Direkt zum Hauptbereich

Nippon Connection 2018 - Das Programm.


 Es ist für mich mittlerweile zur Tradition geworden, Ende Mai über Fronleichnam nach Frankfurt zu reisen und eine knappe Woche beim Nippon Connection Film Festival dem japanischen Film zu huldigen. Es gibt aber noch einen Grund, dies jedes Jahr zu wiederholen: die Atmosphäre des Festivals ist einzigartig. Das liegt nicht nur daran, dass eigentlich alle Anwesenden ausgesprochen gut gelaunt sind (ein großer Gegensatz zur Berlinale, zum Beispiel) - sondern dass ich dort enorm viele Leute treffen kann, die mir mittlerweile ans Herz gewachsen sind. Und neue Bekanntschaften zu machen, die das Potenzial dazu hätten, wenn man sich öfters sähe. Die Begeisterung für alles Japanische scheint eine tiefe, unausgesprochene Verbundenheit zwischen den Festivalteilnehmern zu stiften, die für einen kurzen Moment alles möglich erscheinen lässt.

Auch dieses Jahr ist das Film-Programm wieder sehr schön geworden. Neben dem tollen Rahmenprogramm, bei dem vor allem drei Veranstaltungen für mich herausstechen:

1. Der Vortrag von Tom Mes über sein neues Buch Meiko Kaji Unchained, das bei Arrow Films erschienen ist.
2. Das "Heimkino" von Jörg Buttgereit wurde wiederbelebt.
3. Protestkultur in Japan nach Fukushima: "Sayonara Atomkraft" von Andreas Singler, der mehrere Jahre zur Anti-Atomkraft-Bewegung in Japan geforscht hat.

Das Filmprogramm speist sich wieder aus den Sektionen, die man von den vorherigen Jahrgängen her kennt: Nippon Cinema (das wäre der "Wettbewerb" auf anderen Festivals), Nippon Animation, Nippon Visions (neue Filmemacher und Indies), Nippon Docs, und die Nippon Retro, die ins Filmmuseum am Main ausgelagert ist. Alle anderen Filme laufen hauptsächlich im Mousonturm und der Naxoshalle - die eine der herausfordernsten Bestuhlungen westlich der japanischen Inselkette zeitigt.

Anstatt nun alle Filme vorzustellen (dafür gibt es die Webseite) liste ich hier meinen persönlichen Fahrplan auf:

(Dienstag): Eröffnung mit Mori, the Artist's Habitat von Shuichi Okita im Mousonturm und Love and Wolbachia von Sayaka Ono in der Naxoshalle. Danach Outrage Coda von Takeshi Kitano - den ich schon gesehen habe und so eingeschätzt habe - und A Free Man von Andreas Hartmann in der Naxoshalle. Am Dienstag werde ich noch nicht vor Ort sein.

Mittwoch: Party 'round the Globe von Hirobumi Watanabe
Birds without Names von Kazuya Shiraishi
Tremble all you Want von Akiko Oku
Bamy von Jun Tanaka (habe ich schon gesehen und hier besprochen habe)

Donnerstag: The Night I Swam von Kohei Igarashi und Damien Manivel
Trace of Breath von Haruka Komori
We Are von Michihito Fujii
Dear Etranger von Yukiko Mishima
The Blood of Wolves von Kazuya Shiraishi

Freitag: Blogger-Frühstück, organisiert von Schöner Denken
Meiko Kaji Unchained von Tom Mes
Danchi Woman von Akiko Sugimoto
Pumpkin and Mayonnaise von Masanori Tominaga
Hanagatami von Nobuhiko Obayashi oder Tim & Puma Mimi Live-Konzert

Samstag: The Night is short, Walk on Girl von Masaaki Yuasa
River's Edge von Isao Yukisada
Enokida Trading Post von Ken Iizuka
Oh Lucy! von Atsuko Hirayanagi
Cyclops von Norichika Oba

Sonntag: Mutafukaz von Shojiro Nishimi und Guillaume Renard
Flower and Sword von Tetsuo Shinohara

 Es ist immer die Qual der Wahl, die mich den einen Film sehen lässt, dafür einen anderen unmöglich macht. Aber so ist es immer auf Festivals. Und Kritiken schreiben möchte man auch noch, und Podcasts aufnehmen ebenso. Ich freue mich auf eine irre volle Woche an Filmen und Begegnungen. Die Nippon Connection 2018 kann kommen!

Michael Schleeh

***

Beliebte Posts aus diesem Blog

The Woman who wanted to Die / Segura magura: shinitai onna (Kôji Wakamatsu, Japan 1970)

Ein wahnsinnig schöner Film von Wakamatsu mit einem etwas verwickelten Plot: in einem tief verschneiten Provinznest verbringt ein beinah schon vermähltes Liebespaar ein paar gemeinsame Tage, doch reist ihnen der ehemalige Geliebte der Frau, ein heißblütiger Student, hinterher. Der befreundet sich, dort angekommen - überraschend und auch sexuell - mit einer älteren, reifen Frau, der Wirtin seines Gasthofes. Diese aber ist die ehemalige Geliebte seines Rivalen, des Mannes seiner Freundin. Damals liebten sich die beiden innig, aber ihre Liebe hatte keine Zukunft. Sie hatten sich dazu entschieden, den Doppelselbstmord aus Liebe   durchzuführen, was aber an der Willensstärke des Mannes gescheitert war, der sich, nachdem er die Frau mit einem Schwerthieb niedergestreckt hatte, nicht selbst töten konnte. Fortan quälte ihn die Gewissheit, seine große Liebe emordet zu haben, aber selbst zu feige gewesen zu sein. Die Frau jedoch überlebte schwerverletzt, zu einem Leben im Leid fern des Ge...

Wenn Kunst und Qual und Lust zusammen kommen ~ IREZUMI - The Spirit of Tattoo (Yoichi Takabayashi, Japan, 1982)

  Yuki no hana , Blumen des Schnees sind es, die auf perfekte Haut tätowiert werden; Abbildungen, die besonders gelingen, wenn beim Akt des Stechens die körperliche Ekstase einhergeht. In diesem Erotik-Drama, das die Kunst des Tätowierens vor allem auf seinen spirituellen Überbau hin abklopft, gerät das Leben einer Frau aus den Fugen. Die Erfahrungen, die sie macht, verändern sie über die Zeit völlig und so weiß am Anfang niemand, wo das enden wird - jedenfalls nicht dort, wo es die dominante Männergesellschaft vorgesehen hatte. Im Hintergrund lauert aber ein größeres Drama, das sich später enthüllt - und auch hier ist das Motiv der Schneeflocke zentral.  Hideo Fujii, ehemals Technik-Assistent bei Hideo Gosha und Nagisa Oshima ist Kameramann bei Yoichi Takabayashis IREZUMI (aus dem Jahr 1982 - nicht mit dem gleichnamigen Film von Yasuzo Masumura verwechseln), ist in IREZUMI für die Kamera verantwortlich. Die Bilder sind gelungen in ihrem manchmal etwas biederen Vers...

Abschied

Micha hat diesen Blog fast 15 Jahre mit großer Leidenschaft geführt. Seine Liebe zum asiatischen Kino hat ihn in dieser Zeit in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen gebracht. Viele von euch waren ihm, wenn auch nicht räumlich, so doch gedanklich und emotional sehr nah. Jetzt ist er am 30.12.2021 zuhause in Bonn gestorben. Ich habe mich entschlossen, Michas Schneeland-Blog auch in Zukunft nicht offline zu stellen. So können Interessierte weiterhin all die klugen, detailgenauen und begeisternden Gedanken zum asiatischen Kino nachlesen, die er über die Jahre festgehalten hat.  Neben seinem Blog hatte Micha 2021 noch ein neues Projekt aufgenommen: Gemeinsam mit der Videokünstlerin Sandra Ehlen und Thomas Laufersweiler von SchönerDenken hatte er begonnen, in einem Podcast das filmische Werk von Keisuke Kinoshita zu besprechen. 25 Beiträge sind so bis zu Michas Tod im Dezember noch entstanden. Alle zwei Wochen erscheint nun eine Folge dieser Kinoshita-Reihe. V ielleicht eine sc...