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Donnerstag, 30. Dezember 2010

At the very Bottom of Everything / Di dasar segalanya (Paul Agusta, Indonesien 2010)

...ist ein experimenteller Film über eine Frau mit bipolarer Störung, einer Frau, die also manisch depressiv ist. Das Krankheitsbild dieser psychischen Störung ist meines Wissens eines der enormen (Stimmungs- und Antriebs-) Schwankungen; so ist der Kranke entweder enorm aktiviert (manisch) oder extrem antriebslos und gedrückter Stimmung (depressiv).

In einem karg eingerichteten und von drei farbigen Neonröhren erhellten Raum sitzt eine Frau in einem Sessel, rauchend, über sich und ihre Krankheit sprechend. Schon hier beginnen sich die Wahrnehmungsräume zu vervielfältigen, denn durch Überblendungen visuell dargestellt lösen sich verschiedene personae ihres Ichs und laufen durch den Raum, vorwärts, rückwärts, überlagern sich usw.

Neben diesem "konkreten" Realraum springt der Film in 10 Kapiteln in imaginierte, wahnhafte Räume, in der die Ausgestaltungen der Krankheit visualisiert werden. Diese sind naturgemäß völlig unterschiedlich dargestellt: ein Mann abstrakt schwarz/weiß vor tropische Kulisse im Sand daherrobbend, eine Frau am Kreuz, blutüberströmt, explodierende Blumen und Puppentrick- Animationen, dann ein rattenähnliches Wesen, das von anderen Ratten aufgefressen wird. Dies ist alles enorm stilisiert, künstlich, theatral. Der Film folgt logischerweise keinem Erzählfaden, vielmehr werden Stationen visualisiert, besser: Zustände.

Ein verbindendes Motiv gibt es dennoch: das des "unten Ankommens" und die Angst davor. Einmal wird von einem Brunnen gesprochen. Dieses Bild, bei dem sich der Körper am weitesten von seinem bisherigen, "normalen" Leben abgelöst hat, am weitesten von der Gemeinschaft entfernt ist, steht als Motiv über dem ganzen Film als die endgültige Vernichtung des Ichs. So sind auch die Monologe der kranken Frau (Kartika Jahja) oft nur Gestammel, das nur in einem sehr hermetischen Kosmos sinnstiftend sein mag. Der Zuschauer jedoch verliert bereits nach kürzester Zeit den Zugang und steht draußen vor der Tür. Wohl wie im wirklichen Leben.

Es offenbart sich dadurch eine Machtlosigkeit gegenüber dem Film, der auf seine Weise unangreifbar wird. Ein Film, der laut Selbstaussage des Regisseurs (Jahrgang 1980) auf eigenen Erfahrungen beruht. Dass er am Ende einen positiven Ausblick anbietet, ist ihm hoch anzurechnen. Anknüpfungspunkte für den Zuschauer sind jedoch wenige vorhanden und so fällt es nicht nur schwer, bei der Sache zu bleiben, sich auf die Thematik einzulassen, sondern ebenso den künstlerischen Aspekt wert zu schätzen. Es ist eben eine sehr private Hölle, die da gezeigt wird, und deren ausgestaltete Notwendigkeit dürfte vor allem im Subjektiven verankert sein: "my intention was to go inside the head of a bipolar person and give a tour inside".

Für den Zuschauer aber ist der Film erstmal ein abstraktes Kunstobjekt, aus wessen Geist auch immer. Es ist sicher löblich, dass Agustas Film keine kitschigen Abziehbilder liefert für ein falsches und sowieso völlig problematisches Mitgefühl - er ist möglicherweise dergestalt sogar am Ehrlichsten: in der Transponierung der Erfahrungen auf eine andere, mediale Wirklichkeitsebene. Das ist stets interessant, aber zugleich enorm anstrengend und leider auch unendlich langweilig.

Montag, 27. Dezember 2010

Masahista / The Masseur (Brillante Mendoza, Philippinen 2005)


Brillante Mendozas erste Spielfilmregie verortet ihn sogleich im Independentkosmos des modernen philippinischen, cineastischen Undergrounds. Geringe Budgets und die Digitalkamera eröffnen jungen Filmemachern die Möglichkeit, nicht nur jenseits einer etablierten Filmindustrie, sondern so gut wie jenseits jeder filmischen Szene aktiv zu werden. Ein Status, der sich auch in der Verfügbarkeit der Filme zeigt. So sind die Filme von Brillante Mendoza, Lav Diaz, Raya Martin, KHAVN de la Cruz u. a. nur in Ausnahmefällen auf DVD greifbar (wenn, dann sowieso nur weltweit), oder sie sind mit etwas Glück auf engagierten Retrospektiven und Filmfestivals zu sehen. Im Falle KHAVNs übrigens durchaus auch auf youtube, selbst eingestellt vom Regisseur. Die Filme eint neben den o. g. Kriterien ein Hang zum ästhetischen Radikalismus in Kombination mit einem Blick auf gesellschaftliche Mißstände, welcher gerne mal als "neorealistischer" italienischer Prägung oder als einer im Geiste des "Cinéma vérité" agierenden bezeichnet wird. Hier kann es also trotz aller ästhetischen Realitäts-Stilisierung direkt, hart und brutal werden. Manila von unten, sozusagen. Was ihnen auch schon zum Vorwurf gemacht wurde: das Land für den westlichen Blick auszubeuten, für diesen die philippinische Realität zu skandalisieren. Mancher denkt da auch an Lino Brockas Dramen von Außenseitern und Verstoßenen.

In MASAHISTA jedenfalls widmet sich Mendoza den an den Rand (auch konkret räumlich an den Stadtrand-) Gedrängten Jugendlichen, die als Masseure in einem Massagesalon arbeiten, der ausschließlich von Homosexuellen frequentiert wird und die für ein kleines Entgelt weiterführende Dienstleistungen in Anspruch nehmen können.

Filmisch verschaltet Mendoza zwei Erlebniswelten seines Protagonisten Iliac (Coco Martin) parallel: einmal wird seine Arbeit in besagtem Massagesalon gezeigt, dann wird im anderen Strang vom Tod und der Beerdigung seines Vaters erzählt. Hier schneidet Mendoza hin und her, wobei sich beide Ebenen zunehmend zu überlagern beginnen, und Iliac in der Beschäftigung mit seinem schwulen Kunden, einem älteren Herren, der in ihm die Erinnerung an die Vaterfigur wachruft, sich dem Erwachsenwerden stellen muss. Ebenso der Auseinandersetzung mit der Familie (ein Matriarchat), sowie seiner Freundin, die im Taxi vor dem Haus auf ihn wartet, bis dass er endlich seinen Kunden "bedient" hat. Es entwickelt sich also nicht nur eine Spannung innerhalb des Protagonisten, der im Coming-of-Age-Drama einen Erkenntnissprung macht, sondern auch eine Spannung zwischen den beiden bestimmenden Raumkonstellationen des Massagesalons (in der Nacht) und des Zuhauses (am Tage). Mendoza arbeitet mit Ellipsen, wackeligen Handkamerabildern in den Straßenszenen, sowie langen Einstellungen in den Kabinen des Salons. Mit betörender, dunkel nachtschwerer Erotik in der Darstellung der sich annähernden Körper.

Gegen Ende wird der Film zunehmend ungemütlich, tragisch und gewalt(tät)ig. Im Abspann dann erreicht er einen wunderschönen melancholischen, tranceähnlichen Höhepunkt - auch dank der sehr zurückhaltenden, tollen minimalistischen und atmosphärischen Musik. MASAHISTA ist ein faszinierender Film, der große Lust auf weitere Entdeckungen macht.

Sonntag, 26. Dezember 2010

4:30 (Royston Tan, Singapur 2005)


Der elfjährige Xiao Wu kämpft sich durch den Alltag, was bei ihm soviel bedeutet wie: Schule, absente Mutter (in Beijing), herzloser Vater, Nudelsuppe, Wunsch nach Anerkennung. Royston Tan, der "bad boy" aus Singapur, aufgefallen in der Videokunst-/Kurzfilmszene und immer wieder vertreten auf Filmfestivals zu Uhrzeiten, wenn keiner ins Kino geht, macht hier einen Film nicht als Erzählung von Geschichte, sondern als Erzählung aus Bildern. Markant also schonmal die beinah komplette Abwesenheit von Sprache. Tan gibt uns keine Hilfestellungen wie Namen, eine Einführung in das Geschehen, irgendwie Zugang. Man ist unmittelbar mittendrin (wie in einem Kurzfilm), ultimativ, ganz, ohne Vorwissen. Und dann kommt erstmal der Krimiplot, die heimliche Durchstöberung der Habseligkeiten des - was man noch nicht weiß - stets betrunkenen Vaters.
4:30 ist dabei zugleich total stilisierter Kunstfilm mit seiner statischen Kamera, der Sprachlosigkeit, der Wahl der Bildausschnitte, der blauen und grünen Einfärbungen. Kunstfilm deshalb, weil der Film seine Ästhetik offen zur Schau stellt. Dass das nie langweilig wird, ist sicher eine Leistung - und am Ende kommt es auf leisen Sohlen knüppelhart, unerwartet. Aber auch mit leisem, sehr leisem Humor. Wo ist nur die Zeit geblieben? Ein unerwartet ruhiger, schöner Film.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Fire of Conscience / Fire Dragon / For lung (Dante Lam, Hongkong 2010)


Die beiden Cops Kee (Richie Ren) und Manfred (Leon Lai) beginnen zusammen zu arbeiten, als sich herausstellt, dass ihre Fälle einen gemeinsamen Hintergrund haben. Der Saubermann Kee überrascht dabei plötzlich mit radikalen Methoden, die ihm niemanden zugetraut hätte. Manfred ist sowieso ein harter Hund, seit die böse Unterwelt seine Frau samt ungeborenem Kind auf dem Gewissen hat. Dass Kee einen hinterlistigen Plan ausführt, stellt sich erst heraus, als schon so einiger Blutzoll entrichtet wurde.

Dante THE BEAST STALKER Lams neuer Film ist ein verworrenes Etwas: das Skript geht in den ersten beiden Dritteln völlig drunter und drüber, es weiß Aktionen nicht zu gewichten, die gleichzeitigen Ermittlungen in den drei (!) Kriminalfällen bleiben über weite Strecken nicht nachvollziehbar. Stark wird der Film immer in seinen Actionszenen; und da kann man wohl sagen, dass es Lam wie kaum ein anderer schafft, diese von der ästhetischen als auch von der kreativen Seite her unvergleichlich zu inszenieren (siehe der Anfang). Das ist dermaßen gut und überraschend choreographiert und eingefangen, von einem unglaublichen Tempo und einer Frische, die völlig einnehmend wirkt. Es ist beinah ein Unding (und man bemerkt es erst gar nicht): in diesen Szenen läßt Lam tatsächlch alle Musik komplett weg! Doch diese Stille wirkt in ihrem Kontrast enorm spannungsaufbauend, sie saugt einen dermaßen an und läßt die brutalen Stellen unerträglich herbe wirken (ganz im Gegensatz zum hollywoodianischen Inszenierungshabitus, alles in Score und Geräuschwelten zu ertränken, so dass vom Crash, vom Punch, vom Schuß und Gesplitter schon gar nichts mehr wahrzunehmen ist, da es sich in all den Krabumm eingliedert.) Hier ist jeder Schlag noch ein Schlag - auch weil man ihn einfach nur ganz dezidiert hört. So einfach kann's gehen.

Gegen Ende glätten sich die Wogen der Konfusion dann etwas, der Film erklärt sich durch Flashbacks, macht Motivationen und Hintegründe deutlich, er rundet sich merklich. Das bedeutet aber nicht, dass er nicht doch stets in seinen ausufernden Subplots zu ertrinken drohte. Doch der excellente Cast macht einiges wett: auch die Hauptfiguren der zweiten Reihe sind ausgezeichnet. Michelle Ye als toughe Polizistin May, die viel herumgeschickt wird, Kai Chiu Liu als Bao Wang, der sich mit den Gangstern eingelassen hatte. Und am Ende dürfen wir trotz der vielen Toten und der zerstörten Leben noch etwas Gnade erfahren...

Freitag, 10. Dezember 2010

Accident / Yi ngoi (Soi Cheang, HK 2009)


Pou-Soi Cheangs erster Film unter Johnnie Tos Produktionshoheit (Milkyway) ist ein hervorragend schneller, straffer und kluger Genreknaller geworden.

Ho Kwok-Fai (Louis Koo) hat ein Killerteam um sich geschart (Stanley Fung, Lam Suet, Michelle Ye), das sich auf die Inszenierung von Auftragsmorden spezialisiert hat. Diese laufen stets nach einem Dominosystem ab und erscheinen - da sie so komplex konstruiert wurden - wie tatsächlich Unfälle. Doch plötzlich wird einer des Teams während einer Aktion durch eine Verkettung tragischer Zufälle getötet. Ho entkommt nur knapp. An diesen Zufall will er nicht glauben und wähnt sich selbst das Ziel eines Killerteams.

ACCIDENT beginnt enorm stark - und es ist eine Lust, den kreativen Inszenierungen zuschauen zu können. Cheangs in DOG BITE DOG zelebrierter harter Realismus und die ungestüme Wildheit SHAMOs geht ACCIDENT ab, da wurde er wohl von To gebremst. Doch nicht zum Schlechten: der Film ist sehr flüssig und elegant inszeniert, spart aber nicht mit harten Details. Die Ruppigkeit, eine konsequente Rücksichtslosigkeit die sich in seinen früheren Filmen Bahn gebrochen hatte, ist hier aber geglättet. Waren die beiden Vorläufer noch Filme von der Straße, so ist dieser einer der Intellektualität, einer der auch den Crash zur Struktur hat. Insofern passt diese Glättung gut zum Film.

In der zweiten Hälfte jedenfalls, nach dem Anschlag auf das Team, wandelt sich der Film: er wird zu einer psychologischen Reise ins Innere des Protagonisten. Er zieht sich zurück, wähnt sich verfolgt, die Ebenen von Realität und Fiktion/Wahn verwischen. Hier zeigt sich Cheangs Können, der diesen Wechsel in der Tonlage phantastisch hinbekommt und das Spannungslevel sogar noch zu intensivieren weiß. Kluge Ideen, wie die Beschattung des mutmaßlichen Feindes (die ich nicht spoilern werde), verleihen dem Film Originalität und auch: Tragik. Die knackig-kurze Laufzeit und überzeugende Darsteller tun ihr übriges, um aus ACCIDENT einen gelungenen Film zu machen.

Soi Cheang ist jedenfalls eine sehr heiße Adresse im Hongkonger Genre-Filmgeschäft geworden. Dem Man ist alles zuztrauen. Wir dürfen gespannt sein!

Freitag, 26. November 2010

Chanbara Beauty / Oneechanbara: The Movie (Yohei Fukuda, Japan 2008)


Die Welt liegt in Trümmern und einige wenige aufrechte Recken wissen sich noch gegen die spastisch daherhumpelnden Zombiemassen durchzusetzen. Ziel ist die Trutzburg eines mad scientist, der mithilfe einer grünen Glibberlösung Lebewesen in Untote verwandeln kann. Das könnte er auch einfacher haben! Doch will er eine Art Frankenstein-Übermensch kreieren, eine Kreatur, die schön, stark, unverwundbar und vor allem: ihm selbst hörig ist. Das Samuraimädchen im Plüschbikini vom Cover findet das nicht gut und schließt sich mit einer Pistolenfrau zusammen, die ein üppiges Dekolletée hat. Ein dicker Tropf darf auch noch mitspielen, wegen der Männerquote.

ONEECHANBARA dürfte so ziemlicher der dümmste Mist sein, den ich dieses Jahr gesehen habe. Nicht weil er vollkommen unglaubwürdig wäre und keine einzige gute oder halbwegs neue Idee auffährt! Er ist vor allem, und das ist das Ärgerliche, sehr sehr lieblos gemacht.

Aus diesem Grund macht der Film auch überhaupt keinen Spaß. Er ist sehr schlecht inszeniert, absolut beschissen ausgeleuchtet und mies choreographiert. Von sehr vielen Kampfszenen sieht man einfach überhaupt nichts, da der Film zu dunkel ist. Ob man damit mangelnde Finesse vertuschen wollte, glaube ich nicht - jemandem, der so dreist ist, so ein Machwerk zu erschaffen, ist alles zuzutrauen. Man hätte einfach mal eine Lampe irgendwohinstellen sollen. Von Spannung natürlich auch keine Spur, von einem Bogen derselben gar nicht zu reden. Der aus Unfähigkeit in Einzelszenen zerfallende Film kann selbst diese einzelnen Häppchen nicht ansprechend gestalten. Mit einer Ausnahme: die Ermordung des Vaters einer der Killergören. Diese Kämpfe sind beinahe ansprechend, der Versuch einer Psychologisierung der Figuren ist lobenswert (wenn auch gescheitert), und der in wenigen Sekunden hergestellt optische Effekt des ausgebleichten Sepiabildes (ja, es ist eine andere Zeitebene, Dämlack!) beinahe so etwas wie ein formaler Exzess in diesem heruntergekurbelten Mist.

Den Film kann man sich natürlich dennoch ansehen, wenn man Komplettist ist. Oder stumpf genug. Oder anspruchslos genug. Als Entgegnung wird man wieder überall lesen können: "Och, ich fand den ganz ok", oder "der will doch nur unterhalten", oder noch schlimmer: "hey, ist halt ein Genrefilm". Leck mich am Arsch: Genrefilm, das ist kein Genrefilm, das ist stumpfster Kommerz ohne Herz. Sonst nichts. Eine leere Hülle die auf dem Splatterzug mitreitet. Es gibt sogar eine Fortsetzung davon. Es ist nicht zu fassen.

Freitag, 19. November 2010

Zero Focus / Zero no shoten (Yoshitaro Nomura, Japan 1961)


Als der frisch vermählte Gatte bei einer Geschäftsreise in den Norden spurlos verschwindet, macht sich seine Frau, Teiko Uhara (Yoshiko Kuga), auf den Weg dem Verbleib ihres Mannes auf die Spur zu kommen. Jedoch scheint es so, als habe er Suizid begangen und sich eine steile Klippe hinabgestürzt. Dies kommt nun verständlicherweise völlig überraschend und die junge Witwe kann sich mit der scheinbar allzu simplen Wahrheit eines Selbstmords nicht abfinden und nimmt die Ermittlungen fortan selbst in die Hand. Dabei deckt sie ein Geheimnis aus der Vergangenheit auf und gerät selbst in Lebensgefahr.

Wie schon HARIKOMI (und auch THE DEMON und CASTLE OF SAND) basiert der Film auf einem Roman des Schriftstellers Seicho Matsumoto, der sich erneut mit der Aufdeckung eines besonders ungewöhnlichen Kriminalfalles beschäftigt. Nicht nur stehen in ZERO FOCUS drei Frauen als Protagonistinnen im Zentrum des Plots, sondern er löst sich in seiner Struktur in die einzelnen Erzählstränge seiner verschiedenen Wahrheiten auf: denn jede der Frauen offenbart aus ihrer persönlichen Sicht und Wahrnehmung der Ereignisse eine "andere Wahrheit".

Der Kriminalfilm, der zunächst sehr stark beginnt und bis zur Hälfte gut die Spannung hält wandelt sich (je nach Disposition etwas problematisch) zum Charakterdrama und kommt in den endlosen Gesprächen beinah zum Stillstand. Da hier mit dem RASHOMON-Effekt gearbeitet wird, zerfasert die Handlung zusehends und es wird stetig schwieriger, mit den unterschiedlichen und sich ständig abgleichenden Wahrheiten Schritt zu halten. Nun mag man einwenden, das sei ein narrativer Kniff Nomuras um den Zuschauer in die Position der ermittelnden Teiko zu setzen! Das ist sicher richtig, nur muss man dann, wenn man den Ball dem Zuschauer zuspielt auch damit rechnen, dass diesem, der mit weniger Leidensdruck bei der Sache ist als besagte Teiko, bald keine Lust mehr hat, mitzuspielen. Es ist also demnach so, dass der Film einen Rezipienten braucht, der sich auf dieses Rollenspiel einlässt, und nicht einfach abblockt oder abschaltet. Sollte man frustiert den Faden verlieren, so verbleibt dem Unaufmerksamen aber immer noch die fabelhafte schwarz/weiß-Photographie, an der er sich bis zum Filmende berauschen kann.

Unbedingt zu berücksichtigen ist aber, dass ZERO FOCUS in seiner Öffnung auf das Drama der Frauen hin über seinen Status als Kriminal- oder Detektiv-Genrefilm hinauswächst und in seiner Gesellschaftskritik (die mit der Auflösung zusammenhängt und hier nicht verraten wird) einen weit größeren Horizont aufmacht, als man vermuten und ihm zunächst nach der Exposition zusprechen würde.

Dienstag, 16. November 2010

Harikomi / The Chase aka The Stakeout (Yoshitaro Nomura, Japan 1958)


Die beiden tokyoter Polizisten Yuji Shimooka (Seiji Miyaguchi) und Takao Yuki (Minoru Ohki) sind dem Killer Kyuichi Ishii (Takahiro Tamura) auf der Spur. Doch genau diese ist erkaltet, und als letzter Versuch einigt man sich darauf, Ishiis ehemalige Geliebte Sadako (Hideko Takamine) zu observieren - in der Hoffnung, er könne mit ihr Kontakt aufnehmen. Also reisen die beiden Polizisten mit dem Schnellzug nach Kyushu und logieren sich ihr gegenüber in einem kleinen Ryokan ein. Doch zu ihrer Bestürzung müssen sie feststellen, dass Sadako nicht nur eine vorbildliche Ehefrau ist, sondern zudem enorm unter den Drangsalierungen ihres Gatten zu Leiden hat. Die Fassade der Bürgerlichkeit verdeckt also nur ein tiefes emotionales Unglück. Kurz bevor sie bereit sind, die Beschattung aufzugeben, ereignet sich aber etwas Merkwürdiges...

Darüber, ob HARIKOMI ein Film Noir ist oder nicht, gibt es unterschiedliche Ansichten; offensichtlich ist aber die enorm präzise Kameraarbeit, die sich sehr dem Chiaroscuro verschrieben hat, und immer wieder mit kunstvoll gestalteten Schattenmalereien zu überzeugen weiß. Und natürlich gibt es die Mördergeschichte, die über allem schwebt und erst nach und nach durch ihre kunstvoll gewebte Struktur den Plot offenlegt. Der Zuschauer steht zunächst ohne Informationen da und durchforscht den Film nach Indizien, wie die Ermittler innerhalb des Filmes dasselbe tun. Die Paralleleln zu Hitchcocks REAR WINDOW sind überdeutlich. Außerdem gibt es einen gesichtslosen, weil abwesenden Killer, um den sich eine Atmosphäre der Bedrohung aufbaut. Als er dann endlich ins Bild tritt, ist er keineswegs der brutale Unhold, den man erwarten würde. Da zeigt sich ein verängstigter, gebückter Mensch, zudem tuberkulosekrank, da wird die Bedrohung ad absurdum geführt.

HARIKOMI ist ein langsamer Film. Er nimmt sich Zeit für seine Charakterdarstellungen und präzisen Beobachtungen. Lange Diskussionen, wenig Schnitte, ausfürliche Plansequenzen sprechen für einen Film, der sich nicht hetzen läßt. Dann aber die Verfolgungsszenen: besonders markant fallen die Gegensätze zwischen statischer Ruhe (auf Beobachungsposten) und Bewegung (Verfolgungen der Verdächtigen) auf, die in ihrer Ausführlichkeit der Darstellung beinah etwas pedantisch wirken. Wie auch in DER POLIZIST UND SEINE SCHWESTER (1975) begleitet der Film sein Personal quer durch die ganze Stadt, über Land, entlang auf dem Feldweg. Und diese Verfolgungen sind selten gehetzt, auch diese sind eher Spaziergänge und Stadtbesichtigungen. Man bekommt also sehr viele Lokalkolorit geboten.Die Zugfahrt der Polizisten am Beginn zum Beispiel dauert beinah 10 Minuten; der Zuschauer kann also sehr mit der die Charaktere quälenden Endlosigkeit der mühseligen Distanzüberbrückung mitfühlen. Wie alle Szenen eigentlich ein bißchen zu lange ausgereizt anmuten. Heute wäre der Film jedenfalls mit einem ganz anderen Tempo montiert worden (nicht dass das zwangsläufig besser wäre).

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das soziale Engagement, das sich im Film ausdrückt. Vor allem die Rolle der Frau unter der Knute des Patriarchats wird hier der Kritik unterzogen. Dies geht soweit, dass sich die Polizisten sogar in der Ausübung ihrer Dienstpflicht Dinge herausnehmen, die sie sonst niemals tun würden. Es ist das Unglück Sadakos, das einem nahe geht. Und es ist eine Spiegelung, mit der der Film schließt. Wie die Polizisten den Geliebten ab- und ins Gefängnis führen, so überantworten sie mit dieser Handlung Sadako dem Gefängnis einer unglücklichen Ehe.

Michael Schleeh

***
 

Sonntag, 14. November 2010

Mei Ling (Stéphanie Lansaque und Francois Leroy, Frankreich 2009)


MEI LING ist ein graphisch schön gestalteter animierter Kurzfilm über eine junge Dame, wohnhaft in Hongkong, die es mit einem unzuverlässigen Liebhaber zu tun hat. Der kleine Tintenfisch, der sein Leben glücklicherweise nicht in der Suppe aushauchen mußte (und erst in einem Wasserglas überlebt:


später dann in der Badewanne), entwickelt eine regelrechte Zuneigung zu seinem Frauchen. Ist klar, dass er sich dann auch für sie einsetzt, als der Bösewicht von Liebhaber die Angebetete mal wieder hängen läßt. Das geht aber selbstredend nur mit der entsprechenden Statur. Hier ein Filmbild aus der Sicht des Aquariumbewohners mit einem subjektiven point of view-Schuß:



Produziert wurde der Film von arte und - bevor die Frage nach der Verfügbarkeit aufkommt - wird sicherlich bald irgendwann wiederholt. Hier die Infos zur Ausstrahlung vom 8. Oktober.

Mittwoch, 10. November 2010

Souls in the Moonlight aka Swords in the Moonlight / Daibosatsu Toge (Tomu Uchida, Japan 1957)

[this entry is part of the Japanese Film Blogathon 2010]


Der gewissenlose Ronin Ryunosuke Tsukue ermordet völlig grundlos am Daibosatsu Toge, auf dem Bodhisattva Pass, einen alten Mann. Die Nichte des Getöteten, die ihn begleitet hatte, überlebt, da sie just in diesem Moment Wasser holen gegangen war. Ein vorbeikommender Händler nimmt das junge, aufgelöste Mädchen in seine Obhut, welches ein Leben lang auf Rache sinnen wird.

Wie in Kihachi Okamotos SWORD OF DOOM (1966) wird auch hier - und noch vor diesem - die subversive Geschichte eines seelenlosen Killers erzählt (genauer: „des“ Killers, dem zur Ikone erstarrten Prototypen des nihilisten Killers), der in einem Strudel der Gewalt nicht nur gegen die Prinzipien der Samurai verstößt sondern sich zugleich gegen die feudalen Herrschaftsstrukturen der Zeit auflehnt. Beide Filme nutzen dieselbe literarische Vorlage: Kaizan Nakazatos großvolumiges, 41-bändiges Epos desselben Namens.
Das schlägt sich in beiden Filmen auf die Narration nieder, denn beide setzen sich aus einzelnen Szenen zusammen, die nur lose miteinander verbunden sind – bei Uchida wird das ganz besonders deutlich, da diese Abfolge in endlos sich aneinanderreihenden und auf Dauer enervierenden Auf- und Abblenden gestaltet wird. In manchen Bildarrangements sind die beiden Filme sogar erstaunlich deckungsgleich und man darf sicherlich mutmaßen, inwiefern sich Okamato bei den Bildern Uchidas bedient hat. Der Beginn sei exemplarisch als Beispiel genannt, oder auch insbesondere die berühmte Szene, in der Ryunosuke im Wald seine Gegener niedergemetztelt am Boden liegen läßt und den Ort des Blutvergießens auf dem schmalen Pfad gen Bildhintergrund davonschreitend verläßt.

Auf filmästhetischer Seite allerdings sind die beiden Umsetzungen weit voneinander entfernt: wo Uchidas in Farbe gedrehtes period piece auf formaler Ebene in der Wahl seiner stilistischen Mittel beinahe einem klassischen jidai-geki und Chambara-Exponat gleicht, ist Okamotos schwarz/weiße Bildsprache deutlich nihilistischer und dem Film Noir entlehnt; wo Uchidas Ronin ein in sich ruhender, souveräner und dabei grausamer Killer ist (der zum Beweis seiner Schwertkunst die Meister verschiedener Schulen herausfordert), stellt der Ryunosuke Okamotos – dargestellt vom großartigen Tatsuya Nakadai – eine in die Leere blickende, seelenlose und entmenschlichte Killermaschine ohne Gewissen dar. Erscheint Uchidas Protagonist noch als „Bösewicht“ mit menschlichen Zügen, so ist Okamotos Anti-Held mit solchen Kategorien gar nicht mehr beizukommen – er ist ein fremder Planet, der sich zufällig in unsere Galaxie verirrt hat.

Bedauerlicherweise ist es aber auch Uchida nicht daran gelegen, den Zuschauer stärker ins Geschehen einzubinden. Da eine Identifikationsfigur fehlt (man empfindet allenfalls Mitleid mit den in regelmäßigen Abständen gequälten Frauenfiguren) will keine rechte Nähe zustandekommen und auf der Suche nach Andockmöglichkeiten erschöpft und verausgabt sich der Rezipient nach und nach, bis dass er merkt, dass ihn diese Geschichte eigentlich nicht wirklich etwas angeht. Okamoto hat mit denselben Problemen zu kämpfen, doch hat dieser einen funkelnden Kristall geschaffen, der so stark leuchtet, dass man nicht davon lassen kann, ihn gebannt anzustarren. Insbesondere das Ende des okamotoschen Films, welches keines ist, da die geplanten Fortsetzungen nie realisiert wurden, hat sich im Nachhinein als Qualitätsmerkmal erwiesen. Denn so wird der Protagonist Okamotos mit dem offenen Ende in eine ungewisse Zukunft entlassen, in ene Welt, in der er weiter ortlos herumziehen wird, heumgetrieben, jenseits der Normen der Gesellschaft. Uchidas Film hingegen ist geschlossen und kommt zu einem Ende im Tode Ryunosuke Tsukues, der von der Strömung des Flusses davongerissen wird. Er beschließt den Film mit einem „herkömmlichen“, dramatischen Finale.

Trotz seiner Schwächen ist SOULS IN THE MOONLIGHT ein über weite Strecken unterhaltender Film, der mit einigen schönen Einstellungen und feinen Studiosets punkten kann. Jedoch: die radikalere Bildsprache und den faszinierenderen Schauspieler lassen Okamotos SWORD OF DOOM nicht nur zum beeindruckenderen Film, sondern auch zum wirkmächtigeren Kommentar einer sich in Auflösung befindenden Epoche werden.

Samstag, 6. November 2010

A Wicked Woman / Dokufu takahashi oden (Nobuo Nakagawa, Japan 1958)

[this entry is part of the Japanese Film Blogathon 2010]


Nobuo Nakagawas Werk ist bis auf den großartigen JIGOKU im Westen kaum bekannt. Leider, muss man sagen. Und die Frage bleibt: Wie kann das Werk eines Regisseurs, dessen bekanntester Film eine Criterion-Adelung bekommen hat, hier so unterrepräsentiert sein? Lediglich SNAKE WOMAN'S CURSE (KAIDAN HEBI-ONNA, 1968) ist noch bei Synapse erschienen. Bis auf zwei Retrospektiven auf dem amerikanischen Kontinent und vereinzelten Screenings auf Filmfesivals oder japanischer Kultureinrichtungen sind seine Filme bislang kaum zu sehen. Immerhin ist beim Japanischen Kulturinstitut in Köln noch die Broschüre ACHT ANSICHTEN DES BLUTSEES (2006) verfügbar / bestellbar. Ansonsten muss sich der Filmfreund auf dubiose Onlinehändler verlassen, die den einen oder anderen Film Nakagawas als DVD-9 Kopie verscherbeln. Wenn man Glück hat, bekommt man auch ein photokopiertes Cover dazu.

War mit THE CEILING AT UTSONOMIYA im Werk Nakagawas bereits die Horrorgeschichte in den Chambara-Streifen eingezogen, so sollte sich diese Tendenz in seinem weiteren Werk, bis zum bekannten JIGOKU hin, noch verstärken. Auch in seinem letzten Film, KAIDAN: IKITEIRU KOHEIJI / KAIDAN; THE LIVING KOHEIJI (1982), den ich vor Jahren in besagtem JKI in Köln sehen durfte, bekommt man die bekannte Sumpf-Mord-Rache-Geschichte wundervoll atmosphärich dargeboten.

In THE WICKED WOMAN wartet man also nun die ganze Zeit auf Geistererscheinungen und den Grusel, allein - sie wollen nicht kommen. In diesem Film begnügt sich Nakagawa noch einmal damit, einen klassisch-rationalen Ursprung für die Fährnisse und Missgeschicke O-dens, so die Hauptfigur, zu installieren. Das Unheil entstammt der eigenen Biographie, in der Wahl des individuellen Lebensweges.
Meiji-Ära, 1870: O-den erscheint zunächst als "wicked woman", als (Trick-)Betrügerin und Beischlafdiebin mit unmoralischer Vergangenheit. Sie wird beim Diebstahl eines Diamanten geschnappt und kann sich nur durch die Verführung des Polizeibemten aus der Bredouille retten. Dieser verliebt sich in sie, und sie sich auch in ihn. Zumindest behauptet sie das. Eines Tags allerdings steht der Liebende vor verschlossener Tür. O-den hat sich aus dem Staub gemacht.

Im weiteren Verlauf der Handlung aber erhält der Zuschauer einen Einblick hinter die Fassade der dämonisierten Frau: schnell wird klar, dass sie eine Frau ist, die nach katastrophaler Ehe mit einem Tagedieb und Trunkenbold auf sich alleine gestellt war und sich fortan selbst durchschlagen mußte. Zudem hatte der ehemaliger Gatte ihr auch das gemeinsame Kind entrissen, welches er fürderhin hauptsächlich dazu mißbrauchte, es frischen Sake holen zu lassen und das armselige Quartier in Ordnung zu halten. Es findet also ein Umschwung in der Figurengestaltung und der Sympathielenkung statt. Die zunächst verteufelte, böse Frau wird zur Protagonisten, die durch die Umstände zu dem gezwungen wurde, was sie nun ist. Ein gelungener Kniff, um gesellschaftliche Zustände zu kritisieren. Ansonsten ist der Film flüssig inszeniert, beinahe zurückhaltend, wenn man an die expressionistische Bildgestaltung JIGOKUs denkt. A WICKED WOMAN ist ein sehenswerter "kleiner" Film, der in seinen besten Momenten zu überraschen und in den Szenen mit der wiedergefundenen Tochter zu Tränen zu rühren weiß.

Donnerstag, 4. November 2010

Big Bang Love, Juvenile A / 46 okunen no koi (Takashi Miike, Japan 2005)

[Japanese Film Blogathon 2010]


In einem ungenannten Gefängnis irgendwo auf dem Planeten Erde, zu einer unbekannten Zeit: zwei junge Männer (Ryuhei Matsuda und Masanobu Ando) werden inhaftiert, die beide einen Mord begangen haben. Sie freunden sich an, Homoerotik liegt in der Luft. Da wird der stark tätowierte Shiro, der gewalttätige der beiden, tot aufgefunden. Zwei Ermittler versuchen den Mörder zu finden...

So könnte man in groben Zügen eine der Lesarten der Handlung dieses Films zusammenfassen - und hat ihn doch, reduziert auf Inhaltliches, zugleich überhaupt nicht erfasst. Denn dieser Film verweigert sich nicht nur einer herkömmlichen Narration, die sich an einer Chronologie der Ereignisse entlangzuhangeln gewohnt ist, er verweigert sich über traumhafte, subjektive, und surreale Szenen per se einer Kohärenz und einem normalen Logikverständnis auf fast allen Ebenen. Inhaltlich, wie formal. Man scheint hier hinter den Gefängnismauern eine eigene Welt zu betreten.
Hatte Takashi Miike 2004 mit DEMON POND ein Theaterstück verfilmt, so scheint nun das komplementäre Gegenstück vorzuliegen: ein Film, der wie ein Theaterstück inszeniert wurde, sich einem solchen zumindest sehr stark annähert.

Eine Spur, die also durch den Film führen kann, sind die Räume. Man befindet sich zwar in einem Gefängnis, dieses ist aber äußerst heterogen gestaltet. Eine Zelle mit 6 Gefangenen ist der Ort, der noch am realistischsten gezeigt wird; doch über Juns Bett befindet sich ein Loch in der dünnen Wand, durch das er nach draußen sehen kann. Dort sieht er eine riesige Rakete und eine Maya-Pyramide - Raum als feste Kategorie löst sich auf, wird zum individuellen Vorstellungsraum, den Miike hierarchisch auf gleicher Ebene ins Bild setzt, wie der quasi-realistische Gefängnisraum. Hier wird deutlich, wie einfach zugleich und raffiniert die Verstörung Einzug erhält: läßt man die gewohnten Marker der verschiedenen fiktionalen Ebenen weg, erscheint dem Rezipienten, was sonst im Film gekennzeichnet und gewichtet würde, alles gleichsamt "real" (innerhalb der Fiktion).
Man zerstörtt die strukturelle Ordnung und die Orientierung durch eine Auflösung der Hierarchien.

Was auf eine Gleichzeitigkeit des Ortes, aller Orte, verweist. Aber auch auf eine Aufhebung der fortlaufenden Zeit. Der japanische Titel lautet genauer übersetzt 46 Millionen Jahre Liebe, was auf ein euphorisch-romantisches 'ewige Liebe'-Konzept anspielt, die man im Film verzweifelt zu verorten sucht.
Nochmal die Orte: die beiden Hauptdarsteller befinden sich im Freigang dann auch vor dieser Pyramide auf dem offenen Feld und unterhalten sich, ohne miteinander zu sprechen. Die Sprache fließt, ohne daß sie die Lippen bewegen würden. Überhaupt verselbständigt sich die Sprache permanent im Film: sie strukturiert ihn in Kapitel, erscheint als Texttafel etwa beim Verhör des Gefängnisdirektors, wird von einem Erzähler geflüstert. Das erzählte Material lagert sich auf einer großen Fläche ab wie in einer Versuchsanordnung, einem Experiment vor dem Experiment. Entsprechend rudimentär darf gestaltet werden: der Essenssaal zum Beispiel sieht - im Gegensatz zur Zelle - wie ein Trierscher Raum aus, einen den man bereits aus DOGVILLE kennt. Oder eben wie eine Theaterbühne. Während draußen die Rakete startet, hinein in einen rotgefärbten CGI-Himmel.

Mag sich das nun alles sehr verstörend und kompliziert bemüht lesen: dieser Film scheint ein gut durchdachtes Konstrukt zu sein, das in seiner Vielgestalt(et)heit aufzugehen scheint und einen eigenen Sog (also so etwas wie Spannung) entwickelt. Hier kann mit mehreren Sichtungen sicherlich viel rausgeholt werden, der Eindruck der Willkürlichkeit stellt sich während der Sichtung nicht ein. Man ist sich der ständig frei flottierenden gesellschaftlich-kulturellen Referenzen bewußt, ohne daß dies penetrant umgesetzt wirken würde, oder allzu metaphernbelastet. Gerahmt wird der Film denn auch von einem Erzähler; die Kamera geht an, man sieht eine Klappe, und los geht's. Die Fiktion steht neben dir, als Realität. Film als Möglichkeitsraum. Du mußt nur mal durch das Objektiv schauen - oder durch die Scheibe in deiner Zelle zuhause.

Sonntag, 31. Oktober 2010

The Chaser / Chugyeogja (Na Hong-jin, Südkorea 2008)


Der ehemalige Cop und jetzige Zuhälter Joong-ho (Kim Yun-seok) vermisst nun schon seine dritte Vergnügungsdame und vermutet, daß ein skrupelloser Unbekannter die Frauen entführt und weiterverkauft hat. Die Spur führt in einen dunklen Vorort, in dem fast immer Nacht ist, und bald stellt sich heraus, daß der Täter ein lang gesuchter Serienkiller ist. In einer rasanten Verfolgungsjagd wird dieser dann auch dingfest gemacht, doch reichen die Beweise nicht aus, ihn länger festzuhalten. Während Joong-hos Kollegen halbherzig herumforschen und in den Verschränkungen der korrupten Seilschaften des Polizeiapparats aufgerieben werden, ist Joong-ho bereit, zu allen Mitteln zu greifen, um Young-mins Schuld zu beweisen.

Dieser Cop auf Abwegen-Thriller leidet an einem allzu schlingernden Plot, an seinen Nebenerzählfäden, die den Film unnötig aufblasen - und also schließlich an seiner zu langen Lauflänge von knapp über zwei Stunden. Eingedampft auf 90 Minuten wäre THE CHASER eine atemlose straighte Daumenschraube geworden, die einen nicht mehr aus dem Griff gelassen hätte. Dennoch hat der Film einige Meriten: die Schauspieler überzeugen, eine leichte Ironie durchweht einige relaxtere Szenen und vor allem: die dunklen und unübersichtlichen Verfolgungsszenen bei Nacht in den engen Vorortgassen sind äußerst gelungen. Da erreicht der Film sein größtes Spannungspotential und findet zudem die interessantesten Bilder. Auch eine immer wieder überraschende Kameraführung weiß zu gefallen, sowie die Diskrepanzen in der Bild/Ton-Regie – etwa wenn Joong-ho mit dem jungen Mädchen im Wagen sitzt, und diese realisiert, daß ihre Mutter tot sein muss und herzergreifend zu weinen beginnt. Da sieht man den beleuchteten Innenraum des Wagens, das Leid und den Schmerz, und hört aber nur das Plätschern des Regens und wie er auf das Autodach trommelt. Auf diese Weise gelingt es mehrfach Kitschfallen nicht nur zu vermeiden, sondern im Gegenteil: mit solcherart kreativen Brechungen werden Szenen aufgewertet.

So bekommt man mit THE CHASER einen zwar etwas zu langen und im dritten Viertel ermüdenden Thriller geboten (die Irrungen und Wirrungen des Polizeiapparats, die Psychologisierungen der Killerfigur), der aber ästhetisch durchaus interessant gestaltet ist und auch den Strukturfreaks genügend Futter bietet, den metaphorischen und wortwörtlichen Verirrungen einer fragmentierten Biographie in der Eskalation eines Kriminalfalles nachzuspüren und diese Metastrukturen auf das narrative Gerüst und die Settings des Films zu applizieren.

Dienstag, 26. Oktober 2010

nachtsichtgeräte

Es ist wieder mal Zeit für Kaviar und Schampus! Endlich! Denn nicht-asiatische Filmbesprechungen könnt ihr jetzt auf meiner neuen Seite nachlesen. Hier geht's lang: nachtsichtgeräte

Cheers!

Sonntag, 24. Oktober 2010

Izakaya yurei / Die Geisterkneipe (Takayoshi Watanabe, Japan 1994)


Sotaro (Kenichi Hagiwara) besitzt ein kleines Lokal in Yokohama. Am Sterbebett seiner Frau verspricht er -die ewige Liebe- nie wieder zu heiraten. Seine Frau nimmt ihn beim Wort, und sagt voraus, als Geist wiederzukehren, sollte er sein Versprechen brechen. Als sein Bruder ihm später ein wunderhübsches Mädchen vorstellt, kann er dann doch nicht widerstehen, und heiratet dieses. Das Glück währt natürlich nur kurz, denn die betrogene Tote kehrt tatsächlich als Geist zurück.

Der Film beginnt wunderbar ernst, mit schönen Bildern und originellen Ideen. Um etwa den Schwur zu besiegeln, zwingt ihn seine kranke Frau dazu, sie in den Zeigefinger zu beißen; was er natürlich sehr gerne tut. Nach ca. 20 min Laufzeit nehmen dann die humorigen Elemente zu, und spätestens mit der Geistererscheinung mit wehenden Haaren, ganz wie in Tsui Harks A CHINESE GHOST STORY, wird der Humor in seinen Pointen auch ausgelassen und wild, manchmal auch ein wenig dämlich. Dennoch wird das immer wieder geerdet durch einen liebevollen Einblick in das Alltagsdrama der kleinen Leute. Nach meinem Dafürhalten fällt die zweite Hälfte also etwas ab, was aber niemanden davon abhalten sollte, sich diesen tatsächlich schönen Film anzusehen.

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Super, Girls! / Chao Ji Nu Sheng (Jian Yi, China 2007)


Ein Film, kurz mal dazwischengequetscht. Und eine Überraschung!
Der unterhaltsame und doch nüchterne Dokumentarfilm portraitiert zwei, drei Teilnehmerinnen des chinesischen Pendants von „Deutschland sucht den Superstar“ - und das auf eine sehr unaufgeregte Weise: nicht „hinter den Kulissen“, sondern ausschließlich das Private, "der Mensch" steht im Fokus des Films. Naürlich scheiden, um gleich vorneweg mal zu spoilern (was nicht schlimm ist, denn darum geht es im Film überhaupt nicht) die Kandidatinnen alle bereits in einer der Vorrunden aus. Und dann fließen auch Tränen, oder man ist aufgebracht, da man korrupte Schiebereien unterstellt – doch unterkriegen lassen sie sich nicht, und die Mädels warten auf die Contests im nächsten Jahr oder nehmen an einem der anderen der mittlerweile zahlreichen reich + berühmt - Wettbewerbe teil.
Schrecklich, möchte man meinen; denn was geht einen das Schicksal dieser Teenager an? Um es kurz zu sagen: viel. Man bekommt einen sehr direkten, aktuellen Eindruck eines Teils der chinesischen Jugend vermittelt, Menschen mit Träumen und Hoffnungen, die einem auch nahe gehen, Menschen aus Großstädten fern jeder parteistaatlichen Bevormundung, die ganz dem verwestlichten Rummel des Geldverdienens und des Schönseins aufgesessen sind – die aber auch selbstkritisch sind und unglaublich humorvoll sein können, und mit einem Schulterzucken Niederlagen wegzustecken versuchen. Wenn man schon weiß, dass man nicht weit kommen wird, dann werden halt Supergirls-Kugelschreiber verkauft, damit man mal die Mama mal zum Essen einladen kann.
Was man in SUPERGIRLS! sieht, schreckt oft ab; glücklicherweise hat man sich für die Doku aber Mädels rausgesucht, die ziemlich sympathisch sind, die sich etwas Bodenständiges bewahrt haben und völlig unhysterisch zu Werke gehen. Hier wird zum Glück niemals gekreischt.

Dienstag, 19. Oktober 2010

Thirst / Bakwi (Park Chan-wook, Südkorea 2009)



Als sich der selbstlose katholische Priester Sang-hyeon (Song Kang-ho) freiwillig zur Verfügung stellt, in Afrika an medizinischen Experimenten teilzunehmen um ein Gegenmittel zu einem seltenen Virus zu finden, da ist er der einzige von 500 Probanden, der die sich durch heftige Bläschenbildung auf der Haut ankündigende Krankheit überlebt. Sang-hyeon ist – durch die Verabreichung lebensrettender Blutkonserven – ein Vampir geworden, der durch die Einnahme von Blut das Virus zurückzudrängen vermag, dafür aber nun mit den üblichen Vor- und Nachteilen des Vampirdaseins zu kämpfen hat. Ein Problem für ihn, da er als Mann Gottes eigentlich nach Afrika gereist war, um der Menschheit zu helfen, und dumm auch, dass er, zurück in Korea, sich in die Ziehtochter Tae-ju (Kim Ok-vin) einer Schneiderin verliebt, welche mit ihm aus ihrer eigenen geknechteten Existenz zu fliehen sucht...

Fortan versucht er sein Vampirdasein zu leben ohne seine sakrosankten Prinzipien zu verletzen: quasi als Parasit zapft er regelmäßig per Kanüle todkranke Patienten an, hilft Selbstmordkandidaten bei der Erfüllung ihrer Wünsche und überlegt sogar, ob er sich nicht Blut im Internet bestellen könnte. Der Handlungsraum des Filmes verlagert sich nun fast vollkommen in die dunkle Wohnung der Ladenbetreiber, die von einer diktatorischen Mutter, deren krebskrankem Sohn und seiner Frau, eben besagter Ziehtochter, bewohnt wird. Die Liebeskonstellation, die in die Beseitigung des verhassten Ehemanns münden soll, läßt ein Anliegen Park Chan-wooks deutlich werden: THIRST ist zugleich Verfilmung und Update von Émile Zolas Roman Thérèse Raquin, in welchem ebenfalls eine Ausgebeutete aus beklemmenden Verhältnissen mittels einer Affäre zu entkommen sucht.

Dies wird auch auf formaler Ebene bildsprachlich umgesetzt: das erdrückende Ambiente der dunklen Wohnung wird durch Perspektivierungen gestaffelter Raumverhältnisse in der Kamerakadrierung verstärkt: das Geschehen im Vordergrund wird von einem Ereignis im Mittelgrund (etwa in Fluchtperspektive im Flur) abgelöst und schließlich folgt durch leichte Verstärkung der Tiefenschärfe ein weiteres Ereignis im Hintergrund (etwa dem hintersten Raum der Wohnung) nach. Die Wohnung mit ihren scheinbar unzähligen, kleinen Seitenzimmern, Fluren, Treppen und Winkeln gleicht in ihrer Unübersichtlichkeit den verschlungenen Pfaden des Plots, denn dieser wird fortan noch einige Haken schlagen, um den Zuschauer bei Laune zu halten. Und ganz im Gegensatz zu vielen Besprechungen, die dem Film lediglich Mittelmäßigkeit zugesprochen haben, kann man ebensogut die Komplexität und Verwobenheit der inhaltlichen Aspekte und Motivketten betonen (etwa das Thema der Darstellung der körperlichen Sexualität im Vampirfilm, die Mann- und Frauwerdung der Protagonisten, die Verwendung der deutlich humoristischen Szenen, die HIV-Thematik, das Verhältnis von Film und Literatur,...). Gleichwohl gibt es die eine oder andere lose Seitenerzählung, um deren Straffung es nicht schade gewesen wäre, wenn man die doch recht üppige Gesamtspielzeit (in der bereits gekürzten Version) von über zwei Stunden berücksichtigt. Gleichwohl könnten eben jene lose Fäden ein Opfer der Kürzungsbestrebungen sein, die in einer noch längeren Fassung potentiell sinnhaft und strukturell geglückt erscheinen könnten.

So ist THIRST vor allem ein ungewöhnlicher Vampirfilm geworden, ein unbequemer noch dazu, der einem erstmal jedes Saug- und Schmatzgeräusch für längere Zeit verleiden dürfte; man sollte dem Film mehr als nur eine Sichtung gönnen, um den verschlungenen Texturen des Stoffes nachspüren zu können; um dann dabei auch der famos zurückhaltenden Audiospur sein Ohr zu leihen, die so ganz anders funktioniert, als das alltägliche Rauschen, das man aus Hollywood gewohnt ist. Ein Film also, in dem es viel zu entdecken gibt: THIRST ist wunderbar komplex und souverän geworden.

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Sonntag, 3. Oktober 2010

Rinko Kawauchi in Köln!

RINKO KAWAUCHI - A Glimmer in Silence

4. September - 2. November, Galerie Priska Pasquer, Köln

Die 1972 geborene Rinko Kawauchi gehört zu meinen ganz großen Favoriten der zeitgenössischen Photographie; und in der Kölner Innenstadt kann man derzeit eine kleine, aber feine Auswahl neuer und neuster Arbeiten sehen. Außerdem liegen alle Bücher Kawauchis aus, die mittlerweile, teilweise zumindest, gar nicht mehr so einfach oder nur recht teuer zu bekommen sind. Freunde japanischer Ästhetik sollten sich das unbedingt ansehen gehen. Ich verbürge mich dafür.

Donnerstag, 30. September 2010

Aibu / L'amour (Heinosuke Gosho, Japan 1933)

Shomingeki deluxe, dazu ein Stummfilm. Gosho erzählt eine scheinbar simple Geschichte aus dem Leben der einfachen Leute, mit allen Höhen und Tiefen. Als Goshos Lehrer gilt Yasujirô Shimazu, der auch die berühmten Regisseure Yasujiro Ozu und Mikio Naruse zu seinen Schülern zählen darf. Insgesamt drehte Gosho fast 100 Filme.

In diesem erwarten uns die für dieses Genre typischen Charaktere: der besorgte, manchmal strenge Vater, der aber die Liebe zu seinen Kindern über alles stellt, vor allem über sein persönliches Glück. Die Tochter, die sich für jemanden, oder für eine Sache aufopfert. Der Sohn, der in die weite Welt hinausgeht, und sich dort neuen, für die zurückgebliebenen unbekannten, Problemen stellen muß. Meist kommt noch eine geliebte Frau hinzu, die Tochter soll verheiratet werden, und irgendwer stirbt - meist ein Elternteil.
So ist es auch hier. Der Vater, ein im Dörfchen respektierter Arzt, verliert das Vertrauen seiner Patienten, als er eine beinah fatale Fehldiagnose stellt. Die Sache setzt ihm dermaßen zu, daß er sich zur Ruhe setzen möchte. Seine Tochter soll nun verheiratet werden. Seinem Sohn Hideo möchte er noch den Weg für dessen medizinische Karriere ebnen. Mehrere Kontaktaufnahmen zu dem in der Stadt studierenden Sohnes scheitern, sodaß sich die liebevoll sorgende Tochter Machiko auf den Weg macht. Dort trifft sie aber nur auf die Geliebte ihres Bruders, und wird mit der harten Realität konfrontiert: nach einer nächtlichen Sauftour kehrt Hideo zurück und trifft seine Geliebte und die Schwester aufgelöst vor Sorgen an. Alles gute Zureden der beiden Frauen, die ihm auch an seine Verpflichtung gegenüber dem Vater erinnern, scheitern. Er wolle ein Schriftsteller werden, und nicht die vom Vater gewünschte Laufbahn des Arztes weiter verfolgen. Das Studium war also umsonst. Sein rüpelhaftes Benehmen verstört die Schwester zutiefst, und das Leid, das er seiner Geliebten zufügt, ist auch eine Gewalt, die er sich selbst antut. Als der Vater von den tatsächlichen Verhältnissen erfährt, ist er tief geschockt und fällt in Ohnmacht, woraufhin er stark erkrankt. Erst die Nähe zum Tod vermag den bockigen Sohn zu einem Einlenken zu bewegen, und er macht sich auf den Weg zu seinem Vater.

Ein wunderbarer Film, voller Details und liebenswerter Kleinigkeiten. Alle Charaktere werden in ihrer Komplexität gezeigt, selbst unbedeutenderes Randpersonal wie der Rikschafahrer ist nicht nur der comic relief, sondern eine eigenständige Person. Mit oft nur kurzen Momenten und wohl ausgesuchten Handlungsschnipseln erreicht er eine sehr große Nähe zu seinen Charakteren, sodaß deren Motivationen, Gedanken und Sorgen immer plausibel erscheinen. Ein psychologischer Erzähler, der wert auf eine flüssige Narration legt, und dessen Film eine stark poetische, zugleich einfache Aura ausstrahlt.

Dienstag, 28. September 2010

Exte: Hair Extensions / Ekusute (Sion Sono, Japan 2007)


Äußerst bekloppte Angelegenheit; sogar fast so unterirdisch wie TOKYO PSYCHO von Ataru Oikawa, der den Platz meiner persönlichen Übergurke einnimmt. EXTE ist besser. Ja, ganz hübsche Darstellerinnen (also eye-candy) und eine nette Story mit ihrer kleinen Cousine. Und Meta ist er freilich auch, das Horror-Movie das den J-Horror mal so richtig auf die Schippe nimmt. Nur leider konnte ich genau dies gar nicht feststellen: anstatt immer noch ein wenig zuviel des Guten abzuliefern und so implizit den Kommentar zu installieren, bietet Sono lediglich überdrehten Popcorn-Horror mit viel Tricks und ohne Atmosphäre. Dialoge vom Format: "Meine Nasenhaare wachsen in letzter Zeit sehr schnell..."/ "Das ist sicher die Luftverschmutzung!" weisen einfach nicht über sich selbst hinaus. Das ist Laberrhabarber und das ist eben nicht SCREAM! Und, schrecklich genug, das ist der allererste Dialog im Film. Wie soll man da nicht direkt scharf die Luft anhalten? Später gibt es dann fernöstliche Weisheiten: "Wenn man die Organe und die Augen stiehlt, werden die Harre wütend und rächen sich." Achso. Dazu gesellt sich ein dummruppiger Schnitt um die ganze Sache grobschlächtig abzurunden. Einfach ein zweistündiger Quark. Ich kann mir ehrlich gesagt auch keine Zielgruppe vorstellen, der das gefallen könnte (nicht mal (Achtung Meta-Gag:) Frisörlehrlingen). Dummerweise kann man sowas auch nicht weiterverschenken, da kriegt man nur Ärger. Für die Punktierer: 1/10 (aber auch nur für Chiaki Kuriyama, die in einer Szene mit dem Fahrrad durch den Vorort kurvt wie in einem Shunji Iwai-Film.)

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Mittwoch, 22. September 2010

Den Muso / The Young Girl (Souleymane Cissé, Mali 1975)


Als die junge, stumme Ténin von einem stadtbekannten Lumberjack am Fluß vergewaltigt wird, kann es nur noch schlimmer kommen: sie ist schwanger, ihr Vater fühlt sich und die Familie entehrt und wirft sie hinaus. Alle Beschwichtigungsversuche des Umfelds schlagen fehl, und die enorm unter Druck stehende Ténin greift zu einem radikalen und brutalen Mittel um die Verhältnisse wieder herzustellen.


Erschütternd ist dieser nüchtern gefilmte Alptraum dieser wunderschönen stummen Frau, die sich nicht artikulieren kann. Aber es würde ihr sowieso keiner zuhören, da die Urteile der Angehörigen bereits gefällt sind. Abrupte Entgleißungen der Gewalt und der patriarchalen Herrschaft lassen jede Hoffnung auf Erlösung verkümmern, ein Ausweg ist nicht sichtbar. Auch die musikalische Begleitung bietet - zumindest für den Rezipienten - keine Erlösung aus diesem Drama, denn sie ist kaum vorhanden. Nur in wenigen Momenten gönnt uns der Regisseur eine Untermalung des Gezeigten, sodaß der Film sehr direkt, unkünstlich und beinah ruppig inszeniert wirkt; wären da nicht die langen Einstellungen und Sequenzen, in denen sich der Film bewegt: Bilder der Ruhe inmitten des Chaos, eine Verweigerung der Erzählkonventionen unserer westlichen Sehweisen. Erstaunlich, wie emotional dicht man an Ténin dennoch herankommt. Ein faszinierender Film.

Sonntag, 19. September 2010

An Actor's Revenge / Yukinojô henge (Kon Ichikawa, Japan 1963)


Der Kabukidarsteller Yukinojo gelangt mit seiner renommierten Theatertruppe nach Edo und auch dort ist das Publikum begeistert. Während seiner Aufführung jedoch sieht er oben in den Rängen genau die Verschwörerbande aus der damligen Zeit in Nagasaki sitzen, die seinen Vater zuerst in den Ruin, dann in den Selbstmord getrieben haben. Daraufhin folgte die Mutter dem Gatten. Nun wähnt er seine Zeit für die Rache gekommen, und da ihn die Tochter des mächtigen Dobe anzubeten scheint, fasst er einen teuflischen Plan: das Mädchen zu gewinnen um sich in die Gesellschaft eizuschleichen, Intrigen zu spinnen und endlich Rache nehmen zu können.

Ichikawa brilliert mit diesem Köstum-Historienstück, einem Remake von Teinosuke Kinugasas Film von 1935, bei dem Hasegawa ebenfalls schon die Hauptrolle spielte (!). Er mixt das Drama und die Tragödie mit der Komödie, fügt eine Prise Melodramtik und Pulp(!) hinzu, läßt einen Erzähler die Handlung kommentieren und betont den Film mit klassischem japanischem Minimalismus, Orchesterscore und Jazz. Damit nicht genug hat er einen fulminanten Cast zusammengesteltl: Kazuo Hasegawa als Hauptdarsteller in einer Doppelrolle, eine Ayako Wakao die hier sehr jung aussieht, Eiji Funakoshi (AFRAID TO DIE, A FALSE STUDENT, HYOTEN: FREEZING POINT) und Fujiko Yamamoto seinen exemplarisch genannt.

Das besondere am Film, der in seiner Struktur und Narration deutliche Züge eines Bühnenstücks trägt - etwa durch eine recht klare Einteilung der Szenen, die wie Akte wirken - ist seine Bildgestaltung und künstliche Ästetik. Da wird wie in den späteren 70ern mit Licht gearbeitet, mit Abblenden des Hintergrunds oder Spots auf die Protagonisten, deutliche Farbmanipulationen sind zu erkennen, sowie eine künstliche Atmosphäre durch die Studiobauten. Einstellungen wiederholen sich, oder eine geometrische Positionierung wird spät am Ende des Filmes gespiegelt wieder aufgenommen. Über all der Optik leidet manchmal etwas der Fluss und die Spannung, doch sind das zu vernachlässigende Kritikpunkte an einem sehr sehenswerten Film. Bitte anschauen. Bloss keine Angst vor Kabuki!

Freitag, 17. September 2010

The Rooster crows again / Niwatori wa futatabi naku (Heinosuke Gosho, Japan 1954)

Das kleine Städtchen Boshu in der Präfektur Chiba ist schockiert: der Geschäftsmann Maeda hat sich das Leben genommen nachdem seine Bohrungen nach Erdgas erfolglos blieben. Die Einwohner allerdings schieben die Schuld auf Fumiko (Yoko Minakaze), die seinen Heiratsantrag abgelehnt hatte. Von allen krumm angeblickt und von den eigenen Eltern gerügt, zieht sie sich mit ihren beiden Freundinnen, ebenfalls Außenseiterinnen, oft an den Strand zurück um zu spazieren oder die Zeit totzuschlagen. Dort trifft sie auf die ehemaligen Erdgasarbeiter, welche in äußerster Armut mit einem alten kranken Hahn in einer Hütte hausen. Die Arbeiter aber haben ein großes Herz und kümmern sich rührend um sie.

Nun ändert sich der Ton des Films: vom ernsten Drama schwenkt er in eine leichte Komödie um. Fumiko nämlich hatte sich mit ihren unglücklichen Freundinnen einen Termin zum gemeinsamen Selbstmord gesetzt. Und dieser Tag rückt näher. Als plötzlich ein zwielichtiger Geologe namens Kurama auftaucht, der eigentlich auf der Flucht vor der Polizei ist (und der sowohl Fumiko als auch die Arbeiter täuschen will) muß sich der Zusammenhalt der neuen Freunde beweisen. Doch Kurama ist ein liebenswerter Trottel, der immer nur von einer Ecke in die andere rennt, und niemandem wirklich etwas zuleide tun kann. Am Ende geht alles gut aus und der Hahn kräht wieder, denn er ist gesundet.

Eine schöne Geschichte aus den 50ern, die mit ihren zwei Stunden Laufzeit leider einige Längen hat. Das liegt weniger daran, daß die Handlung einbricht, sondern eher, daß relativ viele Erzählstränge miteinander verknüpft werden. Wenn eben auch noch ein wenig die Geschichte der Eltern in ihrem Uhrenladen erzählt wird, oder die einer dazukommenden Tante. Die langen ruhigen und gemächlichen Passagen werden aber immer wieder mit humorigen Szenen unterfüttert, sodaß es einem ungefähr wie nach einem zu lang geratenen Kaffeetrinken und Kuchenessen geht: es war lecker und hat Spaß gemacht, man hätte auch mal ein wenig weinen können und aus dem Fenster schauen, aber etwas abgekürzt hätte es auch nicht geschadet. Das ist nicht abwertend gemeint: hier kann man sich Zeit lassen, muß man sie sich nehmen.

Donnerstag, 16. September 2010

Ryôjû / Hunting Rifle (Heinosuke Gosho, Japan 1961)

Ein älterer, erfolgreicher Geschäftsmann verliebt sich in die Cousine seiner sehr jungen Frau. Diese allerdings ertappt die beiden zufällig auf dem Bahnhof, und beschließt, nichts zu sagen. Die zunehmende zwischenmenschliche Vergletscherung nimmt belastende Formen an, als die beiden Lovebirds beschließen, ihre Beziehung zu verheimlichen, den Status Quo aber zu belassen. Die Unmöglichkeit der Situation führt zwangsläufig in die (sehr japanisch anmutende Art der) Katastrophe.

Goshos Adaption der Erzählung "Das Jagdgewehr" von Yasushi Inoue ist schlicht - ich gebrauche das Wort wirklich nicht häufig, hier aber scheint es mir angemessen - ein Meisterwerk. Schauspieler, Bildgestaltung, Farben, Musik, Spannungsbogen und Narration sind umwerfend. Eine ungemein feinsinnige Darstellung einer menschlichen Tragödie. Ob das an der Vorlage liegt? - die hat sicher ihren Anteil am gelungenen Film.

Sonntag, 12. September 2010

Lost in the Mountains (Hong Sang-soo, Südkorea 2009)


Hong Sang-soo dürfte vielen von seinen frühen Filmen her ein Begriff sein: THE DAY THE PIG FELL INTO THE WELL und THE POWER OF KANGWONG PROVINCE. Zwei Filme, über die auch schon einiges geschrieben wurde. 2008 kam der wunderbare LIKE YOU KNOW IT ALL heraus (über den ich hier etwas gechrieben habe), und nun finden wir ihn in der exquisiten Gesellschaft von Naomi Kawase und Lav Diaz wieder - nämlich auf der Compilation VISITORS, der "Jeonju Digital Project"-DVD des JeonJu International Filmfestivals, das jedes Jahr drei ausgesuchten Regisseuren die Produktion eines 30minütigen Kurzfilms ermöglicht.

Die Themen sind wieder typisch für Hong: Intellektuelle, Liebe, Alkohol. Eine junge Schriftstellerin aus Seoul besucht eine alte Freundin in Jeonju und stellt dabei fest, dass diese eine Beziehung zu ihrem ehemaligen Literaturprofessor, seines Zeichens nun erfolgreicher Schriftsteller und der pikanterweise auch ihr ehemaliger Geliebter ist, begonnen hat. Sie tröstet sich mit einem anderen ehemaligen Lover, einem jungen Nachwuchsschriftsteller, der gerade einen Preis gewonnen hatte. Ihr ehemaliger Professor hasst ihn, da er in ihm einen dreisten Plagiator seines eigenen Werkes wähnt. Nach mehreren konflikvollen Konfrontationen treffen alle zufällig in einem Lokal aufeinander und die Situation eskaliert.

Das hört sich nach nichts Besonderem an, doch Hong hat ein Talent dafür, eine Geschichte kunstvoll zu entfalten, sodaß sich die Beziehungen und Konflikte dem Rezipienten erst nach und nach erschließen. Das ist spannend und unterhaltend. Das Faszinierende liegt auch darin, dass Hong keiner ist, der durchästhetisierte Bilder sucht. In eher alltäglichen Situation, vor ordinären Backgrounds positioniert er seine Figuren und verweigert jeden kunstgenüsslerischen Zugang. Seine Schwenks sind obskur, seine Zooms überraschend - Stilmittel, die er häufig anwendet um den Blick zu lenken; und dabei doch ungewöhnlich, wenn die Kamera erst etwas völlig Unwichtiges im Blick hat, um dann auf das eigentliche Aktionszentrum einzuschwenken, "die Handlung" in den Blick zu nehmen. LOST IN THE MOUNTAINS hat mir sehr gut gefallen als Film über die Krise einer jungen Frau, die aus einer melancholischen Stimmung heraus ihre mittlerweile biographischen Vergangenheits - Fragmente besucht.

Freitag, 10. September 2010

All my Failed Attempts (Tan Chui Mui, Malaysia 2008)


Ein Experiment ist es, das die sehr agile Tan Chui Mui, ihres Zeichens Filmemacherin, Produzentin, Cutterin, Scriptwriter und manchal auch Schauspielerin, hier präsentiert: auf der DVD versammeln sich 7 Kurzfilme, die sie alle innerhalb eines Jahres gedreht hat – mit der Besonderheit, dass jeder Film konsequent innerhalb eines Monats realisiert werden mußte. Zeitdruck also, die Ballung der Kreativität auf den Punkt hin und der Druck im Hier und Jetzt zu arbeiten, nicht mehr revidieren zu können, zeichnet diese Produktion aus.

Und was am Ende herausgekommen ist, das ist von unterschiedlicher Qualität. Der selbstironische Titel zeugt davon, dass wohl auch ein klein wenig Wahrheit in ihm steckt. Die gelungeneren Filme der jungen, sympathischen Regisseurin sind dialoglastige, melancholische Momentaufnahmen zeitgenössischen, modernen Lebens, in denen die Konflikte junger Menschen mit großer Leichtigkeit gezeigt werden, ganz ohne dräuende Arthouse-Schwere oder flatterhafte Anbiederungen an die Popkultur. Dabei aber auch immer ruhig, mit dem Mut zur Leerstelle, reflexiv und behutsam, die Charaktere nie ausstellend. Eine Mofafahrt durch das nächtliche Kuala Lumpur wird zum Akt einer intimen Befreiung, der man als Zuschauer beiwohnen darf, ohne daß man sich als Voyeur begreifen muß. Ebenso sind die Twists am Ende, so es sie denn gibt, sympathische Umwälzungen der Ereignisse, die schon auch mal meta-filmisch die Wahrnehmung des Zuschauers hinterfragen, besser: auf die Schippe nehmen, und einem das eigene Schubladendenken vorführen. Und das ohne Zeigefinger.

Produziert hat „Da Huang Pictures“, eine Produktuionsfirma, die Tan Chui Mui mit Liew Seng Tat ("Halal" - click here) - der auch in mehreren der Kurzfilme Cameos hat - und Amir Muhammad in bester D.I.Y.-Manier gegründet hat. Ihr fulminanter, etwa halbstündiger Kurzfilm A TREE IN TANJUNG MALIM (2005), über den ich hier etwas geschrieben habe, hatte in Oberhausen den ersten Preis abgeräumt. Äußerst sympathisch, das.

Sonntag, 5. September 2010

Rebellion / Tung moon (Herman Yau, Hongkong 2009)


Ein weiterer flüssig inszenierter, jedoch sehr unübersichtlich verschlungener Triadenthriller, in dem sich etwa fünf verschiedene Gangsterbosse der zweiten Garde auf die Füße treten, als einen von ihnen das Zeitliche segnet. Der Oberboß kann ebenfalls kaum Kontolle halten, wie bald klar wird. Chapman To als wild gewordenes Biest ist besonders gelungen, ebenso Elanne Kong als "Big Sister", die mysteriös im Hintergrund die Fäden ziehen; kein Wunder kommt es am Ende zum Twist, den keiner erwartet hätte, und der völlig aus der Luft gegriffen scheint. Aua. Shawn Yue in der Rolle des Protagonisten bleibt merkwürdig zurückhaltend, doch ist diese charakterliche Dezenz bald etwas nervig, da ihm auch die Präsenz abgeht so einen Film zu tragen.

Ein Film, der nur Herman Yau-Fanboys und Komplettisten empfohlen werden kann, oder denjenigen, die keine Hemmungen haben und zum absolut beeindruckenden Finale vorzuskippen bereit sind. Da wird ein Machetenkampf inszeniert, dass sich die Leichenberge türmen. Insgesamt sehr durchwachsen, in der ersten Hälfte dürftig.

Dienstag, 31. August 2010

Crows Zero / Kurozu zero (Takashi Miike, Japan 2007)


An der Suzuran Highschool ist die Hölle los. Verschiedene Gangs versuchen unter heftigem Gebrüll und mithilfe von Faustgewalt die Herrschaft an sich zu reißen. Als ein neuer Schüler an die Schule kommt, scheint aber der Kampf um die Vorherrschaft erst so richtig zu entbrennen. Yakuza gibt es natürlich auch noch, die sich in ihrer Ehre beleidigt fühlen, ebenso wie eine kleine Liebelei, derer man aber nicht so richtig beiwohnen darf.

CROWS ZERO ist ein formidabler Actionfilm. Toll gefilmt, gut getimt und s u p e r choreographiert, weiß er vor allem gerade dann zu überzeugen, wenn es Bambule gibt. Ansonsten allerdings ist er ein ziemlicher Schnarcher. Die Handlung ist hauchdünn, das ewige Gekreisch nervt bereits nach wenigen halben Stunden - denn lang ist er auch, klar. Die japanische Jugend scheint auch recht indifferent was coole Musik angeht. Eben wird noch kräftig gepunkt, wenn die Stromgitarrenband im Club in die Saiten haut, direkt danach allerdings wird euphorischst gejohlt, wenn ein R&B-Mädchen die Bühne erklimmt. Hier ist alles egal, Hauptsache, es erweist sich als Spektakel. Man will auch nicht wieder von irgendwoher informiert werden, dass die Sängerin ein Popstar ist, oder dass der Soundtrack auf irgendwelchen Bestenlisten gelandet ist. So ein Mist nervt schon bei Shunji Iwai.
CROWS EPISODE ZERO ist -nein!- nach einem Manga gescriptet, die Gewalt aber hart, realistisch, kaum überzeichnet. Sonst hätte man wohl jede Bodenhaftung verloren. Kann man sich schon ansehen, das will ich nicht bestreiten, an einen kleinen Klassiker wie BLUE SPRING kommt er aber niemals heran. Dazu ist dieser Film in seinem nur behaupteten Assitum viel zu mainstreamig.

Montag, 30. August 2010

True Women for Sale / Sing kung chok tse yee: Ngor but mai sun, ngor mai chi gung (Herman Yau, Hongkong 2008)


Übersetzt man den Originaltitel komplett, so lautet er Ich verkaufe nicht meinen Körper, sondern meinen Unterleib. Und damit ist man mittendrin im Drama der Prostituierten von Sham Shui Po, die sich weigern, dem Freier mehr darzubieten, als den Unterleib.
Im Zentrum des Filmes stehen vier Charaktere: die Prostituierte Chung, die sich dank ihres Kokainkonsums die geschrotteten Zähne richten lassen möchte; ein Fotoreporter, der sich ihr an die Fersen heftet, da er dringend eine Story braucht; die Festlandchinesin Lin-Fa, die hochschwanger ihren Gatten bei einem Unfall verliert und nun um ihre Aufenthaltsgenehmigung bangt; sowie der Versicherungsmakler Lau (Anthony Wong), der diesen heruntergekommenen Bezirk durchstreift, um den Ärmsten eine Versicherung aufzuschwatzen. Doch entdeckt er in den Schicksalen der Menschen stets und dummerweis sein Herz, sodaß er selbst ausstehende Zahlungen zu tätigen pflegt.
Anthony Wong konnte nicht nur in TURNING POINT überzeugen, sondern tut es auch hier (wieder). Seine Darstellung des tolpatschigen Geschäftsmanns mit Herz ist äußerst gelungen, er ist das emotionale Zentrum des Films. Überhaupt überzeugt der Film mit einem durchweg leichten Ton, der zwar vor den Unbilden des Lebens nicht zurückschreckt, doch auch auf recht "humanistische" Weise seine Figuren begleitet, und diese gerade nicht als skandalöses Ereignis mißbraucht. Es ist ein Alltag von vielen, mit dem Schicksal von vielen. Schaut man genauer hin, individualisiert man die Tragödien und Komödien, entsteht ein Portrait, das manchmal weh tut, manchmal zum Lachen bringt.

Sonntag, 29. August 2010

Turning Point / Laughing gor chi bin chit (Herman Yau, Hongkong 2009)


Den etwas vertrackten Plot um Undercovercops und Undercovergangster nachzuerzählen spare ich mir hier, nachlesen kann man das auch anderswo. TURNING POINT wartet mit einer Erzählung auf, die INFERNAL AFFAIRS recht ähnlich ist - die allerdings auf einer TV-Serie basiert (namens "Laughing Gor", der Name des Darstellers) und die mit diesem Film nochmals gemolken wird. Gedreht hat ihn Herman Yau, ein Vielfilmer und äußerst erfahrener, sprich: routinierter Handwerker, der mit minimalen Budgets erstaunlich ansprechende Filme zu fabrizieren weiß. Hier bekommt er einen großen Cast mit Anthony Wong an der Spitze als punkig geschminkten Triadenpaten, der sein kleines Reich zusammenhalten muß. Gefahr lauert mal wieder von allen Seiten, und wer hätte es gedacht: er selbst war mal ein Maulwurf, der nach desillusionierenden Enttäuschungen von der legalen, guten Seite ins Milieu abgerutscht ist und quasi aus Rachsucht und Frustration über schweinische Cops, korrupte Vorgesetzte und diesen ganzen Klimbim endgültig die Seiten gewechselt hat.

An seiner Seite wandeln hübsche Frauen, um seinen Hals weht ein Schal aus Gaze. Kajal im Augenwinkel. Ob man das gut findet, overtrieben oder klasse, mag man selbst enttscheiden. Der Mann ist exzentrisch, selbstbestimmt, rücksichtslos, loyal. Und so führt er an der Seite von Michael Tse, Yuen Biao und Eric Tsang durch einen weiteren kleinen Cop-/Triadenthriller (mitproduziert von den Shaws!) der niemandem spitze Ausrufe des Entzückens von den Lippen reißt, aber doch Genrefans auf's Beste zu bedienen weiß und zum richtigen Zeitpunkt gut einfährt, Spaß macht, erfrischt zurückläßt. Anschließend läßt man zärtlich den Blick über das DVD-Regal schweifen, zieht hier mal einen EBOLA SYNDROME heraus, dann dort einen UNTOLD STORY, und freut sich schließlich auf den nächsten Film von ihm, den man sich einfach so ankucken kann, ohne vorher vor Respekt im Boden zu versinken.

Mittwoch, 25. August 2010

Hakuchi / The Idiot (Akira Kurosawa, Japan 1951)


Dostojewskijs Roman Der Idiot, die literarische Vorlage des Filmes, ist ja schon keiner, der sich durch eine besonders actionreiche Handlung auszeichnet; hier befindet man sich meist in Innenräumen, und dabei im Dialog. Das Lesen wird zudem durch ein riesiges Figurenarsenal erschwert, mit dem man in der russischen Literatur aber eigentlich immer zu kämpfen hat - und woran man sich erst gewöhnt, wenn man ein paar dieser Mammutepen genossen hat. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Kurosawas Adaption nicht gerade mit mitreißender Handlung hausieren gehen kann. Auch hier befindet man sich vornehmlich im Dialog und zumeist innerhalb der Gebäude - Kurosawa hat aus St. Petersburg das sturmumtoste, tiefverschneite Hokkaido gemacht. Eine kleine Messerszene mit dem irren Mifune ist das Heftigste an Action, was der Film zu bieten hat. Ansonsten darf man minutenlang Setsuko Haras Augen zuschauen, wie sie sich mit Tränen füllen. Und das ist wirklich sensationell, was sie hier bietet. Völlig gegen den Strich besetzt, wenn man sie aus den Werken Yasujiro Ozus kennt, gibt sie hier eine verrufene Dame, die mit ihrer dämonischen Aura die Männer becirct. Eine eiskalte Femme Fatale, sozusagen, die in plötzlichen Ausbrüchen ins heftigste Mitleid hinein implodiert. Und mit dieser Leistung spielt sie Toshiro Mifune an die Wand. Und das ist mehr als sehenswert.


Im Netz wird viel über diese gekürzte Fassung von "nur" 2,45 Stunden debattiert. Und sicherlich ist es ein Unding, wie sich hier wieder einmal eine Produktionsfirma an einem Kunstwerk vergangen hat. Doch die über vierstündige Originalfassung scheint niemand gesehen zu haben. Welche Szenen fehlen, darüber kann nur gemutmaßt werden. Im Allgemeinen wird vermutet, zu Beginn. Dort holpert es ordentlich, sind Anschlüsse viel zu abrupt und ganze Handlungsstränge erscheinen wie urplötzlich vom Himmel gefallen und sind narrativ kaum eingebunden. So ist man sich auch einstimmig einig in Fankreisen, dass das Fehlen der 100 Minuten dem Film nur schaden würde, und dass man es ganz zweifellos mit einem der allergrößten Meisterwerke der japanischen Filmgeschichte zu tun habe. Und das, obwohl niemand weiß, was eigentlich tatsächlich fehlt. Fast scheint es so, als müsse sich die kleine Gruppe derer, die sich auf das Werk eingelassen haben, als müssten sie sich selbst versichern, wie toll dieser langsamste aller Slow-Burner doch in Wirklichkeit ist. Ob sich jemand diesen Film, ginge er tatsächlich über vier Stunden ("Polemikmodus an":), überhaupt noch ansähe, daran denkt keiner - natürlich ohne jetzt die Kürzungen rechtfertigen zu wollen! Soviel Kritik muß (bei aller Cinephilie) sein. (Interessanterweise echauffiert sich kaum einer über die im Film extrem verkürzten Nebenfiguren, die in ihrer Komplexität innerhalb des Romans einen eigenen Kosmos einnehmen - Takashi Shimura etwa wird zu einem reinen Statisten, die Mutter zu einer typischen japanischen Hausfrau).


Kurosawas Herzprojekt um die jesushafte Figur des verkannten Fürsten Myshkin reiht sich thematisch wunderbar in die bisherigen Selbstaufopferungsfiguren ein, die wir aus seinem Frühwerk kennen. So sind es vor allem die Frauen, die seine wahren, also wahrhaftigen Qualitäten einer lauteren Lebensführung zu verstehen wissen, oder dies nach und nach lernen. Die Männer sind voller Abwehr oder fühlen sich durch die offene und ehrliche Art herausgefordert. Vor allem als sie merken, daß Myshkin die Sympathien der Damen zufliegen.
Hervorzuheben ist außerdem die tolle schwarz/weiß-Photographie, die in den besten Momenten visuell atemberaubend ist. Der permanent fallende Schnee bildet einen großartigen Kontrast zu den oft nur spärlich ausgeleuchteten Innenraumszenen, und bei der bildgewaltigen Schlittschuhszene zeigt sich das Potential, über das alle am Film beteiligten verfügten.


Mit der heutigen zweiten Sichtung hat sich mir der Film deutlich besser erschlossen, als beim ersten Sehen. Dies ist keine neue Weisheit, daß mehrmals Schauen hilft, doch war die Hemmschwelle, ganz ehrlich, groß. Und ich bin schon ein Fan von ruhigen Filmen. Nun habe ich ihn beinah schon liebgewonnen. Es war nicht das letzte Mal, daß ich mir HAKUCHI angesehen haben werde.

Montag, 23. August 2010

Assault Girls / Asaruto garuzu (Mamoru Oshii, Japan 2009)


Wie oben rechts auf dem DVD-Cover zu sehen ist, kämpfen die ASSAULT GIRLS (und auch ein Assault Boy) gegen riesige Sandwale an, die in etwa so drauf sind wie die TREMORS auf Acid. Doch bis es soweit kommt, muss man erstmal einen etwa 10 Minuten langen typischen Oshii-Prolog über sich ergehen lassen: die Welt nach der Apokalypse, Metropolen und Gewalt, Entmenschlichung, Kriege. Gekämpft wird auf virtuellen Ebenen, so wie auf dieser, in die wir geführt werden.


Die Bilder sind oshiigemäß eine Wucht; trotz des niedrigen Budgets hat er hier, mit viel CGI selbstredend, eine extrem atmosphärische Monster-Mondlandschaft geschaffen, durch die sich die Spieler bewegen wie in einem taktischen Ego-Shooter für 4 Personen. Wird eine Waffe gezogen, leuchten die technischen Daten wie in einem Hologramm über dem Lauf auf. Ein Voice-Over, der Computer, wacht über den Spielablauf und informiert über den Spielerstatus. In diese Richtung.

Zu sehen gibt es dann kernige Sci-Fi-Action mit hübschen Mädels, die trotz staubiger Wüste immer so aussehen, als kämen sie gerade aus der Reinigung. Aber hier ist ja alles virtuell! Zu den großen Würfen möchte ich diesen Output Oshiis nicht zählen, auch wenn ASSAULT GIRLS so etwas wie eine sehr konsequente Fortsetzung des tollen AVALON ist. Dazu ist er – trotz seiner kurzen Spielzeit von nur 70 Minuten – oft eigentlich nur sterbenslangweilig.

Montag, 16. August 2010

Astig / Mga batang kalye / Squalor (G. B. Sampedro, Philippinen 2009)


Ein junger, gutaussehender Herumtreiber und Frauenheld macht die Bekanntschaft einer hübschen Studentin, die er mit seiner undurchsichtigen Art becircen kann. Nach und nach entsteht ein Gefühl, das man "Verliebtsein" nennen könnte - doch Ariel versucht dieses, so gut es geht, zu ignorieren. Sein Freund und Geschäftspartner, mit dem er in Manila eine illegale Dokumentenfälscherbude führt, versucht rechtzeitig auf Ariel einzureden, um dieses eine mal ein emotionales Desaster zu verhindern. Doch der Erfolg ist fraglich.


In der letzten Episode dieses Filmes, der aus vier Erzählsträngen besteht und die sich immer wieder in kurzen Momenten begegnen, wird der Bruder der Verführten Ariel zur Rechenschaft ziehen. Dass dieser sein eigenes Leid zu tragen hat, versteht sich.
Ebenso wie der junge "Boy", der seinen Lebensunterhalt damit verdient, auf den Straßen Manilas illegale und gefälscht Schönheits- und Pflegeprodukte zu verkaufen. Seine besten Kunden sind Transvestiten und Strichjungen, Crossdresser und Homosexuelle, die sich in einem Pornokino einfinden um ihre Kundschaft zu bedienen oder ihren Leidenschaften nachzugehen. Der Protagonist gerät in die Klemme, als er die Zudringlichkeiten eines alten geilen Bocks nicht mehr zurückweisen kann, denn seine noch blutjunge Frau gebärt im Hospital das gemeinsame Kind. Da ihm aber die nötige Kohle fehlt, den Arzt zu bezahlen, fällt ihm kein Ausweg mehr ein.


Solcherart sind die vier erschütternden Kurzgeschichten, in denen Sampedro die "dunkle Seite Manilas" portraitiert: das der Kleingauner, Prostituierten, der Mißbrauchten. Die Charaktere dieses Films sind Tagediebe und Heckenpenner, Verzweifelte und verzweifelt Liebende. Auf DV gedreht, sieht das sehr erdig, körnig, chaotisch aus. Und zugleich wunderbar magisch, satt und unheimlich zugleich in diesem architektonischen Supergau.
Denn eines darf man nicht übersehen: es ist eine Wucht, wie Sampedro die Bilder der Stadt einzufangen und das Chaos darzustellen weiß und trotzdem die Linie nicht verliert. So gut wie nie wirkt die Kameraarbeit maniriert oder arthousig gekünstelt. Am besten ist das immer, wenn längere Einstellungen vorherrschen; sobald er auf Geschwindigkeit schneidet, bekommt man manchmal den Eindruck eines Musikclips.



Besonders schön ist, dass das Drehbuch auch trotz der knappen Zeiteinheiten, die den einzelnen Kapiteln zukommen, genug Raum läßt, um in Nebensächlichkeiten abzudriften und Parallelhandlungen einzubauen, sich auf Abwege zu begeben.

Für diese schöne Regie gab es dann auch den Preis des Best Director beim Cinemalaya Philippine Independent Film Festival. Einzig der Score kann nicht gänzlich überzeugen und wirkt (zum Glück nur in der ersten Episode) mit seiner Nähe zum Hiphop für meine Ohren etwas unpassend. Aber ich weiß auch nicht, was aktuell den "Sound der Stadt" am besten repräsentiert. Mit dieser speziellen Musikrichtung hat der Film jedenfalls nichts zu tun.

Sonntag, 15. August 2010

An Empress and the Warriors / Das Königreich der Yan (Ching Siu-Tung, China 2008)




Kurz und knapp: Sehr einfältiges Historienepos, das in lächerlichem Kitsch erstickt. Selbst die Kampfszenen sind wirklich schwach choreographiert und machen nur auf Bombast (und leben vom Schnitt). Ein paar Sequenzen im nächtlichen Wald, die an A CHINESE GHOST STORY erinnern, können den Film bei weitem nicht retten. Donnie Yen spielt gewohnt hölzern.


Kelly Chen grinst ab und an etwas einfältig, vor allem wenn sie verschämte Gefühligkeit dazustellen versucht, und beim Auftritt des fiesen Mordkommandos mit Gruselmaske ertönt urplötzlich orientalische Musik. Die Abschlussszene, die sich auf der unfassbar dilettantisch computergenerierten Brüstung der Festung abspielt, gibt einem dann den Rest: Madame schaut entschlossen in den Sonnenuntergang und hält einen peinlichen Aufbruchsmonolog in Sachen Motivation. Diese Szene wird eigentlich nur noch vom Flug der Liebenden im Fesselballon übertroffen. Wahnsinn. Das war ja mal gar nix.

Montag, 9. August 2010

Dream / Bi-mong (Kim Ki-duk, Südkorea 2008)


Das Kino des Kim Ki-duk läßt sich in Konstanten lesen; eine prominente ist das schicksalhafte Verknüpftsein der Protagonisten. Eine Beziehung, die durch das Oeuvre hinweg in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen gedacht, und dann zumeist gewaltvoll ausgelebt wird: nicht nur auf so offensichtliche Weise wie in SEOM, sondern auch als Beziehung der Abhängigkeit wie in BIRDCAGE INN, der Schicksalsgemeinschaft in ADDRESS UNKNOWN, in Form der Ausbeutung wie in BAD GUY, der Erkenntnis wie in BOM, YEORM, GAEUL, GYEOWOOL… GEURIGO BOM, der Einsamkeit wie in BIN-JIP, des Egoismus wie in HWAL, oder des Verlassenwerdens wie in TIME.

In DREAM findet sich erneut eine durch Schmerzen initiierte Verbindung: bei einem Autounfall lernen sich die Protagonisten kennen; er hat ihn geträumt, sie ihn schlafwandelnd ausgeführt. Eine unheilige Verbindung, die die Figuren nicht nur dazu zwingt, ihr ganzes Leben einem möglichen Wahn und Irrsinn unterzuordnen, sondern auch einer, der von Gewalt gesäumt ist. Um nicht mehr einzuschlafen, wird bald zu drastischen Mitteln gegriffen... Eine weitere Konstante in Kims Werk wird in DREAM durchbrochen: die Sprachlosigkeit. In diesem Film befinden sich die Anti-Helden in permanenter Kommunikation - oder zumindest in einem Versuch der Überwindung der Barrieren: wenn nicht in Worten, so doch mit den Körpern, oder in der geäußerten, ausgesprochenen Sorge um den anderen.

Dass hinter den Oberflächen der Körper die Psyche lauert, ist das zu bändigende Ungewisse. Visualisiert wird diese Grenze in beinah allen Bildern des Films: Blicke durch Scheiben, Figuren hinter Jalousien, schwach ausgeleuchtete Settings und die permanente Nachtsituation. Unter der Oberfläche der Figuren liegt das Geheimnis, das durch diese hindurchdringen will. Erst in der Nüchternheit der ausgeleuchteten Zelle kann es gelüftet und zugleich befriedet werden. Oder auf der kalten Nacktheit des gefrorenen Packeises. Das drastische Finale erinnert sehr an SEOM, in dem der Tod als Erlösung eine Rückkehr in den Schoß der Natur bedeutet. Zumindest für einen der beiden.