Direkt zum Hauptbereich

Passion oder Obsession - FITOOR von Abhishek Kapoor (Indien, 2016)


 Was sich in der Jugend wie ein romantisches, zartes, sanft heranschwebendes Gefühl der Schwärmerei anfühlt, kann Jahre später in eine echte Obsession umschlagen. So ist der Protagonist dieses Films, der Künstler Noor (Aditya Kapoor), von der schönen Erbin des hochherrschaftlichen Familienclans Firdaus (Katrina Kaif) verzaubert. Als Kind durfte er sich als Stallbursche ein kleines Zubrot verdienen, und konnte ihr dadurch nahe sein. Doch als die Kinder erwachsen werden, ändert sich alles. Firdaus geht nach London, wird Designerin, und die Erinnerung an Noor verblasst. Doch Noor kann sie nicht vergessen. Auch später nicht, als er in Delhi ein Stipendium bekommt und als Wunderkind der bildenden Künste durch die High-End-Galerien gereicht wird.

 Der Hindi-Film FITOOR ist eine Adaption von Charles Dickens' Roman Great Expectations, verlegt in die Schönheit des ländlichen Kaschmirs im Norden Indiens. Die schneebedeckten Berge im Hintergrund und die Holzhäuser auf Stelzen im Dal-See östlich der Stadt Srinagar sind der atemberaubende Schauplatz dieses historischen Kostüm-Liebesfilms. Zumindest eines Teils. Hier herrscht die Mutter von Firdaus, die autoritäre Begum Hazrat (irre toll gespielt von Tabu), die an der Schwelle zum Wahnsinn stehende Oligarchin. Sie hat einen Narren an Noor gefressen und unterstützt nun seine künstlerischen Ambitionen.

 Der Film zerfällt jedoch in zwei Teile, die sich an den geographischen Schauplätzen ausrichten. In Delhi angekommen, befinden wir uns mitten in einer Bollywood-Hochglanzproduktion, die nichts mehr mit dem Mysterium der Kaschmir-Episoden gemein hat. Hier regiert die Oberfläche, und so ist es auch nicht verwunderlich, dass nun das Leben Noors, der immer ein wenig wehmütig dreinblickende Aditya Kapoor, von schnellen Autos, gestylten Frauen, Galerien aus Stahlbeton und Wolkenkratzer-Büros bestimmt wird. Denn auch als Künstler geht er durch die Decke und ist der heißeste Scheiß. Es gibt dann eine grotesk absurde Szene, in der er oberkörperfrei an einem neuen Objekt arbeitet und plötzlich Firdaus hereinkommt. Beim Anblick seines Körpers, des gestählten Torsos mit six-pack und 0% body fat, verschlägt es der Schönen den Atem. Und sie überlegt sich noch einmal, ob es eine so gute Idee ist, den Minister zu heiraten, den sie in London an der Angel hat.

 Man ahnt es bereits, der darauffolgende Liebeskonflikt ist das eigentliche Thema des Films. Eines Films, der mitunter so unerträglich ist, dass man nicht weiß, wohin schauen. So nett die erste halbe Stunde ist, Kaschmir, die Kinderdarsteller, der fallende Schnee über dem See, so schrecklich ist er ab dem Moment, wenn die eigentlichen Hauptdarsteller auftreten. Sie wollen so gar nicht in ihre Rollen passen, die sie ausfüllen sollen. Besonders Katrina Kaif ist völlig fehlbesetzt. Außer einem Augenaufschlag kann sie ihrer Rolle keine Tiefe geben, ihre Figur ist ein völlig lebloses Abziehbild moderner Konsumgüterindustrie.

 Wäre da nicht Tabu in der Rolle der Miss Havisham, die den gesamten Film als the witch of the place zusammenhält, man würde diesen ganzen zusammengepantschten Emotionalitätenquatsch kaum ertragen können. Für Momente, wenn die Kamera durch das herrschaftlich stille Haus gleitet und der Staub in der Luft steht, Tabu in rotem Licht die Galerie herabschreitet, dann hat man den Eindruck, dass hier jemand einen guten Film machen will. Der Rest aber wirkt nur wie viel zu oft gesehene Versatzstücke, aneinander geklebt.

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

Jugend am Abgrund: Love and Other Cults (Eiji Uchida, Japan 2017)

Der japanische Independent-Film bringt auch heute noch saftige, verbotene Früchte hervor: ein gutes Beispiel ist des Regisseurs Eiji Uchidas vorherige, ebenfalls von Third Window Films produzierte, Meta-Erotikfilm-Groteske LOWLIFE LOVE (2015) mit einem fabelhaft fiesen Kiyohiko Shibukawa in der Hauptrolle. Auch hier gibt es wieder eine starke Protagonistin mit Sairi Ito als Ai, die zuerst als junges Mädchen in ein Jesuscamp gesteckt wird, wo sie einem Messias aus dem Westen huldigt, und später dann auf die schiefe Bahn gerät und im Pornobusiness endet.
 Aber: leider ist das nur die halbe Wahrheit. LOVE AND OTHER CULTS ist bei weitem nicht so dicht gescriptet wie sein Vorgänger, sondern stellt eine ganze Vielzahl an verschiedenen Figuren immer wieder ins Zentrum seiner vielen Geschichten. Eine Entscheidung, die den Film nicht nur in einzelne Episoden zerlegt, sondern insgesamt auch wenig kohärent erscheinen lässt. Und dann kommen noch ein paar Zeitsprünge hinzu und das Chaos ist komp…

Afterlife / Wandâfuru raifu (Hirokazu Kore-eda, Japan 1998)

Angekommen in einem nüchternen Zwischenreich, müssen zehn Verstorbene den schönsten Moment ihres Leben auswählen, um mit dieser Erinnerung anschließend ins Jenseits einzugehen.

Kore-eda ist ein Regisseur der vom Dokumentarfilm kommt. Das sieht man ihm auch bei seinen filmischen Mitteln im feature film an. Die Kreation irrwitziger Filmwelten ist nicht sein Ding. Stets führt die ruhige Kamera in langen Einstellungen "reales" Leben vor, das sich nicht den Gesetzen des Entertainments unterwirft. Lange Einstellungen, Stille, Respekt vor den Menschen, dem kleinen Moment des Besonderen.
Seine Mittel der Authentizitätserzeugung wählt er gründlich: neben den bereits erwähnten technisch-strukturellen Komponenten ist es auch die Wahl der Schauspieler und Laiendarsteller, für die er sich enorm viel Zeit genommen hatte. So werden die Toten (etwa 10 Personen) allesamt von Laien dargestellt, die Kore-eda nach 500 geführten Interviews ausgewählt hatte. Zudem waren nur die Dialoge der profe…

Eine irre und wirre Komödie: CRIME OR PUNISHMENT ?!? (Keralino Sandorovich, Japan 2009)

Eine wirre und irre Komödie aus Japan, die auf einem Theaterstück desselben Regisseurs basiert. Einzelne Momente, z.B. die komplette Eröffnung mit dem Sararyman ist toll, einzelne Momente und Erzählstränge später - während des recht lange sich anfühlenden Films - ebenso. Leider kann der Film aber weder sein Tempo halten, noch die Aufmerksamkeit des Zuschauers über die gesamte Spieldauer fesseln. Zu sehr fasert er auseinander, zu weit driften die einzelnen Stränge der Handlung auseinander.

Da verwundert es wirklich, dass Regisseur ケラリーノ・サンドロヴィッチ, kurz KERA genannt, alle diese Fäden auch wieder zusammenbringt. Eine reife Leistung! Allerdings muss man sich mehrfach dazu zwingen, bei diesem etwas bemüht wirkenden Film, am Ball zu bleiben. Das gelingt aber immer wieder dann doch, weil der Film niemals ganz abstinkt, oder die SchauspielerInnen zu gut sind. Zu gut für ihre Rollen, möchte man manchmal meinen. Und so Leute wie eine Sakura Ando taucht dann auch plötzlich auf - m…