Direkt zum Hauptbereich

Eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs: Swaying Mariko (Koji Segawa, Japan 2017)


 In Koji Segawas einstündigem Film Swaying Mariko wird direkt zu Beginn deutlich, was das Besondere an ihm ist: die Erzählperspektive ist ganz dicht an die Hauptfigur Mariko angelegt (sehr nuanciert gespielt von Chise Ushio). Wir sehen die Ereignisse durch ihre Augen, mit einer zusätzlichen Voice-Over-Kommentar-Tonspur, die ihren Gedankenfluss transportiert. Es ist also kein klassisch übergeordneter Erzähler-Kommentar, der hier abläuft und der Kontext wie Übersicht erschaffen würde, sondern eine subjektive Meinung, die sogar eher für zusätzliche Verunsicherung sorgt.

 Denn in Marikos Kopf herrscht eine ziemliche Verwirrung. Ein Chaos, da ihre angespannte Lebenssituation voller Einsamkeit und zugleich voller Verpflichtungen sie ziemlich unter Druck setzt. Immer wieder kippt die Situation in Momente schwarzen Humors, da die Gedanken völlig in Kontrast zu dem stehen, was man sieht. Zwischen Dargestelltem und Wahrgenommenem tut sich eine Schere auf. Generell aber findet eine zunehmende Verunsicherung und damit ein Aufbrechen der Verläßlichkeit der Erzählung statt. Da der subjektive Erzähler, Mariko, eine unzuverlässige Erzählerin ist, weiß man häufig nie so genau, wo die Realität aufhört und wo der Wahn beginnt. Markiert wird das Hinüberrutschen nicht, und so steht der Zuschauer vor der Frage, ob das Gesehene eine Wunschvorstellung oder ein Wahnbild ist.

 Die Geschichte ist zunächst ganz einfach: Mariko ist unglücklich verheiratet und hat einen Sohn. Tagsüber jobbt sie in einer Baseball-Anlage und hat mit schwierigen Kunden und einem übergriffigen Chef zu tun. Ihre geschwätzigen Kolleginnen gehen ihr auch auf den Keks. Ihr Mann hat heimlich eine Freundin und stellt zuhause auch noch Ansprüche, wie das ein Patriarch eben so tut. In dieser emotional und sozial schwierigen Situation versucht sie, ein Bein auf den Boden zu bekommen und nicht vollkommen durchzudrehen. Kein Wunder, bricht doch gerade ihr Leben auseinander.

 Koji Segawas Film, der irgendwo zwischen Kurzfilm und Langspielfilm einzuordnen ist, wirkt noch etwas rauh in seiner Art der Erzählens, und der Schnitt ist manchmal etwas zu sehr bestimmt vom Gedanken, der dahinter steht. Etwa wenn aus dem Moment des frühen Glücks in der Beziehung (eine Strandszene im Flashback, man liegt glücklich im Sand) direkt auf eine Kloschüssel geschnitten wird, in die die Anti-Heldin deprimiert stiert. In solchen Momenten lässt es der Film manchesmal an Subtilität vermissen.

 Andererseits liegt seine große Stärke darin, in nur wenigen Szenen die Alltagswelt Marikos entstehen zu lassen. Sehr schön am Beginn des Films etwa, in der Baseball-Anlage, wie man über die Lästereien der Kolleginnen und die heimlichen Blicke in die Umkleideräume direkt mitten drin ist in dieser Welt. Und Koji Segawas relativ statische Kamera fügt dem ganzen noch einen durchaus humorvollen Kommentar hinzu. Denn irgendwo steckt in diesem bedrückenden Film auch eine schwarze Komödie. Man darf auf weitere Filme des Regisseurs gespannt sein.


Michael Schleeh

***

Koji Segawa wurde 1979 in Kyoto geboren und hat die Film School of Tokyo besucht. Vor Swaying Mariko sind bereits Mothwoman / Gaichu (2008) und Kogeonna warau (2011) entstanden. Mariko hingegen lief bereits in London beim Raindance Film Fest, beim Osaka International Film Festival und nun beim Japanischen Film Fest Hamburg 2018.

***


Beliebte Posts aus diesem Blog

HKIFF 2019 ~ The Fisherman and the Forest (Tomohiko Yokoyama, Japan 2018)

Interessante dokumentarische Arbeit über einen japanischen Austernfarmer im Tohoku-Gebiet, der bei den Verwüstungen im Jahr 2011 durch den Tsunami alles verliert. Es ist kein Wunder, dass im Bereich Dokumentarfilm die Fokussierung auf gerade dieses Thema, die Nuklearkatastrophe und die Folgen des Tsunamis, noch immer zentraler Bestandteil japanischer Filmgeschichtsschreibung sind, da die Folgen des Desasters noch lange nicht ausgestanden sein werden.
 Dieser Film lebt von seinem sympathischen Protagonisten Shigeatsu Hatakayama aus Kesennuma, etwa 200 Kilometer nördlich von Fukushima in der Präfektur Miyagi, der als Austernfarmer sein Auskommen verdient. Sogar Der Spiegel berichtete im Jahr 2011 mit dem Titel: "So löschte die Flut Kesennuma aus", und die Süddeutsche Zeitung zeigte 2016 eine Bilderstrecke, wie es dort "heute wieder" aussieht. Herr Hatakayama legt allerdings selbst Hand an, denn er glaubt an ein gut funktionierendes Ökosystem, das sich gegenseitig b…

The Extreme Sukiyaki (Shiro Maeda, Japan 2013)

Diese post-bubble economy Loser-Ballade ist ziemlich erstaunlich, da es sich bei ihr nicht um eine klassische coming of age story handelt, wie man erwarten könnte, sondern um die Geschichte zweier berufsjugendlicher junger Männer zwischen 30 und 40 Jahren, die mit den Anforderungen des Erwachsenenlebens nicht zurecht kommen (und somit einen Film wie Momoko Andos 0.5mm präludiert). Besonders der zurückhaltende und melancholische Horaguchi (Arata Iura) lässt sich von den Erinnerungen an die längst vergangenen Collegezeiten leiten, und bekommt sein Leben nicht auf die Reihe. Da beschließt er, einfach bei seinem ehemals besten Freund Okawa (Yosuke Kubozuka) vorbei zu gehen, und an die Freundschaft wieder anzuknüpfen. Der hat aber zunächst wenig Interesse daran, fühlt sich überrumpelt, und sowieso bedrängt. Er selbst steckt in einer merkwürdigen Beziehung zu seiner Freundin Kaede, die eher wie eine normale Mitbewohnerin wirkt, und weiß mit seinem Leben nichts anzufangen. Als freeita-Jobbe…

Im Zick-Zack durch den Zombie-Film: ONE CUT OF THE DEAD (Shinichiro Ueda, Japan 2017)

Den Film habe ich vor etwa zwei Wochen gesehen und es ist ganz interessant, was noch in der Erinnerung von ihm übrigbleibt. Und das ist eigentlich recht viel. Was vor allem, wie ich glaube, daran liegt, dass er geschickt mit "Bild-Ankern" arbeitet. Zum Beispiel mit der Pyramide am Ende, die vergisst man nicht so schnell. Genausowenig wie das Haupt-Setting, die verlassene Fabrik. Oder dann den dritten Schauplatz, einen gesichtslosen Büroraum mit 08/15-Mobiliar und wenig Euphorie. Woher die ganze Saftigkeit kommt, wenn ein Film - in der Produktion - dort in dieser nüchternen Tristesse beginnt, ist auch so ein kleines Wunder. Auf der Leinwand ist er dann ja schon eine ganz andere Erfahrung.
Auf letterboxd hatte ich das schon kurz angemerkt: der Film hat ein merkwürdiges, schräges Pacing. Schnell und actionreich am Beginn, dann die Zerstörung der filmischen Illusion und der Aufbau der Backstory, dann Switch zurück und das quasi-live-Making-of. Der Film ist also ein Erzählfilm, …