr interessiert, Mariko Tsutui als Mutter und Ehegattin, die versucht alles zusammenzuhalten. Später kommt dann noch Takahiro Miura dazu, der ebenfalls eine wichtige Rolle als Lehrling spielen wird und natürlich die beiden Debütantinnen, die sowohl die kleine Tochter spielen, als auch dann acht Jahre später, das gereifte Mädchen.

 Es ist schwierig, etwas über diesen Film zu schreiben, denn ein Vorwegnehmen des Plots würde den Sehgenuß (oder den Horror daran) doch deutlich schmälern. Da man nie weiß, wie die Figuren reagieren und wie sich die Knoten im Hintergrund auflösen werden, baut der Film eine ungeheure Spannung auf - obwohl er durchweg sehr ruhig ist. In seiner Art ein Kammerspiel, hat er mich mehrfach an die ruhigen und etwas spröden Thriller von Kiyoshi Kurosawa erinnert. Im Detailreichtum, was das Arbeitsleben in der kleinen Werkstatt angeht, eher an den tollen koreanischen Film Last Child von Shin Dong-seok (2017), der übrigens ebenfalls an einem eisigen Fluss sein Ende findet.

 Jedenfalls beginnt die Handlung ganz am Anfang so: ein aus dem Gefängnis entlassener Mörder (Tadanobu Asano) taucht plötzlich bei seinem alten Kumpanen auf (Kanji Furutachi), und erhält dort Logis und Arbeit, da man in der Werkstatt sowieso gerade jemanden brauchen kann. Die Gattin findet das weniger lustig, da sie die alleinigen Entscheidungen ihres griesgrämigen Mannes ziemlich satt hat. Die Tochter übt auf einem Harmonium ein Lied, das sie bei einer Schulaufführung vortragen soll. Nach und nach nähert man sich aber doch aneinander an, und findet sogar Gefallen an der neuen "Familienkonstellation". Allerdings weiß die Mutter nichts über die Vergangenheit der Männer. Von da ab entrollt sich nun ein unheilvolles Verhängnis.

 Die Bilder in diesem Film sind gedämpft, hier gibt es keine knalligen Farben. Die Einstellungen dabei generell eher statisch, und als einmal ein panikhaftes Hinausrennen auf die Straße erfolgt, da ist man von der shaky Handkamera richtiggehend verblüfft. Die Filmmusik ist äußerst reduziert eingesetzt, und beschränkt sich auf Miniaturen klassischer Musik. Der Handlungsort ist ein ziemlich nichtssagender Vorort am Rande einer japanischen Großstadt. Hin und wieder geht es an einem Kanal vorbei, dann gibt es auch mal etwas Licht und Sonnenstrahlen. Ansonsten spielt sich der Film weitestgehend im Schatten ab.

 Es ist ein Film, in dem es wenig Freude gibt. Die Gewalt, die allgegenwärtig ist, tritt einem zumeist in Form eines Unheils entgegen. Oder eines zu erwartenden Unheils, das nicht weit sein kann. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn einige der Figuren wenig Aussicht darauf haben, dass sich ihr Leben zum Positiven verändern kann. Und das ist dann schon sehr niederschmetternd, wenn sich ganz am Ende des Films eine Figurekonstellation im Filmbild genau so ergibt, wie bei einer wichtigen Szene in Filmmitte. Nun aber mit teilweise anderem Personal und unter anderen Vorzeichen. Da kommt eine Spiegelung in den Film, die einen positiven Ausblick unmöglich macht. Es ist ein bitteres Ende, und ein großartiger Film.

Michael Schleeh

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